U-Bahn Ost: Ulrich Jörke und ein spätes Happy End

Manchmal muss gute Kunst warten, diese Erfahrung machte zumindest der Bildhauer Ulrich Jörke (* 1936). Vor über 30 Jahren schuf er für den Ost-Berliner U-Bahnhof „Friedrichsfelde“ ein Wandfries. Die fertigen Terrakottafliesen wurden gelobt, in Kisten verpackt – und dann passierte lange nichts. Doch Jörke ließ nicht locker, wie er moderneREGIONAL bei einem Besuch in seinem Berliner Atelier erzählt. Das Interview, dokumentiert vom Filmemacher Enkidu Leyendecker, steht am Anfang des Ausstellungs- und Publikationsprojekts „Linientreu“ zur U-Bahn Ost-Berlin, das Verena Pfeiffer-Kloss (urbanophil/Institut für Ostmoderne), Andreas Sternberg (articipate), Martin Maleschka (Institut für Ostmoderne) sowie Daniel Bartetzko und Karin Berkemann (beide moderneREGIONAL) gerade aus der Taufe heben. Denn es bewegt sich etwas im ostmodernen Untergrund, für Jörkes Wandfries zeichnet sich jetzt sogar ein spätes Happy End ab.

moderneREGIONAL: Herr Jörke, eigentlich sind Sie studierter Fernmelde-Ingenieur. Wie wurden Sie zum Bildhauer?

Ulrich Jörke: Schon während Ausbildung und Studium hat sich bei mir immer wieder die Kunst durchgesetzt: mit Stein, mit Ton und mit der Zeichnerei. Nebenbei habe ich Kunstzirkel besucht, besonders den Kreis „Akanthus“. Im Volkseigenen Betrieb, wo ich es später bis zum Abteilungsleiter brachte, wurde es langsam schwierig mit der Arbeit, denn ich hatte Verwandtschaft im Westen. Durch Zufall lernte ich professionelle Bildhauer kennen, die mich förderten. Und dann war die Zeit reif, dass ich mich im „Verband Bildender Künstler der DDR“ vorstelle. Zuerst wurde ich abgelehnt. Mit meinem Mentor Gerhard Rommel schickte man mich in den Steinbruch in Reinhardtsdorf, dort bin ich richtig an den Stein herangeführt worden. Nach einem Jahr nahm mich der Verband dann doch auf. Obwohl ich dieselben Arbeiten hingestellt habe wie vorher, aber jetzt waren sie auf einmal etwas wert.

mR: Mitte der 1980er Jahre starteten Sie Ihr zweites Leben als freischaffender Bildhauer …

UR: … und es ging sofort mit der U-Bahn los. Der Grafiker Karl-Heinz Schäfer hat mich in das Projekt U-Bahnhof „Friedrichsfelde“ mit hineingenommen. So wie der Künstler Karl Blümel sollte ich hier ein Relief gestalten, 20 Meter Obergleisfläche. Die fertigen Arbeiten wurden erstmal eingelagert: acht Kisten für Blümel, acht Kisten für mich. Zwischenzeitlich kam der nächste Auftrag, der U-Bahnhof „Märkisches Museum“, mit Jo Doese und wieder mit Karl-Heinz Schäfer. Gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Ingrid Bartmann-Kompa wurde die Berliner Stadtgeschichte dargestellt: In das stilisierte historische Straßennetz integrierte ich Figuratives – bildhauerische Zitate in Stuck aus den verschiedensten Jahrhunderten. Der Bahnhof „Märkisches Museum“ wurde kurz vor der Wende eingeweiht, mitsamt meinen Kunstwerken. Bei beiden U-Bahnprojekten arbeiteten wir unter der Leitung von Karl-Heinz Schäfer in Etappen. Jedes Mal wurden die Arbeitsergebnisse ausgerollt, diskutiert und anschließend eine Rate von unserem Honorar gezahlt. Der Kontakt zu den Architekten wurde koordiniert durch das „Büro für architekturbezogene Kunst“.

mR: Aber wie ging es mit Ihren acht Kisten Kunst weiter?

UR: Der U-Bahnhof „Friedrichsfelde“ wurde in der Wendezeit renoviert. Meine Terrakottafliesen haben sie aber nicht angebracht. Als ich mich erkundigte, hieß es: Die Kisten sind weg! Da bin ich losmarschiert. Hinz und Kunz habe ich gefragt. Und am Ende wunderten sich alle, als die Kisten doch wieder auftauchten. Damals sollte gerade der U-Bahnhof „Tierpark“ renoviert werden. Dazu gehört auch ein Verbindungstunnel zum Tierpark, ein guter Platz für meine Fliesen. Im Lager der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben wir die Kisten geöffnet und das Relief ausgelegt. Aber da fehlte etwas. Einige Kisten mussten verloren gegangen sein. Einen Teil habe ich still und leise in meinem Atelier nachgearbeitet. Heute findet sich mein Relief zur Hälfte im Verbindungstunnel. Es gibt sogar einen Spielfilm („In Zeiten des abnehmenden Lichts“, mit Bruno Ganz), da sind die Fliesen zu sehen, als DDR-Kunst. Ich wusste gar nicht, dass ich „DDR-Kunst“ gemacht habe. (lacht)

mR: Finden Sie, der Begriff „DDR-Kunst“ passt zu Ihnen?

