Günther Brendel zum 90.

Sein mit 35 Metern längstes Kunstwerk existiert noch: im Bankettsaal des ehemaligen Staatsratsgebäudes der DDR, direkt neben dem Humboldtforum, in Nachbarschaft zum Roten Rathaus und zum Auswärtigen Amt, das auch mit Brendel-Bildern geschmückt ist. Es befindet sich dort seit 56 Jahren, hat auch den Mauerfall unbeschadet überlebt. Der Wandfries aus Meissener Porzellan ist nicht im öffentlichen Blickfeld, sondern hängt hinter verriegelten Türen. Vielleicht hat ihn gerade das gerettet. Sein Erschaffer Günther Brendel wird am 17. Januar 90 Jahre alt.

Berlin, Staatsratsgebäude (Bild: Danuta Schmidt, Claudia Brendel)

Er lebt am Berliner Thälmann-Park in seiner Atelierwohnung, an den Wänden lehnen Leinwände mit Familienporträts, dem Karpfen auf dem Tisch und immer wieder Landschaften und Stadtansichten. Brendels Sujet Nummer eins ist die Natur, das Naturstudium, die gegenständliche Malerei. Oft Blumen-Stillleben. Die sind zeitlos, kontextfrei, lassen wenig Spielraum für Deutung und Interpretation und sind somit in der kritischen Kunstgeschichts-Aufarbeitung auch nicht als so genannte „Auftragsmalerei“ einzuordnen. Viele andere Bilder liegen im Kunstarchiv Beeskow, wo er der am häufigsten vertretene Künstler ist.

Im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR, heute eine private Wirtschaftsschule (ESMT), hängt das besagte Porzellan-Kunstwerk „Das Leben in der DDR.“ 1964 wurde es mit der Eröffnung des Gebäudes feierlich übergeben. Über den gekreuzten Schwertern, dem Signet des Meissener Porzellans, hat sich auf einer der Porzellanfliesen der Maler mit seinem Schriftzug verewigt. Das in Staatsauftrag entstandene Stück benötigte noch nicht einmal eine Sanierung. Als Werk einer abgeschlossenen Gesellschafts- und damit einer abgeschlossenen Kunstepoche, der Ostmoderne, hat es hohen ideellen und wachsenden materiellen Wert.

Berlin, Staatsratsgebäude (Bild: Danuta Schmidt, Claudia Brendel)

Der in Weida geborene Brendel bewarb sich 1948 als gelernter Dekorationsmaler in Weimar und wurde genommen: „Wahrscheinlich haben die von der Prüfungskommission gedacht, ich sei mit dem alten Brendel verwandt“ kokettiert er heute. Der „Alte“ war der Maler Albert Heinrich Brendel, der Ende des 19. Jahrhunderts Rektor der Kunstschule war. In Weimar traf Günther auf den gebürtigen Sonneberger Werner Stötzer und den aus Tschechien stammenden Walter Womacka, die ihn ein Leben lang begleiteten. Die drei Künstler waren beim Aufbau der DDR dabei – und wurden selbst mit aufgebaut. Als ihr Land abgewickelt wurde, sie gingen in Rente. 1949, im Gründungsjahr der DDR war der Thüringer 19 Jahre jung. An der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste in Weimar war er unter anderem bei Bauhaus-Schüler Hanns Hofmann-Lederer in der Ausbildung.

1952 wurden die Lehrgebiete auf andere Städte aufgeteilt, Weimar wurde für die Architektur neu strukturiert: die Formgestalter kamen nach Weißensee, die Grafiker und Buchkünstler nach Leipzig, die Maler und Bildhauer gingen mit ihrem Professor Fritz Dähn nach Dresden: „Dort hat es mir überhaupt nicht gefallen. Meine Straßenbahn fuhr durch Trümmer, jeden Tag. Die Stadt war total zerstört.“ Als sein Porzellan-Tafelbild im Staatsratsgebäude durch Walter Ulbricht eingeweiht wurde, lebte Brendel bereits zehn Jahre in Berlin und war seit einem Jahr einer der jüngsten Professoren (39) in der Weißenseer Kunsthochschule. „Es fehlte eine Generation dazwischen, die Kriegsgeneration. Daher mussten wir Jungen ran.“ Die Studenten seien gern zu ihm gekommen, weil es hieß, bei ihm könnten sie machen, was sie wollten. Bei aller Freiheit lenkt Brendel ein: „Der Realismus war die Basis, also Naturstudium. Das mussten sie beherrschen. Es kam keiner, der nicht zeichnen konnte.“ In seinem Hochschul-Atelier stand ein Sofa, auf dem er stets eine Stunde Mittagsschlaf gehalten hatte. Dieser Mittagsschlaf ist ein Ritual, das geblieben ist. Auch in seiner Atelierwohnung nimmt sich der emeritierte Kunstprofessor jeden Tag seine Auszeit, um Kraft zu schöpfen.

