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Erfurt, Alstadt (Bildquelle. Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 9, 4, 1962, S. 355)

Formen der Veränderung

von Ben Kaden

Wer sich durch Ostdeutschland bewegt, entdeckt sie nach wie vor reichlich: Spuren der Bau- und Planungskultur des DDR-Städtebaus – und wie sie nach und nach gründlich überformt werden. Abriss, Umbau, Verfall sind die Formen der Veränderung, die auf das einwirken, was 1990 stadträumlich umgesetzt war. Der Denkmalschutz tritt mittlerweile zwar öfter auf, naturgemäß aber nur in Ausnahmefällen.

 

Wer schreibt, der bleibt

Den Dokumentationen dieser Planungen erging es zumindest etwas besser, auch wenn nicht alle Archive und Bibliotheken verlustfrei durch die 1990er und 2000er Jahre gelangten. Sie bleiben als Zeitzeugnisse und Material, dessen Aufarbeitung umso dringlicher erscheint. Denn ihre Bezüge, also die gebauten Zeugnisse der DDR, gehen zunehmend verloren oder werden überdeckt. Die Frage ist heute weniger, ob man sich damit befassen soll, sondern wie.

Es dauerte erstaunlich lange, bis sich Architektur- und Kulturgeschichte systematisch darauf einließen. Die Zahl der Publikationen wächst erfreulicherweise: Da sind zum einen die oft leicht nostalgisch eingefärbten Veröffentlichungen, die häufig unter dem arg engen Label Ostmoderne auffällige Leuchtturmprojekte der Schalenbauweise, den Alexanderplatzes und die Karl-Marx-Allee zur Schau stellen. Und da sind zum anderen die Fachbücher, die darüber hinaus einen analytischen und kontextualisierenden Ansatz verfolgen. Für die letztere Kategorie ist vor allem die in Weimarer Reihe „Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR“ zu nennen. In dieser erschien nun der sechste Band „Utopie und Realität“, der sich stadträumlich mit Erfurt, Oberhof, Suhl und Weimar (ergänzt um Gotha) in beeindruckender Detailliertheit auseinandersetzt.

 

Vier (+1)

Damit liegen nun für die benannten vier (+1) Städte materialreiche Fallstudien vor, die durchaus vorbildhaft sind. Denn trotz aller Dichte bleiben sie übersichtlich, gut lesbar, mit hohem Recherche- und Anregungspotential. So eröffnen sie einen einladenden Zugang zu diesen Fragen: Wie sollte eine sozialistische Stadt sein? Was wurde aus diesem Anspruch? Und was folgt daraus für die Gegenwart? Die vier behandelten Fälle sind auch deshalb besonders interessant, weil es sich gerade nicht um die schon recht gut beforschten sozialistischen Planstädte handelt, sondern um ein Bauen im bzw. mit Bezug auf den Bestand. Während Stalinstadt fast buchstäblich mit der Axt im Kiefernwald begonnen werden konnte, brachten alle vier untersuchten Städte bereits gesellschaftliche, traditionsgeprägte und ideelle Bezüge mit. Dazu kamen Kriegsspuren und wechselnde Vorstellungen des jeweils anzustrebenden sozialistischen Stadtideals.

Weimar beispielsweise galt als Kulturzentrum der DDR. Diese bedeutende Aufladung wirkte auf Überlegungen zur Stadtgestaltung zurück. Diese strebte von zunächst sehr radikalen Umgestaltungswünschen mehr und mehr in Richtung Bewahrung und Inszenierung des Gegebenen. Simon Scheithauer bestimmt das 1000-jährige Stadtjubiläum 1975 als eine Art Wendepunkt, der spätestens in den frühen 1980er Jahren zu einer „historiografischen Zäsur“ führte. Die im September 1975 ausgegebene Jubiläums-Briefmarke zeigt übrigens eine Stadtansicht Weimars: einen Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert.

 

„Selbstbehauptungsdenken“

Wo Weimar Kulturzentrum ist, ist Erfurt der Verwaltung und dem Selbstverständnis nach, wie Mark Escherisch eröffnet, eine Bürgerstadt mit ausgeprägtem „Selbstbehauptungsdenken“. Zugleich stand Erfurt etwas isoliert, bis es 1948 – wenn auch kurz – erstmalig Landeshauptstadt Thüringens sein durfte. 1952 war man dann „nur“ noch Bezirksstadt. Trotz einer Reihe von Luftangriffen blieb vergleichsweise viel historische Bausubstanz erhalten, was die Rekonstruktionsdebatten prägte. „Das neue Erfurt ist eine alte Stadt“, stellte der städtebauliche Wettbewerb 1966/67 in den Raum. Diese Prämisse überlebte die ganze DDR, auch wenn sie häufig konträr zu den Planungs- und Gestaltungswünschen der sozialistischen Moderne lag. Man wollte Geschichte und damit auch den Stadtkern erhalten, diesen zugleich mit sozialistischen Formen und Inhalten zusammenführen: Neu- und Altbauten sollten verschmelzen.

