Was nutzt die Kirche in Gedanken

Kirche ist in Bewegung. Nicht so sehr die Amtskirche, mehr die Vorstellung, die Menschen inner- und außerhalb der Institution von ihr und ihren Räumen haben. In den vergangenen Monaten haben sich gleich drei neue Publikationen mit der Frage auseinandergesetzt, wo die Konturen dieses neuen Kirchenbilds verlaufen. Im Jovis-Verlag ruft der Sammelband zum Erfurter Kirchbautag 2019 auf evangelischer Seite einen neuen „Typus Kirche“ aus. Im Herder-Verlag hingegen beleuchtet eine katholisch initiierte Aufsatzsammlung das Wechselspiel von Gottesdienst und Kirchenbild. Und nicht zuletzt werden, ganz aktuell im Herder-Verlag, die Stärken einer auf Digitalität hin ausgerichteten Kirche ausgelotet. Denn ob analog oder virtuell, so viel sei vorweggenommen, darin sind sich alle drei Kompendien einig: Nichts bleibt, wie es war.

Hamburg-Rothenburgsort, St. Erich (Bild: K. Berkemann, Mai 2021)

Hamburg-Rothenburgsort, St. Erich, 1963, Reinhard Hofbauer, seit 2019 geschlossen (Bild: K. Berkemann, Mai 2021)

Netzwerk auf dem Lande

Schon 2017 hatte eine zitronengelb eingeschlagene Publikation im Jovis-Verlag die hoffnungsvollen Raumexperimente in Thüringen vorgestellt. Nun blickt der Tagungsband zum Kirchbautag 2019 in Erfurt aus einer übergreifenden Perspektive auf diesen neuen Typus, die „hybride Kirche“. Wieder ist der Einband optimistisch gelb und die Grafik comichaft, wieder schaut man optimistisch nach vorne. Seit 2016 engagiert man sich in Thüringen – unter der Schirmherrschaft der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Internationalen Bauausstellung IBA Thüringen – mit Modellprojekten für ländliche Standort: Bienenkirchen, Herbergskirchen und vieles mehr verkörpern die Idee, so die thesenhafte Zusammenfassung des scheidenden Marburger Theologen Thomas Erne, einer Kirche der Überschneidungen zwischen alltäglichen und darüberhinausweisenden Erfahrungen. Entstanden ist eine kunterbunte Mutmachfibel mit frischer Grafik, Interviews (mit Würdenträger:innen und Vor-Ort-Kämpfer:innen) und vertiefenden theoretischen Einsprengseln.

Stralsund-Knieper West, Ev. Gemeindezentrum (Bild: K. Berkemann, 2021)

Stralsund-Knieper West, Ev. Gemeindezentrum, 1977, Ulrich Müther/Dietrich Otto, aktuell Neubau an anderer Stelle geplant, Schicksal der bisherigen Kirche ungewiss (Bild: K. Berkemann, 2021)

Akademische Diskurse

Wo sich die Veröffentlichung im Jovis-Verlag klar an eine breite Zielgruppe wendet, kommt der Sammelband „Gottesdienst und Kirchenbilder“ – herausgegeben von den beiden Liturgieprofessoren Stefan Kopp und Benedikt Kranemann – deutlich akademischer daher. Bilder oder andere Aufheiterungen sucht man vergeblich auf dem Leseweg. Und tatsächlich funktioniert die Old-School-Lektüre erstaunlich gut. Denn hier sprechen Menschen kritisch von Dingen, von denen sie viel verstehen. Der Hintergrund ist ein katholisch-liberaler, doch auch die Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils werden prüfend in die Luft geworfen und auf ihre biblischen Wurzeln hin abgeklopft. Hauptsächlich geht es um liturgische Fragen (Welche Rolle spielt die Eucharistie beim Kirchenbild, wie funktioniert interreligiöses Beten, wie offen kann Kirche sein?). Der emeritierte Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards aber kommt dann zur Raumfrage auf den theoretischen Punkt. Nach einem kundigen Ritt durch die Kirchenmodelle seit biblischen Zeiten blickt er gegen Ende auf das Kommende: Die Zeiten der christlichen Vorherrschaft sind demnach vorbei. Und vielleicht liege die Zukunft dann nicht in neuen kunstvollen Sakralbauten, sondern in der offenen, auch diakonischen Geste der bestehenden Räume.

