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Berlin, U-Bahnhof "Konstanzer Straße" (Bild: Ingolf, CC BY SA 3.0, 2013)

Glückszahl: 13 Berliner U-Bahnhöfe unter Schutz

Gute Nachrichten aus der Hauptstadt: Weitere 13 Berliner U-Bahnstationen der Nachkriegsmoderne stehen, so weist es die jüngst online aktualisierte Denkmalliste aus, unter Schutz – damit sind es jetzt insgesamt 22 Untergrundbahnhöfe. Das Beste daran, (fast) alle freuen sich darüber, allen voran sicher das Landesdenkmalamt Berlin und die „Initiative Kerberos“. Und eine mit vielen Akteuren breit aufgestellte Ausstellung mit Tagung (bzw. eine Tagung mit Ausstellung) ist auch schon in der Röhre.

 

„Einzigartiges Erbe“

Aber der Reihe nach: Im August 2018 hat die Berliner Kulturverwaltung nochmal ein gutes Dutzend U-Bahnhöfe der Nachkriegsmoderne in die Denkmalliste eingetragen. Bereits 2016 trommelte die „Initiative Kerberos“ für die Baukunst im Berliner Untergrund – und warnte vor dessen Zerstörung durch Sanierungsmaßnahmen. In einem offenen Brief wandten sich die Architekturhistoriker und Stadtplaner Verena Pfeiffer-Kloss, Frank Schmitz und Ralf Liptau gemeinsam mit den Architekturgeschichtsprofessoren aller vier Berliner Universitäten an die Öffentlichkeit. „Nicht nur unsachgemäß, sondern geradezu lieblos“, nennt Schmitz rückblickend den damaligen Umgang mit der Moderne. Liptau betont die Bedeutung der U-Bahnstationen als „einzigartiges baukulturelles Erbe“, fielen sie doch angesichts der damaligen deutsch-deutschen Teilung programmatisch opulent aus.

Im Verlauf des Jahres 2016 kamen dann zunächst die nachkriegsmodernen U-Bahnhöfe „Fehrbelliner Platz“ (Rainer G. Rümmler) und „Schloßstraße“ (Ralf Schüler/Ursulina Schüler-Witte) unter Schutz. Das Landesdenkmalamt beauftragte „Kerberos“ mit der Begutachtung der übrigen Stationen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Daraufhin folgten 2017 sieben postmoderne Stationen der 1980er Jahre in Spandau auf die Denkmalliste. Mit den aktuell 22 geschützten nachkriegsmodernen U-Bahnstationen sieht Pfeiffer-Kloss „jetzt den Westberliner U-Bahnbau von der frühen Nachkriegszeit bis in die späten 1980er Jahre“ abgebildet.

 

Berlin als Vorreiter

Mit dieser vernetzten Unterschutzstellung nachkriegsmoderner U-Bahnhöfe ist Berlin deutschlandweiter Vorreiter. Inzwischen haben die Denkmalämter im Rheinland und in München mit einer vergleichbaren Begutachtung begonnen. Für das Frühjahr 2019 ist die Tagung „Underground Architecture Revisited“ in Planung: Das Landesdenkmalamt Berlin, die Berlinische Galerie und die Initiative Kerberos wollen damit die Möglichkeiten der denkmalgerechten Sanierung von U-Bahnstationen in ganz Europa ausloten. Begleitet wird die Tagung von einer Ausstellung zum Berliner U-Bahnbau der Nachkriegsmoderne in der Berlinischen Galerie – eine Aktion, die moderneREGIONAL mit Überzeugung als Medienpartner begleiten wird. (db/kb, 11.11.18)

 

Frisch unter Denkmalschutz

Die meisten dieser Bahnhöfe entstanden nach Plänen des Berliner Baubeamten Rainer G. Rümmler. In den 1960er Jahren verewigten sich dessen Vorgänger Bruno Grimmek bzw. der damalige Senatsbaudirektor Werner Düttmann im Untergrund.

  1. U-Bahnhof Parchimer Allee (Werner Düttmann, 1960-63, Eröffnung 1963)
  2. U-Bahnhof Alt-Tempelhof (Bruno Grimmek, 1961-62, Eröffnung 1966)
  3. U-Bahnhof Westphalweg (Rainer G. Rümmler, 1963-64, Eröffnung 1966)
  4. U-Bahnhof Alt-Mariendorf (Rümmler, 1962-64, Eröffnung 1966)
  5. U-Bahnhof Möckernbrücke (U7) (Rümmler, 1962-65, Eröffnung 1966)
  6. U-Bahnhof Zwickauer Damm (Rümmler, 1967-69, Eröffnung 1970)
  7. U-Bahnhof Kleistpark (Rümmler, 1967-69, Eröffnung 1971)
  8. U-Bahnhof Eisenacher Straße (Rümmler, 1968-70, Eröffnung 1971)
  9. U-Bahnhof Nauener Platz (Rümmler, 1969-1975; Eröffnung 1976)
  10. U-Bahnhof Konstanzer Straße (Rümmler, 1969-73, Eröffnung 1978)
  11. U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz (Rümmler, 1973-78, Eröffnung 1978)
  12. U-Bahnhof Jungfernheide (Rümmler, 1974-77, Eröffnung 1980)
  13. U-Bahnhof Mierendorffplatz (Rümmler, 1974-77, Eröffnung 1980)

Titelmotiv: Berlin, U-Bahnstation „Konstanzer Straße“ (Bild: Ingolf, CC BY SA 2.0, 2013)

Bad Münstereifel, Astropeiler (Bild: Stephan Wershoven, CC BY SA 3.0, 2013)

Münstereifel baut

von Wilma Ruth Albrecht

Das Städtchen Münstereifel ist viel mehr als sein mittelalterlich-pittoreskes Image. Nach dem Zweiten Weltkrieg profitierte es von der Nähe zur Bundeshauptstadt Bonn und zur Metropole Köln. Am 4. August 1955 wurde Münstereifel zum fünften Kneippheilbad der Bundesrepublik. Bereits 1961 kamen 7.600 Kurgäste und 3.500 Gäste ohne Kuranwendungen für rund 145.000 Übernachtungen – verteilt auf vier Kurhäuser, 27 Kurheime, drei Hotels, vier Erholungsheime und 138 Privatzimmer. Ab Oktober 1967 schließlich durfte man hier den Titel „Bad Münstereifel“ führen. So wundert es nicht, dass die Kurstadt bis heute zahlreiche sehenswerte Bauten der 1950er Jahre vorzuweisen hat.

 

Eine Kurstadt im Aufwind

Das Jahr 1952 markierte den Aufbruch in die Wirtschaftswunderzeit. Eingeweiht wurden die Jugendbildungsstätte der Bergmannsjugend am Radberg (Architekt: Hanns Bökels, 2002 umgenutzt zu Wohnzwecken), das Kneippkurhaus Josefsheim am Nöthener Berg (später Residenz Nöthener Tannen, zurzeit Leerstand) und das Haus Sonnenhof im Schleidtal. 1954 folgten die Jugendherberge Rodert (Architekt: Wilhelm Denninger) und 1955 das Kneipp-Sanatorium Dr. Schumacher-Wandersleb (später Ambienta-Hotel, derzeit geschlossen).

