Laboratorium des modernen Lebens

Es gab mehr als (das eine) Bauhaus, das kann man nach 2019 nicht oft genug sagen und schreiben. Dieser Botschaft hatte sich im vergangenen Jahr auch ein internationales Symposium verschrieben, das vom Slowakischen Design-Zentrum im Goethe-Institut in Bratislava ausgerichtet wurde – als Beitrag zum Bauhausjahr und als Abschlussveranstaltung einer Ausstellung zur Kunstgewerbeschule in Bratislava.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfolgten die Reformströmungen in verschiedensten Ländern Zentraleuropas, so die These der Fachtagung, ein gemeinsames Ziel: eine praxisbezogene Kunstausbildung für die moderne Zeit. Die Beiträge des Symposions sind nun als zweisprachiges Buch erschienen: „Škola ako laboratórium moderného života/School as a Laboratory of Modern Life (Schule als Laboratorium des modernen Lebens)“. Hier werden die Besonderheiten der Kunstgewerbeschule von Bratislava in der frühen Moderne herausgearbeitet und zugleich in den europäischen Kontext gestellt. Und da das Ganze mit EU-Mitteln gefördert wurde, kann das Ergebnis online und gratis eingesehen und heruntergeladen werden. (kb, 23.10.20)

Studentinnen der Modeklasse an der Kunstgewerbeschule (ŠUR) in Bratislava, 1930er-Jahre, Autor unbekannt (Bild: Slowakisches Design Museum, Archiv von Iva Mojžišová)

Der Freiburger Architekt Klaus Humpert ist tot

Zeitlebens pendelte er zwischen Beton und Sandstein, zwischen mittelalterlichem Erbe und brutalistischem Gestalten: Klaus Humpert, der Freiburger Architekt und Stadtplaner, ist am 10. Oktober im Alter von 91 Jahren verstorben. Geboren 1929 in Frankfurt am Main, studierte er nach dem Krieg in Karlsruhe. Rückblickend zeigte er sich vor Kurzem im Werkbundbrief durchaus skeptisch gegenüber dem damals Erlernten: Er müsse „mit Bedauern feststellen: dass mit dem Instrumentarium der Moderne, das ich an der Universität Karlsruhe bei Professor Eiermann in reinster Form mitgenommen habe, für viele Fragen – besonders im Städtebau in den vergangenen Jahrzehnten – keine Antworten gefunden wurden.“

Als Leiter des Freiburger Stadtplanungsamts, als Jurymitglied bei zahlreichenden Wettbewerben, als Inhaber des Städtebaulehrstuhls der Universität Stuttgart tat er das Seine, an einer lebenswerten Architektur zu arbeiten. Zuletzt forschte er intensiv zum Wachstum mittelalterlicher Städte. Dabei dürfte – neben den Rundhochhäusern in Lahr (1962, mit Hans-Walter Heinrich) – ausgerechnet ein markanter Sichtbetonbau zu seinen bekanntesten Werken zählen: Das 1972 fertiggestellte Kurhaus in Badenweiler (mit Erwin Heine). Ein Bau, der seine moderne Architektur über historischem Gemäuer aufspannt und zur umliegenden Natur hin öffnet – ein typischer Humpert eben. (kb, 21.10.20)

Badenweiler, Kurhaus (Bild: PantaRhei, CC BY SA 4.0, 2018)

Badenweiler, Kurhaus (Bild: PantaRhei, CC BY SA 4.0, 2018)

Titelmotiv: Lahr, Rundhochhäuser (Bild: historische Postkarte)

Revolutionäres Design: Zum Tode von Enzo Mari

Gemessen an den Themen die uns heutzutage beschäftigen, ist das Werk Enzo Maris absolut antizipatorisch: Schon vor 50 Jahren setzten sich seine Entwürfe und Schriften mit Nachhaltigkeit auseinander. In einer Zeit, in der die Kollegen die wunderbare Welt des knallbunten Kunststoffes für sich entdeckten, formulierte er mit seiner Möbelserie „Autoprogettazione“ die holzig-kantige Antithese. Möbel aus einfachen Materialien zum Selbstbauen. Was heute als „Do it yourself“ in aller Munde ist, galt manchen damals als Verrat. Design sollte den Alltag doch erleichtern und nicht verkomplizieren. Schnell galt der Norditaliener als Revoluzzer.

Darin offenbart sich die politische Dimension des überzeugten Marxisten. Design muss demokratisch sein. Die Radikalität seiner Entwürfe und die Beschränkung auf günstige Materialien können auch als Selbstermächtigungsakt gegen eine modische Gestaltung interpretiert werden, die letzten Endes nur der Verkaufsförderung dient. Dem Endverbraucher die Verantwortung für die Fertigstellung des Produktes in die Hand zu geben, verweist auf den pädagogischen Anspruch des Gestalters. Man sollte das Produkt nicht bloß Konsumieren, sondern durch den Entstehungsprozess einen Mehrwert erhalten. Mari lehrte an verschiedensten Universitäten, u.a. am Mailänder Polytechnikum. Am 19. Oktober ist Enzo Mari, einer der bedeutendsten Designer und Designtheoretiker unserer Zeit im Alter von 88 Jahren in Mailand infolge einer Covid-19-Infektion verstorben. (jm, 20.10.20)

Enzo Mari 1974, Adriano Alecchi (Mondadori Publishers, http://www.gettyimages.co.uk/search/2/image?phrase=Enzo%20Mari%20mondadori&family=editorial&sort=best&page=1&excludenudity=fals, CC0)