Geesthacht, St. Petri (Bild: K. Berkemann, März 2021)

Geesthacht, St. Petri, 1963, Friedhelm Grundmann/Horst Sandtmann, 2021 (provisorische?) Unterteilung und Umnutzung zu Kindergarten (Bild: K. Berkemann, März 2021)

Irgendwie dazwischen

Angesichts solch massiver Veränderungen hat Kirche nur zwei Optionen: Sie kann sich singend und betend in die Betsäle in den Industriegebieten zurückziehen und alle staatlichen Fesseln von sich werfen (samt beamtenähnlichem Gehalt und öffentlichen Bauzuschüssen). Oder sie stellt sich auf eine neue Art der Welt und begreift sich als aktiver Teil der – zunehmend virtuell geprägten – Welt. Schon vor Corona rang man um Begriffe für diese digitale Seite der Gesellschaft. Aktuell etabliert sich langsam die vom Medienwissenschaftler Felix Stadler in die Diskussion geworfene „Digitalität“ als umfassender Kulturbegriff. Entsprechend fragt der frisch erschienene Aufsatzband „Theologie und Digitalität“ (herausgegeben von Wolfgang Beck, Ilona Nord und Joachim Valentin) nach dem Wandel im Menschen-, Stadt-, Kirchen- und nicht zuletzt Gottesbild und deren ethische Seite. Dieses inhaltsreiche Kompendium bündelt die Ergebnisse zweier Jahrestagungen (2019/20) der Arbeitsgruppe „Frankfurter Digitale“ in den Räumen der Katholischen Akademie – und wurde damit selbst von Corona und den damit verbundenen Entwicklungen eingeholt. Denn ob Architektur, Nutzung, Gottesdienst oder digitale Kultur: Aktuell kann man kaum so schnell denken, glauben oder bauen, wie sich der Wind dreht. Umso größere Freude macht es, sich in diesen drei kenntnisreichen Büchern dazu anregen zu lassen, eigene Strukturen zu finden. (kb, 11.6.21)

Pforzheim, Lutherhaus (Bild: Karin Berkemann, Mai 2021)

Pforzheim, Lutherhaus, 1968, Josef Lorscheidt/Gerhard Aecker, Abriss geplant (Bild: K. Berkemann, Mai 2021)

Zum Weiterlesen

Willinghöfer, Jürgen (Hg.), Ein neuer Typus Kirche. Hybride öffentliche Räume, hg. im Auftrag der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und des EKD-Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg, Jovis-Verlag, Berlin 2021, Klappenbroschur, 23,5 x 28 cm, 150 Farbabbildungen, ISBN 978-3-86859-699-1.

Kopp, Stefan/Kranemann, Benedikt (Hg.), Gottesdienst und Kirchenbilder. Theologische Neuakzentuierungen (Quaestiones disputatae 313), Freiburg im Breisgau 2020, kartoniert, 352 Seiten, ISBN 978-3-451-02313-2.

Beck, Wolfgang/Nord, Ilona/Valentin, Joachim (Hg.), Theologie und Digitalität. Ein Kompendium, Herder-Verlag, Freiburg im Breisgau 2021, gebunden, 528 Seiten, ISBN 978-3-451-38849-1.

Titelmotiv: Friedberg in Hessen, Gemeindezentrum West, 1980, Hermann Goepfert, Johannes/Peter Hölzinger, Abriss diskutiert (Bild: K. Berkemann, 2021)

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Tanz der Bilder

Gebetsmühlenartig wiederholen Kunsthistoriker:innen seit Jahren: Mehr Bild braucht die Forschung! Dann hören die Geisteswissenschaftler:innen auf diesen Ruf, und es ist auch wieder nicht recht. Denn jede Disziplin nähert sich dem visuellen Gegenüber auf ganz eigenständige Weise. Konrad Dussel, Mannheimer Professor für Neuere Geschichte und spezialisiert auf die historische Entwicklung der Medien, wagt in seiner Publikation „Bilder als Botschaft“ gleich den großen Wurf. Er sucht nach der grundlegenden Struktur hinter rund 30.000 Fotografien in deutsche Illustrierten der Jahre 1905 bis 1945. Im Kern geht es um statistische Analysen, die in den Kontext gesetzt und gedeutet werden. Und dabei ist – an diesem Punkt kräuseln sich die Fußnägel vieler Kunsthistoriker:innen – das einzelne Bild, die einzelne Fotografin letztlich ohne Belang. Dussel fragt nicht nach Ästhetik, sondern nach (visueller) Kommunikation und ihrer politischen Dimension.