Der Astropeiler Stockert (Technische Gesamtleitung: Pederzani, Telefunken) von 1956 wurde 2010 im Eigentum der NRW-Stiftung als Museum und Bildungsstätte wiedereröffnet. In den kommenden Jahren erweiterete man die schulische und touristische Infrastruktur: 1958 mit der Rechtspflegerschule im Schleital (Architekt: Josef Bischof, später Verwaltungsfachhochschule NRW), 1960 mit dem Kurhotel VierJahreszeiten (lange Bildungsstätte von Versicherungen, heute Leerstand), mit dem Kurhotel/Sanatorium Jungmühle in der Unnaustraße (2014 Umbau vorgesehen), mit dem Kurhotel Herrenbusch (1971 umgewandelt zur Bildungsstätte der Friedrich-Ebert-Stiftung, heute Privatklinik) und mit dem Mädcheninternat/-pensionat der Ursulinen (Architekt: Wilhelm Rudolf Koep). Am Übergang zu den 1960er Jahren stehen drei kirchliche, 1962 vollendete Bauprojekte: das Schwesternheim der Augustinerinnen „Maria Königin“ (heute heilpsychologische Einrichtung), das Internat der Ursulinen im Ottertal (Architekt: Wilhelm Rudolf Koep, heute genutzt von den „Legionären Christi“) und das Pfarrhaus der evangelischen Kirche Langenhecke (Architekt: Heinz Kleinert).

 

Elegante Gäste- und Privathäuser

Wie elegant die 1950er Jahre in Münstereifel aussehen konnten, ist beispielhaft an einem der prominenten Gästehäuser ablesbar: Das Kneipp-Kurhotel Berghof entstand 1960 nach Entwürfen des Architekten Friedrichs aus Horrem (Bauleiter: Delor). Das weit auskragende Vordach, das zugleich als Balkon dient, wird von einem V-Träger (Pilotis) gestützt. Auch die geschwungen verglaste Hotelempfangshalle mit Tür- und Fensterprofilen aus goldfarben eloxiertem Aluminium verweist ebenso in die 1950er Jahre wie der Naturstein-Bodenbelag, die Holzvertäfelungen, die nierenförmigen Pflanzbeete und die elegant gewundene Treppe ins Obergeschoss. Dieses Zeitkolorit ist nach der Übernahme, Renovierung und Erweiterung durch die Betriebsgenossenschaft weiterhin klar ablesbar.

Doch auch Privat- und Geschäftshäuser der 1950er Jahre zeugen bis heute von dieser Aufbruchszeit in Münstereifel: an der Bergstraße, im Ochhermen, in der Nöthener Straße, der Willy-Brandt-Straße, im Hennesweg, in der John Wiles-Straße, im Hubertusweg, in der Otterbach und im Uhlenbergweg.

 

Architekten wie Fritz Steinmann

Vor allem eine Architektenpersönlichkeit steht für die ersten Wirtschaftswunderjahre von Münstereifel: Dr. phil. Dipl.-Ing. Fritz Steinmann. 1909 geboren, verbrachte er seine Schuljahre in Münstereifel und Euskirchen. Das Studium der Kunstgeschichte führte ihn von 1927 bis 1939 an den Universitäten Innsbruck, München, Berlin. Nach dem Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg wurde Steinmann 1948 zum Dr. phil promoviert, schloss 1951 in Aachen sein Architekturstudium ab und arbeitete in der Folge bis 1955 als Assistent von Prof. Dr. Otto Gruber am Lehrstuhl Baukonstruktion und mittelalterliche Baukunst. Von 1955 bis 1960 wirkte er als freier Architekt, lehrte bis 1965 an der Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen in Köln und verstarb 1970.

Ab den frühen 1950er Jahren wirkte Steinmann in Münstereifel: 1952 gestaltete er die Kur-Lichtspiele in der Werterstraße 12 und das heute verfüllte Schwimmbad Goldenes Tal, 1957 die Marienschule „Volksschule“ (Fresko von Hans-Heinrich Adam, abgerissen in den 1990ern) auf der Windhecke. Für die katholische Filialkirche „Zur schmerzhaften Mutter“ im Stadtteil Rodert erweiterte er bis 1955 eine neugotische Backsteinkapelle, für die Bleiglasfenster konnte der Künstler Paul Weigmann (1923-2009) gewonnen werden. Die evangelische Kirche von Münstereifel hingegen erstellte Steinmann 1956 als reinen Neubau. In die Betonskelettkonstruktion mit einem Raster aus Schwammsteinen fügte der Künstler Hans-Heinrich Adam (1919-2007) eine moderne Glasgestaltung. Der 1998 fertiggestellte Neu- und Anbau mit Gemeindezentrum und Fahrstuhl tritt hinter der Kirche zurück und ist zugleich deutlich als neuzeitliche Zutat erkennbar.

 

Teil des städtischen Lebens

Doch auch im Profanbau ist das Werk von Steinmann in Münstereifel bis heute erlebbar. Von 1954 bis 1955 gestaltete er die Turnhalle des TUS 05 Arloff-Kirspenich. Für den Bau „umklammerte“ er eine Holzbinderkonstruktion u-förmig durch massiv aufgemauerte Giebelseiten. Mit dem Wohnhaus der Familie L. konnte Steinmann von 1958 bis 1959 sein Können auch im privaten Bereich unter Beweis stellen. Der Stampf- und Stahlbetonbau mit Schwemmstein-Trennwänden und einem asymmetrischen Satteldach steht im Hang, gesichert durch eine Stützmauer. Hier verschmilzt die Formensprache der 1950er Jahre aufs Beste mit der bei Kurgästen wie Einheimischen so beliebten naturnahen Umgebung von Münstereifel. (1.11.18)

 

Literatur (Auswahl)

Hürten, Toni, Chronik Bad Münstereifel. Band II. 1816-1970, Köln 1975, S. 134-139.

Bollenbeck, Karl Josef, Neue Kirchen im Erzbistum Köln 1955-1995, Köln 1995, S. 104, 381-382.

Birmanns, Jürgen, Die Geschichte des Kneipp-Heilbades Bad Münstereifel von den Anfängen bis zur Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der Heilpersonen und -institutionen, die sich der Kneippschen Heilweise widmeten und widmen, Diss., RWTH Aachen, 2000, S. 109.

Renn, Renn, Vom Fremdenverkehrsort zum Kurheilbad und zu Bad Münstereifel, in: Das Münster in der Eifel 2004, S. 130-137.

50 Jahre Evangelische Kirche Bad Münstereifel. Festschrift, hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Münstereifel, Bad Münstereifel 2006, S. 22.

Foxius, Armand, Was bleibt. Zeitungsartikel über Münstereifel für den Kölner Stadt-Anzeiger (1958-1961), hg. von Armin Foxius, Bergisch Gladbach 2013, S. 114f.

Bad Münstereifel, Astropeiler (Bild: Stephan Wershoven, CC BY SA 3.0, 2013)

Christoph Liepach, "Gera-Lusan" (Bild: Buchcover, Sutton Verlag, Erfurt)

Lusan, zum Beispiel

von Ben Kaden

Der Fotograf Christoph Liepach schenkte seinem Heimatort Gera-Lusan binnen zwei Jahren gleich zwei Bücher, die genaugenommen eins sind. Aber eben doch nicht ganz. Dass der „Stadtbilderklärer Gera-Lusan“ von 2016 und das soeben erschienene „Gera-Lusan – Vom Leben in der Trabantenstadt“ so ähnlich und doch unterschiedlich nebeneinanderstehen, ist im deutschen Verlagswesen begründet. Das erste Buch war überraschend schnell ausverkauft und so eigentlich vorbestimmt für eine zweite, erweiterte Auflage. Andererseits vielleicht auch nicht. Denn oberflächlich betrachtet erscheint das Thema so eingegrenzt, dass man sich beim Mitteldeutschen Verlag möglicherweise sagte: Alle, die sich für Gera-Lusan interessieren, müssten nun versorgt sein.

