Forschung

Rechenzentrum (Bild: Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg, W. Trepl, 1975)

4 x Moderne im Online-Grimmepreis-Voting

Im Voting können Sie aus den Nominierungen zum Grimme-Online-Award 2019 über den Publikumspreis abstimmen: bis zum 12. Juni 2019 für bis zu drei Internetangebote. Unter den illustren nominierten Projekten finden sich auch vier moderneaffine Angebote. In der Kategorie „Wissen und Bildung“ ist das „Stadtlexikon Stuttgart“ der Landeshaupstadt aufgestellt. Die Online-Plattform bietet Tablet-Nutzern vor Ort die Möglichkeit, in historische Karten zu blicken und weiterführende Informationen zu erhalten – darunter auch Inkunabeln der Moderne wie die Weißenhofsiedlung. Ebenfalls in der Kategorie „Wissen und Bildung“ wartet dieses Angebot auf Ihre Stimme: Mit „Denkmal Europa“ unternimmt die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger eine Zeitreise in die Baugeschichte auch des 20. Jahrhunderts – z. B. zu „Bauten für den Fortschritt“ und „Bauten im totalen Wahn“. Diese werden jeweils in einem Zeitstrahl verortet, in einer Graphic Novel dargestellt und in Bezug zu einem aktuellen Forschungsprojekt gesetzt.

In der Kategorie „Wissen“ findet sich „Wem gehört Hamburg?“: Gemeinsam mit dem Hamburger Abendblatt will das Recherchekollektiv Correctiv mehr Transparenz in den Hamburger Wohnungsmarkt bringen. In einem eigens eingerichteten Crowd-Newsroom wurden Angaben von mehr als 1.000 Mietern ausgewertet und so Eigentumsdaten zu über 15.000 Wohnungen recherchiert. Nicht zuletzt wird in der Kategorie „Kultur und Bildung“ das „WDR Bergwerk in 360° und VR“ zur Wahl gestellt: Ende 2018 nahm Deutschland Abschied vom Steinkohle-Bergbau. Nun können die Nutzer 1.200 Meter tief ins Bergwerk einfahren, einen Bergmann einen Tag lang begleiten, die Zeche erkunden, mit der Dieselkatze fahren oder selbst Kohle aus dem Berg hauen. Das für verschiedene Endgeräte verfügbare Angebot bewahrt so ein Stück deutscher Industriegeschichte. Keiner hat gesagt, dass Ihnen die Wahl leicht fallen wird … (kb, 7.5.19)

Rechenzentrum (Bild: Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg, 1975)

"Disposable: Shoreline Apartment Complex Unit", 2016, Kurt Treeby (Bild: citylab.com)

Zum Heulen?

Jeder Abriss ist einer zuviel. Wenn Sie als sensibler Modernist, als zartbeseitete Modernistin schon beim Gedanken an berstenden Beton feuchte Augen bekommen, hätten wir was für Sie: Kleenex-Boxen in Form abgerissener Bauten des 20. Jahrhunderts.

Der amerikanische Künstler Kurt Treeby baut verlorene Architekturen en miniature nach. Einige seiner Klein-Häuser stattet er zusätzlich als Papiertaschentuch-Boxen aus, um die Trauer um die zerstörte gebaute Umgebung zum Ausdruck zu bringen. Unter Treebys Vorbildern finden sich bedrohte oder bereits abgerissene Werke von Größen wie Marcel Breuer, Frank Lloyd Wright, Richard Neutra – und Paul Rudolph, auf dessen (damals teils abgerissene, teils leerstehende) „Shoreline Apartments“ Treeby 2016 mit einem eigenen Modell aufmerksam machen wollte. (kb, 3.5.19)

„Disposable: Shoreline Apartment Complex Unit“, 2016, Kurt Treeby (Bild: citylab.com)

München, U-Bahnhof Olympiazentrum (Bild: Florian Schütz, CC BY 2.5)