Links: Hanns Hubmann: „Ein Ausschnitt aus der Presse-Tribüne im Stadion“; rechts: Paul Mai: „Der Chefarzt am Scherenrohr“ (Bilder: Die 16 olympischen Tage. 2. Olympia-Sonderheft (Berliner Illustrirte Zeitung, Sonderausgabe), Berlin 1936, links: S. 49; rechts: S. 57)

Das Problem der Masse

Dussel begründet seine Methode und Quellenauswahl ausführlich. Will man mehrere Jahrzehnte anhand gleichbleibenden Materials beschreiben, blieben für Deutschland im gewählten Zeitraum am Ende drei Publikationsreihen übrig: die „Berliner Illustrirte Zeitung“, „Die Woche“ und der „Illustrierte Beobachter“. Dafür macht Dussel in einem online zugänglichen Codebuch transparent, welche Ausgaben er wie verwendet, chiffriert und auf dieser Grundlage mit der Hilfe seines Teams statistisch ausgewertet hat. Dieser hohe Grad an Systematisierung bewegt sich an der Grenze zur automatisierten Text-Bilderkennung, zur Künstlichen Intelligenz, die in solchen Studien in den kommenden Jahren ein wachsende Rolle spielen dürfte.

Und genau hier liegt der feine Unterschied: Die Kunsthistorikerin sucht das eine Bild, das alles sagt. Der Historiker meint die eine Aussage hinter allen Bildern. Konrad Dussel gesteht jeder ikonografisch-ikonologischen Einzelanalyse ihr Daseinsrecht zu, ebenso dem daraus abgeleiteten seriellen Ansatz. Doch für seine Forschungsfrage greift er in die Methodenkiste der Textwissenschaften und überträgt diese auf die Bildanalyse. Denn, so die – überraschenderweise genau in diesem Punkt nicht begründete – Prämisse: Die von ihm untersuchten Fotografien seien von einer „durchschnittlichen Qualität“ (S. 32), eben Massenware, keine Einzelkunstwerke. Ähnlich zeigt sich der Umgang mit den im Buch abgedruckten Bildern. Während die statistischen Grafiken und Tabellen zu Beginn ausführlich gelistet werden, bleibt der Nachweis für die untersuchten Fotografien und Zeichnungen im Anhang fast sträflich summarisch.

Links: Max Ehlert: „Strahlende Einsamkeit“; rechts: Alex Stöcker: „Olympia-Großflugtag: Volksfest der Hunderttausend“ (Bilder: Die 16 olympischen Tage. 2. Olympia-Sonderheft (Berliner Illustrirte Zeitung, Sonderausgabe), Berlin 1936, links: S. 51; rechts: S. 59)

Pragmatische Höhenflüge

Die Erkenntnis des Buches ist so klar wie einleuchtend: Zwischen 1905 und 1945 ging der Trend in den illustrierten Magazinen von der Bildung hin zur Unterhaltung. Auf je leichteren Füßen die Propaganda daherkam, desto wirksamer wurde sie – ein Grundsatz, den die Nationalsozialist:innen geschickt zu nutzen wussten. Dem Bild gestand man eine aktive Rolle in der Politik zu. Letztere versteht Dussel nicht als Aneinanderreihung großer Gipfeltreffen, sondern als eine allgemein kulturelle Bewegung. Dass die Ästhetisierung und damit auch Stigmatisierung gerade in den propagandagläubigen Jahrzehnten rund um die beiden Weltkriege eine zentrale Rolle spielten, ignoriert das Buch weitestgehend, zugunsten einer statistischen Neutralisierung. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Was Konrad Dussel (ergänzt um Ausführungen des Erfurter Kommunikationswissenschaftlers Patrick Rössler) hier auf fast 600 Seiten entfaltet, ist profund, klug und (das ist keine Selbstverständlichkeit) gut zu lesen. Es ist eine Seite der Medaille, die durch die ikonografisch-ikonologisch fundierten Bildwissenschaften komplettiert werden muss. Denn erst, wenn die Forscher:innen die Magie der Bilder ernst nehmen und ihre Funktionsweise im Detail ergründen, lässt sich ihre Wirkung auch heute in den richtigen Kontext stellen. (kb, 1.5.21)

Dussel, Konrad, Bilder als Botschaft. Bildstrukturen deutscher Illustrierter 1905 – 1945 im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Publikum, Köln 2019, Halem-Verlag, 552 Seiten, 232 Abbildungen, Broschur, 240 x 170 mm, ISBN: 978-3-86962-414-3.