 

Unpacking Ostmoderne

Christoph Liepach ließ sich davon nicht entmutigen und nun liegt die überarbeitete Fassung des Stadtbilderklärers mit abgewandeltem Titel im kompakteren Format mit deutlich mehr Seiten in einem anderen Verlag zum exakt gleichen Verkaufspreis vor. Kennt man den einen Titel und blättert im anderen, dann stellt sich also eine Art fremd-vertrautes Gefühl ein, das erstklassig zum Gegenstand passt.

Lusan, ab 1972 im Süden von Gera auf die braune Ackerkrume gebaut, entstand in der für die DDR typischen industriellen Bauweise mit Komplexgliederung um drei Zentren (Süd, Laune, Brüte), die den Lebensrhythmus des Alltags wohlorganisiert auffangen sollten. Das teilt Lusan mit zahllosen anderen Neubauvierteln der DDR. Wer länger in einem solchen wohnte, erfährt meist unweigerlich ein Déjà-vu, wenn man in einem anderen dieser Viertel aus der Straßenbahn steigt. Diese Fremd-Vertrautheit ist ein kurioses Erbstück der Erinnerungskultur der DDR. Zugleich könnte es die wachsende Popularität der Ostmoderne in Popkultur und Architekturfotografie erklären. Ein Phänomen, das keinesfalls nur Ostdeutsche und Ostdeutschland betrifft, sondern dem man überall in Osteuropa begegnet. Darin ist viel Nostalgie, Faszination an der Utopie einer vermeintlichen Idealstadt, mitunter auch Heimweh nach einer Kindheit. Und dies alles steckt natürlich auch hinter dem Erfolg von Büchern wie dem Stadtbilderklärer.

 

Dicht mit Fakten

Freilich ist das vorliegende Buch in beiden Fassungen weit mehr als ein Erinnerungsbildband. Vielmehr eine sehr gelungene Fallstudie dafür, wie man sich empathisch Stadträumen wie dem von Lusan nähern kann. Und ähnlich diesen Räumen, erweist es sich als sonderbares, ein bisschen ungewöhnliches Hybrid, als Versprechen, das sich irgendwie einlöst und irgendwie nicht, weil es immer etwas anderes ist, als man zunächst zu sehen glaubt.

Das Buch ist dicht mit Fakten, zeigt Grundrisse und Modelle, benennt Stadtarchitekten, die Heimatfabrik der Straßenbahnen und die Schöpfer der baugebundenen Kunst bis hin zu den Hauseingangszeichen. Bei aller Detailliertheit ist es nirgends wissenschaftlich, denn es fehlen Forschungsfrage, Bibliografie und leider auch Begründung dafür, warum die Chronik 1986 abbricht.

 

Ein besonderes Heimatbuch

Die Auswahl der Bilder erinnert dagegen im positiven Sinne an auf Wiedererkennen gerichtete Heimatbücher. Auch der Klappentext spricht von einem „Bildband“. Aber zugleich ist das Buch mehr als ein solcher, da es versucht, mittels anekdotischer Eckpunkte und Zeitzeugenzitaten eine sozialhistorische Perspektive zu eröffnen. So verwischt, ob die Texte die Bilder beschreiben oder die Bilder die Texte illustrieren. Gab die erste Fassung des Buches mit dem Stichwort „Stadtbilderklärer“ einen Orientierungspunkt, führt „Vom Leben in der Trabantenstadt“ die Erwartung deutlich breiter. Ein Vorwort zur Motivation und zum Konzept wäre durchaus hilfreich gewesen.

Will man eine Kategorie für das Buch finden, so dürfte „Inventarisierung“ am besten treffen. Christoph Liepach trägt in Bild und Text zusammen, was zusammentragbar war und listet und beschreibt diese Fragmente – buchstäblich vom Kindergarten bis zum Pflegeheim. Das Ergebnis ist ein indirekt hochpersönliches und sehr schönes Dossier zur Geschichte des Neubaugebiets. Für die Zielgruppe „Erinnerung“ und besonders für die Menschen, die Lusan er- und belebt haben, entsteht so ein erstaunliches Panorama der Vergangenheit des Stadtteils – fast in Gestalt eines annotierten Fotoalbums. Für die Zielgruppe „Experten“ eröffnen sich zahlreiche Einstiegspunkte für weitere Recherchen, für die Suche nach Parallelen mit anderen Neubaugebieten der DDR und für die Verortung in der Städtebau-, Sozial-, Architektur- und eventuell auch Kunstgeschichte der DDR.

 

Es trifft

Man spürt, wie sehr Christoph Liepach selbst zwischen diesen beiden Polen schwankt: dem warmen Blick der teilnehmenden Erinnerung und dem abstrakten der fachlichen Analyse. Das Resultat hätte leicht beide Positionen verfehlen können. Ist man aber bereit, eine konkrete Vorerwartung zurückzustellen und das Buch als das Unbestimmte anzunehmen, was es ist, trifft es. Und es hinterlässt den Wunsch, dass schon aus Gründen der Materialsicherung viele andere dieser Neubaugebiete ihren Christoph Liepach finden würden und dass diese Christoph Liepachs einen Verlag finden, damit diese Dokumentationen zu oft übersehener Räume ihr Publikum finden. Gera-Lusan, das steht schon mal fest im Regal, ist dank Christoph Liepach in dieser Hinsicht glücklicherweise bereits gerettet. (25.10.18)

Liepach, Christoph, Gera-Lusan. Vom Leben in der Trabantenstadt, Sutton Verlag, Erfurt 2018, 128 Seiten, ca. 115 Abbildungen, 17 x 24 cm, Hardcover, ISBN 978-3-96303-034-5.

Roland Rainer: Stadthalle Wien, 1958 (Bild: Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Margherita Spiluttini)

Die Elastizitäten des Roland Rainer

Ein „Fall mit Diskussionsbedarf“, so kommentierte eine von der Stadt Wien beauftragte Studie den Roland-Rainer-Platz. Stein des Anstoßes waren offene Fragen zu den „biografischen Selbstauslassungen“ des Architekten zur NS-Zeit. Und da hätten wir das Problem, denn Rainer (1910-2004) steht mit seinen Nachkriegsbauten für ein in die Moderne und Demokratie aufbrechendes Österreich. Diesen Zwiespalt diskutieren Fachleute bereits seit den 1990ern. Doch in den vergangenen drei Jahren wurde der Rainer-Nachlass im Architekturzentrum Wien (Az) aufgearbeitet – und nun stehen neue Erkenntnisse im Raum.

