Anklam: Wenn die letzte Platte fällt

Zu den letzten Wahlen warb „Die Partei“ in Vorpommern mit dem Slogan: „Damit Greifswald nicht Anklam wird!“ Die Wahrheit hinter dem ironisch gemeinten Spruch ist eine bittere: Im Vergleich zur bildungsbürgerlichen Wohlfühlatmosphäre der Universitäts- und Hansestadt Greifswald gilt Anklam oft als das hässliche Entlein. Die von Abwanderung und Rückbau gebeutelte Hafenstadt wirkt auch politisch braun getönt.

Blickt man allein auf die Bauten der Altstadt, ist der schlechte Ruf jedoch unbegründet: Vom gotischen Rathaus bis zum pittoresken Hafen, Anklam hat Besuchern wie Bewohnern viel zu bieten. Bis vor Kurzem gehörte auch ein respektabler Block Ostmoderne zwischen Markt und Nikolaikirche dazu – gestaltet in der klassischen WBS-70-Platte. Doch im Bemühen, gegen das Schmuddelimage anzubauen, wurden bereits weite Teile dieser Wohnbauten niedergelegt. Noch zwei Plattenbauten sind übrig in der Max-Sander-Straße – und diese sollen, wie die städtische Grundstücks- und Wohnungswirtschaft Anklam (GWA) ankündigt, nun Ende Juni fallen. Die Sanierung der Bestandswohnungen habe sich als unwirtschaftlich erwiesen. An ihre Stelle sollen neue kleinteilige Wohnbauten treten. (kb, 1.6.20)

Anklam, Ausgrabungen am Markt mit inzwischen abgerissenem Plattenbau im Hintergrund (Bild: Chron Paul, CC BY SA 3.0, 2003)

Christophery-Bau bleibt

Die 1851 in Iserlohn gegründete Firma Christophery begann ihre Produktion mit der Fertigung von Näh-, Stopf- und Packnadeln. 2001 meldete das Traditionsunternehmen Insolvenz an. Seinerzeit war der 1934 nach Plänen der Architekten Albert Brünninghaus errichtete Hauptbau schon länger im Visier des Denkmalschutzes. Der dreigeschossige Riegel ist eines der wenigen Beispiele der klassisch modernen Industriearchitektur in der Gegend. Nach der Christophery-Pleite und jahrelangem Leerstand, zunehmendem Verfall und erfolgloser Investorensuche stand ein Abbruch des Gebäudes im Rahmen einer Altlastensanierung im Raum, ein Beschluss hierfür wurde 2012 eigentlich schon gefasst.

Die von LWL 2005 in Gang gesetzte Ausweisung als Kulturdenkmal wurde auch 2008 unter Verweis auf Bauschäden ausgesetzt. Drei Jahre später fand sich die Christophery-Fabrik freilich im „Dehio“ als Kunstdenkmal wieder (Bd. Nordrhein-Westfalen II, S. 506). Das sorgte offenbar für Skrupel beim Abbruchvorhaben; 2015 wurde durch die Stadt zunächst das teilweise eingestürzte Dach gesichert. Mittlerweile sind weitere Jahre des Planens und Untersuchens möglicher Altlasten vergangen. Ende Mai kam nun das positive Gutachten: Die Entsorgung der lösemittelverseuchten Bereiche auf dem Fabrikareal ist ohne Abriss des Gebäudes möglich. Zukünftig ist eine Wohnnutzung des Baudenkmals vorstellbar. (db, 31.5.20)

Iserlohn, Christophery-Bau um 2012 (Bild: Stadt Iserlohn)

Essen: RWE-Hochhaus in der Huyssenallee fällt

Das 1980 nach Entwürfen des Architekten Hanns Dustmann (1902-79) fertiggestellte RWE-Hochhaus erhebt sich im Südviertel der Stadt an der Huyssenallee auf einem Y-förmigen Grundriss. Bereits 2017 war von einem Abriss des 80 Meter hohen Gebäudes die Rede, jetzt wird es ernst. Im Herbst soll der Abbruch vollzogen werden. Der Energiekonzern befindet sich im Umzug in sein neues Domizil auf dem RWE-Campus in der Altessener Straße. Eine Sanierung des bestehenden Gebäudes in der Huyssenallee hatte der aktuelle Eigentümer, der Projektentwickler Kölbl Kruse, als unwirtschaftlich abgelehnt.

Der Abriss des RWE-Hochhauses ist kein Einzelfall, weitere Bausteine der Essener Skyline sind bereits weggebrochen oder werden es bald. An der Stelle des RWE-Hochhauses soll künftig kleinteiliger gebaut werden: ein sieben- bis achtgeschossiger „Campus“. In der Presse findet sich nur wenig Bedauern um den konkreten Bau, doch seiner Stellung in der Skyline trauern viele jetzt schon nach. Zudem sei ein Abriss wenig nachhaltig, man denke nur an die Mitte der 1990er Jahre erfolgte energetische Fassadensanierung. Und zumindest der benachbarte RWE-Bau, den Dustmann 1961 für den RWE-Konzern umgesetzt hatte, steht ebenfalls unter Denkmalschutz und bleibt der Stadtsilhouette damit erhalten. (kb, 28.5.20)

Essen, RWE-Hochhaus in der Huyssenallee (Bild: Wiki05, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2013)