Titelmotiv: Hanns Hubmann: „Wiener Blut … Ein Olympia-Gruß im Winter“; rechts: (Bilder: Die 16 olympischen Tage. 2. Olympia-Sonderheft (Berliner Illustrirte Zeitung, Sonderausgabe), Berlin 1936, S. 54-55)

Corbu hat Saison

Es wird Frühling – und zumindest in Zürich kann damit am Pavillon Le Corbusier (Höschgasse 8, 8008 Zürich) die Ausstellungssaison beginnen: Am 7. Mai 2021 startet die neue Schau „Le Corbusier und die Farbe“, die hier bis zum 28. November 2021 zu sehen sein wird. Mit Fotografien, Originalen, Plänen und großformatigen Installationen soll die Polychromie – als für den Schweizer Architekten raumbildendes und identitätsstiftendes Element – sinnfällig in Szene gesetzt werden. Denn Le Corbusier (1887–1965) konnte sich Baukunst ohne Farbe schlicht nicht vorstellen. „Ganz in weiss wäre das Haus ein Sahnetopf“, brachte er es 1926 auf den Punkt. Mal hob er mit einer Farbe einzelne Wandscheiben hervor, mal band er damit einen ganzen Raum zusammen. Nach dem Krieg verknüpfte er verschiedene Farbtöne zum Ornament, um damit materialgerechte Oberflächen wie Beton, Backstein oder Beton zu strukturieren. Um einen gleichbleibend hohen Qualitätsstandard zu gewährleisten, kooperierte Le Corbusier z. B. eng mit dem Basler Tapetenhersteller Salubra – für einen „Ölfarbenanstrich in Rollen“.

In seinen bekanntesten Werken, von der Kapelle in Ronchamp (1955) bis zum Philips-Pavillon an der Weltausstellung in Brüssel (1958) arbeitete Le Corbusier mit farbigem Glas bzw. Licht. Der Zürcher Pavillon bildet den Endpunkt dieser Entwicklung: Außen markieren bunte Emaillepaneele den Standort, im Inneren herrscht naturbelassenes Eichenholz vor. Innerhalb der Pavillonräume wird die neue Ausstellung um eine kleinere Präsentation ergänzt – mit Arbeiten des Zürcher Magnum-Fotografen René Burri (1933–2016), die Le Corbusier in den Jahren 1955 bis 1965 zeigen. Schon seit 1967 wird der Pavillon für thematische Ausstellungen genutzt. Seit die Stadt Zürich den Bau 2019 erworben hat, wird er vom dortigen Museum für Gestaltung bespielt. Begleitend zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen, die im Museumsshop erhältlich ist. (kb, 28.4.21)

Reklamefoto für das Desing „Marmor I“ in horizontal versetzter Anordnung, um 1959, Möbel der Firma Idealheim AG, Basel (Bildquelle: ac 29, Internationale Asbestzement-Revue, 1962, © Salubra AG, Grenzach)

Le Corbusier anlässlich des am 12. Januar 1938 vom Ingenieur- und Architekten-Verein in der Schmiedstube in Zürich organisierten Vortrags „Les relations entre architecture et peinture“ (Bild: Gotthard Schuh, © gta Archiv/ETH Zürich, Arthur Rüegg)

Le Corbusier, Notizen zum Vortrag „Les relations entre architecture et peinture“, festgehalten auf den Rückseiten seiner Hochzeitsanzeige von 1930 (Bild: Privatsammlung, Zürich, © Fondation Le Corbusier, Paris)

Ost- und Nordfassade der Unité d’habitation in Marseille mit farbigen Loggien, 1951 (Bild: © Fondation Le Corbusier, Paris)

Le Corbusier, Loggien der Unité d’habitation in Marseille (Bild: © Arthur Rüegg)

Le Corbusier, Pavillon Le Corbusier Zürich, Detail der Fassade (Bild: © Foto: Georg Aerni)

Zürich, Pavillon Le Corbusier, Ausstellung „Le Corbusier und die Farbe“, Installation mit Pigmenten der ersten Salubrareihe von 1932 (Bild: Umberto Romito und Ivan Suta, 2021, Museum für Gestaltung Zürich/ZHdK)

Titelmotiv: Le Corbusier vor dem Paravent in der Halle des Immeuble Molitor: bemalte, mit Beton hintergossene Welleternitplatten, ausgeführt als Prototyp einer Brise-soleil-Konstruktion (Bild: © Willy Rizzo, 1959)