 

1936: Aufbruch nach Berlin

1936 brach der österreichische Architekt Roland Rainer in Richtung Berlin auf. Mit dem Expansionswillen und den folgenden Kriegszerstörungen der NS-Zeit taten sich für junge Architekten gerade neue, großformatige und finanzstarke Tätigkeitsfelder auf: Für die Ostgebiete sollten neue Siedlungen geplant, die Städte im Reichsgebiet sollten für den künftigen Wiederaufbau vorbereitet werden. Hier lag der Grundstein für nicht wenige Architektenkarrieren der Nachkriegsmoderne, so auch für Roland Rainer: Er wurde Parteimitglied und machte sich in der Deutschen Akademie für Städtebau, Reichs- und Landesplanung mit der Grundlagenforschung der Zeit vertraut. Rückblickend marginalisierte Rainer seine Tätigkeit in diesen Jahren.

 

1963: Ende als Stadtplaner

Nach 1945 tat sich Rainer nicht allein als Architekt von Einzelbauten wie der Stadthalle Wien hervor. In vorderster Position wirkte er in der Wiener Stadtplanung, bis er dort 1962 ausschied. Er verwirklichte hochgelobte Siedlungsprojekte wie am Mauerberg in Wien (1962–1963) oder in Puchenau bei Linz (ab 1963). Dabei beruht seine 1957 mit Johannes Göderitz und Hubert Hoffmann herausgegebene Publikation „Die gegliederte und aufgelockerte Stadt“ nachweislich auf Ansätzen aus der Zeit vor 1945. Vergleicht man zwei Fassungen des Buchs von 1945 und 1957, wird deutlich: Das gleiche Konzept wird durch Streichungen, Neutralisierungen bzw. Hinzufügungen in ein neues politisches Kleid gehüllt.

 

2018: Neue Erkenntnisse

Mit solchen Gegenüberstellungen will die – von Ingrid Holzschuh, Monika Platzer und Waltraud Indrist kuratierte, in Kooperation mit der Akademie der bildenden Künste Wien erarbeitete – Ausstellung „Roland Rainer (un)umstritten. Neue Erkenntnisse zum Werk (1936–1963)“ einen differenzierten Blick eröffnen. Die Präsentation ist vom 20. Oktober bis zum 26. November 2018 im Az Wien zu sehen. Begleitend findet das Symposion „Roland Rainer im Kontext“ am 20. Oktober statt. Ausgewiesenen Wissenschaftler sollen diskutieren, wie sich bei Rainer die Zeit unter mit der Zeit nach Hitler verhält. Schon jetzt sprechen die Ausstellungsmacher von einer „Elastizität und Anpassungswilligkeit“ in der Vita Architekten, die nicht unhinterfragt bleiben dürfe. (kb, 4.10.18)

Titelmotiv: Roland Rainer: Stadthalle Wien, 1958 (Bild: Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Margherita Spiluttini)

Frankfurt am Main, Technisches Rathaus (Bild: © Postkarte, Verlag Arthur F. Krüger)

Modernes Fotoalbum Dom/Römer

Beim Gang durch die neue Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum reibt man sich verwundert die Augen. Ja, das sind immer wieder dieselben paar Quadratmeter überteuerten Frankfurter Bodens, die hier in alten, neuen, anderen Fotos ausgebreitet werden. In aller Detailtreue führen Kurator Philipp Sturm und Ko-Kurator Moritz Röger mit „Die immer neue Altstadt“ im versierten Galopp durch die Diskussionen, Planungen, Bauten, Abrisse und Wiederaufbauten der letzten rund 120 Jahre. Als würde der Weg durch die engen Gassen eben jener Altstadt führen, leitet die Ausstellungsarchitektur durch verwinkelte Bild- und Textwände. Immer wieder scheinen dazwischen Durchblicke zu großformatigen Stadtansichten auf. Ihnen gegenüber zitieren sich die Ausstellungsmacher in goldenen Lettern durch die Debatten der letzten Jahrzehnte. Noch 1973 witzelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, angesichts des neuen Betonbrutalismus am historischen Standort, von der „Trutzburg mit ein paar Blumentöpfen“. 2005 dann billigte der SPD-Vorsitzende Franz Frey den Bürgern 2005 „ein Recht auf Fachwerk“ zu, während der Frankfurter Planungsdezernent Martin Wentz 2015 schlicht von „Disneyland“ spricht. Die Ausstellung wird am 21. September 2018 um 19 Uhr eröffnet, ist anschließend bis zum 10. März 2019 zu besuchen. Natürlich gibt es ein reiches Begleitprogramm und einen opulent zu nennenden Katalog im Jovis Verlag. Und passenderweise findet sich das Hauptexponat, die neue neue Altstadt, nur wenige Gehminuten vom Museum entfernt. (kb/db, 21.9.18)

Köln, Amerika-Haus/Fritz-Thyssen-Stiftung, Tagung des Rheinischen Vereins am 6. September 2018 (Bild: Anke van Heyl)

Ein Selfie für Frau Ministerin

Was für Rockkonzerte gut ist, kann für eine Bautagung nicht verkehrt sein – dachte sich der Rheinische Verein (für Denkmalpflege und Landschaftsschutz mitsamt seinem Arbeitskreis Nachkriegsmoderne) und griff zum Handy. Mit einem Selfie aller Teilnehmer antworteten die Veranstalter auf das Video-Grußwort von Ina Scharrenbach, der nordrhein-westfälischen Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung. Ähnlich popkulturell kam das Tagungsthema daher: „Tausendfüßler, Laubfrosch und andere Charakter-Monster“, die oft geschmähten und dann doch wieder mit Spitznamen geadelten Nachkriegsbauten. Deren Schicksal, Bedrohung und Erhaltung stand am 6. September 2018 im Kölner Sitz der Fritz-Thyssen-Stiftung im Mittelpunkt von – ganz klassisch – Vorträgen, Workshops und Treppenhausgesprächen.

 

Eine(r) vor vielen

Nach einführenden Begrüßungen sprachen Prof. Dr. Hiltrud Kier (Universität Bonn), Dr. Ulrich Krings (Rheinischer Verein) und Alexander Kleinschrodt M. A. (Werkstatt Baukultur Bonn) eindrücklich über ihren Kampf um die 1950er, 1960er und folgenden Architekturjahrzehnte. Fast ist man versucht, von Zeitzeugenberichten zu sprechen (ja, Herr Kleinschrodt, Jahrgang 1985, so schnell geht das). In einem zweiten Block referierte Merlin Bauer über das erfolgreiche Kölner Projekt „Liebe Deine Stadt“ und Dr. Arnold Bartetzky (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, Leipzig) führte im eleganten Galopp durch die selbstbewussten Stadtplanungen der Ost- und Sowjetmoderne.

 

Viele miteinander

Dazwischen, so der Anspruch der Tagung, sollten möglichst viele möglichst viel miteinander ins Gespräch kommen. Da arbeiteten Workshops zu Inventarisation, Denkmalpolitik und Materialfragen der Nachkriegsmoderne, um die Erfahrungen der einzelnen Initiativen für alle anderen fruchtbar zu machen. Zuletzt diskutierten auf dem Podium, unter der Moderation von Tobias Flessenkemper, u. a. Oliver Elser (Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt), Anke von Heyl (Brutalismus im Rheinland, Köln), Dr. Jens Voß (Rheinische Post, Krefeld) und Prof. Dr. Matthias Müller (Rheinischer Verein, Mainz) über den aktuellen Balanceakt zwischen Abriss und Akzeptanz.