Wo die Aufteilung Thüringens in drei Bezirke für Erfurt zum Bedeutungsverlust führe, gewann Suhl: Es wurde ebenfalls Bezirksstadt und stach damit Meiningen (zu bürgerlich) und Sonneberg (zu grenznah) aus. Suhl galt als Arbeiterstadt, ab 1978 sogar als eine mit  Philharmonie. Die Stadtplanung musste sich für die neue Bezirksstadt also auch auf Verwaltung und Repräsentation konzentrieren. Hinzu kamen die Tallage und eine wenig beschädigte, dafür sehr dicht bebaute und besiedelte Innenstadt, wie Jens Nehring gründlich herausarbeitet. Das neue Stadtzentrum Suhls ist in der DDR-Baugeschichte einmalig. Im Gegensatz zu anderen neuen Zentren (Chemnitz, Dresden) entstand es nicht aus einer nachkriegsbedingten Notwendigkeit, sondern aus einer politischen Entscheidung heraus. Das Ergebnis: „eine Kleinstadt mit großstädtischem Charakter“. Heute erscheint die „Suhler Moderne“ fast wie eine Hypothek, zudem deformiert durch Abrisse bzw. Umbauten und von den heutigen Stadtplaner wenig wertgeschätzt.

 

Für Gäste aus aller Welt

Daniela Spiegel führt schließlich nach Oberhof. Das war bis 1985 nicht einmal eine Stadt, dafür jedoch schon seit dem frühen 20. Jahrhundert ein Wintersportzentrum mit saisonal schwankender Bevölkerungsdichte. Später sollte Oberhof zum „St. Moritz der DDR“ entwickelt werden, zum international erlebbaren Repräsentationsort der DDR. Das Interhotel „Panorama“ verkörperte diesen Wunsch wohl am sichtbarsten. Die Großgaststätte „Oberer Hof“, gedacht als Erlebniszentrum für die Gäste aus aller Welt, war in der Praxis dann doch vorwiegend ein Treffpunkt für Besucher aus allen Bezirken. Die Materialien Holz, Schiefer und hier und da Naturstein sollte zumindest als Referenz eine folkloristische und naturräumlich-traditionelle Stimmung erzeugen. Weitere prägende Bauten waren die FDGB-Ferienheime „Rennsteig“ (abgerissen 2002) und „Fritz Weineck“ (abgerissen 2003), die beide im Buch noch einmal auferstehen dürfen. Von einem im Stil der DDR-Postmoderne geplanten FDGB-Heim namens „Beerberg“ gibt es nur zwei Entwurfsabbildungen: Zum Ende der DDR existierte lediglich ein Fundament und danach kein weiterer Bedarf an zusätzlichen Ferienplätzen in Rennsteig-Nähe.

 

In der Abstellkammer

Während Weimar und Erfurt heute recht gut zu fahren scheinen, sind Suhl und Oberhof fast typische Fälle herausgeforderter ostdeutscher Kleinstädte, die sich neu finden müssen. Nachvollziehbar betont Daniela Spiegel, dass DDR-Planungen auch für das gegenwärtige Oberhof relevante Anregungen enthalten hätten – sofern man sie nicht bis 2016 in einer Abstellkammer des Bauamts vergessen hätte. Umso wichtiger sind Bücher wie das vorliegende, die weit über ein kurioses Interesse an einem abgeschlossenen historischen Feld hinausreichen. Sie ermöglichen ein wichtiges Tiefenverständnis dieser Stadträume, denen man heute leider zu selten eine zeitgemäße. souveräne und durchdachte Planung ansieht. (25.6.18)

Scheithauer, Simon /Escherich, Mark/Nehring, Jens/Spiegel, Daniela/Meier, Hans-Rudolf (Hg.), Utopie und Realität. Planungen zur sozialistischen Umgestaltung der Thüringer Städte Weimar, Erfurt, Suhl und Oberhof (Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR 6), Bauhaus Universitätsverlag Weimar, Weimar 2018, 244 Seiten, 20,3 x 1,5 x 24,9 cm, ISBN 978-3957732446.

