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Ein junges Denkmal für Wulfertshausen

Im bayerischen Friedberg wurde gerade ein kaum 39-jähriges Bauwerk zum Kulturdenkmal erhoben: die Kirche St. Radegundis. Das katholische Kirchenzentrum wurde 1980 nach den Entwürfen des Architekten Josef Wiedemann (1910-2001) fertiggestellt. Wiedemann hatte in München u. a. bei Hans Dölgast studiert und sich dem Stil der Stuttgarter Schule angenähert. In der Zeit des Nationalsozialismus wirkte er u. a. an den Bauprojekten am Obersazlberg mit. Nach 1945 orientierte er sich neu: Neben prominenten profanen Projekten wie der Münchener Allianz-Generaldirektion (1954) profilierte er sich vor allem im kathlischen Kirchenbau – mit Bauten wie der Kirche Zu den Heiligen Engeln in Landsberg (1967) oder der Todesangst-Christi-Kapelle auf der KZ-Gedenkstätte Dachau (1961).

In Wulfertshausen verband Wiedemann die Klarheit skandinavischer Vorbilder mit dem nachkonziliaren Gemeinschaftsgedanken zu einem neuen, modernen Ortsmittelpunkt. Die Denkmalausweisug des Landes für St. Radegundins wurde von der Kommune in einem Punkt ergänzt: Die ehemalige Messnerwohnung sei bereits vor der Unterschutzstellung zur Kinderkrippe umgebaut worden – man gehe davon aus, dass ähnliche Maßnahmen weiter möglich seien. Bei jüngeren Denkmale, so der Baureferent Carlo Haupt gegenüber der Presse, gehe es ja „mehr um die Optik, weniger um das Material“. Es klingt, als hätte man noch Pläne für das frischgebackene Kulturdenkmal … (kb, 9.2.19)

Friedberg-Wulfertshausen, St. Radegundis (Bild: Martin Schall, you-are-here.com)

Bergisch Gladbach-Frankenhorst, St. Maria Königin (Bild: Emanuel Gebauer)

Ein Kompromiss für St. Maria Königin

Vor fast drei Jahren war die Kirche St. Maria Königin in Bergisch-Gladbach-Frankenforst, ein zwischen 1954 und 1959 nach Entwürfen von Bernhard Rotterdam errichtetes und 1988 nochmals erweitertes Ensemble, zum ersten Mal Gegenstand einer mR-Meldung. Damals hatte man die Kirche bereits geschlossen und die Profanierung beantragt – als Grund wurde ein gesundheitsgefährdender Schimmelbefall angeführt. Schon 2008 hatte man beschlossen, den pastoralen Schwerpunkt nicht hier, sondern bei St. Johann Baptist zu legen. Zudem verfügt die inzwischen fusionierte Gemeinde mit St. Elisabeth noch über einen weiteren Kirchenbau.

Doch St. Maria Königin stand unter Denkmalschutz: Rotterdam (1893-1974), der für den langgestreckten Kirchenbau mit Satteldach zur Formensprache der gemäßigten Moderne griff, war ein Schüler des Architekten Emil Fahrenkamp, der seinerseits tief  im Neuen Bauen wurzelte. Die Interessengemeinschaft „Rettet die Kirche St. Maria Königin“ setzte sich für die Sanierung und Wiedereröffnung des Bauwerks ein. Nun wurde der – auch juristisch ausgetragene – Konflikt zwischen Stadt und Kirchengemeinde mit einem Kompromiss beigelegt: Das Kirchengebäude bleibt Denkmal, aber die Begründung wird etwas verschlankt. Dies ermöglicht das Bauvorhaben der Gemeinde, die Wohnbauten auf dem Kirchengrundstück errichten will. Auch der Abriss von Nebengebäuden wird nun offensichtlich neu nachgedacht. Es bleibt also noch abzuwarten, wohin dieser Kompromiss tragen wird. (kb, 31.1.19)

Bergisch Gladbach-Frankenforst, St. Maria Königin (Bild: Emanuel Gebauer)

Friedberg, Gemeindezentrum West (Bild: Lixe D., via yelp.de)

Das Aus für die Friedberger Welle?

