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Wie Bilder Dokumente wurden

Ein Foto ist unbestechlich, so der immer wieder beschworene und nicht minder häufig verworfene Mythos. Seit ihrer Erfindung vor rund 180 Jahren rangieren Lichtbilder irgendwo zwischen Kunst und Quelle. Ein im Berliner Kadmos-Verlag erschienener Sammelband sucht nachzuzeichnen, „wie Bilder Dokumente wurden“. Dabei stützen sich die Beiträge auf einen Begriff, der zwar bereits in den 1890er Jahren vereinzelt verwendet und diskutiert, aber erst in den 1920er Jahren allgemein mit der Fotografie verbunden wurde. Trotzdem könne die Kategorie „dokumentarisch“, wie die Herausgeberin Renate Wöhrer in ihrer Einleitung zusammenfasst, rückwirkend auch auf ältere Lichtbilder angewendet werden. Denn die Definition werde „in einem Zusammenspiel von Darstellungspraktiken und Begriffen permanent neu ausgehandelt“.

Das Foto ist die bessere Zeichnung

Diesem Entwicklungsprozess folgt die Publikation in vier Teilen – und damit entlang einem Zeitstrahl von der Erfindung der Fotografie Mitte des 19. bis hin zu deren künstlerischer Aneignung Ende des 20. Jahrhunderts. Zu Beginn wird herausgearbeitet, wie die Fotografie im ausgehenden 19. Jahrhundert an die Stelle der Zeichnung trat, als deren quasi automatisierte und damit vermeintlich unbestechliche Schwester. Es folgen exemplarische Studien u. a. aus der Anthropologie, Ethnologie und der erkennungsdienstlichen Praxis, als das Foto die Rolle des Papiers einnahm und ihm um 1900 hohe Beweiskraft zugeschrieben wurde. Damit wies man auch dem fotografischen Engagement der Amateure eine dokumentarische Kraft zu, die bei der wissenschaftlichen Inventarisierung einer untergehenden Historie hilfreich sein sollte.

Von der Quelle zur Kunst

Weitere Beiträge umreißen den Weg eines Dokuments durch das zunehmend professionalisierte Archiv- und Registraturwesen, in das auch die Fotografie Schritt für Schritt eingebunden wurde. Nicht umsonst waren es die 1920er Jahre, die mit der Neuen Sachlichkeit auch die „Wahrhaftigkeit“ der Fotografie als künstlerischen Wert erkannten und als Stilform etablierten. In der Zusammenschau fügen sich die Einzelbeiträge zu einer kleinen Kulturgeschichte der Fotografie, mit einem besonderen Blick auf deren Rollenzuweisungen. All dies ist erhellend – nur ein großzügigerer Einsatz fotografischer Abbildungen hätte in einer derart reflektierten Beschreibung des Mediums nicht nur den Leser erfreut, sondern sicher auch zur vertieften Erkenntnis beigetragen. (kb, 18.3.19)

Wöhrer, Renate (Hg.), Wie Bilder Dokumente wurden. Zur Genealogie dokumentarischer Darstellungspraktiken (Kaleidogramme 119), Kadmos Verlag, Berlin 2015, 340 Seiten, ISBN 978-3-86599-240-6 (Broschur).

Titelmotiv: Der Fotograf Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg, Mai 1937 (Foto: Gerta Taro, PD)

München, Wohnanlage "Orpheus und Eurydike" (Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Michael Forstner)

Die Liebe in Zeiten des Brutalismus

von Wiepke van Aaken

In der griechischen Sage waren die Liebenden Orpheus und Eurydike dazu verdammt, auf ewig voneinander getrennt zu bleiben. Ihren klingenden Namen trägt in München eine zweigeteilte Wohnanlage, die jüngst zum Denkmal erhoben wurde. Der Sichtbetonbau im Stil des Brutalismus erhebt sich im nordöstlichen Schwabing unweit des Englischen Gartens in attraktiver Lage gegenüber dem Ungererbad. Auf dem großen Eckgrundstück zwischen Soxhletstraße und Ungererstraße fanden sich zuvor Garagen, Baracken und eine Tankstelle. 1970 erstellte die Architektengemeinschaft Jürgen Freiherr von Gagern, Peter Ludwig und Udo von der Mühlen Pläne für eine Anlage mit insgesamt 148 Eigentumswohnungen, die 1973 bezugsfertig waren.