Erfurt, Altstadt (Bildquelle. Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 9, 4, 1962, S. 355)

Uelzen, Wilgrü-Kaufhaus (Bild: Denise Brauch, 2012)

Ein kurzer Abriss von Uelzen

Es gibt Leserzuschriften, da bleiben wir länger hängen. Eine von ihnen erzählte von einem verlorenen Stück deutsch-jüdischer Geschichte, von einem, von mehreren Kaufhäusern der 1950er Jahre, die in Uelzen verloren gingen. Seit 2016 nennt man sich hier, nach 500 Jahren Pause, stolz wieder Hansestadt. Und trotz der Stadtbrände von 1646 und 1826 bietet das Stadtbild bis heute ein architektonisch vielfältiges Nebeneinander – vom Fachwerk bis zum Neubau. Nur die 1950er Jahre, die sucht der Besucher in Uelzen oft vergebens. Denn vieles, für Modernisten allzu vieles, ist bereits dem Bagger zum Opfer gefallen.

 

WILhelm GRÜn

Das Kaufhaus „Wilgrü“ in der Gudesstraße z. B. erhielt seinen Namen aus einer Abkürzung des Namens seines damaligen Eigentümers: Wilhelm Grün. Mitte der 1930er Jahre, zu Zeiten der Arisierungen jüdischen Besitzes, ging das Textilkaufhaus Plaut durch verschiedene Hände. Nachdem der Traditionsbau im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, entstand auf dem prominenten Eckgrundstück Schuhstraße/Gudenstraße das optimistisch geschwungene Modehaus Wilgrü mit Flugdach und Rasterfassade. Gemeinsam mit angrenzenden Wohn- und Geschäftsbauten musste das über 60-jährige Wilgrü-Bauwerk 2012 für eine neue Niederlassung von C & A weichen.

 

Von „schon weg“ bis „fast weg“

Das Park-Theater, ein 1949/50 entstandenes Kino, wurde 1996 geschlossen und anschließend niedergelegt – zugunsten einer Rasenfläche. An der Stelle eine Esso-Typentankstelle mit Waschstraße, erbaut Mitte der 1950er Jahre, findet sich heute ein Parkplatz. Hoffnung gibt es vielleicht noch für das Kaufhaus Röll, errichtet nach Plänen des Architekten Adolf Wendhut, das „nur“ verändert, aber noch nicht gänzlich verloren ist. Und nicht zuletzt ist das Kreishaus Uelzen aus dem Jahr 1954 bereits angezählt. Der Baugrund für den Neubau an anderer Stelle ist vorbereitet, er soll 2021 bezogen werden. (kb, 26.6.18)

Titelmotiv: Uelzen, Wilgrü-Kaufhaus (Bild: Denise Brauch, 2012)

Köln, Ebertplatz (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2018)

Lernen vom Ebertplatz: zwei Standpunkte

Die Wellen schlagen hoch: Soll die nachkriegsmoderne Gestaltung am Kölner Ebertplatz unter Denkmalschutz gestellt werden oder nicht? Hat die Anlage jemals funktioniert und könnte es noch? Dass es um mehr geht, als um ein paar Quadratmeter öffentlichen Raums am Rhein, zeigt allein die Leidenschaft, mit der eben darum gestritten wird. Bei mR haben wir dieses Mal die Ehre und das Vergnügen, dass gleich zwei Könner ihres Fachs – Martin Bredenbeck und Ralf Liptau – darüber nachdenken, wie es rund um den und nach dem Ebertplatz weitergehen kann mit der Denkmalpflege und dem baukulturellen Erbe. Aber: Lesen Sie selbst!

 

Nur was für Optimisten?

von Ralf Liptau

Denkmalpflege-Pessimisten könnten jetzt sagen: „Sie schafft sich ab!“ Die Rede ist von der Kölner Denkmalpflege, die sich Anfang Juni gegen eine Unterschutzstellung des zentralen Ebertplatzes in der Neustadt-Nord ausgesprochen hat. Die Frage, ob das aus den 1970er Jahren stammende Konzept im Geist der verkehrsgerechten Stadt ein Denkmal sein sollte, ist hier vielleicht gar nicht so spannend. Viel spannender ist, dass die Direktorin des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) und der Kölner Stadtkonservator sich mit dieser Frage nicht mehr beschäftigen möchten. Der LVR, obwohl auch initiativ zur Prüfung berechtigt, spielt dabei den Ball an die Kölner Denkmalbehörde. Die aber will das gesetzlich vorgesehene, reguläre Verfahren für die Begutachtung von Denkmalkandidaten nicht durchführen, obwohl sie dafür zuständig wäre.

