Mangiarotti in München

Rational soll es sein – schön darf es dabei aber auch sein: Der Architekt, Lehrmeister und Industriedesigner Angelo Mangiarotti (1921-2012) hat ab den späten 1950er Jahren Kunst und Systembau formvollendet verbunden – unter anderem mit Industriebau-Tragwerken aus vorgefertigten Betonelementen, die mit jedem Projekt weiter verfeinert wurden. So entstanden nicht nur Fabrikhallen, Bürogebäude und Messepavillons, sondern auch eine Kirche und mehrere Wohnhäuser vorwiegend in Norditalien. Die meisten stehen heute als wegweisende Beispiele für komplexe Systeme von großer gestalterischer Kraft unter Schutz, so auch das „Casa a tre cilindri“ (1962) in Mailand.

Das Oskar von Miller Forum in München zeigt nun bis 10. Juli die Ausstellung „Die Bausysteme von Angelo Mangiarotti“. Bereits vor 20 Jahren wurde dem weltweit lehrenden Mailänder auf Antrag der Fakultät Architektur die Ehrendoktorwürde der TU München verliehen und sein Werk durch eine Ausstellung seiner Bausysteme gewürdigt. Die jetzige Ausstellung im Oskar von Miller Forum basiert hierauf. (db, 16.6.19)

Mailand, Drei-Zylinder-Haus (Bild: Arbalete, CC BY SA 4.0)

Stuttgart-Sonnenberg, Ev. Gemeindezentrum (Bild: Foto: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, I. Geiger-Messner)

Ein Frei Otto in Stuttgart

In wenigen Tagen wird es ernst: In Baden-Württemberg startet das Ausstellungsprojekt „Zwölf Kirchen“ , für das sich Denkmalpflege und Kirche zusammengetan haben. Ausgewählt wurde ein erlesenes Dutzend aus rund 1.600 Sakralbauten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Baden-Württemberg errichtet wurden (davon knapp 1.000 zwischen 1960 und 1979, davon rund 150 unter Denkmalschutz). In rund einem Jahr macht die Präsentation an je einem der Objekte halt. Im Mittelpunkt der ersten Station – und zugleich Ausstellungsort – steht das Evangelische Gemeindezentrum in Stuttgart-Sonnenberg.

Der brutalistische Bau wurde 1966 nach Entwürfen des Züricher Architekten Ernst Giesel fertiggestellt. Die Planung für das Hängedach stammt von keinen Geringeren als Frei Otto und Fritz Leonhardt. In Stuttgart wird der Ausstellungsauftakt in und mit der Gemeinde am 28. Juni 2019 um 17 Uhr begangen und ist anschließend bis zum 30. Juli 2019 täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet, zudem wartet ein reiches Begleitprogramm auf Besucher. Für Stuttgart und alle folgenden elf Ausstellungsstationen ist das begleitende Arbeitsheft „Gotteszelt und Großskulptur“ erschienen. (kb, 15.6.19)

Stuttgart-Sonnenberg, Ev. Gemeindezentrum (Bild: Foto: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, I. Geiger-Messner)

Schwerin-Lankow, umgenutze Schwimmhalle (Bild: kfw.d)

In Schwerin baut man über das Wasser

Da wohnen, wo andere schwimmen gehen! In Schwerin-Lankow ist das Realität geworden. 2015 war das Schicksal des alten Volksbads von 1976 bereits besiegelt. Die Schweriner wollten ihre alte Schwimmhalle allerdings nicht den Abrissbaggern überlassen. Hatten doch dort nicht wenige ihre ersten Schwimmzüge getan. Kurz vor knapp wurde der Architekt Ulrich Bunnemann zu Rate gezogen, ob sich noch etwas machen ließe mit der leerstehenden Halle. Es ging! Für einen symbolischen Euro übernahm Bunnemann das Objekt. Was dabei herauskam, ist ein ungewöhnliches Nachnutzungskonzept: 16 Wohnungen über dem Schwimmbecken. 

In kurzer Frist wurden die Wohnungen mit Seeblick in der alten Struktur fertiggestellt, gleichzeitig wurde die vorhandene Bausubstanz eingebunden. So werden die markanten hyperbolisch-paraboloiden Betonschalen des Architekten Herbert Müller – Spitzname „Schalen-Müller“ – in den Wohnräumen inszeniert. Auch das äußere Erscheinungsbild der denkmalgeschützten Halle blieb in weiten Teilen erhalten. Das Projekt erhielt dafür jetzt den Sonderpreis beim KfW Award Bauen 2019. (jm, 14.6.19)

Titelmotiv: Schwerin-Lankow, umgenutze Schwimmhalle (Bild: kfw.d)

Dieter Urbach, Palast der Republik, innen, Lichtshow, 1974 (Silbergelatinepapier, Fotomontage auf Karton, 70 x 100 cm, Berlinische Galerie - Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Kai-Annett Becker)

Der Palast der Republik steht in Rostock

Zu Zeiten der DDR entstand ein einziger Kunstmuseumsbau: in Rostock vor 50 Jahren. Bevor das Kulturdenkmal an der Ostsee demnächst zur Sanierung geschlossen wird, widmet man sich dort einem anderen Kultobjekt der DDR: mit der Ausstellung „Palast der Republik. Utopie, Inspiration, Politikum“. Der ostmoderne Vorzeigebau entstand von 1973 bis 1976 auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Stadtschlosses. Hier tagte nicht nur die Volkskammer. Im vielfach untergliederten Raumprogramm – vom Großen Saal über die Restaurants und die Disko im Jugendtreff bis zum Theater und dem Spreebowling – sollte sich vielmehr eine breite Öffentlichkeit bilden und vergnügen.

