Mensa modern

mit Fotos von Martin Maleschka

Dass Greifswald trotz seiner gefühlten Randlage auch im Bereich Ostmoderne viel zu bieten hat, ist Fans dieser Stilepoche längst bekannt. Nicht umsonst wurde hier die Altstadtplatte in einer ihrer frühesten, vielleicht sogar in einer ihrer schönsten Varianten umgesetzt. Neu in den Blick kommt aktuell die ehemalige Mensa, die vor wenigen Monaten unter Denkmalschutz gestellt wurde. Der klar gegliederte, rot verkleidete Stahlskelettbau nach einem Entwurf von Ulrich Hammer (nach einem Konzept von Ulf Zimmermann) wurde 1975 am Wall, am Rand der historischen Altstadt eingeweiht. Und auch im Inneren des ostmodernen Bauwerks gibt es viel zu entdecken – der Architekt und Fotograf Martin Maleschka ging hier im Sommer auf Fototour.

Beliebt waren Mensaclub und Milchbar, letztere geschmückt durch ein Werk des „Emailzirkels ‚Fritz Kühn'“ zum Thema „Mecklenburger Trachten“ von 1976. Eine technisch ähnliche Arbeit mit dem Titel „Ostsee“ wurde vom „Emailzirkel ‚Lea Grundig“ 1975 für das Treppenhaus gestaltet. Weitere Kunstwerke entstanden zur Bauzeit der Mensa unter fachkundiger Leitung im Umfeld der Universität, darunter z. B.: Für die Gaststätte „Bierstube“ schufen Studierende in den „Keramikzirkeln I, II und der Sektion Geologie“ 1975 Wandteller zu den Themen „Niederdeutscher Humor“ und „Mecklenburgische Sprichwörter“. Nicht zuletzt bildet das fünfteilige, insgesamt 22 Meter lange Wandbild „Studenten in der sozialistischen Gesellschaft“ des Künstlers Wolfgang Frankenstein von 1976 bis heute den Blickfang im Foyer. (kb, 28.7.19)

Veranstaltungstipp

Zum Tag des offenen Denkmals, am 8. September 2019, können Sie sich in Greifswald gleich doppelt über die Moderne informieren – in beiden Fällen ist der Eintritt frei:

Die letzten Tage der Ostdeutschen

von Danuta Schmidt

Wie eine wandgroße Grafik, wie eine Radierung fast wirkt Roger Melis‘ Marzahn-Bild von 1983. Das modernste Plattenbaugebiet der DDR im Schnee. Die Autos, zu Dutzenden parkend in Reih und Glied, wie Spielzeugautos streichholzschachtelgroß vor den monumentalen Betonriegeln mit Fensterrasterung. Die Fahrspuren im Schnee wirken wie mit der Rasierklinge ins Bild gekratzt, die neu gepflanzten Bäumchen wie zarte Linien, ganz entfernt ein einzelner Trabi auf der Hauptstraße. Die Fotografien von Roger Melis sind voller Poesie. Und selbst die Tristesse des Winters in Marzahn vermochte er so zu abstrahieren, dass man das Bild liebt, sobald man es in seinem 3 mal 4 Metern am Anfang der Ausstellung in der Berliner Reinbeckhallen zu Gesicht bekommt.

Wissenschaft, Mode, Porträts

Geboren 1940, wuchs Melis im Haushalt des Dichters Peter Huchel im Berliner Westen und ab 1952 in Wilhelmshorst bei Potsdam auf. 1960 schloss er eine Lehre als Fotograf ab und fuhr anschließend für ein halbes Jahr als Schiffsjunge zur See. Von 1962 bis 1968 arbeitete er als wissenschaftlicher Fotograf an der Berliner Charité. Ab 1962 entstanden seine ersten Porträts von Dichtern und Künstlern, ab 1963 Reportagen und ab 1968 Modefotografien. 1968 wurde Melis Mitglied im Verband Bildender Künstler und als freiberuflicher Fotograf zugelassen. Zusammen mit Arno Fischer, Sibylle Bergemann u. a. gründete er 1969 die Fotogruppe Direkt.

In den folgenden Jahren konzentrierte er sich auf Porträt-, Reportage- und Modefotografien für Sibylle, Neue Berliner Illustrierte, Wochenpost, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Geo und verschiedene Verlage in Ost und West. Melis war Mitinitiator und seit 1981 Vorsitzender der Zentralen Arbeitsgruppe Fotografie im Verband Bildender Künstler. Wegen eines gemeinsamen Beitrags mit Erich Loest für die Zeitschrift Geo erhielt er von 1981 bis 1989 eine Auftragssperre für die DDR-Presse, so dass er sich verstärkt Buch- und Ausstellungsprojekten zuwandte. Er hatte von 1978 bis 1990 einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Weißensee inne, 1993 bis 2006 war er Lehrer für Fotografie beim Lette-Verein Berlin. Roger Melis war seit 1970 mit der Modejournalistin Dorothea Bertram verheiratet. Er verstarb im Herbst 2009 in Berlin mit nur 69 Jahren.

„In einem stillen Land“

Roger Melis hinterließ ein breites Ouvre, das sein Stiefsohn Mathias Betrtram im Leipziger Lehmstedt-Verlag herausgegeben hat. Eines der bekanntesten Bücher ist „In einem stillen Land“, das bereits lange vergriffen war und nun zweisprachig wieder aufgelegt wurde. Bekannt wurde Melis vor allem für seine Porträts. Da sind die Berühmtheiten der DDR: Maler wie Willi Sitte, Schriftstellerinnen wie Anna Seghers, Theaterdramaturg Heiner Müller, Schauspielerin Katharina Thalbach, Liedermacherin Bettina Wegner und Sängerin Nina Hagen. Und er zeigte die Menschen im Alltag. Manchmal wirken sie seltsam entrückt. Ein Junge mit Indianerfedern geschmückt, ein anderer mit einer Maske auf einem Spielpatz, Szenen auf dem Rummelplatz, eine regennasse Straße als Spiegel, ganz leicht, doch auch die Arbeiter in Lohn und Brot, Handwerker, Maschinisten, Schornsteinfeger in der Uckermark, Demonstranten auf einer Kundgebung.

Die von der Stiftung Reinbeckhallen ausgerichtete und von Mathias Bertram kuratierte Ausstellung „Die Ostdeutschen“ (Reinbeckhallen, Reinbeckstraße, 1712459 Berlin) bildet die bislang umfangreichste Retrospektive der DDR-Fotografien von Roger Melis. Sie präsentiert – nur noch bis zum 28. Juli 2019! – neben bereits klassischen Aufnahmen viele bislang unbekannte Fotografien aus dem Roger-Melis-Archiv. Die Ausstellung findet in Kooperation mit der LOOCK Galerie und dem Roger Melis Archiv statt. (25.7.19)

Ausstellungsfotos: Danuta Schmidt

„Mir geht es wirklich gut damit“

Interview mit Leon Gaas

Gäbe es den Fliegenpilzkiosk unter den Facebookgruppen, es wäre diese: „Nachkriegsarchitektur der 50er, 60er und 70er“, gegründet und moderiert von Leon Gaas (25, Ersatzteileverkäufer in einem Autohaus). Der virtuelle Liebhabertreff versteht sich als „Sammelplatz für Fotos und Geschichten zu noch bestehenden Gebäuden“ dieser Aufbruchszeit. Fern von jeder Archporn- oder Insta-Ästhetik sammeln sich hier charmante Schnappschüsse von Türknäufen, Werbetafeln und Gartenzäunen. moderneREGIONAL sprach mit Leon (in der Facebookgruppe ist man per Du) über den Reiz des Normalen.

moderneREGIONAL: Leon, gerade sind Brutalismus und Bauhaus angesagt. Warum faszinieren Dich ausgerechnet die 1950er Jahre?

Leon Gaas: An der Architektur der 1950er und frühen 1960er Jahre reizen mich vor allem die klaren Elemente wie große Glasflächen, harmonische Formen und symmetrische Linien gepaart mit der Kunst am Bau: Mosaikfliesen, wundervoll gestaltete Fenster, Wandbilder oder auch ganz banale Glasbausteine sind einfach schön anzusehen. Das ist eine willkommene Abwechslung zur schnöden modernen Architektur, die sich in manchen Punkten zwar ähnelt, aber längst nicht mehr den Charme der 1950er erreicht.

mR: Magst Du mehr die Architektur oder das Alltagsdesign? Oder ist es das Lebensgefühl?