 

Begutachtung gestoppt

Vor dem Hintergrund einer geplanten Umgestaltung des Platzes ab 2021 hatte der „Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz“ eine Denkmalbegutachtung der jetzigen Anlage angeregt. Diese hatte das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland inzwischen auch in Angriff genommen. Doch die zuständigen Gutachter müssen ihre Stifte jetzt fallen lassen: LVR-Direktorin Ulrike Lubek hat ihr Denkmalpflegeamt aufgefordert, die Begutachtung des Ebertplatzes zu stoppen. Sie begründet das damit, dass hier zunächst die Stadt tätig werden sollte. Für die tatsächliche Unterschutzstellung ist Stadtkonservator Thomas Werner zuständig – und dieser möchte den Ebertplatz nicht eintragen. Eine seiner Begründungen: Eine etwaige Denkmalwürdigkeit müsse aus seiner Sicht erst einmal durch ein Gutachten festgestellt werden. Also genau durch ein solches Gutachten, das es jetzt nicht geben wird.

 

„Ein positiver Baustein“?

In einem Interview, das Werner am 3. Juni dem Kölner Stadtanzeiger gegeben hat, begründet er seine ablehnende Haltung: Er sehe keine „Integration des unveränderten Platzes (…) in eine nachhaltig operierende Stadtentwicklung“. Sprich: Der oberste Denkmalpfleger der Stadt Köln sagt öffentlich, dass eine „nachhaltig operierende Stadtentwicklung“ aus seiner Sicht nur möglich sei ohne Denkmalschutz. „Der Denkmalschutz“, so Werner weiter, „muss und will ein positiver Baustein innerhalb der Stadtentwicklung sein.“ Und das geht in Köln offenbar nur, indem dieser Denkmalschutz seine Anliegen nicht nur nicht einbringt, sondern etwaige Denkmalwerte gar nicht erst prüft.

 

Ginge auch anders

Eine andere Variante wäre gewesen, als Stadtkonservator aufzuzeigen, dass ein kluger und nachhaltiger Denkmalschutz eben nicht bedeutet, dass ein Bauwerk absolut nicht verändert werden dar. Dass das Selbstverständnis des Denkmalpflegers entsprechend darin bestehen muss, sich als konstruktiver Partner in die Frage von behutsamer Anpassung und Erneuerung seiner Schützlinge einzubringen. Aber das wäre dann wahrscheinlich was für die Denkmalpflege-Optimisten. (10.6.18)

Titelmotiv: Köln, Ebertplatz (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2018)

 

 

Wir brauchen unser Erbe

von Martin Bredenbeck

Die Fragen, was brauchbar ist und was man liebt, beantwortet jede Zeit immer wieder neu und anders. Man merkt das spätestens bei den Wiederentdeckungen im eigenen Kleiderschrank: „Das passt ja toll zu Karneval“ (obwohl das Kleid 1975 keinesfalls für den Rummel gedacht war). Oder: „Das sieht immer noch [sic!] gut aus, das passt doch toll zu unserer Zeit.“ Dass auch ein bestimmter Teil baukulturellen Erbes zur Brauchbarkeit zurückgefunden hat oder besser aktiv: zurückbefördert (und umdeklariert) wurde, das ist die Essenz einer Betrachtung der Entwicklungen von 1968 bis 1980.

 

Lauter versteckte Vorgaben

Die zeitweise verpönten stuckierten Altbauwohnungen, historistischen Blockrandbebauungen und üppig geschmückten Kultur- und Verwaltungsgebäude des 19. Jahrhunderts kamen wieder in Nutzung und in Mode. Beispielsweise für neue Wohn- und Lebensformen (z. B. Wohngemeinschaften) und ab den 1970er Jahren dann ja auch zunehmend renoviert und auf den neuen Stand gebracht. Kein Etagenklo mehr, sondern komfortable Badezimmer. Ich wüsste nicht, warum wir „natürlicherweise“ unter Stuck wohnen sollten. Wir haben uns die Bauten des 19. Jahrhunderts – einer vergangenen Zeit und vergangenen Gesellschaft – schlicht und einfach wieder angeeignet. Und sie dabei umcodiert, für unsere Gegenwart tauglich gemacht. Vielleicht sehen wir dieses Erbe heute sogar bewusster als die damaligen Auftraggeber (die bekanntlich Stuck als Katalogware orderten) und Erstbezieher (für die die Hauptsache die Repräsentationswirkung ihrer Fassade gewesen sein mag, egal ob neugotisch oder neubarock).

Mit den Argumenten „zu teuer“, „nicht sanierbar“, „städtebaulicher Fehler“ etc. kann man jedem baukulturellen Erbe den Garaus machen. Sobald das moralisierende Vokabular ins Spiel kommt, ist eine ziemlich niedrige Niveauebene erreicht. „Fehler“, „Missgriff“ und dann: „Schande“, „Schandfleck“ und „Bausünde“ – da vermischen sich munter Architektur und Moral. Diejenigen, die Bauten und Planungen mit diesem Vokabular brandmarken, machen meines Erachtens eine unzulässige Vermischung von Kategorien und begehen dabei außerdem den logischen Fehler, mit versteckten Vorgaben zu arbeiten.

