Würzburger Spitzen in Nöten

Der diesjährige Aprilscherz ging einigen Würzburgern dann doch unter die Haut: Die beiden modernen Spitzen der Kirche St. Johannis, sichtbares Zeichen des Nachkriegswiederaufbaus, müssten aus Kostengründen abgerissen werden. Nein, dann doch nicht, so die Auflösung. Aber ein wahrer Kern sei enthalten, denn die anstehende Turmsanierung sei von der Gemeinde allein nicht zu stemmen. Die Probleme traten 2016 bei einer Schadensuntersuchung zu Tage: Die Turm- und Strebepfeiler-Verkleidungen sind abgängig und müssen neu befestigt werden. Die Sanierungskosten werden auf 1,5 Millionen Euro geschätzt, davon müssten 375.00 Euro durch Spenden eingetrieben werden.

1957 hatte der Großmeister Reinhard Riemerschmid den Wiederaufbau der 1895 nach Entwürfen von Christian Franz Steindorff errichteten Kirche abgeschlossen – und zeichenhaft die beiden markanten Spitzen über die kriegszerstörte Fassade gestülpt. Eine epochemachende Leistung, ist der Bau doch u. a. im Gespräch um den Status als „Denkmal von nationaler Bedeutung“. Wenn genug Geld zusammenkommt, sollen die Arbeiten 2021 durchgeführt werden. Noch liefe das Geldsammeln schleppend, so die Gemeinde gegenüber der Presse, es werde noch dringend Unterstützung benötigt. Ein Humor der leisen Sorte bleibt der Maßnahme erhalten: Auf dem Spenden-Transparent erinnert die markante Silhouette des auch als „Batman-Kirche“ bekannten Wahrzeichens an einen legendären Superhelden. (kb, 21.8.19)

Würzburg, St. Johannis (Bild: johannis-wuerzburg.de)

Hannover: Conti-Gebäude vor Gericht?

Ein Teil ist schon weg, der Rest könnte es auch bald sein: Die Gebäude der Continental AG beschäftigen die Denkmalschützer in Hannover bereits seit Jahren. In der sog. Wasserstadt Limmer stellte der Gummifabrikant und Reifenhersteller 1996 die Fertigung ein. 2009 wurden viele der inzwischen leerstehenden historischen Bauten gesprengt. Übrig blieben denkmalgeschützte Bauten. Ein Teil wurde auf Kosten der Stadt saniert, ein weiterer Teil blieb vorerst auch als Lärmschutz zur angrenzenden Bahnlinie stehen. Vorerst, denn der neue Eigentümer, die Unternehmensgruppe Günter Papenburg ließ als „Ersatz“ bereits für rund vier Millionen Euro eine Lärmschutzwand errichten.

Das gesamte Gelände soll in den kommenden Jahren für Wohnzwecke hergerichtet und neubebaut werden – die diskutierten Zahlen schwanken zwischen 1.000 und 2.200 Wohneinheiten. Seitdem wird diskutiert, geplant, erste Bauten errichtet und wieder diskutiert. Neu ist seit Mitte August diesen Jahres, dass der Konflikt um den verbliebenen Bestand gleich an zwei Fronten ausgetragen werden soll. Für die denkmalgeschützten Altgebäude 44 und 51 hat die Stadt Hannover nun den Abriss untersagt. Vor diesem Hintergrund will Günter Papenburg vor das Verwaltungsgericht ziehen – trotzdem hoffe er, wie er gegenüber der Presse erklärte, weiter auf eine gesprächsorientierte Lösung mit der Stadt. Das Spiel ist also weiterhin offen.(kb, 20.8.19)

Hannover, Conti-Gebäude (Bild: Christian A. Schröder, CC BY SA 4.0, 2015)

Schrott oder Chance

In Potsdam gibt es viele Stimmen, die das bauliche Erbe der DDR am liebsten ganz aus dem Angesicht der alten Residenzstadt tilgen würden. Schritt für Schritt wurde die Potsdamer Innenstadt von „Altlasten“ befreit, um Platz zu machen für neues Altes und Preußens Gloria. Ein prominentes Beispiel, an dem sich der dort herrschende Gesinnungskampf veranschaulichen lässt, ist das ehemalige „Institut für Lehrerbildung“ – auch FH genannt. Für die Befürworter des Erhalts der Ost-Baukultur ein trauriges Kapitel, haben sich sich Bagger doch schon vor einiger Zeit durch den Beton gefressen. 

Damit dieser Zeitabschnitt der Stadtgeschichte nicht vollends in Vergessenheit gerät, wurden Abriss und Debatte in den vergangenen Jahren filmisch begleitet. Das Projekt mit dem Titel „Schrott oder Chance – ein Bauwerk spaltet Potsdam“ musste zunächst ohne Finanzierung auskommen, denn vor zwei Jahren drängte die Zeit, der Abriss ging schnell vonstatten. Nun bitten die Filmemacher von „414films“ um finanzielle Unterstützung auf Spendenbasis, um das Projekt nun komplettieren zu können. Damit kann ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur Potsdams unterstützt werden. In Zeiten von weiteren Schloss- und Altstadtrekonstruktionen dürfte die Tragweite der Thematik jedoch von überregionaler Bedeutung sein. (jm, 19.8.19)

Potsdam, FH (Bild: via startnext.com)