Jump!

Die einfachsten Ideen sind meist die besten: Wenn Corona schon so vieles Schönes verhindert, dann sollen doch zumindest die virtuellen Bilder für ein wenig Optimismus im Kulturbereich sorgen. Mit der Aktion #JUMPFORHERITAGE möchte das European Network for Historic Places of Worship (FRH), das sich europaweit um historische Gebetsstätten kümmert, zu Luftsprüngen anregen. Damit will der Organisator die besten Seiten von Denkmalschutz, Sport und Freude miteinander verknüpfen – und nicht zuletzt etwas Werbung für das eigene Anliegen machen: auf Schönheit und Wert religiöser Räume hinzuweisen. Die Aktion knüpft an eine Vorgängerinitiative an, mit der das FRH zum Kulturerbejahr 2018 ganz persönliche Denkmalgeschichten sammelte.

Bei der diesjährigen Kampagne ist der Anteil an Kirchenhintergründen des 20. Jahrhunderts, folgt man dem Hashtag z. B. auf Instagram, noch mehr als dürftig. Aber bis zum 15. Mai 2021 bleibt Zeit, dies zu ändern. Also, suchen Sie sich die moderne Kirchenschönheit Ihres Herzens und starten Sie! Ihr Endprodukt können Sie per Hashtag in die virtuelle Welt senden (am besten mit einem Tag zu den Organisatoren @frh_europe) oder das zugehörige Online-Formular dafür nutzen. Die Sieger:innen werden ausgewählt nach Qualität (ein klares Foto von einem Sprung vor einem religiösen Bauwerk), Kreativität (z. B. besondere Blickwinkel, Kostüme etc.) und Charakter (erzählt das Foto eine Geschichte von seinen Protagonist:innen, samt Bauwerk). Die Finalist:innen werden auf der Biennal Conference des FRH am 28. Mai 2021 vorgestellt (Reisekosten werden in einem gewissen Rahmen übernommen). Weitere Informationen können per Mail eingeholt werden jumpforheritage@frh-europe.org. (kb, 21.4.21)

Beitrag von julia_globisch (Instagram) zu #JUMPFORHERITAGE vor der Gütersloher Bruder-Konrad-Kirche (Bild: via Instagram)

Gefährdet, geschützt …

Seit 2013 präsentiert Europa Nostra als europäische Denkmalpflege-Initiative die „bösen sieben“: die Liste der „7 Most Endangered“. Neben verschiedenen Vertretern der historischen Stilepochen stechen zwei modernere Objekte heraus: eine Dampflok in Südtirol und das brutalistische Postamt in Skopje. Letzteres wurde bis 1974 gestaltet vom nordmazedonischen Künstler und Architekten Janko Konstantinov. Als ehemalige Verwaltungszentrale der Telekommunikation ganz Mazedoniens glänzte einst auch im Inneren eine reiche Ausstattung nach Entwürfen des Designers Borko Lazeski. Doch ein Brand 2013, folgende Vernachlässigung und nicht zuletzt das Eindringen von Grundwasser und Witterung bedrohen das (immer noch ohne Dach dastehende) Bauwerk in seiner Existenz.

Um mit einer guten Nachricht zu schließen, sei hier auf eine erfreuliche Unterschutzstellung aus Osteuropa hingewiesen: Das Sava Centar in Belgrad wurde jüngst unter Schutz gestellt. Das 1979 eröffnete Kongresszentrum, dem einen oder der anderen bekannt vom ESC (ehemals Grand Prix) 2008, besticht seitdem nicht nur durch schiere Größe: Neben dem Großen Saal können sich die Besucher:innen in bis zu 14 Hörsälen versammeln. Hinzu kommt die Infrastruktur vom Tagungsbüro bis zum Pressezentrum. Was sich – errichtet nach Entwürfen des Architekten Stojan Maksimović – nach außen gläsern darstellt, ist im Inneren mit einer Ausstattung versehen, die in ihrer Qualität an das Berliner ICC erinnert. Hier kommt der Denkmalschutz gerade recht, plant doch der neue Eigentümer (Delta Holding) sich gerade für eine umfassende Renovierung des Kongresszentrums rüstet. Eigentlich bliebe alles beim Alten, nur mit einer farbig beleuchtbaren Fassade … (kb, 16.4.21)

Belgrad, Sava Centar (Bild: 100Goblins, CC BY SA 4.0, 2019)

Der Ingenieurbaukünstler Stefan Polónyi ist tot

Kaum ein Betonfaltwerk, kaum eine Betonschale der letzten Jahrzehnte in der Bundesrepublik, dem der gebürtige Ungar nicht eine seiner gekonnten Berechnungen zugrunde gelegt hat: Als Tragwerksingenieur war Stefan Polónyi (*1930) ein begehrter Partner für Architekt:innen, die für ihre gewagten Kompositionen das Letzte aus der Statik herausgeholt wissen wollten. Nicht umsonst wird Polónyi der Satz zugeschrieben: „Es ist nicht die Aufgabe des Ingenieurs, dem Architekten zu sagen, dass etwas nicht geht, sondern zu zeigen, wie es geht.“ Allzu oft musste er dabei lange Diskussionen mit den deutschen Baubehörden auf sich nehmen, denen so manche Kuppelstärke anfangs dann doch zu avantgardistisch erschien. Und nicht selten beeinflussten die von ihm aufgezeigten Möglichkeiten am Ende auch den Architekten:innenentwurf.

Ab 1957 betrieb Polónyi (in wechselnden Partnerschaften) ein eigenes Büro in Köln. Doch parallel war er immer wieder auch wissenschaftlich tätig – u. a. mit einem Lehrstuhl in Berlin und Dortmund – und suchte unermüdlich den Brückenschlag zwischen den Berufsfeldern von Ingenieur:in und Architekt:in. Die TU Berlin, die TU Budapest und die Universität Kassel zeichneten ihn mit dem Ehrendoktorwürde aus. Sein Werk umfasste fast alle Bauaufgaben, am augenfälligsten bei öffentlichen Nutzungen: Ob der Kuppelbau der U-Bahnhaltestelle „Lübecker Straße“ in Hamburg (1961, mit Grundmann + Sandtmann), die weit ausschwingende Kirche St. Suitbert in Essen (1963, mit J. Lehmbrock), das bildhafte Keramion in Frechen (1971, mit P. Neufert) oder die filigrane Bahnsteigüberdachung am Kölner Hauptbahnhof (1990, mit Busmann + Haberer). Auch Brücken wurden von ihm statisch berechnet, z. B. die Doppelbogenbrücke im Nordsternpark in Gelsenkirchen (1996/97, mit Feldmeier + Wrede). Der Ingenieurbaukünstler Stefan Polónyi verstarb, wie jetzt bekannt wurde, am 9. April 2021 im Alter von 90 Jahren in seiner Wahlheimat Köln. (kb, 13.4.21)

Modell des Kuppelbaus der Hamburger U-Bahn-Station „Lübecker Straße“ (1961) (Bild: U-Bahn-Bau in Hamburg, Hamburg 1961, S. 26, Archiv F. Grundmann)