 

Wer entscheidet, was „funktioniert“?

Auch das Argument, etwas habe nicht funktioniert, halte ich für heikel. Es bringt ein Bauchgefühl zum Ausdruck, das ich für völlig akzeptabel halte. Aber es kann eigentlich keine Begründung für einen Abriss sein. Denn „Funktionieren“: Für wen und als was und wie misst man das? Und wer misst? Wird mit den Füßen abgestimmt oder mit Leserbriefen oder der Zahl von Drogentoten? Wie valide sind solche Aussagen überhaupt?

Drogenkriminalität ist jedenfalls kein Gradmesser für Qualität von Architektur. Ob das Zeug vor einem neugotischen Hauptbahnhof vertickt wird oder vor einem brutalistischen, dürfte den Dealern herzlich egal sein. Bahnhofsplätze und abgesenkte Plätze mit U-Bahnzugang sind aber vielleicht auch kein gutes Beispiel, weil sie grundsätzlich immer und überall schwierig sind – eben weil sie die Mobilität fördern und weil sich das verschiedenste Gruppen zunutze machen. Und wenn die eine gesellschaftliche Gruppe (hier das Bürgertum) diese, sozusagen, biologische Nische freigibt, dann übernimmt eben eine andere gesellschaftliche Gruppe das Habitat, solange es ihr gelassen wird.

 

Für einen entspannten Umgang

Wiederkehrendes Muster in den aktuellen Diskussionen scheint mir Folgendes: Die Kritiker geben nicht an, welche Punkte sie für einen Fehler halten, sondern sie setzen die Fehlerhaftigkeit als vereinbart voraus. Normalerweise bezeichnet man sowas ab einer gewissen Dosierung als Populismus. Es geht dann weiter mit Argumenten wie „Man muss auch mal was Neues machen“ oder „Wir müssen auch heute bauen dürfen“: Aber mal ehrlich – warum muss man eigentlich irgendwas? Auf der anderen Seite stehen die Denkmalschützer und versuchen, mit so viel Objektivität wie möglich und manchmal sogar weitschweifig zu begründen, warum etwas bedeutend ist.

Wenn wir uns nun zwischen diese Extreme stellen: Kommen wir zu einer entspannten Haltung im Umgang mit dem Bauerbe? Können wir nicht vermitteln, dass der Denkmalstatus keine Bedrohung ist für Entwicklung und moderne Nutzung? Täglich hören wir im Radio „den besten Mix“. Also, warum nicht auch in unserer Stadt dieses Rezept: Das Beste aus den 1960er, 70er und 80er Jahren und die größten Hits von heute. Das wäre auch für die Architekturdebatte das richtige Maß! Dass die Debatten neben den persönlichen Geschmäckern meist auch vom konkreten Pflege- oder eben Verwahrlosungszustand vieler Anlagen geprägt ist, ist ja lange bekannt. Auch dem könnte man entspannt begegnen: „Putzen und Benutzen“ – das ist das Motto der Werkstatt Baukultur Bonn, und es gilt überall.

 

Wir erben unsere Vergangenheit

Europa feiert 2018 das Europäische Kulturerbejahr, in Deutschland mit dem schönen Motto „Entdecken, was uns verbindet“. Das ist auch die Geschichte vieler Städte als Ergebnis von Wiederaufbau und Umbau nach 1945. Das ist der Zeithorizont, mit dem die meisten heute Lebenden groß geworden sind. Alles andere sind schöne, schwarz-weiße Postkartenerinnerungen an die „gute alte Zeit“. Im Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 hieß das ebenso schöne Motto: „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“. Gemeint waren damals ganz besonders die Anlagen des 19. Jahrhunderts. Heute ist „unsere Vergangenheit“ auch die Zeit der 1950er bis 1980er Jahre. Von den Studentenprotesten 1968 bis zur Möglichkeit für Frauen, ohne Einwilligung ihres Ehemanns einem Beruf nachzugehen, 1977: Das ist unsere Vergangenheit, und deren Erbe sollten wir uns stellen. (10.6.18)

Der Text von Martin Bredenbeck entstand als persönliche Einleitung zum Vortrag am 4. Juni 2018 im Domforum Köln in der Jahresreihe des Architektur Forum Rheinland.