Wenn es darum geht, das Werk des Architekten Johannes Peter Hölzinger zu beschreiben, landen die Annäherungsversuche irgendwo zwischen „Psychodynamische Raumstrukturen“ und „Wellenförmiges Dilemma“. Denn Hölzinger, 1936 geboren im hessischen Bad Nauheim, bewegt sich mit seine Bauten lustvoll an der Nahtstelle zwischen Architektur und Skulptur – nicht umsonst arbeitete er fast 20 Jahre mit dem Zero-Künstler Hermann Goepfert in einer Planungsgemeinschaft zusammen. Seit rund 10 Jahren wird Hölzingers Schaffen in der Fachwelt neu gewürdigt: vom Symposion bis zur Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum.

Auch im hessischen Friedberg schuf das Duo Goepfert-Hölzinger eine außergewöhnliche Bauform. Das evangelische Gemeindezentrum dient der Gruppen- und Gottedienstarbeit, als Wohnung und Kindergarten. Doch seit Monaten ringen die Verantwortlichen um das 2008 zum Kulturdenkmal erhobene Ensemble: Hübsch anzusehen sei das ja alles, aber die Folgekosten aus eindringender Feuchtigkeit für die Kirchengemeinde nicht mehr zu stemmen. Und nun wird in der Presse die schon 2017 genannte Jahreszahl bekräftigt: 2020 könnte, sollte, müsste die Kita schließen, vielleicht sogar das ganze Gemeindezentrum. Auch das Tehma Abriss steht im Raum. Man führe Gespräche mit der Landeskirche, so die Auskunft der Landesdenkmalpflege gegenüber der Wetterauer Zeitung, doch vor einer endgültigen Entscheidung müsse zunächst der volle Schadensumfang vorgelegt werden. (kb, 28.1.19)

Friedberg, Gemeindezentrum West (Bild: Lixe D., via yelp.de)

Paul Böhm mit seinem Vater Gottfried, dessem älteren Bruder Paul Böhm (*1918) und seinem eigenen Bruder Stephan bei der Filmpremiere von „Die Böhms – Architektur einer Familie“ in Köln (Bild: Shedow373, CC BY SA 4.0, 2015)

Einen Schnaps auf Gottfried Böhm

Sie können wahlweise auch ein Glas Kinderpunsch erheben, aber gratulieren sollten Sie unbedingt: Gottfried Böhm wird heute 99 Jahre alt. Geboren wurde er am 23. Januar 1920 in Offenbach. Nach Kriegsende arbeitete der ausgebildete Architekt und Bildhauer gemeinsam mit seinem Vater, dem Baumeister Dominikus Böhm. Als erstes eigenständiges Werk gilt die Kölner Kapelle „Madonna in den Trümmern“ (St. Kolumba, 1947/57, erweitert 2007 von Peter Zumthor zum Diözesanmuseum). Es folgten über die Jahrzehnte betonplastische Ikonen wie der Mariendom in Neviges (1968) oder das Rathaus in Bensberg (1972). Nicht zuletzt setzte er mit seiner Frau, der Architektin Elisabeth Haggenmüller (1921-2012) und seinen Söhnen Stephan, Peter und Paul erfolgreich die künstlerische Familientradition fort.

Schon lange genießt Gottfried Böhm hohes internationales Ansehen: 1986 etwa erhielt er den renommierten Pritzker-Preis. Doch selbst seine Kirchen blieben nicht völlig verschont von Schließung und Umnutzung: Das Gesamtkunstwerk St. Ursula in Hürth-Kalscheuren (1956, mit Dominikus Böhm) wurde 2006 profaniert, dient heute als Kultur- und Ausstellungsraum. In Bochum wurden gleich zwei seiner Gottesdiensträume geschlossen, in Oberhausen diskutiert man aktuell die Aufgabe der Klosterkirche Zu unserer Lieben Frau (1957). (kb, 23.1.19)

Oben: Gute Gene – Paul Böhm mit seinem Vater Gottfried, seinem Onkel Paul (* 1918) und seinem Bruder Stephan bei der Filmpremiere von „Die Böhms“ (Bild: Shedow373, CC BY SA 4.0, 2015)

Hamburg-Harburg, Dreifaltigkeitskirche (Bild: Holger X., via fotocummunity.de)

Hamburg-Harburg: Der letzte Versuch?

