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Berlin-Neukölln, Karstadt (Bild: historische Postkarte)

Die Wiederauferstehung von Neukölln?

„Philipp Schaefers bauliche Gestaltungskraft wird durch die eigenartigen Vertikal-Formen seiner Karstadt-Häuser nicht erschöpft.“ Zu diesem Lob mit Widerhaken kam 1929 der Architekturkritiker Werner Hegemann. Wie zeitgemäß sei dieser deutsche Anschluss an die „gotisierende Baumode“ Amerikas, an die „utopischen Welten der Technik“ eines Jules Verne oder H. B. Wells. Für Schaefers Warenhochhaus in Berlin-Neukölln – ein filmreifes Ensemble mit Lichtsäulen, Dachterrasse und U-Bahnanschluss – titelte der „neuköllner“ rückblickend: „King Kong am Hermannplatz“. Noch kurz vor Kriegsende, im Frühjahr 1945 hatten SS-Einheiten das Karstadthaus gesprengt. In diesen Tagen nun stellt die Signa-Investorengruppe ihre Pläne zum Umbau des denkmalgeschützten Kaufhauses vor. Das Büro ChipperfieldArchitects will dabei nicht weniger, als den alten Glanz zurück – auch auf Kosten des betont nüchternen Wiederaufbaus von 1951/52 (Alfred Busse). Bereits bei der letzten Sanierung von 1998 bis 2000 (Helmut Kriegbaum/Udo Landgraf) hatte man mit einer Spiegelfassade an die ursprüngliche Symmetrie angeknüpft. Mit der Fertigstellung des Chipperfield-Projekts wäre, sollten die Investorenpläne umgesetzt werden, nicht vor 2024 zu rechnen. Wie stimmig die Wiederauferstehung von Neukölln ausfallen würde, bliebe abzuwarten – Vorher-Nachher-Bilder gibt es jetzt schon bei uns … (kb, 29.5.19)

Literatur

Schaefer, Philipp, Neue Warenhausbauten der Rudolph Karstadt A.-G. Mit einem Vorwort von Werner Hegemann, Berlin u. a. 1929.

Das Warenhaus Karstadt am Hermannplatz in Berlin-Neukölln, in: Deutsche Bauzeitung 63, 7. August 1929, S. 545-552.

Das Warenhaus Karstadt am Hermannplatz in Berlin-Neukölln, in: Konstruktion und Ausführung (Monatsheft zur Deutschen Bauzeitung) 8, August 1929, S. 85-89

Titelmotiv: Berlin-Neukölln, Karstadt (Bild: historische Postkarte).

Übergabe eines Bartning Klappaltars von der Ev. Kirchengemeinde Oberpleis an das LVR-Frelichtmuseum Kommern (Bild: Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis, Zielke)

Bartning-Kirche: Ein Klappaltar auf Reisen

„Eine Kirche ist kein Museum!“ An diesem Satz stimmen mindestens zwei Dinge nicht: das verstaubte Bild von Museen ebenso wie das kulturferne Bild von Kirche. Und seit Mitte diesen Monats trifft diese Aussage erst recht nicht auf zwei Bartning-Notkirchen zu. Denn die Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis, stolze Nutzerin einer dieser Inkunabeln, hat einen ihrer beiden Original-Klappaltäre an das LVR-Freilichtmuseum Kommern verschenkt. Nach dem Abriss einer anderen Notkirche hatte die Gemeinde in den 1960er Jahren das Sakralmöbel übernommen und wollte es jetzt einer sinnvollen Drittverwendung übergeben. Denn in Kommern wird gerade eine Bartning-Notkirche wiederaufgebaut.

Hintergrund der praktisch klappbaren Altäre war der hohe Bedarf an neuen Kirchenräumen nach dem Zweiten Weltkrieg. Um den vielen Provisorien in Schulen und Wirtshäusern abzuhelfen, entwickelte der Architekt Otto Bartning das heute legendäre Notkirchensystem: kostengünstige, leicht transportable und montierbare Systembauteile wurden mit viel Eigenleistung zu einem Gottesdienstraum gefügt. Auf die äußerst erfolgreichen Typen A bis C folgte D, die „Diasporakapelle“ bzw. das „Gemeindezentrum“. Das Konzept wurde zwischen 1949 und 1953 ingesamt an 52 Orten umgesetzt. Der Innenraum konnte sowohl für ganz profane Veranstaltungen als auch – mit einer aufgeklappten Altarnische – für den sonntäglichen Gottesdienst genutzt werden. Viele Gemeinden lieben und nutzen diese multifunktionalen Baukunstwerke bis heute, so auch in Oberpleis.

