Forschung

Freiburg, St. Elisabeth, 2014 (Bild: Andreas Schwarzkopf, CC BY SA 3.0)

1001 unsichtbare Kirchen

Es ist ein Jubiläum, bei dem wir nicht so recht wissen, ob es ein Grund zum Feiern ist: Unsere virtuelle Karte „invisibilis“ hat die 1000er-Grenze überschritten. In diesem mR-Format machen wir seit knapp zwei Jahren Kirchen der letzten rund 150 Jahre sichtbar, die geschlossen, umgenutzt oder abgerissen wurden. Damit gehen oft auch ihr Name und ihre Geschichte „verloren“ – viele Kirchen drohen unsichtbar zu werden. Aber „weg ist weg“ soll nicht das letzte Wort sein, zumindest virtuell.

Von unseren rund 1.000 Datensätzen entfällt rund ein Viertel je auf Schließungen und Abriss, die andere Hälfte verteilt sich annähernd gleichmäßig auf „bedroht“, „umgenutzt“ und „abgegeben an eine andere Konfession/Religionsgemeinschaft“. Jede Woche stellen wir nicht nur aktuelle Nachrichten zur Kirchbaumoderne vor, sondern aktualisieren auch die Karte, denn leider kommen regelmäßig neue Kirchen hinzu. Zu unserem kleinen „Jubiläum“ haben wir uns ein frisches Layout gegönnt. Das Ganze geht jetzt schneller, mit mehr Bildern, lässt sich nach Schlagworten und Kategorien sortieren und durchsuchen. Und dabei tauchen immer wieder auch solche Kirchen auf, die trotz oder gerade wegen der Schließung zu einer neuen Sichtbarkeit gelangen. Vielleicht doch ein Grund zu feiern, zumindest ein bisschen. (kb, 29.6.18)

Freiburg, St. Elisabeth wird zur Wohnnutzung umgebaut (Bild: Andreas Schwarzkopf, CC BY SA 3.0, 2014)

Galt in den 1920er Jahren als wchtiger Beitrag zur weiblichen Emanzipation: die Frankfurter Küche nach Entwurf der Architektin Schütte-Lihotzky (Bild: pd)

Jenseits der Frankfurter Küche

Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000) lieferte in den 1920er Jahren mit der Frankfurter Küche den Entwurf für die weltweit erste Einbauküche. Für ihre Vita war das Segen und Fluch zugleich: Zwar ist ihr Name auch fast 100 Jahre nach dieser Pionierarbeit in Fachkreisen jedem ein Begriff, andererseits reduzieren eben jene Kreise Schütte-Lihotzky fast ausnahmslos auf die berühmte Küche. Eine Tagung in Wien will das ändern und plant einen umfassenden Blick auf Werk und Vita der Architektin.

Unter dem Titel „Architektur. Politik. Geschlecht“ beleuchtet das interdisziplinäre Symposium die Biografie der Architektin, die in diversen Ländern tätig war und die eigene Arbeit stets eng mit ihren politischen Überzeugungen verknüpfte. Schütte-Lihotzky war nicht nur eine bedeutende Architektin, sondern als Widerstandskämpferin, Frauenrechtlerin, Publizistin und bekennende Kommunistin eine der facettenreichsten Persönlichkeiten der europäischen Architektenschaft. Das Symposium findet am 9. und 10. Oktober 2018 an der Universität für angewandte Kunst Wien statt, anmelden kann man sich hier. Und ja, die Frankfurter Küche ist natürlich auch ein Thema. (jr, 26.6.18)

Frankfurter Küche (Bild: PD)

Berlin, simulierte Rekonstruktion der Bauakademie, 2016 (Bild: Ziko van Dijk, CC BY SA 4.0)

Der Bauakademie-Code

Die seit Monaten schwelende Diskussion über die Wiederauferstehung der Bauakademie geht weiter: In Berlin boten ARCH+ und die Sektion Baukunst der Akademie der Künste am 12. Juni den Rahmen, um darüber zu sprechen, wie viel Moderne Schinkel verträgt (und umgekehrt). Im Mai war der offizielle Programmfindungswettbewerb entschieden worden, an dem auch die Veranstalter teilgenommen hatten. Nun sollten alle Teilnehmer ihre Ideen öffentlich vorstellen und eine Forderung an die künftige Bauakademie aufstellen. Zwanzig Wettbewerbsteilnehmer kamen, darunter drei der fünf Preisträger.