Der mächtige Orpheus

Vor den olympischen Sommerspielen 1972 erlebte München einen baulichen Entwicklungsschub, der den quälenden Wohnungsnotstand einer sich seit 1945 mehr als verdoppelten Bürgerschaft allmählich milderte. In Opposition zu städtischen Strategien für großmaßstäbliche Siedlungen organisierte sich 1968 eine Gruppe aus Architekten, Planern und Bürgern zum Münchner Forum. Mitinitiator war Jürgen Freiherr von Gagern, der sich für ein individuelles Wohnen einsetzte. Gemeinsam mit seinen Partnern untergliederte er daher das Projekt „Orpheus und Eurydike“ in zwei Gebäude: das mächtige, 13-stöckige Hochhaus Orpheus zur Ungererstraße und das breitgelagerte, neungeschossige Haus Eurydike zur ruhigeren Soxhletstraße. Dem Orpheus wurde eine ebenfalls von der Architektengemeinschaft entworfene Shell-Tankstelle mit drei Zapfsäulen vorgelagert, deren schweres Dach über drei schlanken Stützen zu schweben scheint. Der Verkaufsraum und die Serviceräume der Tankstelle inklusive Autowaschanlage sind bis heute – neben anderer gewerblicher Nutzung – im Erdgeschoss des Hochhauses untergebracht.

Bei Orpheus handelt sich um einen Sichtbetonbau auf einem vieleckigen, annähernd trapezförmigen Grundriss mit 112 Eigentumswohnungen. Seine Fassaden werden zu drei Seiten durch breite, versetzt angeordnete Balkone aus Betonfertigteilen bestimmt. Ihre flügelähnlichen, abknickenden Flächen, die sich nach außen neigenden Brüstungen mit Blumenwannen und schrägen Trennwänden zum Nachbarn verleihen Orpheus eine dynamische Wirkung. Das Innere wird entlang eines abknickenden, sich verzweigenden Mittelgangs abwechslungsreich erschlossen. Pro Geschoss finden sich neun unterschiedlich geschnittene Wohnungen mit ein, zwei oder drei Zimmern und Balkon auf einer Grundfläche von 40 bis 99 Quadratmetern. Das Terrassengeschoss teilen sich drei Wohnungen von bis zu 297 Quadratmetern Grundfläche. Die mehrheitlich kleinen bis mittelgroßen Wohnungen wurden im Erbbaurecht verkauft. Als Käufer waren Durchschnittsverdiener vorgesehen.

Die ’schöne‘ Eurydike

Ganz anders die Wohnungen der großzügigeren und gestalterisch aufwendigeren, der ’schönen‘ Eurydike: Diese waren für eine wohlhabendere Käuferschicht bestimmt, die mindestens 354.000 Deutsche Mark für eine der 36 Eigentumswohnungen zahlen sollte. Die Eurydike setzt sich aus zwei im flachen Winkel zueinander stehenden Flügeln zusammen. Dazwischen ist ein freistehender Erschließungsturm mit einem umlaufenden, verglasten Treppenaufgang und ebenfalls verglasten Verbindungsbrücken angeordnet. Die Sichtbeton-Fassaden beider Gebäudeflügel zeigen zur Straße wie zum rückwärtigen Garten eine einheitliche Gestaltung aus vorspringenden oder eingezogenen Elementen. Auch hier wirken die Balkone bestimmend, die durch die vorgezogenen Wohnungstrennwände eher als Loggien ausgebildet sind. Die Gliederung der Fassaden ergibt sich aus den Grundrissen der Wohnungen, die als ineinander verschränkte, durchgesteckte Maisonettes über jeweils 1,5 Etagen angelegt sind. Doppelgeschossige Räume mit breitem Balkon in der unteren Wohnebene und seitlichem, schräg gestelltem Balkon in der oberen Ebene der einen Maisonette-Wohnung wechseln sich mit den breiten Balkonen vor den Schlafzimmern der nächsten Wohnung ab. Durch eine Vollverglasung mit Aluminium-Fenstern und -Schiebelementen erscheint die Eurydike offen und einladend.