 

Jede mit jedem

Im Foyer und Treppenhaus des ehemaligen Amerika-Hauses (1955, Rolf H. Schickmann), selbst ein starker architektonischer Co-Referent der Tagung, waren die unterschiedlichsten Initiativen dazu eingeladen, sich in Info-Ständen vorzustellen: Architektur Forum Rheinland, BDA Köln, Brutalismus im Rheinland, City-Hof Hamburg, Denkmalverein Hamburg, Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege, Forum StadtBauKultur Bonn, haus der architektur köln, Initiative, , Kerbero, Initiative „perle sucht dame“ Köln, Labor Ebertplatz, moderneREGIONAL, ostmodern.org, Ruhrmoderne, urbanophil, Werkstatt Baukultur Bonn und Freunde des Mainzer Rathauses. Damit war der eigentliche Zweck dieses Moderne-Familientreffens voll erreicht: Leute, sprecht miteinander! (kb, 12.9.18)

 

Titelmotiv: Köln, Amerika-Haus/Fritz-Thyssen-Stiftung, Tagung des Rheinischen Vereins am 6. September 2018 (Bild: Anke van Heyl)

Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Wörth: Boom-Town am Rhein

von Tobias Flessenkemper mit Fotos von Gregor Zoyzoyla

Das einst beschauliche Fischerdorf Wörth am Rhein wurde 1977 zur Stadt. Im neu gegründeten Rheinland-Pfalz waren die pfälzischen Landesteile in der Nachkriegszeit wirtschaftlich unterentwickelt. Ziel der Ministerpräsidenten Peter Altmeier (1947-69) und Helmut Kohl (1969-76) war die (industrielle) Entwicklung des gesamten neuen Bundeslands. In Wörth gelang der Coup, als sich hier in den 1960er Jahren das weltweit größte Mercedes-Benz LKW-Montagewerk ansiedelte. Die Region wurde zudem europäisches „Ölkreuz“, an dem Pipelines aus Marseille, Triest und Genua zusammenliefen. 1970 eröffnete dann Mobil Oil eine Groß-Raffinerie. Industrieansiedlungen und das Wachstum der Oberrhein-Region um Karlsruhe ließen die Bevölkerung explodieren: Zwischen 1950 und 1970 verdoppelte sie sich und wuchs auf heute über 17.000 Menschen an. Wörth war zur Boom-Town des Ölzeitalters geworden.

 

Die „neue Stadt“ im Wald

Wörth entschloss sich, einen neuen Stadtteil auf dem östlich gelegenen Dorschberg „im Wald“ oberhalb des am Altrhein gelegenen historischen Orts zu errichten. Mit dem neuen Rathaus wurde aber auch signalisiert, dass der Dorschberg mehr als eine Trabantenstadt sein sollte. Er erhielt wichtige Schulen und Kirchen, eine Einkaufspassage, Sport- und Grünanlagen. In zwei Bauabschnitten entstand zwischen 1967 und 1975 das heutige Europa-Gymnasium nach Entwürfen des Architekten Egon Seidel. Die Jury lobte den Entwurf als gelungenen Schwerpunkt eines zukünftigen Stadtzentrums.

In der Wörther Ortschronik heißt es weiter: „Kultusminister Dr. Bernhard Vogel bezeichnete in seiner Festrede den Bau des Gymnasiums in Wörth als so bedeutsam für das südostpfälzische Industriegebiet wie die Gründung der Universität in Kaiserslautern in der Pfalz“. Außerdem entstanden Anfang der 1970er Jahre das Rathaus gegenüber dem Gymnasium, die katholische Pfarrkirche St. Theodard (1969-73) von Alois Atzberger und verschiedene Wohnquartiere für leitende und höhere Angestellte der Industrie und Arbeiterfamilien. Die moderne Stadtlandschaft auf dem Dorschberg wurde natürlich autogerecht angelegt, zum Ausgleich gab es u. a. einen zentralen Stadtpark und eine autofreie Fußgängerzone.

 

Amtlich geprüft

Vor Ort ist man heute besorgt um den Erhalt dieses qualitätvollen Erbes. Auch der Arbeitskreis Nachkriegsmoderne des RVDL (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz) engagiert sich für die nachkriegsmodernen Bauten auf dem Dorschberg. Vor diesem Hintergrund prüft die Generaldirektion für Kulturelles Erbe des Landes Rheinland-Pfalz (GDKE) seit August 2018 die Denkmalwürdigkeit des Europa-Gymnasiums und anderer Teile des Ensembles. Eine Inventarisation hat noch nicht begonnen und auch die Namen von Architekten und Künstlern sind noch nicht alle bekannt. Doch bereits jetzt überzeugen die Bauten – entstanden zu einer Zeit, als die Steuereinnahmen noch flossen, als Kunst am Bau verpflichtend war für öffentliche Projekte – durch ihre hohe Qualität vom architektonischen bis zum ausstattenden Detail. (24.8.18)

 

Literatur

Orts-Chronik Wörth am Rhein, Band 1, 1983, hierin: S. 1690.

Der Arbeitskreis Nachkriegsmoderne des RVDL (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz) freut sich über Hinweise, Bilder, Zeitungsausschnitte oder weitere Informationen über Wörth am Rhein und Dorschberg.

Der Dank des Autors für erste Informationen geht an Gregor Zoyzoyla, Philipp Ost, Cordula Schulze und Sascha Köhl.

Weinbauschule Krems, 1950/53 (Bild: Franz Biberschick, OTRS Ticket #2009042110052523, CC BY SA 3.0)

„Schöne bunte Kuckucksuhr“

von Dina Dorothea Falbe

Selten wurde Baukunst so instrumentalisiert wie in den 1950er Jahren. Die Diskussionen um die passende Architektur für eine neue Gesellschaft standen inmitten einer Abgrenzung von Nationalsozialismus und dem jeweils anderen politischen System im Kalten Krieg. So liegt es nahe, diese Aushandlungsprozesse anhand des Schulbaus zu untersuchen – zielte doch die amerikanische Unterstützung des westdeutschen Wiederaufbaus auf eine Re-Education. 2016/17 erschien zu diesem Thema das Buch „Testfall der Moderne – Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre“ der Architekturhistorikerin Kerstin Renz.

 

Instantheimat

Nicht nur Architekten, auch Politiker, Pädagogen und Soziologen äußerten sich in Fachbeiträgen zum Schulbau. Trotzdem war die Form der in den 1950er Jahren publizierten Schulen oft fortschrittlicher als ihr Inhalt. „Die öffentliche Bauaufgabe Schule hatte multiplikatorische Wirkung für die Ideen der Moderne“, stellt Renz fest. Anhand einiger Tagungen und Ausstellungen zum Thema sowie verschiedener Biografien wichtiger Architekten porträtiert sie die komplexen und teils widersprüchlichen Debatten: die Diskussion um den Schulbau als politische Disziplin, wie sie so offen, leidenschaftlich, staaten- und länderübergreifend seitdem kaum wieder geführt wurde.