Titelmotiv: Köln, Ebertplatz (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2018)

Sarajewo (Bild: Martin Maleschka)

Die grauen Herren

Da stehen sie und sperren sich gegen jede Hochglanz-Ästhetik. Weder verdämmt noch verhipstert, sondern einfach in die Jahre gekommen. Im besten Fall. Solche Bilder ließen sich in Städten wie Sarajewo oder Minsk einfangen, noch. Doch überzeugen Sie sich selbst: Der Architekt und Fotograf Martin Maleschka, aktuell hochaktiv in Sachen Kunst am Bau, hat nun einige seiner Platten-Bilder zur Ausstellung „Ästhetik in Beton“ zusammengestellt. Das Projekt kam ins Rollen durch Florian Dossin (Student und Tutor an der Bauhausuniversität Weimar), der in Maleschka einen Mit-Begeisterten für diese lange geschmähte Bauepoche gefunden hat – einen „auf die Suche nach der Ästhetik der ‚Ostmoderne'“. Beiden geht es um den Erhalt und die Inwertsetzung der dazugehörigen Gebäude. „Beides tut Maleschka in erster Linie mit seiner Kamera.“

Ort und Gegenstand seiner jüngsten Ausstellung ist Jena-Neulobeda, denn, so Dossin: „Jena genoss als Universitätsstadt mit den Werken Zeiss und Schott eine wichtige Stellung in der DDR, wodurch zahlreiche Neubauvorhaben verwirklicht worden. Eines der größten Vorhaben stellt das Neubaugebiet Neulobeda dar“. Die Vernissage wird am 21. Juni 2018 um 18 Uhr begangen, im Anschluss ist die Schau bis zum 13. Juli 2018 zu sehen im Kreativen Baubüro von jenawohnen (Stauffenbergstraße 10) in, natürlich, Jena-Neulobeda. Für moderneREGIONAL haben wir einige seiner schönsten Aufnahmen ergänzt um Fotos aus der Bauzeit, als die grauen Herren noch jung waren. (kb, 31. Mai 2018)

St. Louis/Missouri, Abriss von Pruitt Igoe, 1966 (Bild: U.S. Department of Housing and Urban Development Office of Policy Development and Research, PD)

„The day modern architecture died“?

von Dina Dorothea Falbe

Täglich erscheinen auf moderneREGIONAL aktuelle Meldungen für eine wachsende Gruppe Modernefans. Obwohl schon viel Erfreuliches passiert, bleiben hier Abrisse oder Abrissdiskussionen eines der häufigsten, wenn nicht das häufigste Thema. Dieser Schwerpunkt liegt auch im Alter der Bauten begründet: Eine abgeschlossene Architekturepoche muss erst Schritt für Schritt wahrgenommen und bewertet werden, um breitere Anerkennung zu finden. Niemand kann erwarten, dass unsere gebaute Umwelt bleibt wie sie ist – sie verändert sich mit uns und mit den Formen unseres Zusammenlebens. In allen Umbruch/Abbruch-Diskussionen geht es deshalb genau um diese Frage: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

 

Von der Testsprenung zum Symbol

Eindrückliche Bilder von Abbrüchen moderner Bauten werden schon seit Jahrzehnten verwendet, um bestimmte Botschaften über diese Stilepoche zu vermitteln. „The day modern architecture died“, mit dieser bekannten Aussage machte der Architekturhistoriker Charles Jencks 1977 das Ende der Moderne am Abrisstermin von Pruitt-Igoe fest. Die Testsprengung einiger Bauten der 1955 in St. Louis errichteten und später heruntergekommenen Wohnsiedlung sollte mit dem „Pruitt-Igoe Action Plan“ ursprünglich nur den einige neue Gemeinschaftsbauten für die Siedlung ermöglichen, wie Sabine Horlitz 2016 in der Zeitschrift „Candide“ darlegte. Kurz darauf wurde der Abriss der gesamten Anlage beschlossen (und mit der Abrissbirne umgesetzt).

Das Videomaterial von der Testsprengung wurde fortan instrumentalisiert – besonders von Präsident Richard Nixon, um den Wohlfahrtsstaat als gescheitert und staatliche Einmischung in die Immobilienwirtschaft als per se schlecht darzustellen. Gründe, dieses Narrativ zu hinterfragen, gab es seither viele: Schlagzeilen machten die astronomischen Immobilienpreise im Silikon Valley. Auch die Spekulation mit Eigenheimkrediten, die Ursache der Finanzkrise vor zehn Jahren, stellt bis heute die Wohnungs- und Bodenpolitik infrage. Die in den 1930er bis 1960er Jahren boomende Kreditvergabe ging nicht nur mit einer ausgedehnten Suburbanisierung einher. Mittlerweile wird sie sogar als struktureller Rassismus kritisiert, da vorwiegenden Weiße davon profitierten. Mangelnde Instandhaltung, Rassen-Segregation, der allgemein schlechte Arbeitsmarkt und der damit einhergehende Bevölkerungsschwund gelten heute als wahrscheinliche Ursachen für den Verfall des einstigen Vorzeigeprojektes Pruitt-Igoe.