Im Innern sind die Wohnungen beidseits eines Mittelflures entweder als Ost- oder Westtyp organisiert. Der Osttyp wird auf der Wohnebene betreten und über eine Wendeltreppe das durchgehende obere Geschoss mit Küche, Galerie und zwei Schlafräumen erreicht. Der Westtyp hingegen hat seinen Eingang auf der oberen und die Schlafräume auf der unteren Ebene. Die obersten sechs Wohnungen verteilen sich jeweils über 2,5 Etagen, besitzen eine ausgedehnte Dachterrasse und sind mit 300 Quadratmetern Grundfläche die großzügigsten Einheiten der Anlage. Die Grundrissgestaltung der Wohnungen sollte jeweils durch den neuen Eigentümer individuell angepasst werden. Daher verzichtete man weitgehend auf tragende Innenwände. Stattdessen wurden die Trennwände durch einen 11,5-Grad-Knick ausreichend ausgesteift.

Das verbindende Grün

Der farbenfrohe Erschließungsturm mit den Aufzügen, den Klingelschildern, der Briefkastenanlage und der gestreiften Auslegware in den Fluren und Noppenböden wurde – im Hinblick auf die Vorgaben der Tankstelle – von Eva-Maria von Gagern-Hübsch in Gelb, Orange, Grau und Pastellgrün entworfen. Für Orpheus und Eurydike lobte schon die Verkaufsbroschüre „das Zusammenspiel von Phantasie und den technischen Möglichkeiten des Stahlbetons“. Die eingesetzte Halbfertigbauweise wurde von der Architektengemeinschaft zuvor für die Wohnanlage „Max und Moritz“ im Münchner Süden erprobt. Fertigteilplatten aus 20 Zentimeter starkem Stahlbeton wurden über einer Dämmschicht Ortbeton in Spezialschalung vorgesetzt. Bei den nichtgedämmten Bauteilen wie dem Treppenhaus oder den Balkonen bleiben die sehr glatten Platten-Oberflächen sichtbar. Die übrigen, vorspringenden Flächen in Ortbeton zeigen ein ungewöhnlich deutliches Schalungsprofil und ein sehr einheitliches Relief, das durch die Wiederverwendung der Schalungsbretter entstand.

Orpheus und Eurydike werden durch eine gemeinschaftliche Außenanlage verbunden – gestaltet vom aufstrebenden Landschaftsarchitekt Gottfried Hansjakob (*1937), der zuvor den Wettbewerb für den Bonner Rheinauenpark gewonnen hatte. Die Münchener Gartenanlage zeigt gerundet geführte Wege mit Randeinfassungen, runde Rosenrabatten in der Mitte der Rasenfläche und dichtere Bepflanzung an den Rändern. Sitzplätze und eine kleine Spielplatzfläche befinden sich an der nordöstlichen Ecke des Grundstücks. Garten- und Wohnanlage blieb erstaunlich gut und unverändert erhalten. Das gemeinsame Werk der Architektengemeinschaft ist mit drei Projekten überschaubar, aber markant. In ähnlicher Haltung wie bei „Orpheus und Eurydike“ entstanden von 1967 bis 1969 die strengeren Wohntürme „Max und Moritz“ in Solln und von 1973 bis 1977 die städtebaulich bedeutsame Amalienpassage in der Maxvorstadt. Die ausdrucksstarke Wohnanlage Orpheus und Eurydike jedoch verbindet die künstlerisch individuelle Antwort auf die funktionalen und sozialen Anforderungen in besonderer Weise mit einer aufs Serielle zielenden Gestaltung. (März 2019)

Alle Abbildungen: München, Wohnanlage „Orpheus und Eurydike“ (Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Michael Forstner).