Über die Einzelstatements wurde abgestimmt und was eine Mehrheit fand, zum „Bauakademie-Code“ zusammengefügt. Dieser gliedert sich nach den Schwerpunkten „Zukünftiger Wettbewerb“ und „Anforderungen an die Institution“ und kommt zu überraschend modernen Aussagen, wie z. B.: „Die Bauakademie sollte weder zu 100% Schinkel sein, aber auch nicht 100% neu, sondern beides: ein Dialog, ein Widerspruch – vielleicht sogar ein Streitgespräch. // Die neue Bauakademie soll nicht zur gegenwärtigen ideologischen Säuberung der Stadt beitragen. // Eine Neue Bauakademie sollte sich gleichermaßen mit ALTER, wie auch mit WERDENDER ARCHITEKTUR beschäftigen.“ Alle Beiträge des offiziellen Programmfindungswettbewerbs werden vom 21. Juni bis 6. Juli 2018 im Foyer des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung (Straße des 17. Juni 112, 10623 Berlin) ausgestellt. (kb, 18.6.19)

Berlin, simulierte Rekonstruktion der Bauakademie, 2016 (Bild: Ziko van Dijk, CC BY SA 4.0)

Trabant überquert provisorischen Grenzübergang bei Katharinenberg (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-1121-412, CC BY SA 3.0, Foto: Jürgen Ludwig)

Es ist nicht alles gesagt

2019 steht nicht nur das vielbeschworene Bauhaus-Jubiläum ins Haus, ebenso jährt sich die Friedliche Revolution zum 30. Mal. Und während in der zeitgeschichtlichen Forschung die Angst vorzuherrschen scheint, es sei über die DDR eigentlich schon alles erforscht und gesagt, boomt die „Public History“, die öffentliche Auseinandersetzung mit der Ost-Vergangenheit. Vor diesem Hintergrund findet unter dem Titel „Es ist nicht alles gesagt“ vom 30. November bis 1. Dezember 2018 in Berlin (Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität in Berlin) ein „Workshop zur DDR-Forschung“ statt.

Die Veranstaltung soll gerade nicht Bilanz ziehen, sondern als „work in progress“ kooperatives, moderiertes Arbeiten mit praktischen Impulsen anregen. Daher werden noch Themenvorschläge gesucht z. B. zu diesen Fragestellungen: Wie können heute in der DDR-Forschung Begriffe wie „Widerstand“, „Täter“ und „Opfer“ verwendet werden? Wer sind Zeitzeugen und wie wertet man ihre Berichte aus? Welche Spielräume gab es überhaupt innerhalb eines autoritären Staats? Wo sind die zeitlichen und räumlichen Schnittmengen zwischen der damaligen Geschichtsschreibung und einer „Geschichte von unten“? Ein Abstract (ca. 300 Wörter) und eine Kurzbiographie können bis zum 1. August 2018 gesendet werden an: Steffi Brüning, Universität Rostock, steffi.bruening@gmx.de, und Maria Neumann, Humboldt Universität zu Berlin, maria.neumann.hu@googlemail.com. (kb, 16.6.18)

Ein Wartburg 353 überquert den provisorischen Grenzübergang bei Katharinenberg (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-1121-412, CC BY SA 3.0, Foto: Jürgen Ludwig)

Berlin, Willy-Brandt-Haus (Bild: Sven-Sebastian Sajak, CC BY SA 3.0, 2013)

Helge Bofinger gestorben

Wer an seinen Bauwerken herumbasteln wollte, konnte sich schon mal Ärger einhandeln: Helge Bofinger, Jahrgang 1940, nahm seine Aufgabe als Architekt sehr ernst. Und beharrte im Zweifel auf seinem Urheberrecht, wenn er allzu leichtfertiges Handeln erkannte: Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt/Main (1984) und der Brunnen vorm Bahnhof Osnabrück (2001), beides Bofinger-Planungen, konnten erst nach vehementen Diskussionen verändert werden. Für den in Stettin geborenen und in Berlin aufgewachsenen Bau- und Lehrmeister waren fertiggestellte Gebäude immer auch Gesamtkunstwerke. Das berühmteste Bofinger-Kunstwerk ist das 1996 eingeweihte Willy-Brandt-Haus, die Berliner SPD-Parteizentrale.  Der siegreiche Entwurf (gemeinsam mit Max Bächer) für den Frankfurter Messeturm (1984) wurde hingegen nicht realisiert.

Nach Ende des Studiums an der TU Braunschweig gründete Helge Bofinger dort 1969 sein erstes eigenes Büro. 1974 kam Bofinger & Partner in Berlin dazu, 1978 erfolgte der Umzug des Braunschweiger Büros nach Wiesbaden. Ab 1986 wirkte er als Professor für Entwerfen und Gebäudelehre an der Universität Dortmund, es folgten weitere Lehraufträge unter anderem in Darmstadt, Hannover, Venedig und Buenos Aires. Lange Jahre war er zudem Vorstandsmitglied der Freunde des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt. Bereits am 7. Juni ist Helge Bofinger im Alter von 78 Jahren verstorben.  (db, 14.6.18)

Berlin, Willy-Brandt-Haus (Bild: Sven-Sebastian Sajak, CC BY SA 3.0, 2013)