In Overath hingegen sah sich die Evangelische Gemeinde gezwungen, sich zugunsten eines Neubaus von ihrer Versöhnungskirche, einem Bartning Typ D, zu trennen. Daraufhin wurde der hölzerne Systembau in seine Einzelteile zerlegt und im Freilichtmuseum Kommern wieder zusammengesetzt. Hier gingen die Experten detailgetreu vor, suchten u. a. via Social Media nach den passenden Kacheln für den Sanitärbereich. Die fertige Notkirche wird in Kommern am 21. Juli 2019 als Teil der Baugruppe „Marktplatz Rheinland“ eröffnet und größtenteils im Originalzustand von 1951 präsentiert – inkl. des geschenkten Klappaltars aus Oberpleis. (kb, 25.5.19)

Titelmotiv: Übergabe eines Bartning Klappaltars von der Ev. Kirchengemeinde Oberpleis an das LVR-Frelichtmuseum Kommern (Bild: Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis, Zielke)

Bielefeld, Fotosymposion im FH-Gebäude (Bild: Karin Berkemann, 2019)

Wand Wand

Es gibt kaum etwas Privateres als die Aufnahme einer Wohnung – jeder leere Sessel, jede benutzte Teetasse, jede „Wohnlichkeitsattrappe“ befeuert das Kopfkino des Betrachters. Und genau diese Gratwanderung zwischen zurückhaltender Dokumentation, künstlerischer Inszenierung und ungestraftem Voyeurismus macht den besonderen Reiz der Architekturfotografie aus. Für die neue Ausstellung „Wand Wand“ näherten sich Studierende der FH Bielefeld dem Thema. Anlass der Aktion ist das Ende des dreijährigen Projekts „Erkenntnisformen der Fotografie“ mit dem Forschungsprojekt „Bilder des Wohnens“, was vom 8. bis 10. Mai 2019 mit dem 37. Bielefelder Fotosymposion feierlich begangen wurde. Referenten und Besucher der Tagung waren für drei Tage lebendiger Teil der studentischen Inszenierung: zwischen dem Abbild eines streng gerasterten Wolkenkratzers und der Videosequenz über ein kleinstädtisches Walmdach.

Auf den drei Ebenen des FH-Gebäudes hatten die Studierenden ihre Fotografien, Filme, Medieninstallationen und Objekte eng auf die nachkriegsmoderne Architektur bezogen: Da führte eine Treppe scheinbar direkt auf die Dachlandschaft einer Favela und bogen Häuserzeilen um die Ecke. Derweil referierten und diskutierten die Gäste des 37. Bielefelder Fotosymposiums über Grundlegendes: Wie viel Foto-Montage vertrug eine Architekturzeitschrift um 1900 (erstaunlich wenig, so Marie-Christin Kajewski aus Bielefeld/Köln)? Wie stark war der Einfluss des Modells beim Entwerfen nachkriegsmoderner Architekturen (kaum zu überschätzen, so Ralf Liptau aus Wien)? Wie viel Arbeit macht die Inszenierung der neuesten Handtaschen der Saison für eine Fotostrecke (viel (Spaß), so Thomas Rook aus Berlin)? Und wie lesen wir heute die Wohnungs-Erinnerungsfotos jüdischer Emigranten (mit aller Vorsicht vor unserem eigenen Kopfkino, so Annette Tietenberg aus Braunschweig)? Wie eindimensional erscheint dagegen die Bildsprache der pädagogisch ambitionierten Einrichtungsratgeber der 1920er und 1930er Jahre (Anna Zika) mit ihren zwei Foto-Kategorien: gut und böse. (kb, 11.5.19)

