Ulm, Amerikahaus (Bild: Cora Schönemann)

Ulm: Die Wiederkehr des Gummibaums

Unverkennbar steht er da, der Gummibaum. Vor allem in Zeitschriften für Inneneinrichtung, Haushalt und Architektur. Als Wegmarke, der die Datierung von Räumen und Fotos in die ersten Nachkriegsjahre leicht macht. So steht der Gummibaum auch als Marke für „The Gummibaum Project“ in Ulm. Bereits im letzten Jahr bespielte das Projekt ausgewählte Orte aus den 1950ern innerhalb der Stadt mit Veranstaltungen: ein Verlagshaus, eine ehemalige Apotheke (heute eine Bar), ein Casino (heute ein Club) und die Volkshochschule, deren Gründungseltern Otl Aicher und Inge Aicher Scholl waren.

Die 2018 mit den Teilnehmern erarbeiteten Erkenntnisse präsentiert das Projekt nun in geführten Touren durch die Stadt. Dazu ergeben sich Kooperationen mit Schulen und der Volkshochschule. Neu wird auch die Webseite sein, auf der die jeweils aktuellen Wissensstände und Ergebnisse präsentiert werden auf einer Stadtkarte – markiert natürlich auch hier mit dem Gummibaum-Logo. Damit will das von der Stadt Ulm geförderte Projekt über Einzelveranstaltungen hinaus Wissen festhalten und verbreiten. Ein Work-in-Progress, der in diesem Jahr – auch via Social Media – in die zweite Etappe geht. Die Stadtouren auf Spuren der Fünfziger führen je ab 18 Uhr über den Eselsberg (28. Juli und 4. September 2019) und durch die Oststadt (24. Juli 2019). (db, 17.7.19)

Titel: Ulm, Amerikahaus (Bild: Cora Schönemann)

Plauen: Rathaus-Wandbild gerettet

250 Quadratmeter schönste Ostmoderne: In Plauen schufen die Künstler Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht 1975/76 am dortigen Rathaus ein großformatiges Wandbild. Das Ergebnis war für ein Kunstwerk im öffentlichen Raum zur DDR-Zeit außergewöhnlich: ein Mosaik in patentierter Keramikgranulat-Technik in abstrakter Formensprache. Bei der aktuellen Rathaussanierung und -erweiterung wurde in Plauen leidenschaftlich diskutiert: Sollte das Kunstwerk – ganz oder ein Teil davon – erhalten bzw. wiederhergestellt werden? Die dafür notwendigen Freilegungs- und Sanierungskosten wurden auf 100.000 bis 150.000 Euro geschätzt.

Im Juni diesen Jahres sprach sich der Stadtrat grundsätzlich zugunsten des Wandbilds aus. Heute abend meldet die Freie Presse nun den entscheidenden Schritt zur sicheren Rettung des Kunstwerks: Philip Kurz, Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung, und Ralf Oberdorfer, Oberbürgermeister von Plauen, gaben bekannt, dass die Stiftung die Erhaltung des Wandbilds im Rahmen ihres Denkmalprogramms unterstützen wird. Dies bedeutet konkret, dass die Stadt das Vorhaben in die Rathaussanierung einbezieht. Die Wüstenrot Stiftung wird die Arbeiten am Wandbild fachlich begleiten und die Restaurierungskosten tragen. (kb, 16.7.19)

Plauen, Rathaus-Wandbild (Bild: Martin Maleschka)

Chicago (Bild: historische Postkarte, Curt Teich & Co.)

In 500 Postkarten um die Welt

Rund 10.000 Motive hatte der Verlag Curt Teich & Co zu seinen Glanzzeiten im Programm: Die handkolorierten Leinenpostkarten prägten den amerikanischen Markt zwischen 1931 und den späten 1950er Jahren. Curt Teich Sen. hatte sich ab 1905 einmal quer durch die USA fotografiert. Seine Aufnahmen bildeten den Grundstock der beliebten Bildpostkarten, stetig erweitert um populäre Motive – darunter immer wieder auch moderne Architektur.