UR: Ich kann damit nichts anfangen. aber man sieht das immer wieder im Internet. Teilweise etwas abgewertet als Auftragskunst, als staatsmäßig. Aber ich bin einfach Realist. Ostkunst vielleicht. Schlicht, figürlich, angenehm. Ohne Provokation. Einfach nur anschaulich. Damals war das passend für diesen Raum, da hat mir niemand reingeredet. Da kam kein Staat und sagte, das wollen wir so oder so. Ich habe mich seitdem vielleicht entwickelt. Nicht, weil ich West geworden bin, sondern das kommt von innen heraus.

mR: Aber sie hatten ja immer noch Kisten im Magazin.

UR: Nach vielen Jahren traf ich vor Kurzen zufällig wieder Horst Prochnow, früher stellvertretender Direktor des „Büros für architekturbezogene Kunst“. Mit einer Gruppe von Interessierten hatte er U-Bahnhöfe besucht. Am U-Bahnhof „Tierpark“ war ihm mein Relief aufgefallen: Hier fehlt doch was, da müssen wir nachhaken! Also haben wieder alle gesucht. Im Lager, in einem Schuppen wurden die letzten Kisten am Ende gefunden. Einige Platten habe ich noch nachgearbeitet und jetzt sind alle Feuer und Flamme. Bald soll im Tunnel im U-Bahnhof „Tierpark“ endlich die gesamte Abwicklung zu sehen sein. Das freut mich sehr, denn allein der große technische Aufwand damals sollte nicht umsonst gewesen sein. Die Platten mussten, den Schwund beim Brennen eingerechnet, mit großer Sorgfalt ins Fliesenbild eingepasst werden. Das wünsche ich mir auch für andere U-Bahnhöfe: nicht nur Reklame, sondern wieder etwas mehr Qualität.

Das Gespräch führten Daniel Bartetzko und Karin Berkemann. Titelmotiv: Der Bildhauer Ulrich Jörke in seinem Berliner Atelier (Bild: Daniel Bartetzko, 2019). Die übrigen Bildnachweise öffnen sich nach Klick auf das jeweilige Foto, diese teils (sh. Angaben) zertifiziert nach Creative Commons.

Mensa modern

mit Fotos von Martin Maleschka

Dass Greifswald trotz seiner gefühlten Randlage auch im Bereich Ostmoderne viel zu bieten hat, ist Fans dieser Stilepoche längst bekannt. Nicht umsonst wurde hier die Altstadtplatte in einer ihrer frühesten, vielleicht sogar in einer ihrer schönsten Varianten umgesetzt. Neu in den Blick kommt aktuell die ehemalige Mensa, die vor wenigen Monaten unter Denkmalschutz gestellt wurde. Der klar gegliederte, rot verkleidete Stahlskelettbau nach einem Entwurf von Ulrich Hammer (nach einem Konzept von Ulf Zimmermann) wurde 1975 am Wall, am Rand der historischen Altstadt eingeweiht. Und auch im Inneren des ostmodernen Bauwerks gibt es viel zu entdecken – der Architekt und Fotograf Martin Maleschka ging hier im Sommer auf Fototour.

Beliebt waren Mensaclub und Milchbar, letztere geschmückt durch ein Werk des „Emailzirkels ‚Fritz Kühn'“ zum Thema „Mecklenburger Trachten“ von 1976. Eine technisch ähnliche Arbeit mit dem Titel „Ostsee“ wurde vom „Emailzirkel ‚Lea Grundig“ 1975 für das Treppenhaus gestaltet. Weitere Kunstwerke entstanden zur Bauzeit der Mensa unter fachkundiger Leitung im Umfeld der Universität, darunter z. B.: Für die Gaststätte „Bierstube“ schufen Studierende in den „Keramikzirkeln I, II und der Sektion Geologie“ 1975 Wandteller zu den Themen „Niederdeutscher Humor“ und „Mecklenburgische Sprichwörter“. Nicht zuletzt bildet das fünfteilige, insgesamt 22 Meter lange Wandbild „Studenten in der sozialistischen Gesellschaft“ des Künstlers Wolfgang Frankenstein von 1976 bis heute den Blickfang im Foyer. (kb, 28.7.19)