Die Ausstellung, die in Bielefeld (Lampingstraße 3) bis zum 29. Mai 2019 zu sehen ist, wurde erarbeitet von den Studierenden Georg Barbe, Daniela Djukic, Lea Fender, Robert ter Horst, Alina Medvedeva, Morgane Overath und Serafima Rayskina gemeinsam mit Prof. Dr. Kirsten Wagner und Prof. Suse Wiegand. Die Leitung des Forschungsprojekt hat Prof. Dr. Kirsten Wagner, weitere Beteiligte sind Prof. Roman Bezjak als Vizesprecher, Prof. Axel Grünewald, die Doktorandin Marie-Christin Kajewski, Prof. Emanuel Raab, Prof. Suse Wiegand und Prof Dr. Anna Zika. Beim Fotosymposium referierten Kirsten Wagner (Bielefeld), Marie-Christin Kajewski (Bielefeld/Köln), Lutz Robbers (Oldenburg), Ralf Liptau (Wien), Sarine Waltenspül (Zürich), Cora Waschke (Berlin), Inaki Bergera (Zaragosa), Davide Deriu (London), Matthias Noell (Berlin), Annette Tietenberg (Braunschweig), Beate Söntgen (Lüneburg), Anna Zika (Bielefeld), Thomas Rook (Berlin) und Ann Christin Schubert (Berlin). Titelmotiv dieses Beitrags: Blick in die Ausstellung „Wand Wand“ in der FH Bielefeld (Bild: Karin Berkemann, 2019).

Leerer Raum (Bild: DarkWorkX, via pixabay)

Der Raum ist sehr geräumig

Der Begriff ist ein bisschen 2002 – als mit einem Mal die Kunst des Yoga, der unverpackte Konsumartikel und die Selbstbestimmung ihre jeweils eigenen Räume erhielten. Zumindest sprachlich, denn der Raum hatte aufgehört, vier Wände und eine Zimmerdecke zu brauchen. Er war aus den Fußballkommentaren und Sozialpädagogengesprächen in die Geisteswissenschaften übergewechselt. Diesem vielzitierten „spatial turn“, der Kehre zum Raum, hat der Medientheoretiker Stephan Günzel nun ein eigenes Buch gewidmet. „Der Raum“, erschienen 2018 in zweiter Auflage im transcript Verlag, ist nicht mehr (und will nicht weniger sein) als eine „kulturwissenschftliche Einführung“. Damit wagt Günzel nicht nur eine Zwischenbilanz der bisherigen Debatte, sondern auch den nächsten Schrit vom Raum zur Landschaft, von der Ikonographie zur Topologie.

Vorlaufend entfaltet Günzel die Gründe und Grundzüge für die Wende zum Raum, um im ersten Kapitel deren „Antinomien“, die Verwerfungslinien darzulegen: Verschwinden vs Erstarken, Determinismus vs Possibilismus, Raum vs Ort. Die sich daraus ergebenden Raumtheorien stehen im Mittelpunkt von Kapitel zwei, als deren Synthese er in Kapitel drei seine Theorie der Topologie anbietet. Unterwegs wird der Leser mit den Größen der Debatte – Ratzel, Simmel, Lewin, Heidegger, McLuhan, Levinas, Benjamin, Foucault, Spencer Brown, Bourdieu, Deleuze, de Certeau – bekannt gemacht. Und genau in dieser Beiläufigkeit liegt eine der großen Stärken der Publkation: Mit dem Autor glückt auch theorieschreckhaften Lesern der Parcours durch die Disskissionsuntiefen der letzten Jahrzehnte. Denn egal, ob man den Raum bricht oder faltet, stapelt oder weit macht, mit Günzel wird man mit den jeweils eigenen Raum-Bildern – noch so ein 2000er-Begriff – im besten Wortsinn anschlussfähig. (kb, 6.5.19)

Günzel, Stephan, Der Raum. Eine kulturwissenschaftliche EInführung, transcript Verlag, Bielefeld 2018, 158 Seiten, 2. Auflage, ISBN 978-3-8376-3972-8.

Leerer Raum (Bild:DarkWorkX , via paxabay)

"Wessen Stadt?" (Bild: Film-Still, Regie: Hans Christian Post)

Wessen Stadt?

ein Interview mit dem Filmemacher Hans Christian Post

Erst am vergangenen Wochenende demonstrierten mehr als 10.000 Berliner gegen den „Mietwahnsinn“. Diese ungeschönte Seite Berlins zeigte der dänische Filmemacher Hans Christian Post bereits 2015 in seinem Dokumentarfilmdebüt „Last Exit Alexanderplatz“. Zwei Jahre später folgte „Wessen Stadt?“, eine Zeitreise in das wilde raue Berlin der frühen Nachwendejahre. In eine Zeit, als hitzig über die Architektur der künftigen Hauptstadt diskutiert wurde. Damit zog der Filmemacher auch Bilanz: Was hat sich verändert? Wirken die damaligen Entscheidungen bis heute fort? moderneREGIONAL sprach mit Post über seinen besonderen Blick auf die letzten Jahrzehnte Hauptstadt:

mR: Herr Post, was fasziniert Sie am Berlin der Nachwende-Zeit?