Heute sind diese Postkarten mit ihrer besonderen Ästhetik bei Sammlern wieder begehrt. Die aktuell im Hirmer-Verlag erschienene Publikation „New West“ versammelt die 500 schönsten Beispiele aus der Teich-Ära: Der Bick von den Twin Peaks auf San Francisco, der Große Salzsee in Utah, die moderne Architektur des Arizona Biltmore Hotels, der Wartesaal der Union Station in Los Angeles, … – solche farbenfroh in Szene gesetzten Motive erzählen vom amerikanischen Fortschrittsglauben jener Jahre. (kb, 16.7.19)

Wagener, Wolfgan/Erganian, Leslie, New West. Innovation at the Intersection, Hirmer Verlag, 320 Seiten, 500 Farbabbildungen, 29,2 x 22,9 cm, gebunden, ISBN 978-3-7774-3189-5.

Titelmotiv: Chicago, Chrysler Building (Bild: historische Postkarte, Curt Teich & Co)

Berlin, Hansaviertel, Niemeyerhaus (Bild: Kurt Weinland (Vater), CC BY SA 3.0, 1957)

Spießig ist das neue modern

Während der Brutalismus eine späte Ehrenrettung in den populäreren Medien findet, während das Bauhaus bis zur Übersättigung durchfeiert, hat sich im Windschatten der akzeptierten Moderne eine andere Spielart des 20. Jahrhunderts zurückgemeldet: die Idylle. Streng genommen war sie nie weg, aber wir hatten sie in die Nische der plakativen Ironie abgedrängt. Der röhrende Hirsch war salonfähig, solange er zusammen mit mauve-farbenen Schaffellen und einer kupfergetönten Designerlampe auftrat. Neu ist die unverhohlene Freude, mit der in den Sozialen Medien die Schnappschüsse von Gartenzäunen, Hauseingängen und Ladeneinrichtungen der 1950er und frühen 1960er Jahre geteilt werden. Abseits des reduzierten Designs der großen Stilikonen hat die geranientaugliche Moderne neue Freunde gefunden.

Eigentlich musste es so kommen. So aufgeräumt wie die Moderne in den letzten Monaten museal inszeniert wird, fand sie nur in den Vorzeigebunglows einer kleinen Geschmackselite statt. Und das wohl auch nur, wenn der Fotograf fürs Fachmagazin vorbeischaute. Der gemeine Endverbraucher lebte pragmatisch mit dem neuen Design. Mit Zierdeckchen und Mixed-Pickles-Etagere würde es schon gehen. Was für die 1968er-Generation tausendjährigen Muff verströmte, hat inzwischen den Grad der Unschuld wiedererlangt. Und je energischer wir die undogmatische, manchmal kitschig daherkommende Alltagsmoderne zugunsten eines aufgebügelten Bauhaus-Stils weggentrifizieren, desto kostbarer werden die letzen Spuren der einstigen Idylle.

Die wahre Avantgarde liegt genau dort, wo bei den meisten die Geschmackssperre einsetzt: Auf Berliner Flohmärkten wird, so berichten es zumindest sammelwütige Freunde, der Arcoroc-Octime-Teller der 1990er Jahre inzwischen zu hohen Preisen gehandelt. Schwarz, achteckig und unkaputtbar hatte sich diese eigenwillige Geschirrform gefühlt gerade erst aus den Wohnzimmervitrinen in die ostdeutschen Nachwendeimbissbuden zurückgezogen. Vielleicht kündigt sich hier auch die lange beschworene Renaissance der postmodernen Baukunst an. In jedem Fall sucht die neue Lust an der idyllischen Moderne nach dem echten Leben jenseits der Hochglanzmagazine, nach dem menschlichen Maß in Architektur und Design. Und damit unterscheidet sie sich wohltuend von nostalgisch verbräunten Rekonstruktionsträumen. (15.7.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Berlin, Hansaviertel, Niemeyerhaus (Bild: Kurt Weinland (Vater), CC BY SA 3.0, 1957)

Kiruna (Bild: Bengt A./Riksantikvarieämbetet, CC BY 2.5, 2006)