Literatur und Quellen

Aaken, Wiepke van, Expressives Bauen in Beton. „Orpheus und Eurydike“ in München-Schwabing, in: Denkmalpflege Informationen 2019, 170, S. 37-40.

Eigentums-Wohnanlage ‚Eurydike‘ in München, in: Glasforum 1975, 3, S. 31-33.

Fankhänel, Teresa: Wohnhäuser Orpheus und Eurydike, München, Deutschland, in: Elser, Oliver/Kurz, Philip/Cachola Schmal, Peter (Hg.), SOS Brutalismus, Ausstellungskatalog, Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main, Zürich 2017, S. 476-477.

Städtebau München. Blindes Treiben, in: Der Spiegel 1968, 31, S. 80-81.

Gespräch mit Jürgen Freiherr von Gagern, 26. Juni 2018, sowie Borschüren und Planmaterial der Bauzeit.

Mannheim, abgebaute Betonreliefs von Otto Herbert Hajek (Bild: Maro Vedana, Februar 2019)

Hoffnung für Hajek

von Marco Vedana

Mein Weg zur Arbeit führte vorbei am ehemaligen Mannheimer Postbahnhof, auf dem Neubauten entstehen sollten. In den 1970er und 1980er Jahren hatte der Bildhauer Otto Herbert Hajek (1927-2005) hier auf 120 Metern Länge das Betonrelief „Blühende Stationen“ gestaltet: in den für ihn typischen geometrischen Formen mit roten, gelben und blauen Farbakzenten. 2016 konnte ich jeden Morgen den Fortgang der Abrissarbeiten am Postareal verfolgen. Damals dachte ich: Kunst am Bau darf man nicht einfach so zerstören. Doch dann ging es auch dem Hajek-Relief an den Kragen.

Für den Erhalt

In Mannheim unterhielt ich zusammen mit zwei Kollegen zwischen 2014 und 2016 die RAW Gallery. Melanie Schmitt vom Bezirksbeirat Schwetzingerstadt/Oststadt bot an, Fördergelder für kulturelle Events anzufragen. Dabei kamen wir ins Gespräch über die Betonreliefs. Gemeinsam trafen wir uns mit der Bauleitung am ehemaligen Postgelände, sprachen über Möglichkeiten des Erhalts. Zeitgleich erschienen dazu Artikel beim Mannheimer Morgen, denn parallel engagierten sich auch Ursula Dann und Annika Wind für die Reliefs. Nach Telefonaten mit Galerien und Banken, die mit Hajek zusammengearbeitet hatten, landete ich endlich bei Dr. Chris Gerbing, die vom Hajek Nachlass beauftragte Kunsthistorikerin. Auch der Kontakt zu Ursula Dann kam zustande – eine Interessengemeinschaft entstand.

Gute Presse

Über die RAW Gallery luden wir im April 2016 zum Info-Abend ein und das Interesse war enorm. Ursula Dann begrüßte die Gäste und schnitt das Thema an, Chris Gerbing ging in Hajek’sche Tiefe und anschließend wurde lebhaft diskutiert. Die Kunsthalle war auch da – später fand Annika Wind einen Briefwechsel zwischen dem Architekten, der Kunsthalle und Hajek: Der Bildhauer hatte sich noch selbst um eine Neuaufstellung seiner Werke an anderen Orten bemüht. Damit hatten wir den Beweis, dass ein Hajek-Kunstwerk eben nicht – wie so oft behauptet – mit der parallel entstandenen Architektur steht und fällt.