 

Im TV dabei


Bis heute werden spektakuläre Abrisse moderner Appartementblocks im Fernsehen übertragen: Ehemalige Bewohner verfolgen weinend die Sprengung ihres Hauses in den Pariser Banlieues. Die Architekturtheoretikerin Niloufar Tajeri widmete sich diesem Thema im gemeinsamen Projekt „Riot“ mit dem Philosophen Gal Kirn 2015/16 an der Akademie Schloss Solitude. 2005 kam es in den Pariser Banlieues zu gewaltsamen Ausschreitungen – ausgelöst durch den Tod zweier Jugendlicher, die als Opfer ungerechtfertigter Polizeigewalt angesehen werden. Der französische Soziologe Hugues Lagrange benannte die Ankündigung weitrechender Abrisse (im Rahmen des Sanierungsprogramms ANRU 2003) als Ursachen für die Ausschreitungen.

Die Videoaufnahmen ehemaliger Bewohner zeigen, dass sich ihre Lage durch die städtebauliche Neuorganisation nicht unbedingt verbessert. Denn mit den modernen Wohnblocks werden auch gewachsene Sozialstrukturen zerstört. Die vielkritisierte Flächen- oder Kahlschlagsanierung, für die Pruitt-Igoe stellvertretend stehen kann, scheint sich dort zu wiederholen. Einmal mehr wird die „hässliche“ Architektur zur Projektionsfläche für vieles, was gesellschaftlich schief läuft. Texte zu diesen Themen haben Niloufar Tajeri und Gal Kirn im Pages Magazine veröffentlicht. Am 18. Juli 2018 halten sie einen Vortrag an der Universität Münster. Und die Ausstellung zum Projekt „UNTIE TO TIE. Über Aufstände und Widerstand. Riots: Allmähliches Aufkündigen der Zukunft“ ist noch bis zum 24. Juni 2018 in der ifa Galerie Stuttgart zu sehen.

 

Der „gute“ Abriss

Die Abrissgeschichte des Restaurants Ahornblatt auf der Berliner Fischerinsel ist zumindest in Deutschland viel zitiert. Ihre Symbolkraft scheint für statt gegen die Moderne zu arbeiten. Hätte man das ikonische Bauwerk aus filigran betonierten Hyparschalen von Ulrich Müther im Jahr 2000 nicht abgerissen und durch einen gesichtslosen Neubau ersetzt, wäre das Werk des DDR-Bauingenieurs heute wohl weit weniger bekannt. 2006 wurde sein Nachlass in das Müther-Archiv an der Hochschule Wismar überführt. Bis dahin hatten die Pläne, Zeichnungen, Akten und Modelle in feuchten Räumlichkeiten der Kraft-durch-Freude-Ferienanlage Prora auf Rügen gelagert, die Müther eigens dafür angemietet hatte. Ein Großteil des 2,5-Kilometer-langen Dreißigerjahrebaus wurde kürzlich zu Luxuswohnungen umgebaut. Die monotone Fassade, deren Form und Struktur weniger an die völkischen Stilkonstruktionen der Nazi-Erbauer, als vielmehr an modernen Pragmatismus erinnern, schien dabei kein Hinderungsgrund zu sein.

 

Aneignung statt Abriss

Moderne Masterpläne entstanden am Reißbrett, von oben herab und oft unter Missachtung gewachsener Strukturen. Zugleich legen optimierte Wohnungsgrundrisse ihren Nutzern bestimmte Wohn- und Verhaltensideale nahe. Dass dieser autoritäre Charakter nicht die folgenden Nutzungen bestimmen muss, zeigen Aneignungsbeispiele in den Büchern „Kleine Eingriffe“ und „Raster Beton“. Letzteres beschäftigt sich mit der Plattenbausiedlung Leipzig-Grünau. Der Architekturtheoretiker Wolfgang Kil spricht hier von der „Normalisierung der Moderne“ als „nächste kulturelle Herausforderung von Le Havre bis Wladiwostok“.