Günther Brendel 2019 im Atelier (Bild: Danuta Schmidt, Claudia Brendel)

Die DDR begleitet Günther Brendel noch heute: Seit 1984 lebt er am Thälmann-Park in einer der wenigen (heute denkmalgeschützten) Atelier-Wohnungen, die der Staat ausschließlich und einzigartig für Künstler bauen ließ: Dachgeschoss, Maisonette, zwei Loggien mit Ausrichtung nach Südost und nach Nordwest, malfreundliches Licht. Hier wird heute gefeiert, auch wenn Brendel gerade Winterschlaf hält. Die Wohnung gleicht einem Museum; Bilder stapeln sich, Fundstücke aus der Natur, Steine, Muscheln, gepresste Pflanzen, auch aus seinem Garten in Berlin-Karow, seinem zweiten Wohnsitz nahe an der Natur. „Ich bin ein Sammler, das entspricht eigentlich nicht der Bauhaus-Idee“, sagt der fünffache Vater. Seine drei ältesten Kinder studierten angewandte Kunst: Sohn Albrecht die Buchkunst, Tochter Mareill Mode und Tochter Claudia Textildesign/Malerei. 2010 fand in der Berliner Galerie 100 eine große Familienausstellung statt. Micha Brendel, der Neffe des Malers, ist heute der bekannteste Künstler der Familie.

Günther Brendel sagt, es sei egal, ob seine Bilder gesehen werden. Er müsse malen, es sei ein Drang, der Drang nach Ausdruck. Warum er das heute sagen kann? „Ich habe in einem Zeitalter der Kunst und Wissenschaft gearbeitet, ich konnte von meiner Kunst leben.“ Diese Kunst hängt noch, obwohl das technische Zeitalter angebrochen ist. Brendel ist sich sicher, dass er seine Bilder heute in Galerien ausstellen könnte. Dazu habe ihm, der weder in Parteifunktion noch bei der Armee war, die DDR alle Wege (auch nach Marokko, Syrien, Frankreich) geebnet und ihm Renomee verschafft. Claudia Brendel möchte gerne anlässlich des Geburtstages ihres Vaters eine Ausstellung organisieren. Das sei schwer genug, sagt die 47-Jährige, die heute Kunstkurse an einer Schule gibt. Ohne Förderung sei eine Retrospektive nicht zu stemmen. Die sähe sie gerne im Barberini-Museum Potsdam. Dort hing 2017 auch sein Stillleben aus dem Palast der Republik in der Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“. Viele seiner Wegbegleiter leben nicht mehr, doch Günther Brendel findet immer wieder neue – wie seine Enkel und Urenkel, die er immer wieder inspiriert und sich von ihnen inspirieren lässt. (Danuta Schmidt, 17.1.20)

Titelfoto: Günther Brendel bei der Arbeit 2019 (Bild: Danuta Schmidt, Claudia Brendel)

mR-Adventskalender 2019

Mit der normierten Türklinke, gestaltet nach einem Entwurf von Ferdinand Kramer, prägte das Neue Frankfurt die Eingänge von Rhein-Main und darüber hinaus – ein standardisierter Design-Klassiker, der an jedem Ort anders wirkt und eine andere Geschichte birgt. Für den mR-Adventskalender 2019 stehen moderne Türeingänge, -klinken und -drücker in Rhein-Main im Mittelpunkt – und deren Strahlkraft in die gesamte Bundesrepublik: je 1 Foto einer modernen Tür(klinke) mit einem kurzen Begleittext von 24 Worten. Dies fügt sich dann ab dem 1. Dezember zu einem Architekturkalender der besonderen Art. 

Wir danken für Ihre Mitarbeit diesen Text- und Bildautor*innen: Anke van Heyl, Maximilian Kraemer, Peter Liptau, Martin Maleschka, Johannes Medebach, Adrien Ranneberg, Peter Paul Schepp, Cordula Schulze, Harald Wetzel, Gregor Zoyzoyla. Der mR-Adventskalender 2019 wird redaktionell begleitet von Karin Berkemann, Maximilian Kraemer, Peter Liptau, Johannes Medebach.

Sie suchen noch ein modernistentaugliches Weihnachtsgeschenk? Da hätten wir was!

Titelmotiv: Frankfurter Türklinke in Afrika – mehr dazu an einem der Kalendertage (Bild: privat); Kalenderbild: Kramer-Türklinke (Bild: Alexandros Vittoratos, CC BY SA 3.0, 2012)

Der mR-Adventskalender 2019 wird unterstützt vom Dezernat Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main.