Wir erhielten weiterhin gute Presse und dann erklärte sich das Bauunternehmen Diringer und Scheidel (D&S) bereit, sechs der 2,50 Meter hohen Reliefplatten auf eigene Kosten abzubauen und für zwei Jahre zu lagern – bis sich mit der Stadt ein neuer Ort dafür gefunden hätte. Diese Gnadenfrist lief Ende 2018 aus, doch eine neue Heimat für die Hajek-Reliefs war nicht in Sicht.

Vor der Zerschredderung

Kurz vor Zerschredderung meldete sich die Lukaskirche Mannheim und zeigte Interesse, die Reliefs vor die Grenzmauer zum Nachbargrundstück zu setzen. Dieser Ort passt gut, hatte der Architekt Carlfried Mutschler die Sichtbeton-Kirche doch 1967 gemeinsam mit Hajek gestaltet. So erhielten wir von D&S sechs Monate Fristverlängerung. Nun wird das Vorhaben mit dem Dekan und mit den Architekten der Evangelischen Kirche Mannheim (EKMA) geprüft. Falls wir grünes Licht bekommen, wird es Zeit für einen Förderverein, um die Summe X für das Projekt zusammenzubekommen. Die Hajek-Skizzen, Zeichnungen und Notizen im Südwestdetuschen Archiv für Architektur und Ingenierbau (saai) werden uns helfen, bei einer Restaurierung genau den richtigen Farbton zu treffen. Mit einer Fotomonage können wir schon jetzt zeigen, wie gut die Hajek-Reliefs zu ihrem neuen Ort passen würden. (22.2.19)

Titelmotiv: Mannheim, eingelagerte Hajek-Reliefs (Bild: Marco Vedana)

Berlin, Müggelturm (Bild: Architekturfotografie Swen Bernitz, CC BY SA 4.0, 2013)

Der Berliner Müggelturm: Aus eins mach zwei?

Am südöstlichen Rand Berlins – in Köpenick, zwischen dem sanftgewellten Grün der Müggelberge und dem gleichnamigen See – erhebt sich seit 1961 ein schmales weißes Kleinod: der Müggelturm samt Ausschankterrassen . Aus knapp 30 Metern Höhe bestaunte einst ganz Ost-Berlin das märkische Idyll und die eigene Stadt. Schon 1880 schrieb Theodor Fontane zu diesem Flecken Erde: „Auf Quadratmeilen hin nur Wasser und Wald. Nichts, was an die Hand der Kultur erinnerte.“ Kurz darauf ließ der Industrielle Carl Spindler einen hölzernen Aussichtsturm errichten. Seitdem können hier geplagte Großstädter durchatmen.

Der alte und der neue

Dem Zeitgeschmack entsprechend, bekam der Turm wenig später ein fulminantes Makeover: Mit einem Stilmix aus italienischer Renaissance und chinesischer Pagoden sorgte der Entwurf von Max Jacob viele Jahrzehnte für exotisches Flair am Müggelsee. Die Köpenicker hatten ihren Platz an der Sonne. Nach zwei überstandenen Weltkriegen kam dann das Ende des ersten Müggelturms am 19. Mai 1958 überraschend: Bei Schweißarbeiten geriet der Holzturm in Brand.

In der jungen DDR herrschte noch himmelsstrebender Aufbruchsgeist. Und so ist es nicht verwunderlich, dass ein blutjunges Architekten-Kollektiv von der Kunsthochschule Berlin-Weissensee den eilig initiierten Wettbewerb zum Neubau für sich entscheiden konnte. Im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks (NAW) verwirklichte man das Ensemble mit Spenden und viel Eigeninitiative (selbst die Architekten verzichteten auf ihr Honorar). In Anlehnung an die großen Vorbilder der klassischen Moderne entstand ein luftiger, asymmetrisch gegliederter Vergnügungskomplex aus Terrassen, Pergolen und dem pointierten Aussichtsturm. Mit seinem galant aufgeständerten Betondach verhieß er eine freudvolle sozialistische Zukunft und konnte keinen größeren Kontrast zu seinem dunklen Vorgängerbau erzeugen.