Ob diese „Normalisierung“ oder selbstbestimmte Aneignung von Großstrukturen überhaupt stattfinden kann, oder vorher erneut von oben „Tabula Ras“ gemacht wird, ist von den Eigentumsverhältnissen abhängig. Staatliche Wohnungsbaugesellschaften sind nicht unbedingt ein Garant für sichere Instandhaltung und verantwortungsvollen Umgang mit dem Bestand, doch angesichts der Wohnungsknappheit in deutschen Großstädten wird die öffentliche Hand wieder geschätzt. Dass das zivilgesellschaftliche Engagement in dieser Steuerung berücksichtigt werden kann und sollte, zeigt die Stadt Berlin aktuell mit dem Projekt Haus der Statistik. Sie hat das ostmoderne Ensemble am Alexanderplatz vom Bund gekauft, um dort neben der eigenen Verwaltung auch Wohnungen und Arbeitsräume für Kreative und Geflüchtete unterzubringen. Dafür hat die Stadt eine Kooperationsvereinbarung mit Initiativen getroffen, die sich für solche Nutzungen an dem Standort einsetzen. So entsteht in zentraler Lage ein Ort, in dem viele gemeinschaftliche Interessen selbstbestimmt zusammenkommen.

Das Haus der Statistik illustriert auch, wie Merkmale der Moderne eine selbstbestimmte Aneignung durch neue Nutzer begünstigen können. Gerade weil immer noch viele Vorzeigeprojekte die „europäische Stadt“ weit zurückliegender Jahrhunderte reproduzieren – wie z. B. das Humboldt-Forum unweit vom Alexanderplatz – erscheint die Ostmoderne als passende Atmosphäre für eine breitere gesellschaftliche Vielfalt. Das Stahlbetonskelett-Tragwerk gibt große Freiheiten in der Grundrissgestaltung. Aber auch der unfertige Charakter des entkernten Gebäudes lädt zur Aneignung ein. Hier entsteht Neues, gerade weil nicht neu gebaut wird.

 

Neutralität unmöglich

Nicht nur Modernefans sind überzeugt, dass Abrisse oft nicht sinnvoll sind. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass es möglich ist, den jeweiligen Bestand an die aktuellen klimatischen und räumlichen Anforderungen anzupassen. Dabei können Ressourcen geschont, räumliche, soziale sowie baukünstlerische Werte erhalten und neue geschaffen, ja sogar Kosten gespart werden. Die Abrissforderungen stützen sich also heute, wie auch schon bei Charles Jencks in den 1970erJahren, oft auf politisch motivierte Narrative: Sie belegen die Gebäude mit einer bestimmten Symbolik oder behaupten, eine bessere Lebensumwelt schaffen zu können. Stützen die Abrissdokumentationen also die Geschichte von der vermeintlichen Niederlage der Moderne? Kann es umgekehrt gelingen, mit solchen Bildern die Werte moderner Lebensräume aufzuzeigen?

In seinem populären Architekten-Buch „four walls and a roof“ bezeichnet Reinier de Graaf die Moderne als „the century that never happend“ und zeigt dazu Abrissbilder von bekannten modernen Bauten. Damit liefert er mehr als eine neutrale Analyse. De Graaf sagt auch, die Wohnfunktion sei heute nur noch ein „Nebeneffekt“ der Immobilie als Kapitalanlage und Spekulationsobjekt. Auch in Deutschland gibt es solche Siedlungen, die unter steigenden Preisen ständig den Besitzer wechseln, ohne dass in die Substanzerhaltung investiert wird. Der Kampf um den Erhalt moderner Bauten und Stadtstrukturen will also auch die gewachsenen sozialen Strukturen und die dort gelebte Identität vor dem Spekulationsdruck bewahren. Dies gilt auch für öffentliche Bauten der Nachkriegszeit, die ebenfalls wegen günstiger Mieten vielerorts als Freiräume für kulturelles Leben wahrgenommen werden.

 

Das Ende einer Unterdrückungsspirale?

Die starke emotionale Wirkung der Abrissbilder erlaubt keine „unschuldige“ Verwendung. Solche Fotografien erzeugen noch immer die Endzeitstimmung im Sinne von „modern architecture died“. Doch verbunden mit einer weiteren Analyse der Abrissumstände, lässt sich die Botschaft auch anders verstehen: Die Zerstörung von Gebäuden, insbesondere von modernen Wohnhäusern und -siedlungen, ob durch unterlassene Instandhaltung oder durch Sprengung, ist ein gewaltsamer Akt. Er lässt sich als Teil einer Unterdrückungsspirale verstehen, die durchbrochen werden könnte. Die Transformation dieses Erbes bietet Chancen für mehr gesellschaftliche Vielfalt und ein respektvolles Miteinander. Gerade weil unterschiedliche politische Deutungen von Architekturen möglich sind, ist es an uns, gewissenhaft damit umzugehen – das gilt auch und besonders für Abrissbilder. (22.5.18)

Titelmotiv: St. Louis/Missouri, Abriss von Pruitt-Igoe, 1966 (Bild: U.S. Department of Housing and Urban Development Office of Policy Development and Research, PD)