Die Frage steht seit – mindestens – zwölf Jahren im Raum: Was wird aus der Dreifaltigkeitskirche in Hamburg-Harburg? Die 1966 von Friedrich und Ingeborg Spengelin fertiggestellte Kirche ist ihrerseits der Wiederaufbau eines barocken Vorgängers, der 1944 zerstört wurde. An diese Vorgeschichte erinnern z. B. das erhaltene Westportal, das heute zum Innenhof führt, und einige Ausstattungsstücke. Für die Zukunft dieses nicht mehr regelmäßig liturgisch genutzten Ensembles wurden bereits viele Konzepte geschmiedet: Der Verkauf an einen Investor zur gastronomischen Nutzung etwa wurde kurz vor knapp von der Gemeinde gestoppt.

Seit Juni 2018 läuft mit dem Nutzungskonzept „3falt. Kunst – Kultur – Kreativität“ eine Erprobungsphase, die von der zuständigen Pastorin Sabine Kaiser-Reis im Sommer 2018 als der „letzte Versuch“ bezeichnet wurde. Lokale Vereine und Träger haben sich zusammengetan, um die Möglichkeiten des denkmalgeschützten Raums auszuloten. Die einen zeigen sich zum Jahresbeginn zufrieden – es fehle eigentlich „nur“ noch die Finanzierung. Die anderen sprechen davon, dass von Umnutzung bis Abriss wieder alles möglich sei. Die Testphase soll noch bis Februar 2019 andauern und dann ausgewertet werden. Vor rund einem Jahr musste bereits aus Sicherheitsgründen die kriegsversehrte, dem Gedenken gewidmete Christusfigur über dem barocken Westportal entfernt werden. (kb, 19.1.19)

Hamburg-Harburg, Dreifaltigkeitskirche, 2014 (Bild: Ajepbah, CC BY SA 3.0)

Hamburg-Harburg, Dreifaltigkeitskirche, oben: Portalplastik (Bild: Holger X., via fotocummunity.de), unten: Außenbau (Bild: Ajepbah, CC BY SA 3.0)

Karlsruhe, Militärkirche (Bild: Harald Kucharek, CC BY SA 2.0, 2011)

Karlsruhe im Rütteltest

In Karlsruhe hat die Fraktion „Die Grünen“ einen weitreichenden Antrag an die Stadt gestellt: Auf der einen Seite stehe der hohe Bedarf an Kultur-, Versammlungs- und Wohnraum. Auf der anderen Seite blieben den Kirchen immer öfter die Mitglieder weg und die Gottesdiensträume leer. Daher müsse die Stadt beide Seiten zusammenbringen: „Vielen Gemeinden fällt es allerdings schwerer, Teile ihrer Liegenschaften abzugegeben“, erklärten die Grünen gegenüber ka-news. Diese Hemmschwelle könne überwunden werden, wenn ein „konkreter gesellschaftlicher Zweck“ für solche Bauten aufgezeigt würde.

Die Stadt Karlsruhe verweist darauf, dass sie bereits regelmäßig Gespräche mit den Kirchenvertretern führe, ob und wenn ja wo Räume abgetreten werden könnten. Es gebe erste Listen möglicher Flächen, doch die beiden großen Konfessionen zögen nur „soziale Zwecke und den sozialen Wohnungsbau“ in Betracht. Da haben also die einen zu viel, die anderen zu wenig Raum – ideale Voraussetzung für den Erhalt moderner Kirchenbauten? Die Militärkirche (1951) etwa, die ab den 1990er Jahren von verschiedenen religösen Gemeinschaften zwischengenutzt worden war, soll neuen Wohnbauten weichen. Und bei der Zusammenlegung von Petrus- und Jakobuskirche (1961 bzw. 1970) ging es nach dem Prinzip: aus zwei mach eins (zwei Abrisse, ein Neubau). Das scheint weder substanz-, noch umweltschonend. (kb, 11.1.19)

Karlsruhe, Militärkirche (Bild: Harald Kucharek, CC BY SA 2.0, 2011)

Taizé, Mittagsgebet (Bild: Christian Pulfrich, CC BY SA 4.0, 2015)

„Mit Fanta und mit Butterkeks“

Funny van Dannen hatte Recht, als er 1996 zur Gitarre sang: „Die Welt ist aus den Fugen“ – die kirchliche zumindest. Zum Jahresende kümmerte sich der Vatikan höchstpersönlich um die Frage „Wohnt Gott hier nicht mehr?“. Den Experten ging es um die leerstehenden Kirchen, zumindest die „historisch bedeutsamen“ unter ihnen. Fast zeitgleich kuschelten sich (van Dannen lässt grüßen) „Junge Christen“ in Madrid in nüchternen Messehallen zum Taizé-Treffen zusammen. Die Keimzelle ihrer Bewegung liegt im Burgund, in der Versöhnungskirche. Den dortigen Brüdern war der Bau 1962 etwas zu schroff geraten: Mit den Jahren wurde das betonierte Chorgestühl entfernt, eine Vorhalle mit Zwiebeltürmchen angefügt und der Altarraum mit bunten Tüchern aufgehübscht.