Dass die Neue Schule im Gegensatz zu ihren teils massiven Vorgängerkonzepten keine städtegestaltende Rolle neben Rathaus und Kirche mehr spielen sollte, tat ihrem repräsentativen Anspruch nur bedingt Abbruch. Der Flachbau im Grünen war zwar nicht dominant, dafür diente er als Nachbarschaftszentrum. Dieser Idealtyp der westdeutschen Nachkriegsschule geht auf die CIAM in den 1930er Jahren zurück. Auf einer Schulbautagung 1952 in Kiel wurde er als amerikanisch vorgestellt, war aber, wie die Autorin erkennt, gerade in Verbindung mit einer gewünschten Natur- und Heimatnähe, auch in der völkischen Siedlungszelle der Nazis vertreten. Auf einer Tagung in Fredeburg sah man jedoch die Schule 1959 als „geistige Mitte“ der Gemeinde, in der sich „auch die Eltern zu Rat und Feier sammeln“ sollen und „in das Schulfenster ein Stück Heimat“ blickt. Im Sinne der Re-Education wollte man die „Kinder zur Natur und damit zur Menschlichkeit“ führen.

 

Beamtenschule

Die „vor und nach 1945 tätige Baubeamtenschaft“ mag, wie Renz schreibt, flächendeckende „Reformen erschwert“ haben. Zumindest sollte jedoch im Bestand das „Pult, dieses stärkste Wahrzeichen jeder autoritären Pädagogik“ verschwinden, wie der Pädagoge Fritz Behrendt 1953 ausführt. Zudem empfiehlt er Blumen, farbige Vorhänge und eine „schöne bunte Kuckucksuhr“. Im Auftrag Rudolf Hillebrechts baute auch Paul Bonatz 1956 noch eine „normale Volksschule“ mit „normalen Klassen“. Zugleich gehörte Hillebrecht jedoch u. a. mit Hans Scharoun und dem Dresdner Architekten Heinrich Rettig der „Gesellschaft für Freilufterziehung“ an – was für einen Austausch über die deutsch-deutsche Grenze und über unterschiedliche Architekturauffassungen hinweg spricht.

Fachveranstaltungen hatten eine politische Agenda: Wenn Otto Bartning in einer Stuttgarter Ausstellung mit dem Titel „Meisterarchitektur“ Schulentwürfe u.  a. von Hans Scharoun, Rudolf Schwarz, Franz Schuster, Hans Schwippert, Max Taut präsentiert, will er die Übertragung öffentlicher Bauaufgaben an Privatarchitekten fördern. Bartning sieht in Scharouns Plänen eine Überinterpretation in Form eines „gebauten Gesellschaftsmodells“. Renz bewertet den Entwurf jedoch sehr positiv als versuchte „Humanisierung der Moderne“: Im Gegensatz zu vielen Entwürfen dieser Zeit rücke er die kindliche Wahrnehmung in der Vordergrund. Scharoun sollte sich mit Walter Gropius als Fürsprecher von Ost- nach Westdeutschland orientieren. Dabei habe er – so schreibt Renz – in seinem Entwurf „neue Identitätsangebote für eine demokratische Gesellschaft“ entwickelt.

 

Völkerverständigung

Obwohl auch Scharoun zahlreiche Diagramme zu seinem Schulentwurf vorstellt, offenbart sich die Verwissenschaftlichung der Architektur öfter in einer sehr theoretischen Herangehensweise: Der eigentlichen Nutzer gerät eher in den Hintergrund. Hans Schwippert zeigt in Darmstadt 1960 einen sehr flächenintensiven Pavillonkomplex, der als „additive Großform, den Strukturalismus der 1960er Jahre vorwegnimmt“. Gleichzeitig gewinnt die Präsentation über Fotografien und Publikationen an Bedeutung. Dieses Zusammenspiel illustriert Renz an der Hanstanton High School von Alison und Peter Smithson, die auf Wunsch der Architekten nur ohne Nutzer fotografiert werden darf. Programmatisch ist auch das vom Schweizer Architekten Alfred Roth konzipierte Buch „The New School“. In englischer, französischer und deutscher Sprache werden Beispiele aus der Schweiz, England, USA, Niederlande, Schweden, Dänemark mit professionellen Fotos inszeniert, die wiederum die Perspektive des Kindes in den Vordergrund rücken. Durch diese vergleichende Schau wird der „Schulbau als Projekt der Völkerverständigung“ vorgestellt.

 

Praxistest

Das Buch bietet einen guten Überblick über die damals für Westdeutschland relevanten Schulbaudiskurse. Zudem wird die Debatte mit einer ausführlichen Vorgeschichte und Exkursen in die Schweiz, USA und Großbritannien in einen sinnvollen Kontext gestellt, der die Ideengeschichte wie auch die persönlichen Motive bestimmter Schulbauer nachvollziehbar macht. Die andere Seite des Eisernen Vorhangs wird dabei nur angedeutet. Neben den bereits erwähnten Verbindungen werden Ressentiments gegenüber wichtigen Schulbauarchitekten wie Ernst May und Wilhelm Schütte aufgrund ihrer politischen Orientierung bzw. ihrer Arbeit in der Sowjetunion erwähnt. Der Blick in die DDR bleibt unvollständig, was sicher vor allem dem bisherigen Forschungsstand geschuldet ist. Wenn zu dieser „anderen Seite“ ähnlich umfassende, fundierte Betrachtungen vorliegen, wird sich die politische Bedeutungsaufladung dieser Bauaufgabe noch klarer darstellen. Auch wenn in den 1960er und 1970er Jahren weniger breit und offen über Schulbaukonzepte debattiert wurde, wäre es interessant zu erfahren, welche Ideen der Moderne sich ggf. erst dann in der Praxis durchsetzen konnten. (6.8.18)

Renz, Kerstin, Testfall der Moderne – Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre, Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 2016/17, 17 x 24 cm, Klappenbroschur, ISBN 9783803008169.

Titelmotiv: Weinbauschule Krems, 1950/53 (Bild: Franz Biberschick, OTRS Ticket #2009042110052523, CC BY SA 3.0)

Köln, Ebertplatz (Bild: Ralf Liptau, Sommer 2018)

Erfrischend!

von Ralf Liptau

Am Kölner Ebertplatz sprudelt der Optimismus. Erst vor Kurzem haben wir darüber berichtet, wie der Landschaftsverband Rheinland (LVR) und der Kölner Stadtkonservator scheinbar einer Diskussion um den Denkmalschutz für die Platzanlage aus den 70ern ausweichen. Das dürfte nun nochmal deutlich schwieriger werden, denn eines der zentralen (wenn auch denkmaltheoretisch irrelevanten) Argumente gegen den Platz, wonach er nicht „funktioniere“, hat sich inzwischen in Wasser aufgelöst. Seit dem 14. Juli sprudelt die 1977 eröffnete und vor 20 Jahren stillgelegte wasserkinetische Plastik von Wolfgang Göddertz in der Platzmitte wieder und zeigt: Die Anlage funktioniert doch! Auch Wochen nach der großen Eröffnung zeigt sich der Platz tagsüber als belebtes Zentrum, als „Oase“ und „Insel der Glückseligen“. Die Initiative „Unser Ebertplatz“ jubelt, zahlreiche Kunstaktionen sind geplant und die Diskussion um Erhalt oder Vernichtung dürfte damit erst so richtig starten. Oder sich schon erledigt haben. (6.8.18)

Hamburg, Postpyramide (Bild: Initiative "Filme aus Beton", Hamburg)

Filme aus Beton

Ein Film über Hamburgs Nachkriegsmoderne müsste eigentlich schnell zu machen sein – so viel steht ja nicht mehr. Doch weit gefehlt, denn als sich jüngst eine Studentengruppe der HafenCity Universität Hamburg und der Hochschule für Angewandte Wissenschaften aufmachte, fand sie Stoff für immerhin acht Kurzfilme zu diesem Thema. Darin geht es ans Eingemachte: von der Diskussion um den Cityhof über den Abriss der Postpyramide bis hin zu der Bürostadt City-Nord, der Lenzsiedlung und dem Affenfelsen in Niendorf. Überall stießen die jungen Filmemacher auf widersprüchliche, in jedem Fall aber hochemotionale Reaktionen auf die Baukunst der Moderne.