Lampugnanis bedeutsame Belanglosigkeiten

„Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, steht eine Laterne und steht sie noch davor …“. Diesmal geht es aber nicht um Lili Marleen, sondern tatsächlich um die Laterne – und alles, was vermutlich in ihrem Umfeld steht: Haltestellen, Kioske, öffentliche Toiletten, Telefonzellen, Schachtdeckel, U-Bahn-Eingänge, Uhren, Poller, Ampeln, Baumscheibenabdeckungen, Hausnummern, Straßenschilder, Sonnenschirme, Gastronomiebestuhlungen, Briefkäsen, Müllbehälter, Hydranten. Dinge, so die These der hier zu besprechenden Publikation, die dem Betrachter einer Fotografie allein schon einen Ortsbezug erlauben.

Paris ohne Eiffelturm

Paris (Bild: tsuru0164, via pixabay.com)

Das Lichtbild einer Straßenszene gehört auch ohne Eiffelturm nach Paris, oder nach Berlin ohne Brandenburger Tor. Und das lässt sich daran erkennen, wie die Straße ausstaffiert ist. Wie der Bodenbelag des Trottoirs beschaffen ist. In Berlin wäre da das Kopfsteinpflaster mit der „Hauptspur“ aus großformatigen Steinplatten. Gusseiserne Jugendstil-Pendelleuchten lassen uns sofort an Paris denken, Schinkellaternen hingegen an Berlin oder München. All dies sind scheinbar belanglose Dinge, Nutz-Architekturen und -Objekte. Dinge, die einfach irgendwann verschwunden sind, ohne dass groß Notiz davon genommen wurde. Ein Gullideckel wird ersetzt, eine neue Beleuchtung eingerichtet, das Ampelsystem geändert. Und erst auf alten Fotos stellen wir fest: „Da war ja mal ein Kiosk an der Ecke.“ Oder: „Stimmt, diese Art Parkbänke standen hier früher!“

Der Schachtdeckel erweist sich als wahrer Geschichtsspeicher: Das Material sagt schon viel über die Entstehungszeit aus – Stein, Fließstahl, Beton und Kunststoff. Abgebildete Normen, Firmennamen, Orte und Modellnummern ergeben ein historisches Quellennetz. Da finden sich in Brandenburg noch Exemplare aus der Vorkriegszeit, produziert im heutigen Polen. Im badischen Rastatt hat sich ein Deckel erhalten, hergestellt in „Straßburg am Rhein“, also vor 1918. Und über so manch einem Kellerfensterschacht liegt noch ein Gitter, auf dem der Schriftzug „Mannesmann Luftschutz“ eingepresst ist.

Lampugnani en detail

Gullideckel (Bild: MichaelGaida, via pixabay.com)

Der Anfang ist meist ähnlich und die pragmatische Notwendigkeit steht zu Beginn: Funktion und Nutzung. Jedes der erwähnten Objekte ist ein Ort, an dem Bedürfnisse zu einer Form finden. Trinken, essen, ausruhen, informieren, laufen, auf- und absteigen, kommunizieren, beleuchten, Notdurft verrichten. Hier kommen Leben und Gestaltung zusammen, im Idealfall sogar Leben und Schönheit, so schreibt Vittorio Magnago Lampugnani, Architekturtheoretiker und Autor des frisch erschienen Buchs „Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum“. Ausgehend von seinen Forschungen an der ETH Zürich, kulminierte das Thema im Symposium „StadtRaumDetail“ in der Bauakademie Berlin – als Emeritierungsgeschenk seiner Kollegen.

Auf knapp 180 Seiten will Lampugnani die erwähnten Objekte und Details – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – in Kategorien einteilen. Am Ende steht eine Systematik von Mikroarchitekturen (Kioske, Haltestellen etc.), Objekten (Hausnummern, Denkmäler, Ampeln etc.) und Elementen (Schaufenster, Schachtdeckel etc.). In den jeweiligen Unterkapiteln werden die „Protagonisten“ der Szenerie behandelt, darunter eben auch die Stadtbeleuchtung. Das Buch konzentriert sich vor allem auf die Metropolen Paris, Rom, Berlin und London. Denn hier begannen in der Regel die technischen Neuerungen und hier sind sie vermutlich am besten dokumentiert. Entstanden ist ein erhellender Überblick über all die vermeintlichen Belanglosigkeiten im Stadtraum, die da waren und noch sind. (pl, 22.11.19)

Lampugnani, Vittorio Magnago, Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, 192 Seiten, 26 x 18cm, Klappenbroschur mit vielen Abbildungen, ISBN 978-3-8031-3687-9.

Titelmotiv: Buchcover (Bild: Verlag Klaus Wagenbach)