Hans Christian Post: Ich kam 2002 nach Berlin, noch als Student, und schrieb über Architektur und Städteplanung. Später reizte mich der Umgang mit dem baukulturellen Erbe nach dem Mauerfall. Meine Doktorarbeit verfasste ich in Kopenhagen – über den Alexanderplatz. Genauer gesagt über den Wettbewerb zu dessen Neugestaltung. Die Entwürfe waren Teil des bundesweiten Architekturstreits der 1990er Jahre. Aus meinen Recherchen ist 2015 der Alexanderplatz-Film entstanden. Aber ich wollte noch einen Film speziell über die dahinterliegende Architekturdebatte drehen. Obwohl ich kein Zeitzeuge bin, hat mich die Auseinandersetzung fasziniert: Sie fand auf einem sehr hohen Niveau statt, gleichzeitig kam sie mir albern vor. Es ging um Ästhetik, eine sehr bürgerliche Ästhetik. Die wirklich wichtigen sozialen Fragen wurden ausgeblendet. Inzwischen haben sich die damaligen Entscheidungen durchgesetzt. Heute kommen die Häuser schick und historisierend daher, sind aber in der Ausführung billig. Gleichzeitig ist die Stadt teuer geworden.

mR: Berlin galt nie als besonders ästhetische Metropole. Woher kam dann diese Sehnsucht nach einem geheilten Stadtbild?

HCP: Unter der Oberfläche der Diskussion um Schönheit und Gründerzeit ging es eigentlich um eine neoliberale Tagesordnung. Man hatte aufgehört, über die soziale Frage zu sprechen. Ich glaube, das war eine Generationenfrage: Die damaligen Entscheidungsträger waren Männer, die um 1945 geboren wurden und sich nach einer heilen Welt sehnten. Viele, die sich für die Rekonstruktion stark machten, kamen gar nicht aus Berlin. Die Stadt, wie sie 1990 vorlag, wurde von dieser Generation nicht geschätzt. Die jetzt amtierende Staatsekretärin der Senatsverwaltung für Stadtverwaltung und Wohnen, Regula Lüscher, ist zum Beispiel 20 Jahre jünger. Sie ist begeistert von Filmemachern wie Wim Wenders, der dieses widersprüchliche Berlin inszeniert hat.

mR: In diesen Wochen begehren vor allem jüngere Berliner auf. Sind die eingeschlagenen Pfade nicht schon viel zu verfestigt, um jetzt noch etwas zu ändern?

HCP: Die Stadt muss mehr machen, als sie tut. Sie darf sich nicht durch die großen Wohnungsbauunternehmen steuern lassen. Nach der Wende hatte Berlin viele Möglichkeiten, besaß Wohnungen und Grundstücke. Gerade nach dem Bankenskandal in den 2000er Jahren wurde viel davon verkauft. Hätte man von Beginn an über die soziale Frage und die „Stadt für Alle“ diskutiert, wären nicht in diesem Maße Kapital und Handlungschancen veräußert worden. Inzwischen gibt es aber auch Politiker, die verstanden haben, dass keiner von dieser Entwicklung profitieren wird.

mR: Man könnte entgegnen, dass eine starre Ruinenromantik wenig fortschrittlich ist – vor allem, wenn Berlin als Welt- und Haupstadt ersten Ranges gelten will.

HCP: Solche Argumente sind provinziell. Ein Großflughafen macht noch keine Weltstadt. Berlin muss nicht Paris oder New York sein. Das Kapital von Berlin waren nicht die Ruinen oder Brachen an sich, sondern deren Möglichkeiten. Die Entwicklung der geteilten Stadt ist einzigartig. Das ist nicht unbedingt hübsch, aber genau der Reichtum, mit dem wir arbeiten sollten. Was man nach der Wende etwa am Potsdamer Platz geschaffen hat, ist im Vergleich nicht sonderlich beeindruckend.

mR: Ist denn zu befürchten, dass Berlin sein Gesicht gänzlich verliert?