Unter Schutz und im Verfall

Den letzten Schliff bekam der Bau durch ein feines abstraktes Fassadenrelief. Man war zurecht Stolz auf die neuen Bauten, die es nicht bedurften sich vor dem internationalen Vergleich zu verstecken. Der Entwurf gilt als eines der frühesten Zeugnisse des Paradigmenwechsels in der DDR Architektur. Man bedenke, dass nur wenige Jahre zuvor die Stalin-Allee als mustergültige sozialistische Baukunst gegolten hatte. Folgerichtig wurde das Ensemble des Müggelturms 1995 unter Denkmalschutz gestellt.

Nach der Wende begann für das Lokal am Müggelturm eine über 20-jährige Eigentümer-Odyssee. Gemacht wurden vor allem Pläne: ob als Hotel oder immer wieder als Spielwiese für Architekturstudenten, alles blieb auf dem Papier. Währenddessen drang Feuchte ein und das einst strahlend weiße Juwel verkam zum Schatten seiner selbst. Erst im vergangenen Jahr konnte das einst beliebte Ausflugslokal wieder Sommerfrischler empfangen: Matthias Große hat das Areal 2014 erworben und denkmalgerecht aufpoliert. Und als ob ein Turm nicht genug wäre, möchte Große ihm nun einen baugleichen Zwilling verpassen. Dieser hätte gegenüber seinem älterem Bruder den Vorteil, durch einen Fahrstuhl barrierefrei zu sein. Bereits während der Sanierung stand ein Aufzug im Turm zur Debatte, wurde jedoch von der Denkmalschutzbehörde verhindert. Über einen sogenannten „Skywalk“ sollen in Zukunft die Aussichtsplattformen verbunden werden.

Große Pläne

Allerdings stößt die Zwei-Türme-Idee auf ein zwiespätiges Echoe: Aus den Reihen der zuständigen Politiker erreichen den Eigentümer durchaus positive Stimmen. Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) etwa unterstützt das Vorhaben, da so alle Menschen etwas von der malerischen Aussicht profitieren könnten. Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden ist heutzutage obligatorisch, konstatierte der Grüne-Bauexperte Andreas Otto. Der Vorsitzende des Denkmalrats von Treptow-Köpenick, Stefan Förster (FDP) hingegen unterstellt Große eine zu üppige Fantasie und dem Vorhaben nur eine kleine Realisierungs-Chance: Weder städtebaulich, noch Denkmal- und naturschutzrechtlich sei an die Doppeltürme vom Müggelsee zu denken.

Der heute 87-jähirge Siegfried Wagner, damals einer der jungen Architekten im Kollektiv, äußerte sich ebenfalls despektierlich zu den neuen Plänen. Kitschig und entwürdigend sei das Vorhaben. Er wolle sich selbst aktiv am Erhalt des Ensembles beteiligen. Denkmalgerechte Pläne mit barrierefreier Erschließung sollen bald aus seiner Hand beim Denkmalamt vorliegen. (jm, 10.2.19)

Berlin, Müggelturm (Bild: Architekturfotografie Swen Bernitz, CC BY SA 4.0, 2013)

Köln-Buchforst, Auferstehungskirche (Bild: K. Berkemann)

Die dritte Kirche

„Zukünftig werden 25 bis 30 Prozent der nordrhein-westfälischen Kirchenbauwerke außer Dienst gestellt werden“ – da ist es, das Viertel oder gar Drittel, das schon so lange (fast) unausgesprochen im Raum steht. Jetzt hat sich die „Landesinitiative StadtBauKultur NRW“ des Problems angenommen. Am 14. Februar 2019 startet das Projekt „Zukunft – Kirchen – Räume“ mit einer Auftaktveranstaltung und der feierlichen Onlinestellung der dazugehörigen Homepage. Kurz vor Beginn sprach moderneREGIONAL mit dem Architekten Tim Rieniets, Professor für Stadt- und Raumentwicklung in Hannover und – bis 2018 als Geschäftsführer von StadtBauKultur NRW – Initiator des Projekts. (11.2.19)

moderneREGIONAL: Herr Prof. Rieniets, wie kommt es zu dieser großen Zahl von fast einem Drittel der nordrhein-westfälischen Kirchen, die künftig aus der liturgischen Nutzung genommen werden?