 

Von Abriss bis Ästhetik

So massiv – auch in Hamburg – das Erbe der Nachkriegsjahrzehnte häufig daherkommt, so fragil ist aktuell ihr Erhalt. Obwohl die Nachkriegsarchitektur für einen noch ungebrochenen Optimismus, für die Hoffnung auf ein modernes Leben steht, sind viele dieser Bauten heute vergessen oder als hässlich gebrandmarkt. Allzuoft werden sie vernachlässigt, bis der Abriss unausweichlich scheint. Gerade in Hamburg drängt sich der Eindruck auf, dass vielerorts die Interessen der Denkmalpflege hinter denen der Wirtschaft zurückstehen müssen. Zugleich steigt das fachliche wie öffentliche Interesse an den Betonmonstern der 1960er und 1970er Jahre, auch in der Hansestadt.

 

SOS

In Hamburg bilden sich vermehrt Initiativen, die für den Erhalt einzelner nachkriegsmoderner Bauten kämpfen und zugleich einer Überteuerung des Wohnraums entgegenwirken wollen. Dieser Bewegung schlossen sich auch die Studierenden mit ihren Filmen bewusst an. Das Kurzfilmprogramm „Filme aus Beton. SOS Hamburger Nachkriegsmoderne“ möchte „zu einer Diskussion um den Erhalt der Nachkriegsmoderne auch außerhalb Hamburgs anregen“. Auf der Online-Plattform Vimeo wurde über fünf Wochen hinweg jede Woche ein Kurzfilm und präsentierten und auf das jeweilige Gebäude via Social Media hingewiesen. Ergänzt wurde die Aktion durch weitere Veranstaltungen, später gab es Screenings in der TU Dortmund, der Schaltzentrale und der Viktoria-Kaserne in Hamburg.

 

Beton zum Anschauen

Die nächste Möglichkeit, das Kurzfilmprogramm zu sehen, ist die Ausstellung „Filme aus Beton. Auf Röhre“ am 21. und 22. Juli im Kunsthaus Faktor in Hamburg. Oder die credit exhibit vom 25. bis 28. Oktober 2018 in der Affenfaustgalerie auf St. Pauli sowie der Architektursommer 2019. Außerdem wurde eine DVD mit Booklet veröffentlicht, die bei den jeweiligen Veranstaltungen bereitliegen wird. Online finden Sie die Aktion auf Vimeo, Instagram, Tumblr und Facebook. (kb, 17.7.18)

Titelmotiv: Hamburg, Postpyramide (Bild: Initiative „Filme aus Beton“, Hamburg)

Erfurt, Alstadt (Bildquelle. Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 9, 4, 1962, S. 355)

Formen der Veränderung

von Ben Kaden

Wer sich durch Ostdeutschland bewegt, entdeckt sie nach wie vor reichlich: Spuren der Bau- und Planungskultur des DDR-Städtebaus – und wie sie nach und nach gründlich überformt werden. Abriss, Umbau, Verfall sind die Formen der Veränderung, die auf das einwirken, was 1990 stadträumlich umgesetzt war. Der Denkmalschutz tritt mittlerweile zwar öfter auf, naturgemäß aber nur in Ausnahmefällen.

 

Wer schreibt, der bleibt

Den Dokumentationen dieser Planungen erging es zumindest etwas besser, auch wenn nicht alle Archive und Bibliotheken verlustfrei durch die 1990er und 2000er Jahre gelangten. Sie bleiben als Zeitzeugnisse und Material, dessen Aufarbeitung umso dringlicher erscheint. Denn ihre Bezüge, also die gebauten Zeugnisse der DDR, gehen zunehmend verloren oder werden überdeckt. Die Frage ist heute weniger, ob man sich damit befassen soll, sondern wie.

Es dauerte erstaunlich lange, bis sich Architektur- und Kulturgeschichte systematisch darauf einließen. Die Zahl der Publikationen wächst erfreulicherweise: Da sind zum einen die oft leicht nostalgisch eingefärbten Veröffentlichungen, die häufig unter dem arg engen Label Ostmoderne auffällige Leuchtturmprojekte der Schalenbauweise, den Alexanderplatzes und die Karl-Marx-Allee zur Schau stellen. Und da sind zum anderen die Fachbücher, die darüber hinaus einen analytischen und kontextualisierenden Ansatz verfolgen. Für die letztere Kategorie ist vor allem die in Weimarer Reihe „Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR“ zu nennen. In dieser erschien nun der sechste Band „Utopie und Realität“, der sich stadträumlich mit Erfurt, Oberhof, Suhl und Weimar (ergänzt um Gotha) in beeindruckender Detailliertheit auseinandersetzt.

 

Vier (+1)

Damit liegen nun für die benannten vier (+1) Städte materialreiche Fallstudien vor, die durchaus vorbildhaft sind. Denn trotz aller Dichte bleiben sie übersichtlich, gut lesbar, mit hohem Recherche- und Anregungspotential. So eröffnen sie einen einladenden Zugang zu diesen Fragen: Wie sollte eine sozialistische Stadt sein? Was wurde aus diesem Anspruch? Und was folgt daraus für die Gegenwart? Die vier behandelten Fälle sind auch deshalb besonders interessant, weil es sich gerade nicht um die schon recht gut beforschten sozialistischen Planstädte handelt, sondern um ein Bauen im bzw. mit Bezug auf den Bestand. Während Stalinstadt fast buchstäblich mit der Axt im Kiefernwald begonnen werden konnte, brachten alle vier untersuchten Städte bereits gesellschaftliche, traditionsgeprägte und ideelle Bezüge mit. Dazu kamen Kriegsspuren und wechselnde Vorstellungen des jeweils anzustrebenden sozialistischen Stadtideals.

Weimar beispielsweise galt als Kulturzentrum der DDR. Diese bedeutende Aufladung wirkte auf Überlegungen zur Stadtgestaltung zurück. Diese strebte von zunächst sehr radikalen Umgestaltungswünschen mehr und mehr in Richtung Bewahrung und Inszenierung des Gegebenen. Simon Scheithauer bestimmt das 1000-jährige Stadtjubiläum 1975 als eine Art Wendepunkt, der spätestens in den frühen 1980er Jahren zu einer „historiografischen Zäsur“ führte. Die im September 1975 ausgegebene Jubiläums-Briefmarke zeigt übrigens eine Stadtansicht Weimars: einen Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert.