Eine Stadt packt ihre Häuser und Bäume

Wer Schweden und Umzug in einem Atemzug hört, denkt meistens an den blau-gelben Möbelhausgiganten. Die Einwohner der nördlichsten Stadt des Landes, Kiruna haben wohl weniger farbenfrohe Assoziationen. Dort geht es ums Schwarze, genauer gesagt um das Erz das sich unter der 20.000 Einwohnergemeinde befindet. Da man genau unter dem Zentrum Kirunas große Vorräte des wertvollen Rohstoffs vermutete, wurde vor 15 Jahren der „Umzug“ der kompletten Stadt beschlossen. Die Erzförderung würde das Bewohnen durch Bergschäden unmöglich machen. Doch bisher regte sich wenig Widerstand gegen die Umsiedlung, immerhin verdankt der Ort seine Existenz den Erzvorkommen und das staatliche Bergbauunternehmen LKAB ist mit Abstand der größte Arbeitgeber.

Stück für Stück verschwindet das Gewohnte. Das Rathaus aus den 1960er Jahren musste schon weichen. Demnächst wird auch die 1912 eingeweihte Holzkirche auseinandergenommen und an anderer Stelle wiederaufgebaut. Sie gilt als Wahrzeichen und hat es bereits auf schwedische Briefmarken geschafft. Dass die Einwohner doch nicht ganz ohne Wehmut weiterziehen, zeigt der Wunsch, selbst die Friedhofsbäume samt Wurzeln umsetzen zu lassen. Zumal nach neuesten Untersuchungen doch nicht soviel Erz unter Kiruna vorhanden ist, wie anfänglich angenommen. Wäre die „Stadterneuerung“ also zu verhindern gewesen? Der Konzernchef erteilt diesem Gedanken eine Absage: Der Prozess laufe bereits. (jm, 15.7.19)

Kiruna (Bild: Bengt A./Riksantikvarieämbetet, CC BY 2.5, 2006)

Stuttgart, Brenzkirche, um 1933 (Bild: historische Postkarte)

Stuttgart: Zurück auf Bauhaus?

Vor knapp einer Woche, am 9. Juli hat sich in Stuttgart ein Verein gegründet, der für die Brenzkirche die Zeit zurückdrehen will. Zurück auf das Jahr 1933, als der Gottesdienstraum nach Entwürfen des Architekten Alfred Daiber nahe der Weißenhofsiedlung im Stil des Neuen Bauens eingeweiht worden war. Aus einem Quader mit Rundungen und Dachreiter machte Rudolf Lempp 1938 – im Sinne der nationalsozialistischen Bauvorschriften – einen gradlinigen Anblick mit „deutschem“ Satteldach auf Schiff und Turm. Der Wiederaufbau nach Kriegszerstörungen, ebenfalls unter Lempp, fügte 1947 weitere Veränderungen vor allem im Innenraum hinzu. 1983 kam die Brenzkirche unter Denkmalschutz.

Seit einigen Jahren wird über eine Rückführung auf die Gestaltung von 1933 diskutiert, verbunden mit einer zeitgenössischen und nutzungsfreundlichen Neuinterpretation des Innenraums. Eine Debatte, die durch das Bauhausjubiläum und die Internationale Bauausstellung, die 2027 in Stuttgart stattfinden soll, aktuell weiter befeuert wird: Genießt die Fassung von 1938/47 Bestands- und Denkmalschutz gegenüber der Ursprungsidee von 1933? Würde ein Rückbau gar die Veränderungen der NS-Zeit geschichtsklitternd unsichtbar machen? Karl-Eugen Fischer, Pfarrer der Brenzkirche, hingegen erklärt gegenüber den „Stuttgarter Nachrichten“: Lempp habe aus dem Bau „eine hässliche Dorfkirche“ gemacht. Dem wolle die Gemeinde – inhaltlich wie baulich – in den kommenden Jahren ein modernes, an den demokratischen Grundsätzen der Bauhaus-Zeit orientiertes Kirchenbild entgegensetzen. (kb, 13.7.19)

Titelmotiv: Stuttgart, Brenzkirche, um 1933 (Bild: historische Postkarte)