Tim Rieniets: Diese Zahl ist natürlich mit etwas Vorsicht zu genießen, da man nur schwierig an verlässliche und vollständige Werte kommt. Daher haben wir uns bei der Landesinitiative StadtBauKultur NRW die beiden Kommunen vorgenommen, in denen es ein Kirchenkataster gibt: Bochum und Gelsenkirchen. Hier sind bereits rund ein Drittel der Kirchenräume von Schließung betroffen. Und wir glauben, diese Entwicklung kommt auch auf viele andere Kommunen in NRW zu.

mR: Warum werden diese Kirchen geschlossen?

TR: NRW war nach dem Zweiten Weltkrieg durch ein starkes Bevölkerungswachstum und Zuwanderung geprägt, darunter auch viele katholische und evangelische Christen. Hinzu kamen ausgesprochen baufreudige Landeskirchen und Bistümer mit einem optimistischen Blick in die Zukunft. Doch so stark, wie damals alles gewachsen ist, so radikal kam auch der demographische Wandel. Mit der sinkenden Zahl an Kirchenmitgliedschaft und vor allen an Gottesdienstbesuchen werden dann teils auch die Kirchengebäude in Frage gestellt.

mR: Dann trifft es vor allem die Kirchen des 20. Jahrhunderts?

TR: Nicht nur, auch Bauten aus dem 19. Jahrhundert sind darunter. Aber sicher wurde in den Nachkriegsjahrzehnten besonders viel gebaut – und besonders gerne an dezentralen Standorten in damals neu entstehenden Stadtteilen. Wenn heute Gemeinden zusammengelegt werden, dann stehen zuerst die abgelegeneren Kirchenräume zur Disposition. Das hat wohl auch emotional-geschmäcklerische Gründe: Für viele Menschen entsprechen historisch anmutende Bauten eher ihrem heimeligen Bild von Kirche. Mit der Moderne wird oft noch gefremdelt. Bis in die 1970er Jahre hinein galt auch der Historismus als wertlos. Das hat sich inzwischen geändert, so könnte es auch mit den Nachkriegsbauten gehen.

mR: Nicht jede von Schließung bedrohte Kirche hat das Glück, von einem großen Architekten an prominenter Stelle errichtet worden zu sein. Was wird aus den zunächst unscheinbaren Stadtteilkirchen?

TR: Große Kirchen in prominenter Lage haben es natürlich einfacher, Menschen zu finden, die sich für ihren Erhalt einsetzen. Aber es gehört zum Anspruch unseres Projekts „Zukunft – Kirchen – Räume“, dass auch die Stadtteilkirchen eine Chance bekommen. Es geht nicht nur um Exzellenz. Vielleicht ist es ja gerade dieser zunächst unscheinbare Raum, der jetzt in seinem Quartier eine neue Bedeutung erlangen kann.

 

Virtuelle Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rot) Kirchenbauten des Historismus und der Moderne in NRW (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

 

mR: Was genau erwartet uns am 14. Februar?

TR: Eine Homepage, wie es sie noch nicht gibt! In drei Sparten werden Informationen bereitgestellt, damit von einer Schließung betroffene Gemeinden und Initiativen durchstarten können: Erstens werden rund 60 beispielhafte Umnutzungen aus ganz NRW vorgestellt. In einer zweiten Kategorie findet sich viel baufachliches Wissen für diese außergewöhnliche Aufgabe – von der Ideenfindung bis hin zu den Besonderheiten des Kirchenrechts. Und an dritter Stelle haben wir die Kontaktdaten von Fachleuten zusammengestellt, die bei diesen Prozessen helfend zur Seite stehen können: Ingenieure, Architekten und Moderatoren.

mR: Gemeinden und Initiativen können sich bei Ihnen bewerben.