 

„Selbstbehauptungsdenken“

Wo Weimar Kulturzentrum ist, ist Erfurt der Verwaltung und dem Selbstverständnis nach, wie Mark Escherisch eröffnet, eine Bürgerstadt mit ausgeprägtem „Selbstbehauptungsdenken“. Zugleich stand Erfurt etwas isoliert, bis es 1948 – wenn auch kurz – erstmalig Landeshauptstadt Thüringens sein durfte. 1952 war man dann „nur“ noch Bezirksstadt. Trotz einer Reihe von Luftangriffen blieb vergleichsweise viel historische Bausubstanz erhalten, was die Rekonstruktionsdebatten prägte. „Das neue Erfurt ist eine alte Stadt“, stellte der städtebauliche Wettbewerb 1966/67 in den Raum. Diese Prämisse überlebte die ganze DDR, auch wenn sie häufig konträr zu den Planungs- und Gestaltungswünschen der sozialistischen Moderne lag. Man wollte Geschichte und damit auch den Stadtkern erhalten, diesen zugleich mit sozialistischen Formen und Inhalten zusammenführen: Neu- und Altbauten sollten verschmelzen.

Wo die Aufteilung Thüringens in drei Bezirke für Erfurt zum Bedeutungsverlust führe, gewann Suhl: Es wurde ebenfalls Bezirksstadt und stach damit Meiningen (zu bürgerlich) und Sonneberg (zu grenznah) aus. Suhl galt als Arbeiterstadt, ab 1978 sogar als eine mit  Philharmonie. Die Stadtplanung musste sich für die neue Bezirksstadt also auch auf Verwaltung und Repräsentation konzentrieren. Hinzu kamen die Tallage und eine wenig beschädigte, dafür sehr dicht bebaute und besiedelte Innenstadt, wie Jens Nehring gründlich herausarbeitet. Das neue Stadtzentrum Suhls ist in der DDR-Baugeschichte einmalig. Im Gegensatz zu anderen neuen Zentren (Chemnitz, Dresden) entstand es nicht aus einer nachkriegsbedingten Notwendigkeit, sondern aus einer politischen Entscheidung heraus. Das Ergebnis: „eine Kleinstadt mit großstädtischem Charakter“. Heute erscheint die „Suhler Moderne“ fast wie eine Hypothek, zudem deformiert durch Abrisse bzw. Umbauten und von den heutigen Stadtplaner wenig wertgeschätzt.

 

Für Gäste aus aller Welt

Daniela Spiegel führt schließlich nach Oberhof. Das war bis 1985 nicht einmal eine Stadt, dafür jedoch schon seit dem frühen 20. Jahrhundert ein Wintersportzentrum mit saisonal schwankender Bevölkerungsdichte. Später sollte Oberhof zum „St. Moritz der DDR“ entwickelt werden, zum international erlebbaren Repräsentationsort der DDR. Das Interhotel „Panorama“ verkörperte diesen Wunsch wohl am sichtbarsten. Die Großgaststätte „Oberer Hof“, gedacht als Erlebniszentrum für die Gäste aus aller Welt, war in der Praxis dann doch vorwiegend ein Treffpunkt für Besucher aus allen Bezirken. Die Materialien Holz, Schiefer und hier und da Naturstein sollte zumindest als Referenz eine folkloristische und naturräumlich-traditionelle Stimmung erzeugen. Weitere prägende Bauten waren die FDGB-Ferienheime „Rennsteig“ (abgerissen 2002) und „Fritz Weineck“ (abgerissen 2003), die beide im Buch noch einmal auferstehen dürfen. Von einem im Stil der DDR-Postmoderne geplanten FDGB-Heim namens „Beerberg“ gibt es nur zwei Entwurfsabbildungen: Zum Ende der DDR existierte lediglich ein Fundament und danach kein weiterer Bedarf an zusätzlichen Ferienplätzen in Rennsteig-Nähe.

 

In der Abstellkammer

Während Weimar und Erfurt heute recht gut zu fahren scheinen, sind Suhl und Oberhof fast typische Fälle herausgeforderter ostdeutscher Kleinstädte, die sich neu finden müssen. Nachvollziehbar betont Daniela Spiegel, dass DDR-Planungen auch für das gegenwärtige Oberhof relevante Anregungen enthalten hätten – sofern man sie nicht bis 2016 in einer Abstellkammer des Bauamts vergessen hätte. Umso wichtiger sind Bücher wie das vorliegende, die weit über ein kurioses Interesse an einem abgeschlossenen historischen Feld hinausreichen. Sie ermöglichen ein wichtiges Tiefenverständnis dieser Stadträume, denen man heute leider zu selten eine zeitgemäße. souveräne und durchdachte Planung ansieht. (25.6.18)

Scheithauer, Simon /Escherich, Mark/Nehring, Jens/Spiegel, Daniela/Meier, Hans-Rudolf (Hg.), Utopie und Realität. Planungen zur sozialistischen Umgestaltung der Thüringer Städte Weimar, Erfurt, Suhl und Oberhof (Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR 6), Bauhaus Universitätsverlag Weimar, Weimar 2018, 244 Seiten, 20,3 x 1,5 x 24,9 cm, ISBN 978-3957732446.

Erfurt, Altstadt (Bildquelle. Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 9, 4, 1962, S. 355)

Uelzen, Wilgrü-Kaufhaus (Bild: Denise Brauch, 2012)

Ein kurzer Abriss von Uelzen

Es gibt Leserzuschriften, da bleiben wir länger hängen. Eine von ihnen erzählte von einem verlorenen Stück deutsch-jüdischer Geschichte, von einem, von mehreren Kaufhäusern der 1950er Jahre, die in Uelzen verloren gingen. Seit 2016 nennt man sich hier, nach 500 Jahren Pause, stolz wieder Hansestadt. Und trotz der Stadtbrände von 1646 und 1826 bietet das Stadtbild bis heute ein architektonisch vielfältiges Nebeneinander – vom Fachwerk bis zum Neubau. Nur die 1950er Jahre, die sucht der Besucher in Uelzen oft vergebens. Denn vieles, für Modernisten allzu vieles, ist bereits dem Bagger zum Opfer gefallen.

 

WILhelm GRÜn

Das Kaufhaus „Wilgrü“ in der Gudesstraße z. B. erhielt seinen Namen aus einer Abkürzung des Namens seines damaligen Eigentümers: Wilhelm Grün. Mitte der 1930er Jahre, zu Zeiten der Arisierungen jüdischen Besitzes, ging das Textilkaufhaus Plaut durch verschiedene Hände. Nachdem der Traditionsbau im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, entstand auf dem prominenten Eckgrundstück Schuhstraße/Gudenstraße das optimistisch geschwungene Modehaus Wilgrü mit Flugdach und Rasterfassade. Gemeinsam mit angrenzenden Wohn- und Geschäftsbauten musste das über 60-jährige Wilgrü-Bauwerk 2012 für eine neue Niederlassung von C & A weichen.

 

Von „schon weg“ bis „fast weg“

Das Park-Theater, ein 1949/50 entstandenes Kino, wurde 1996 geschlossen und anschließend niedergelegt – zugunsten einer Rasenfläche. An der Stelle eine Esso-Typentankstelle mit Waschstraße, erbaut Mitte der 1950er Jahre, findet sich heute ein Parkplatz. Hoffnung gibt es vielleicht noch für das Kaufhaus Röll, errichtet nach Plänen des Architekten Adolf Wendhut, das „nur“ verändert, aber noch nicht gänzlich verloren ist. Und nicht zuletzt ist das Kreishaus Uelzen aus dem Jahr 1954 bereits angezählt. Der Baugrund für den Neubau an anderer Stelle ist vorbereitet, er soll 2021 bezogen werden. (kb, 26.6.18)

Titelmotiv: Uelzen, Wilgrü-Kaufhaus (Bild: Denise Brauch, 2012)