Münchener U-Bahnhöfe als Denkmal

Der (Denkmal-) Wert vieler deutscher U-Bahnhöfe wird mehr und mehr wahrgenommen. Nun auch in München: Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) hat angekündigt, fünf Stationen der 1970er Jahre unter Schutz zu stellen. Es handelt sich um die Bahnhöfe Olympiazentrum, Petuelring, Scheidplatz, Bonner Platz und Münchener Freiheit; allesamt auf der Linie U3 gelegen und alle im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 eingeweiht. Dies ist ein starkes Argument bezüglich ihrer Denkmalwürdigkeit: „Die U-Bahnhöfe haben durch den Zusammenhang mit den Olympischen Spielen eine hohe geschichtliche Bedeutung“, sagt Bayerns Generalkonservator Mathias Pfeil: „München präsentierte sich als offene und moderne Stadt, veranstaltete Spiele für jedermann, die dank der U-Bahn einfach und kostengünstig zu erreichen waren.“ Die Sichtbeton-Stationen mit den orangenen Ausstattungen und den Wandreliefs sind weitgehend original erhalten.

Bei der Münchener Verkehrsgesellschaft ist man über den Schutz-Entscheid nicht begeistert: Man wolle das Vorhaben des BLfD „genau prüfen“, so MVG-Sprecher Matthias Korte. Die MVG befürchte Einschränkungen und höhere Kosten im Betrieb, im schlimmsten Falle gar Stillegungen, „wenn Sicherheit und Leistungsfähigkeit in einem Widerspruch zum Denkmalschutz stehen.“ Vielleicht sollten die Münchener Verantwortlichen mal in Berlin anrufen. Dort stehen mittlerweile 101 der 173 Bahnhöfe unter Schutz. Die BVG kommt damit klar: Bislang gab es noch nie Zugausfälle wegen Denkmalwürdigkeit … (db, 29.4.19)

München, U-Bahnhof Olympiazentrum (Bild: Florian Schütz, CC BY 2.5)

Kirchbrak, Amco-Gebäude (Bild: Axel Hindemith, CC BY SA 3.0)

Gropius gefunden

Waren Sie schon mal in Kirchbrak? Zugegeben, moderneREGIONAL auch nicht. Der Ort mit 994 Einwohnern gehört zur Samtgemeinde Bodenwerder-Polle im Landkreis Holzminden und könnte bald zur Architektur-Tourismusattraktion werden. Denn hier steht ein vermeintlich vergessener echter Gropius – ein Fabrikgebäude der Holzbearbeitungs-Firma August Müller und Co. (AMCO), das 1925 errichtet und 2017 stillgelegt wurde. Doch der großen Namen nicht genug: Die Bauunterlagen sind allesamt von Ernst Neufert unterzeichnet, der damals bei Walter Gropius angestellt war, ehe er 1926 als Professor für Planung an die neue Bauhochschule Weimar wechselte. Doch egal, ob nun mehr Gropius oder mehr Neufert in dem großzügig verglasten Stahlskelettbau stecken, ist es ein Kuriosum, dass er im Bauhaus-Feierjahr als Wiederentdeckung gilt und tatsächlich nicht unter Denkmalschutz steht.

Der ortsansässige Ingenieur Günter Staeffler hat das Denkmalamt schon vor Jahren erfolglos auf den Bauhaus-Bau hingewiesen. Ein Beitrag von Wilhelm Klauser in der Bauwelt 16.2018 hat wohl endlich Bewegung in die Sache gebracht, und schließlich berichtete der NDR Ende März 2019 über das erste Gebäude, das das Atelier Gropius nach dem erzwungenen Wegzug aus Weimar realisierte. Nun wird der vergessene Bau unter Schutz gestellt, auch die Eigentümerin signalisierte Gesprächsbereitschaft für eine neue, denkmalgerechte Nutzung. Unser Urlaubstipp 2019: Besuchen Sie doch mal Kirchbrak! (db, 19.4.18)

Kirchbrak, Amco-Gebäude 2019 (Bild: Axel Hindemith, CC BY SA 3.0)

Lauenburg-Köthel, Johanniskapelle (Bild: Nachlass Raimund Marfels, Foto: Raimund Marfels, wohl um 1966, CC BY NC SA 4.0)

Kommune rettet Kapelle

Mitte der 1960er Jahre versorgte die schleswig-holsteinische Landeskirche viele kleine Gemeinden mit „vielen kleinen Kirchen“. Unter den Architekten, welche die Einzel- und Musterentwürfe erstellen, finden sich zu Recht bekannte und zu Unrecht unbekannte Namen. In der Mehrheit gelangen qualitätvolle maßstäbliche Bauwerke, die neben der liturgischen Nutzung auch Raum für weltliche Nutzungen ließen. Auch in Lauenburg-Köthel errichtete man im Rahmen des Kapellenbauprogramms 1966 eine Kapelle nach dem Musterentwurf des Architekten Gert Johannsen.