TR: Zunächst hoffen wir, dass möglichst viele Interessierte in und über NRW hinaus die Homepage nutzen. Aber natürlich ist eine individuelle Beratung durch nichts zu ersetzen. Wer als Gemeinde oder gemeinnützige Initiative noch ganz am Anfang des Prozesses steht, kann sich bei unserem Offenen Projektaufruf bewerben. Eine Jury wählt rund acht Projekte aus, die über rund zwei Jahre intensiv begleitet werden.

mR: Warum engagieren Sie sich als Landesinitiative für diese Bauten? Das ist doch eigentlich ein innerkirchliches Thema …

TR: Wir haben es hier mit einem bedeutsamen gesellschaftlichen Transformationsprozess zu tun. Nachdem sich die Entwicklung schon seit mehreren Jahrzehnten angebahnt hat, manifestiert sie sich nun im Stadtraum. Da wird unser baukulturelles Erbe massiv in Mitleidenschaft gezogen. Wir dürfen diesen Wandel nicht allein dem Immobilienmarkt überlassen oder hoffen, dass die Kirchen diese Aufgabe alleine bewältigen können. Wir müssen diesen Wandel– gemeinsam mit den Kirchen, der Denkmalpflege und anderen Partnern – aktiv mitgestalten. Dann können wir in 20 oder 30 Jahren zurückblicken und sagen: Wir haben das Beste daraus gemacht!

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Ab dem 14. Februar 2019 freigeschaltet: die Projekthomepage.

Das von StadtBauKultur NRW initiierte Projekt „Zukunft – Kirchen – Räume. Kirchengebäude erhalten, anpassen und umnutzen“ findet in Kooperation mit der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen unter Mitwirkung der (Erz-)Bistümer und Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen und Unterstützung des M:AI Museum für Architektur- und Ingenieurkunst NRW und der RWTH Aachen statt.

Titelmotiv: Köln-Buchforst,
die kulturell genutzte Auferstehungskirche (Bild: K. Berkemann), die Bildnachweise zu den anderen Fotografien öffnen beim Klick auf das jeweilige Motiv.

Weg vom Fenster – Das Ende einer Ära, 2017 (Foto: © Nanna Heitmann, Preisträgerin "Beste Nachwuchsarbeit" im Vonovia Award für Fotografie 2018)

Fotostrecke: Zuhause

Es kommt, wie so oft, auf den Standpunkt an, ob man sein Zuhause in düsteren oder pastelligen Farben zeichnen würde. Nanna Heitmann, Preisträgerin „Beste Nachwuchsarbeit“ im Vonovia Award für Fotografie 2018, hat sich für Grautöne entschieden, immerhin geht es bei ihr um den Kohleausstieg: das Ende der Zeche Prosper Haniel, der letzten Zeche im Ruhrgebiet. Norman Hoppenheit hingegen, ausgezeichnet mit dem ersten Preis für die „Beste Fotoserie“, griff zu Pastellfarben. Anlass seiner Werkreihe war ein Besuch in seinem ehemaligen Zuhause, in der ostmodernen Plattenbausiedlung „Dreesch“ in Schwerin. Alle Preisträger des Vonovia Award werden vom 15. Februar bis zum 21. April 2019 in der Kommunalen Galerie Berlin ausgestellt. (kb, 11.2.19)

Titelmotiv und die beiden folgenden Motive: Weg vom Fenster – Das Ende einer Ära, 2017 (Foto: © Nanna Heitmann, Preisträgerin „Beste Nachwuchsarbeit“ im Vonovia Award für Fotografie 2018); die beiden unteren Motive: Dreesch, 2016_17 (Foto: © Norman Hoppenheit, 1. Preis im Vonovia Award für Fotografie 2018 in der Kategorie „Beste Fotoserie“)