HCP: Das hängt jetzt von der Politik ab. Vielleicht sollte die Stadt zulassen, dass mehr gebaut wird: gemischte, soziale Projekte. Ich schaue immer nach Rotterdam, das im Krieg auch sehr zerstört wurde. Dort wollte lange keiner wohnen. Dann hat man entschieden: Wir umarmen jetzt die Moderne und lassen viel zu. Alles, selbst ein Hochhaus darf gebaut werden, aber es muss sozial sein. Auch Berlin könnte – gerade aufgrund seiner Historie und Bausubstanz – eine solche Modellstadt werden. Frau Lüscher sagt in meinem Film „Wessen Stadt?“: Wir brauchen neue Konzepte für die Großwohnsiedlungen der Moderne. Kann man hier sinnvoll nachverdichten und die Qualitäten hervorheben? In Berlin gibt es viele dieser Siedlungen wie die Gropiusstadt, die inzwischen eine ganz eigene Geschichte haben. Diese Gebiete haben eine Zukunft, die man weiterentwickeln muss.

mR: Gerade die Bauten der Nachkriegsmoderne gelten in der jüngeren Generation heute wieder als progressiv.

HCP: Genau! Wir brauchen wieder solche Utopien, den Glauben, dass es besser werden kann. Ich glaube, damals entstanden auch sehr gute Dinge, die wir neu entdecken können.

Das Gespräch führte Johannes Medebach (11.4.19)

Hans Christian Post (Bild: privat)Hans Christian Post, *1971 in Kopenhagen. Vor seiner Promo­tion 2011 arbeitete er zwei Jahre für die Produktionsfirma WTS-Mixed­ Media in Berlin. Heute unterrichtet er an der University of Southern Denmark in Odense. Filmografie: „We are here“ (2019), „Wessen Stadt?“ (2017), „Last Exit Alexanderplatz“ (2015). Aktuell ist er dabei, einen Film über Dresden zu machen (Arbeitstitel „Wohin mit der Geschichte?“) sowie einen Film über Kopenhagen (Arbeitstitel „Best in the world?“).

Zum Nach-Schauen: „Last Exit Alexanderplatz“ wird am 9. Juni um 18 Uhr in der Cinematheque Leipzig gezeigt – im Rahmen der Ausstellung „Bauhaus in Sachsen“.  „Last Exit Alexanderplatz“ und „Wessen Stadt?“ sind am 27. Mai um 19 Uhr in Lichtmess Kino in Hamburg Altona zu sehen – im Rahmen von Architektursommer 2019. „Wessen Stadt“ ist fürs Heimkino als DVD erhältlich.

Sailauf, Auferstehungskirche im Bau (Bild: Nachlass Karl-Heinz Liebler; Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg)

Zweieinhalb Bücher gegen das Vergessen

Da ist dieser eine Bücherstapel auf dem Nachtschränkchen, der einfach nicht kleiner werden will. Nicht, weil man die Bände nicht zu Ende liest – ganz im Gegenteil: Man wird einfach nicht fertig mit ihnen. Dazu gehören aktuell drei Publikationen zu modernen Kirchen, die keine Kirchen mehr sind. Und mit diesem Verlust gehen die drei Bücher – zwei Kompendien und ein nicht minder ehrenswertes Bändchen – auf ganz unterschiedliche, äußerst lesenswerte Weise um.

1 x Trauerbewältigung

Ein schlichtes scharzes Buch, das ein wenig wie eine Trauermappe aussieht, befasst sich mit einer der gelungensten 70er-Jahre-Kirchen Bayerns. Die angedeutete Trauerflor ist dabei in der Tat berechtigt, denn die Auferstehungskirche in Sailauf nahe Aschaffenburg wurde vor gut 10 Jahren abgerissen: Nur 38 Jahre hatte der betonsichtige Bau nach Plänen des Architekten Emil Mai also bestanden, dann wählte die Gemeinde wieder den ursprünglichen, spätbarocken Kirchenbau als neue, alte Heimat. Der Band des Sailaufer Architekten Peter Wohlwender, erschienen unter dem Titel „Auferstehungskirche zu Sailauf“ im Verlag Dreiviertelhaus, wird vervollständigt durch einen Beitrag des Publizisten Wilhelm Opatz, der auch die Grafik übernahm. Als Autor kommt zudem der Dokumentarfilmer Dieter Wieland zu Wort, der kurz vor Schluss den wohl entscheidenden Satz zum Schicksal des Baus schreibt: „Die Kirche hatte keinen Beschützer“. Mit der Beton-Ästhetik der 1970er Jahre konnte und wollte sich damals niemand mehr auseinandersetzen …

Und so setzt dieses Buch dem verlorenen Denkmal ein Denkmal und stellt zu Recht Fragen: Warum ließ man sich überhaupt einen derart anspruchsvollen Bau errichten? Warum wurde weder ernsthaft eine Sanierung angegangen und erst recht nicht über eine Neunutzung nachgedacht? Interessenten hätte es gegeben. Doch gegen das vorherrschende Desinteresse konnte sich seinerzeit offenbar niemand durchsetzen. Längst ist der ungewöhnliche – und ungewöhnlich gute – Kirchenbau verschwunden, und natürlich darf man fragen, was eine posthume Würdigung nun bringen mag? Neben der Tatsache, dass ein emotionales Architektur-Geschichtsbuch entstanden ist, sorgt es vielleicht auch dafür, dass derartige Fehler im Umgang mit dem jüngeren baulichen Erbe nicht mehr so geräuschlos unter den Teppich gekehrt werden können.