LG: Für mich ist es tatsächlich das Gesamtpaket. In erster Linie begann meine Liebe zu den 1950er Jahren durch alte Autos: Frühkindlich durch meinen Vater geprägt und quasi in alten Volkswagen aufgewachsen, habe ich mich in den vergangenen Jahren immer tiefgehender damit beschäftigt. Auch meine Wohnung besteht zu einem großen Teil aus allem möglichen Kram aus eben diesem Jahrzehnt. Das Interesse an der Architektur wurde durch Literatur zu Tankstellen aus dieser Zeit geweckt.

mR: Ich frage das als selbst „speziell Interessierte“: Giltst Du in deiner Generation als Sonderling?

LG: Als Sonderling vielleicht nicht, aber anders als die meisten bin ich schon. In meinem Freundeskreis befinden sich zwar einige etwa Gleichaltrige mit alten Autos und gewissem Interesse für Oldtimer & Co. Doch das Interesse über fast alle Gebiete so dermaßen zu erstrecken wie ich, ist schon exotisch. Ich lebe den Stil und das ganze Drumherum der vergangenen Zeit voll aus: Ich fahre ein altes Auto, habe meine Wohnung zeittypisch eingerichtet und sammle auch sonst alles Mögliche, was mir aus dieser Zeit in die Hände fällt. Party machen und das, was eben dazu gehört, ist dagegen überhaupt nichts für mich.

mR: Du hast 2018 die Facebookgruppe „Nachkriegsarchitektur der 50er, 60er und 70er Jahre“ gegründet, die aktuell über 1.300 Mitglieder hat. Wer sind Deine Mitstreiter und was verbindet Euch?

LG: Meine Mitstreiter sind vor allem Menschen, die sich genauso wie ich für diese Architekturepochen interessieren. In der Gruppe tummeln sich 1950er-Jahre-Fans, Architekten, Lehrer, Architekturstudenten … Einfach Leute, denen diese Epoche architektonisch gefällt. Uns verbindet vor allem die Begeisterung dafür, was an alten Gebäuden noch vorhanden ist – und die Hoffnung, dass vieles von diesem alten weiterhin vorhanden bleibt.

mR: Dein liebster Post der letzten Wochen?

LG: Aus so vielen tollen Beiträgen der Gruppe einen einzigen Beitrag herauszunehmen, ist nicht leicht. Aber ich glaube, ich wähle ganz kitschig den ersten Gruppenbeitrag meiner neuen Freundin. Dort hat sie das ehemalige Kino Gloria in Regensburg vorgestellt, das leider immer weiter verkommt und nach vielen Besitzerwechseln wahrscheinlich entgültig dem Ende geweiht ist. Allein die Tatsache, dass meine Freundin genauso verrückt ist wie ich und nach alten Gebäuden Ausschau hält, lässt diesen Post für mich so besonders sein.

mR: Und was fehlt Dir noch zu deinem Glück?

LG: In Bezug auf das Architektur-Thema fehlt mir zu meinem persönlichen Glück tatsächlich nur noch, dass ein Gebäude durch eine Initiative in der Gruppe gerettet und dem Denkmalschutz übergeben werden kann. Ansonsten bin ich gerade ziemlich glücklich mit dem, was ich mache und was passiert. Eine schöne romantische 1950er-Jahre-Hochzeit in einer zeittypischen Kirche wäre noch etwas, aber das wird sich hoffentlich irgendwann von selbst ergeben. Zum Schluss möchte ich mich bei allen Unterstützern und Mitgliedern der Gruppe bedanken, die mich täglich zum Staunen bringen und so fleißig auf Fotosafari gehen. Ansonsten bin ich tatsächlich sehr froh darüber, dass ich von meiner Freundin, meinem Freundeskreis und meiner Familie mit meinen ganzen Eigenheiten so hingenommen werde, wie ich bin und dabei so gut wie möglich unterstützt werde. Mir geht es wirklich gut damit.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (7.7.19).

Titelmotiv: Leon Gaas in seiner themengerecht ausgestatteten Wohnung (Foto: privat)