1990 wurde der Palast der Republik geschlossen und bis 2008 abgerissen. Nun soll an seiner Stelle, im wiedererrichteten Berliner Schloss das Humboldt Forum eröffnet werden. In Rostock zeigt man in der aktuellen Ausstellung Exponate und Kunstwerke, die sich mit dem verlorenen Bauwerk auseinandersetzen – von Künstlern wie Bernhard Heisig, Ronald Paris, Willi Sitte, Werner Tübke. Die Spanne reicht von ehemaligen originalen Ausstattungsstücken bis zu zeitgenössischen künstlerischen Reaktionen auf den Bau und seine Geschichte. (kb, 13.6.19)

Dieter Urbach, Palast der Republik, innen, Lichtshow, 1974 (Silbergelatinepapier, Fotomontage auf Karton, 70 x 100 cm, Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Kai-Annett Becker)

Essen, Tankstelle Caspar (Bild: Thomas Stoch, CC BY-SA 4.0)

Der Sprit ist alle …

Die freie Tankstelle Caspar im Essener Stadtteil Holsterhausen hat sich in den vergangenen Jahren zur Berühmtheit entwickelt: Vermutlich gab es keine ältere, durchgehend betriebene Zapfstation in ganz Deutschland. Seit 1924, somit satte 95 Jahre lang, wurde hier Benzin verkauft. Doch nun ist es damit vorbei. Der letzte Betreiber hatte schon seit Längerem einen Nachfolger gesucht, jedoch ohne Erfolg. So schloss der 69-Jährige Manfred Milz am 31. Mai 2019 den Betrieb, der in einem Garagenhof lag.

Milz war zugleich einer der letzten gelernten Tankwarte Deutschlands in Aktion: 1967 hatte er seine Ausbildung in der Essener Gemarkenstraße 18 begonnen und ist immer hier geblieben! Was aus dem geschichtsträchtigen, wohl aber nicht denkmalgeschützten Gebäude wird, ist noch nicht klar. Gut möglich, dass die Investoren längst in den Startlöchern stehen … (db, 12.6.19)

Essen, Tankstelle Caspar (Bild: Thomas Stoch, CC BY SA 4.0)

Dortmund, Restaurant Buschmühle (Bild: buschmuehle-dortmund.de)

Stahlschachteln und andere Schönheiten

Das ehemalige Restaurant „Buschmühle“, ein Stahlbau der Architekten Otto-Heinz Groth, Werner Lehmann und Wolfram Schlote, entstand 1959 anlässlich der Bundesgartenschau im Dortmunder Westfalenpark. Es steht für viele Stahlbauten und -konstruktionssysteme, die den technischen Aufbruch und eine neue Experimentierfreude seit den frühen 1950er Jahre bezeugten. Beteiligte am Stahlbau, darunter auch an Versuchen im Fertighausbau, waren Architekten und Ingenieure bis hin zur Montanindustrie. In Dortmund, im Ruhrgebiet und darüber hinaus nehmen Stahlbauten in der aktuellen Debatte um Erhalt, Schutz und Umnutzung des Nachkriegserbes eine besondere Position ein.

Die Publikation „Stahlschachteln und andere Bausysteme“ versteht sich als Impulsgeber für ein Weiterdenken und einen Ausblick auf die Potenziale des Stahlbaus. Die Buchbeiträge bündeln regionalgeschichtliches, bauhistorisches, baukonstruktives und denkmalpflegerisches Wissen. So richtet sich die Veröffentlichung an alle, die solche Bauten bewerten, zeitgemäß erhalten, sanieren und nutzen. Gleichzeitig soll die Publikation helfen, die Besonderheiten der „Stahlschachteln“ in Bautechnik und Materialität zu bewahren und einen neuen Blick auf diese Architektur zu eröffnen. (kb, 11.6.19)

Apfelbaum, Alexandra/Haps, Silke (Hg.), Von „Stahlschachteln“ und Bausystemen. Zum Umgang mit Stahlbauten zur Nachkriegszeit, Kettler Verlag, Dortmund 2019, 192 Seiten, 16,3 × 24 cm, ISBN 978-3-86206-733-6.

Dortmund, Restaurant Buschmühle (Bild: historische Abbildung, via buschmuehle-dortmund.de)