Ende März diesen Jahres wurde die Johanniskapelle in einem Gottesdienst entwidmet, das Gebäude hatte man bereits im Dezember 2018 an die Kommune verkauft. Hintergrund dieser Entscheidung war das 2017 vom Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg beschlossene Gebäudekonzept, das die finanzielle Förderung für verschiedene Kirchen und Kapellen einstellte. Die gute Nachricht: In der Johanniskapelle von Köthel sollen weiterhin Gottesdienste gefeiert werden, neben kulturellen und anderen besonderen Veranstaltungen, auch der angestammte Kinderspielkreis soll hier weiterhin stattfinden. Was aktuell nach einer Win-Win-Situation für beide Seiten aussieht, wird sich in den kommenden Monaten und Jahren in der Praxis bewähren müssen. Von der baulichen Seite stehen die Karten dafür gut – schon bei anderen entwidmeten Kapellen des Bauprogramms ist der Übergang in kommunales oder privates Eigentum geglückt. (kb, 17.4.19)

Lauenburg-Köthel, Johanniskapelle (Bild: Nachlass Raimund Marfels, Foto: Raimund Marfels, 1966, CC BY NC SA 4.0)

"Farbe in der Architektur" (Bild: Karl-Schneider-Gesellschaft)

Schneider und die Farbe

Auf der Suche nach einer zeitgemäßen Ausdruckskultur entfaltete sich in den 1920ern eine Bewegung zur Farbe in der Baukunst: In Magdeburg initiierte Bruno Taut den „Aufruf zum farbigen Bauen“, am Bauhaus schuf Johannes Itten seine Farbenlehre. Während De Stijl und Le Corbusier mit Farbe experimentierten, feierte die heute in populärer Verallgemeinerung stets mit dem Bauhaus assoziierte Architektur der Moderne ihren Durchbruch. Bereits 1925 wurde in Hamburg der „erste deutsche Farbentag für Architektur“ veranstaltet. 1926 folgte die Gründung des „Bundes zur Förderung der Farbe im Stadtbild“. In diesem Umfeld entstanden auch die maßgeblichen Arbeiten des Hamburger Architekten Karl Schneider. Durch seine vormaligen Tätigkeiten in den Büros von Walter Gropius und Peter Behrens war Schneider der Hamburger Gestalter, der mit den Themenfeldern der am Bauhaus erörterten Architekturentwicklung am besten vertraut war und heute als Hauptrepräsentant der hanseatischen Moderne gilt.

Unterm Titel „Farbe in der Architektur – Karl Schneider in Hamburg. Eine Annäherung aus Anlass des Bauhausjahres 2019“ befasst sich nun ein Symposium mit den Farbgestaltungen des Architekten, der von 1921 bis Ende 1937 in Hamburg arbeitete. Initiatoren der Veranstaltung am am 3./4. Mai in der Hochschule für Bildende Künste Hamburg sind die Karl-Schneider-Gesellschaft und das Denkmalamt Hamburg. Schneiders Farbgestaltungen stellen die Grundlage sowohl für theoretische Fragen als auch Erörterungen zur Praxis dar. Der erste Tag behandelt die Entwicklung der farbigen Konzeption, am zweiten Tag werden ausgesuchte Projekte vorgestellt und mit anderen Farbgestaltungen der Zeit verglichen. Auch Probleme der Restaurierung sowie Anregungen zur heutigen Verwendung von Farbe sollen diskutiert werden. (db, 12.4.19)

„Farbe in der Architektur“ (Bild: Karl-Schneider-Gesellschaft)