1 x Durchzählen

Moderne Kirchenbauten haben also offenkundig eine unsichere Zukunft, als Einzelstück ebenso wie als ganze Kirchenlandschaft. Die bei Schnell und Steiner erschienene Studie „Die Zukunft von Sakralbauten im Rheinland“ schaut hinter die Kulissen und fragt nach Gründen und Lösungsstrategien. In seiner kunsthistorischen Dissertation kommt Martin Bredenbeck zu dem Schluss: Der Nachwuchsmangel und die wirtschaftliche Neuorganisation der Kirchen gefährden gerade moderne Sakralbauten. Anhand des Rheinlands untersucht er exemplarisch, welche (bau-)künstlerischen Verluste damit einhergehen. Und er hat sich zum Ziel gesetzt, gute Möglichkeiten zur Bewahrung des wertvollen Bestands aufzuzeigen.

Auch und gerade im Rheinland sehen sich die beiden großen christlichen Kirchen dazu gezwungen, ihre Gemeinden zu fusionieren, ihre – zumeist modernen – Kirchen stillzulegen, umzubauen, zu verkaufen und abzureißen. Bredenbeck dokumentiert diese Entwicklung im Rheinland und würdigt die positiven Ansätze: Schwerpunktkirchen, Kulturkirchen, Kolumbarien, die Nutzung durch neue Gemeinden oder ein respektvoller Leerstand. Gerade der auf CD-Rom beigelegte Katalog betroffener Bauten liefert einen wertvollen Daten- und Erfahrungsschatz einer untergehenden Kulturlandschaft. Trotzdem, oder gerade deshalb schließt Bredenbeck hoffnungsvoll: „Die Zukunft von Sakralbauten in Deutschland sieht gut aus, wenn sie jetzt offen und verantwortlich gestaltet wird.“

1 x Träumen

Manche hängen (aus gutem Grund) Teesiebe in die Fenster, manche öffnen ihre Türen für Radfahrer: Um seine Kirche unterhalten zu können, muss man sich (nicht nur) in Thüringen schon etwas einfallen lassen. Das 2018 bei Jovis erschienene Buch „500 Kirchen, 500 Ideen“ entstand als Begleitung und Dokumentation eines Ausstellungsprojekts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland auf der Internationale Bauausstellung (IBA). Gesammelt wurden Ideen für die Zukunft der 500 leerstehenden der rund 2.000 thüringischen Kirchen, darunter auch moderne Vertreter wie Heilig Kreuz in Meiningen. Neben vertiefenden Fachbeiträgen werden Modellprojekte ebenso vorgestellt wie inspirierende Ideen von der Gesundheits- bis zur Herbergskirche. Träumen wird ja noch erlaubt sein! (db/kb, 8.4.19)

Wohlwender, Peter, Auferstehungskirche zu Sailauf, Beitrag/Grafik von Wilhelm E. Opatz, mit einem Vorwort von Dieter Wieland, Verlag Dreiviertelhaus, Elbtal 2019, 104 Seiten, ISBN 978-3-96242-901-0.

Willinghöfer, Jürgen/Weitemeier, Lars (Hg ), 500 Kirchen, 500 Ideen. Neue Nutzung für sakrale Räume, hg. von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), der Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen, Jovis Verlag, Berlin 2018, Klappenbroschur, 23,5 x 28 cm, 200 Seiten, 259 farb. Abb. Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86859-494-2.

Bredenbeck, Martin, Die Zukunft von Sakralbauten im Rheinland (Studien zu Kirche und Kunst 10), Schnell und Steiner, Freiburg im Breisgau 2015, (zugl. Diss., Universität Bonn, 2011) 416 Seiten, 450 Schwarzweiß-Abbildungen, Softcover, 17 x 24 cm, ISBN 978-3-7954-2650-7.

Titelmotiv: Sailauf, Auferstehungskirche im Bau (Bild: Nachlass Karl-Heinz Liebler; Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg)