FOTOSTRECKE: Sonne im ICC

mit Fotografien von Lothar Hammer und Eike Walkenhorst

Vor rund sieben Jahren hatte man das Internationale Congress Centrum (ICC) Berlin, 1975 bis 1979 gestaltet vom Architekt:innenpaar Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler, geschlossen und zwischendurch nur noch kurz als Flüchtlingsunterkunft hochgefahren. Sogar über einen Abriss des Wahrzeichens wurde laut nachgedacht, denn allein die kontrollierte Stilllegung der 28.000 Quadratmeter großen Nutzfläche kostet jedes Jahr hohe Beträge. Mit der Zeit hatte sich die Inkunabel, die gerne mit einem gelandeten Raumschiff verglichen wird, zum beliebten Motiv für Fotograf:innen entwickelt. Vor zwei Jahren wurde das monumentale Tagungszentrum schließlich unter Denkmalschutz gestellt. Was jetzt zum Modernist:innen-Glück noch fehlt, ist die passende Nutzung, um für das Großraumwunder eine dauerhafte Erhaltung sicherzustellen. Einen Vorgeschmack auf das, was hier möglich ist, gibt noch bis zum 17. Oktober 2021 das Festival „The Sun Machine Is Coming Down“ im Berliner ICC – und wir haben aktuelle Bilder. (kb, 12.10.21)

Bildnachweis jeweils am Einzelbild (Klick auf das Bild): Außenaufnahmen: Lothar Hammer, Innenaufnahmen: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst

Ostmoderne als „Kampfbegriff“?

„Am Kopf vorbei, dann rechts“, diese freundlichen Wegbeschreibung zur Stadthalle Chemnitz meinte natürlich den übergroßen Karl Marx, der der Stadt für einige Jahre seinen Namen geliehen hatte. Damit führte die Tagung „Matrix Moderne | Ostmoderne“ schon räumlich mitten ins Herz einer der prominentesten architektonischen Inszenierungen der DDR-Zeit. Doch die Veranstalterinnen der internationalen Konferenz, die Kunstsammlungen Chemnitz, wollten mehr als die Wiederholung bekannter Klischees. Vielmehr sollte das bewährte Raster von Moderne – die Polarisierung zwischen West und Ost – aufgebrochen werden für einen neuen Blick auf übergreifende Vernetzungen. Der Vormittag stand unter der Leitung von Andreas Butter (IRS Erkner) und unter der Leitfrage, wie sich denn nun die Ostmoderne entgrenzen ließe. Gleich zu Beginn beschrieb die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Jasmin Grande (Institut „Moderne im Rheinland“, Düsseldorf) das klassische Moderneverständnis als das, was zeitgemäß wirkt und Neues anstößt. Stattdessen gab sie die Parole des Tages aus: Verstehe man die Regionen als Wissenskonstrukte, könne man dem Modernebegriff seine hierarchische Spitze nehmen und die Parallelität von Strukturen aufzeigen.

Potsdam, Rechenzentrum, um 1980 (Bildquelle: Müller, Ursula/Höchst, Otto, Potsdam, hg. von Potsdam Information, Potsdam 1980, via lernort-garnisonkirche.de)

Potsdam, Rechenzentrum, um 1980 (Bildquelle: Müller, Ursula/Höchst, Otto, Potsdam, hg. von Potsdam Information, Potsdam 1980, via lernort-garnisonkirche.de)

Ostmoderne als Kampfbegriff

Der Kunsthistoriker Christian Klusemann (Philipps-Universität Marburg) überprüfte beispielhaft die aktuell diskutierte Ähnlichkeit zwischen dem Potsdamer Institut für Lehrerbildung (Kollektiv Sepp Weber, 1977) mit Bauten von Mies van der Rohe (z. B. das Home Federal Savings and Loan Association in Des Moines/IIowa, 1962). Wie bei anderen Beispielen von Ost-West-Bezügen seien solche Parallelen durchaus nachzuweisen – im Potsdamer Beispiel etwa belegte er archivalisch die Nähe zu einem Aalto-Bau. Doch dies ließe sich nicht pauschal auf ein einziges Vorbild reduzieren. Wie sich die Ost- zur Westmoderne verhielt (und ob man sie noch so nennen sollte) wurde im Werkstattgespräch der Sektion weiter ausgelotet. Hierbei verwies die Architektur- und Planungshistorikerin Simone Hain auf die Entstehung des Terminus, der nach der Wende in der Forschung als „Kampfbegriff“ geprägt worden sei. Damals galt es zu zeigen, dass die DDR-Architektur mehr war als der stalinistische Zuckerbäckerstil. Aber inzwischen dürfe man sich, so das Votum von Hain, getrost davon verabschieden und das von der Tagung vorgeschlagene Label „Matrix“ übernehmen. In diesem Punkt wollte sich das fachkundig besetzte Podium aber nicht einigen.

Vortrag zur Raumerweiterungshalle von Matthias Ludwig auf der Tagung "Matrix Moderne | Ostmoderne" in Chemnitz im Oktober 2021 (Bild: K. Berkemann)

Vortrag zur Raumerweiterungshalle von Matthias Ludwig auf der Tagung „Matrix Moderne | Ostmoderne“ in Chemnitz im Oktober 2021 (Bild: Karin Berkemann)

Raumerweiterungen

In der Nachmittagssektion wurde es unter der Leitung von Arnold Bartetzky (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig) konkreter: Nun ging es um Architekturen und Architekturkonzepte der DDR im Vergleich zur BRD. Stefanie Brünenberg und Harald Engler (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Erkner) gewährten Einblicke in ihr laufendes Forschungsvorhaben zu Architekturkollektiven in der DDR. Nach der aktuellen Quellenlage ließen sich bislang zwar Typen, aber keine einzelnen Handschriften von Kollektiven festmachen – vielmehr sei eine Betrachtung im Netzwerk hilfreich (wer arbeitete wann, wo und mit wem). Roman Hillmann (Heritage Conservation Center Ruhr, Deutsches Bergbau-Museum Bochum) verglich anschließend die architektonischen Projektierungen der BRD und vor allem der DDR mit Abläufen im Maschinenbau. Vor diesem Hintergrund plädierte er dafür, auch den Mut hinter solche standardisierten Bauabläufen zu sehen – wer sich daran stoße, störe sich an einem unser heutiges Leben prägenden Prinzip. Nicht zuletzt setzte Matthias Ludwig (Müther-Archiv, Hochschule Wismar) die transportable RaumErweiterungsHalle in Bezug zu Konzepten des mobilen Bauens im Westen. Die darin erprobte Flexibilität wird die kommende Forschung zur Ostmoderne gut gebrauchen können. Denn obwohl alle Vortragenden und Diskutierenden sich einig waren, dass der Begriff das Trennende zu stark betone, konnte doch keine:r bislang (die Konferenz dreht sich heute noch um die Formgestaltung und baubezogene Kunst) eine wirklich überzeugende Alternative vorweisen. (kb, 2.10.21)

Titelmotiv: Chemnitz, Karl-Marx-Kopf , 1985 (Bild: FORTEPAN/Várhelyi Iván, CC BY SA 3.0, Detail)

Amerika in Wien

Je größer der ausgemalte Traum, desto lustvoller wird er von Künstler:innen in seine visuellen Einzelteile zerlegt: Gerade der Amerikanischen Traum – Wohlstandsglück für alle, wenn man sich nur genug anstrengt – hat im 20. Jahrhundert immer wieder Fotograf:innen gereizt. Mit einem mal kritischen, mal liebevollen Blick in das US-amerikanische Alltagsleben porträtieren sie die sozialen, wirtschaftlichen und emotionalen Konditionen ihrer jeweiligen Zeit. Oft sind es gerade aus Europa eingewanderte Künstler:innen, die mit ihrem anfangs noch fremden Blick bislang unbeachtete Aspekte in den Mittelpunkt rücken. Die fotografischen Erzählungen nutzen den Roadtrip und die Straßenszene ebenso wie das Stilmittel des Schnappschusses. Dabei reicht das Spektrum von der nüchternen Dokumentation bis zur humorvollen Zuspitzung.

Die Ausstellung „American Photography“, kuratiert von Walter Moser mit Anna Hanreich, präsentiert noch bis zum 28. November 2021 in der Albertina in Wien ausgewählte US-amerikanischer Fotografien zwischen den 1930er und den 2000er Jahren – gezeigt werden die 150 Werke von 33 Künstler:innen. Darunter finden sich William Eggleston, Diane Arbus, Lewis Baltz und Gregory Crewdson, teils aus der eigenen Fotosammlung der Albertina, teils aus privaten Beständen. (kb, 1.10.21)

Lisette Model: Sängerin im Metropole Cafe, New York City, 1946 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien, © 2021 Estate of Lisette Model, Courtesy Baudoin Lebon Gallery, Paris and Keitelman Gallery, Brussels)

Lisette Model: Sängerin im Metropole Cafe, New York City, 1946 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien, © 2021 Estate of Lisette Model, Courtesy Baudoin Lebon Gallery, Paris and Keitelman Gallery, Brussels)

Lee Friedlander: New York City, 1963 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Lee Friedlander, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco, and Luhring Augustine, New York)

Lee Friedlander: New York City, 1963 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Lee Friedlander, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco, and Luhring Augustine, New York)

Joel Sternfeld: Staatlicher Campingplatz im Red Rock Park, Gallup, New Mexico, September, 1982 (Bild: Digitaler C-Print, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Courtesy Joel Sternfeld)

Joel Sternfeld: Staatlicher Campingplatz im Red Rock Park, Gallup, New Mexico, September, 1982 (Bild: Digitaler C-Print, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Courtesy Joel Sternfeld and Buchmann Galerie, Berlin 2021)

Philip-Lorca diCorcia: Kopf Nr. 1, 2000 (Bild: Fujicolor Crystal Archive Print Albertina, Wien – The ESSL Collection, Foto: Mischa Nawrata © Philip-Lorca diCorcia)

Philip-Lorca diCorcia: Kopf Nr. 1, 2000 (Bild: Fujicolor Crystal Archive Print, Albertina, Wien – The ESSL Collection, Foto: Mischa Nawrata © Philip-Lorca diCorcia)

Nan Goldin: Jimmy Paulette auf Davids Fahrrad, NYC, 1991, 1991 (Bild:  Silberfarbstoffbleichverfahren, Albertina, Wien - The ESSL Collection © Nan Gold

Nan Goldin: Jimmy Paulette auf Davids Fahrrad, NYC, 1991 (Bild: Silberfarbstoffbleichverfahren, Albertina, Wien – The ESSL Collection © Nan Goldin. Marian Goodman Gallery, Foto: Peter Kainz)

Garry Winogrand: Beverly Hills, California, 1978 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco)

Garry Winogrand: Beverly Hills, California, 1978 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco)

Joel Meyerowitz: Roter Innenraum, Provincetown, 1977 (Bild: C-Print, Ambassador Trevor Dow Traina © Joel Meyerowitz, Courtesy Howard Greenberg Galler

Joel Meyerowitz: Roter Innenraum, Provincetown, 1977 (Bild: C-Print, Ambassador Trevor Dow Traina © Joel Meyerowitz, Courtesy Howard Greenberg Gallery)

Robert Adams: Eigenheim, Colorado Springs, Colorado, 1968-1971 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Robert Adams, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco)

Robert Adams: Eigenheim, Colorado Springs, Colorado, 1968-1971 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Robert Adams, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco)

Cindy Sherman: Untitled Film Still, 1980 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien - The ESSL Collection, Foto: Franz Schachinger © Cindy Sherman)

Cindy Sherman: Untitled Film Still, 1980 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien – The ESSL Collection, Foto: Franz Schachinger © Cindy Sherman)

Titelmotiv: Stephen Shore: West 9th Avenue, Amarillo, Texas, 2. Oktober 1974 (Bild: Silberfarbstoffbleichverfahren, Albertina, Wien © Stephen Shore. Courtesy 303 Gallery, New York)