Eben jene Räume des 20. Jahrhunderts sind es, die am stärksten von der Finanz- und Mitgliederschwäche der beiden großen Konfessionen betroffen sind. Da wird gespart, umgebaut – und halbiert, um für den Kirchenrumpf (wie in Frankfurt oder Steinfurt) eine liturgische Grundversorgung aufrechterhalten zu können. Wenn es dann doch eine andere Nutzung sein soll, bevorzugt der Pästliche Kulturrat eine religiöse, kulturelle oder karitative Bestimmung. Bei einem geringen architektonischen Wert seien auch private Wohnzwecke denkbar. Nach der 14-seitigen Verlautbarung vom Dezember 2018 wäre der Verkauf erst die letzte Alternative, das Thema „Abriss“ wird umschifft. Grundsätzlich solle alles mit der zugehörigen kirchlichen wie weltlichen Gemeinde geplant und für die würdige Weitergabe (selbst moderner) liturgischer Gegenstände gesorgt werden.

All das ist nicht wirklich überraschend. So hatte die Presse einige Mühe, daraus mit Überschriften à la „Kein Nachtclub, keine Diskothek“ eine Schlagzeile zu basteln. Die römischen Feinheiten liegen zwischen den Zeilen: Zu Beginn des Kongresses richtete Papst Franziskus eine Botschaft an die Teilnehmer. Kirchen seien „heilige Zeichen“, die Sparprozesse ein „Zeichen der Zeit“. Damit war das Problem amtlich und ein ungewohnt weiter Rahmen abgesteckt. Bei der gelobten „religiösen“ Weiternutzung schweigen die Leitlinien zum Islam (also eher keine Moschee), sprechen aber positiv von „anderen christlichen Gemeinschaften“. Das adelt die neuen ökumenischen Mischnutzungen (wie in Herten oder Mettmann), die jedoch häufig Abriss und Neubau bedeuten – während zeitgleich bewährte Ökumenische Zentren ausgeschlichen werden. Da wünscht man sich ein wenig der kostengünstigen Fanta-und-Butterkeks-Pragmatik der jungen Taizé-Christen. Nur über die Sache mit den bunten Tüchern müssten wir noch mal reden … (1.1.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Taizé, Mittagsgebet (Bild: Chiristian Pulfrich, CC BY SA 4.0, 2015, der Chorraum wurde 2018 neu gestatltet )

Buchenbach-Unteribental, Vaterunser-Kapelle (Bild: Andreas Schwarzkopf, CC BY SA 3.0, 2015)

Kohle für Beton

Im hessischen Wiesbaden-Biebrich ist es geschafft: Die Heilig-Geist-Kirche ist einmal runderneuert. Der parabelförmige Betonbau auf der Adolfshöhe wurde 1961 nach den Entwürfen des Architekten Herbert Rimpl fertiggestellt. Doch mit den Jahren hatte die Witterung bedenklich an den Beton- und Glasoberflächen genagt. In einer umfassenden Sanierung und Restaurierung wurden zunächst Glockenturm und Pfarrhaus in Angriff genommen. Zuletzt reinigte und sicherte man die Betonwaben-Fassade mit ihren farbigen Gläsern. Die Sanierungskosten von insgesamt rund 320.000 Euro teilen sich die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, das Landesamt für Denkmalpflege Hessen und die Gemeinde. Somit kann der filigrane Betonbau, zusätzlich mit LED-Strahlern versehen, im neuen Jahr wieder seinen alten Glanz zeigen.

In Buchenbach-Unteribental hat man diesen Weg noch vor sich: Hier entstand 1968 die Vaterunser-Kapelle nach Entwürfen des Architekten Werner Groh. Der zeltförmige Bau wurde vom Verleger Theophil Herder-Dorneich und seiner Frau Elisabeth als überkonfessionelle Andachtsstätte gestiftet. Heute wird das Kulturdenkmal von der Stiftung „Oratio Dominica“ getragen. Das postmoderne Gesamtkunstwerk erhält nun dringend benötigte Geldmittel für die anstehende Sanierung vor allem der Betonoberflächen: 25.000 Euro kommen von der Denkmalstiftung Baden-Württemberg und der Glücksspirale. (kb, 20.12.18)

Buchenbach-Unteribental, Vaterunser-Kapelle (Bild: Andreas Schwarzkopf, CC BY SA 3.0, 2015)

Berlin, St. Hedwigskathedrale, 1963 (Bild: Bundesarchiv BildB1101-0013-001, CC BY SA 3.0)

Schwipperts Kathedrale

Um kaum einen deutschen Kirchenbau wurde in den letzten Jahren so heftig gerungen: St. Hedwig, die Kathedrale der Berliner Katholiken, ist seit dem 1. September diesen Jahres geschlossen, die Sanierung soll bald starten. Die Bischofskirche und Basilica minor entstand 1773 als erster katholischer Kirchenneubau Berlins nach der Reformation. Später bemühten sich mehrere Architektengrößen um die Kathedrale – bis 1932 Clemens Holzmeister, bis 1963 Hans Schwippert, bis 1978 Hans Schädel und Hermann Jünemann.

Prägend blieb Schwipperts Kapellenkranz mit offenem Zugang zur Unterkirche. 2013/14 wurden zur „Modernisierung“ Sichau & Walter Architekten GmbH und Leo Zogmayer ausgewählt. Demnach ginge Schwipperts „Doppelkirche“ verloren. Bundesweit regten sich heftige und anhaltende Proteste. Da sich Bezirksamt (dafür) und Landesdenkmalamt (dagegen) nicht einig waren, genehmigte schließlich die Oberste Denkmalschutzbehörde die Maßnahme. Nun widmet sich eine neue Publikation, frisch erschienen im Jovis Verlag, eben jenem Schwippert-Anteil am Baudenkmal. In diesem Band fordern Denkmalpfleger, Architekten, Wissenschaftler, Künstler und Autoren nicht nur den Erhalt, sondern auch die fachgerechte Wiederherstellung des denkmalgeschützten Innenraumes nach den Originalplänen Hans Schwipperts. Wir drücken die Daumen! (kb, 15.12.18)

Buslei-Wuppermann, Agatha, St. Hedwigs-Kathedrale Berlin. Hans Schwipperts Mahnmal für den Frieden, Jovis Verlag, Hardcover, 21 x 25,5 cm, 160 Seiten, ca. 70 Schwarz-Weiß- und Farbabbildungen, Deutsch, ISBN 978-3-86859-560-4, Berlin 2018.

Berlin, St. Hedwigskathedrale, 1963 (Bild: Bundesarchiv BildB1101-0013-001, CC BY SA 3.0)

Essen, Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: StagiaireMGIMO, CC BY SA 4.0, 2018)

Wenn Sie hier mehr sehen als Hakenkreuze …

Vielleicht ist es ein Zeichen wachsender Political Correctness, vielleicht aufsteigender Ängstlichkeit: In den vergangenen Monaten werden vermehrt lange gezeigte und zumindest geduldete Kunstwerke neu diskutiert, teils in Frage gestellt, teils ganz entfernt. Die Spanne reicht von der unbekleideten Schönheit bis zum nationalsozialistischen Emblem. In Essen soll nun die Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung vollständig umgestaltet werden. Erbaut 1937 von den Architekten Carl Conradi und Paul Dietsch, zeigt der Gottesdienstraum (noch) typische Merkmale seiner Zeit: eine neoklassizistische Wandgliederung und viel Holz.

Höhere Wellen schlägt die Debatte um die figurative bzw. zeichenhafte Ausstattung der Kapelle: Das Altarbild mit dem blondgelockten Jesus wurde bereits entfernt. Die Glasgstaltung von Carl Bringmann zeigt eine ähnlich herbe Formensprache der 1930er Jahre. Und die Balkendecke trägt christliche Symbolzeichen in ornamentalen, hakenkreuzartigen Verschlingungen. Der gesamte Kapellenraum soll in ein neues, ganz weiß-neutrales Gewand gehüllt werden. Dem stellt sich der „Arbeitskreis Essen 2030“ entgegen. Die erhaltene Gestaltung der Bauzeit sei auch „ein Beleg für die ideologische Durchdringung der evangelischen Kirche in den 1930er Jahren“. Da helfe kein Anstrich, nur Aufklärung. (kb, 4.12.18)

Titelmotiv: Essen, Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: StagiaireMGIMO, CC BY SA 4.0, 2018) 

Werne, St. Christophorus, Sakristei (Bild: Uli Borgert, 2018)

Werne: Böhm-Sakristei noch zu jung für Schutz?

Noch hat die Denkmalpflege damit zu kämpfen, für junge Baudenkmale aus den 1970er oder gar 1980er Jahren zu werben. Leider lassen die immer schnelleren Zyklen von Neubau und Abriss immer seltener die Zeit, um sich ein distanzierteres Urteil zu bilden. Doch in Werne geht es aktuell um einen Bau, der gerade mal die Volljährigkeit hinter sich hat: 1999 wurde der Sakristeianbau für die gotische Hallenkirche St. Christophorus eingeweiht. Kein Geringerer als der Architekt Stephan Böhm (Sohn von Gottfried, Enkel von Dominikus Böhm) lieferte die Pläne.

Programmatisch setzt sich die Sakristei-Konstruktion vom Kirchenbau ab: V-förmig zusammenlaufende Doppelstützen formen ein Gebilde, das mit metallischem Hammerschlag-Lack an eine Mondlandefähre erinnert. Der Bau birgt auf mehreren Ebenen die Ankleidezonen und Paramentenschränke – über einen gläsernen Gang verbunden mit der Kirche, die ebenfalls Ende der 1990er Jahre prägende Ausstattungsstücke erhielt. Nach außen zeigt das Böhm’sche Baukunstwerk schon starke Patina – und in der Gemeinde mehren sich die Stimmen, den „Altbau“ lieber zu ersetzen. Ein Antrag auf Unterschutzstellung wurde von der Denkmalfachbehörde mit der Begründung abgewiesen, dass man aktuell nur Objekte bis zum Baujahr 1990 bewerten könne. (kb, 3.12.18)

Titelbild: Werne, St. Christophorus, Sakristei (Bild: Uli Borgert, 2018)

Heidelberg, Emmertsgrund und Boxberg (Bild: historische Postkarte, Kunstverlag F. Gärtner, Heidelberg)

Heidelberg spart

In Heidelberg entsteht ein neues Gemeindezentrum, noch dazu im eher wenig großbürgerlichen Stadtteil Boxberg – das klang 2017 gut. Dass dahinter bald zwei Abrisse stecken, geht zumeist unter zwischen den Pressezeilen: 2011 fusionierten die evangelischen Gemeinden im Emmertsgrund und am Boxberg – zwei markanten Trabantensiedlungen am grünen Hang. Das Zentrum am Boxbergring (1966) musste 2016/17 einem kirchlichen Neubau weichen. Am Emmertsgrund steht die Kirche im „Forum 3“ (1974) seitdem leer. Pläne von pädagogischem Ideenhaus bis zu jüdischem Altenheim wurden im Quartier beargwöhnt (wohl wegen der bedrohten Aussicht), nun steht ein Verkauf (auf Abriss) bevor. Ansonsten wollen die Heidelberger Protestanten zunächst das Sparpotenzial bei Dienstwohnungen, Gemeindehäusern und Kindergärten ausnutzen.

Die katholische Seite zeigt sich hingegen betont „locker“. Statt auf Vorgaben von oben zu warten, gehe man die Dinge lieber gleich an. Umgebaut, mittelfristig verkauft und abgerissen wird also ebenso. Aktuell entsteht z. B., nach Abriss des Gemeindehauses, in der Wieblinger Kirche St. Bartholomäus (1956) eine Haus-im-Haus-Lösung für mehr Funktionsfreiheit. Und St. Paul im Emmertsgrund (1972), erläutert Pfarrer Johannes Brandt vom Stiftungsrat der Katholischen Kirche der Rhein-Neckar-Zeitung, sei „ein wunderbarer Sakralraum“ – aber das Flachdach mache langsam Probleme … (kb, 24.11.18)

Titelmotiv: Heidelberg-Emmertsgrund (Bild: Postkarte, Kunstverlag F. Gärtner)