Veranstaltungstipp

Zum Tag des offenen Denkmals, am 8. September 2019, können Sie sich in Greifswald gleich doppelt über die Moderne informieren – in beiden Fällen ist der Eintritt frei:

Die letzten Tage der Ostdeutschen

von Danuta Schmidt

Wie eine wandgroße Grafik, wie eine Radierung fast wirkt Roger Melis‘ Marzahn-Bild von 1983. Das modernste Plattenbaugebiet der DDR im Schnee. Die Autos, zu Dutzenden parkend in Reih und Glied, wie Spielzeugautos streichholzschachtelgroß vor den monumentalen Betonriegeln mit Fensterrasterung. Die Fahrspuren im Schnee wirken wie mit der Rasierklinge ins Bild gekratzt, die neu gepflanzten Bäumchen wie zarte Linien, ganz entfernt ein einzelner Trabi auf der Hauptstraße. Die Fotografien von Roger Melis sind voller Poesie. Und selbst die Tristesse des Winters in Marzahn vermochte er so zu abstrahieren, dass man das Bild liebt, sobald man es in seinem 3 mal 4 Metern am Anfang der Ausstellung in der Berliner Reinbeckhallen zu Gesicht bekommt.

Wissenschaft, Mode, Porträts

Geboren 1940, wuchs Melis im Haushalt des Dichters Peter Huchel im Berliner Westen und ab 1952 in Wilhelmshorst bei Potsdam auf. 1960 schloss er eine Lehre als Fotograf ab und fuhr anschließend für ein halbes Jahr als Schiffsjunge zur See. Von 1962 bis 1968 arbeitete er als wissenschaftlicher Fotograf an der Berliner Charité. Ab 1962 entstanden seine ersten Porträts von Dichtern und Künstlern, ab 1963 Reportagen und ab 1968 Modefotografien. 1968 wurde Melis Mitglied im Verband Bildender Künstler und als freiberuflicher Fotograf zugelassen. Zusammen mit Arno Fischer, Sibylle Bergemann u. a. gründete er 1969 die Fotogruppe Direkt.

In den folgenden Jahren konzentrierte er sich auf Porträt-, Reportage- und Modefotografien für Sibylle, Neue Berliner Illustrierte, Wochenpost, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Geo und verschiedene Verlage in Ost und West. Melis war Mitinitiator und seit 1981 Vorsitzender der Zentralen Arbeitsgruppe Fotografie im Verband Bildender Künstler. Wegen eines gemeinsamen Beitrags mit Erich Loest für die Zeitschrift Geo erhielt er von 1981 bis 1989 eine Auftragssperre für die DDR-Presse, so dass er sich verstärkt Buch- und Ausstellungsprojekten zuwandte. Er hatte von 1978 bis 1990 einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Weißensee inne, 1993 bis 2006 war er Lehrer für Fotografie beim Lette-Verein Berlin. Roger Melis war seit 1970 mit der Modejournalistin Dorothea Bertram verheiratet. Er verstarb im Herbst 2009 in Berlin mit nur 69 Jahren.

„In einem stillen Land“

Roger Melis hinterließ ein breites Ouvre, das sein Stiefsohn Mathias Betrtram im Leipziger Lehmstedt-Verlag herausgegeben hat. Eines der bekanntesten Bücher ist „In einem stillen Land“, das bereits lange vergriffen war und nun zweisprachig wieder aufgelegt wurde. Bekannt wurde Melis vor allem für seine Porträts. Da sind die Berühmtheiten der DDR: Maler wie Willi Sitte, Schriftstellerinnen wie Anna Seghers, Theaterdramaturg Heiner Müller, Schauspielerin Katharina Thalbach, Liedermacherin Bettina Wegner und Sängerin Nina Hagen. Und er zeigte die Menschen im Alltag. Manchmal wirken sie seltsam entrückt. Ein Junge mit Indianerfedern geschmückt, ein anderer mit einer Maske auf einem Spielpatz, Szenen auf dem Rummelplatz, eine regennasse Straße als Spiegel, ganz leicht, doch auch die Arbeiter in Lohn und Brot, Handwerker, Maschinisten, Schornsteinfeger in der Uckermark, Demonstranten auf einer Kundgebung.

Die von der Stiftung Reinbeckhallen ausgerichtete und von Mathias Bertram kuratierte Ausstellung „Die Ostdeutschen“ (Reinbeckhallen, Reinbeckstraße, 1712459 Berlin) bildet die bislang umfangreichste Retrospektive der DDR-Fotografien von Roger Melis. Sie präsentiert – nur noch bis zum 28. Juli 2019! – neben bereits klassischen Aufnahmen viele bislang unbekannte Fotografien aus dem Roger-Melis-Archiv. Die Ausstellung findet in Kooperation mit der LOOCK Galerie und dem Roger Melis Archiv statt. (25.7.19)

Ausstellungsfotos: Danuta Schmidt