Jacobsen & Weitling – ein Gesamtkunstwerk in Serie

Noch (noch!) bis Sonntag können Berliner in diese Präsentation hereinschnuppern: Gestern eröffnete die Wanderausstellung „Gesamtkunstwerke“ im Felleshus, Nordische Botschaften, Berlin, wo sie – mit coronabedingter Unterbrechung im November – voraussichtlich bis zum 10. Januar 2021 zu sehen sein wird. Das Thema ist ein nachkriegsmodernes und zugleich ein hochaktuelles – die Bauwerke von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland. Doch während Jacobsen-Designstücke auf Auktionen Höchstpreise erzielen, haben es viele seiner gemeinsam mit Weitling umgesetzten Bauwerke heute schwer. Die lange Diskussion um Abriss oder (möglicherweise entstellende) Sanierung des Mainzer Rathauses hat jüngst bundesweit Wellen geschlagen.

Die Kuratoren Hendrik Bohle und Jan Dimog wollen hier mit einer Wanderausstellung und einer Publikation Abhilfe schaffen. Im deutsch-dänischen kulturellen Freundschaftsjahr, 50 Jahre nach dem Tod von Jacobsen, werden nun in Berlin erstmals sieben der acht Jacobsen-Weitling-Bauten gemeinsam vorgestellt. Folgestationen sind bis 2022 geplant im Haus des Gastes, Burgtiefe, Fehmarn, im Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz, Mainz, im Arne-Jacobsen-Foyer, Herrenhäuser Gärten, Hannover, im Ratssaal Foyer Castrop-Rauxel und im Jenisch Haus, Hamburg. (kb, 31.10.20)

Mainz, Rathaus (Bild: © Hendrik Bohle)

Mainz, Rathaus (Bild: © Hendrik Bohle)

Fehmarn, Burgtiefe (Bild: © Hendrik-Bohle)

Fehmarn, Burgtiefe (Bild: © Jan Dimog)

Castrop-Rauxel, Forum und Rathaus (Bild: © Jan Dimog)

Castrop-Rauxel, Forum und Rathaus (Bild: © Jan Dimog)

Hamburg, Christianeum (Bild: © Jan Dimog)

Hamburg, Christianeum (Bild: © Jan Dimog)

Hannover, Arne-Jacobsen-Foyer (Bild: © Hendrik Bohle)

Hannover, Arne-Jacobsen-Foyer (Bild: © Hendrik Bohle)

Berlin, Atriumhaus (Bild: © Hendrik Bohle)

Berlin, Atriumhaus (Bild: © Hendrik Bohle)

Titelmotiv Hamburg, HEW-Zentrale (Bild: © Hendrik Bohle)

Dresden: Was wird aus dem Neustädter Markt?

Der Neustädter Markt ist ein Fall für die Denkmalpflege: Die heutige Fassung der geschichtsträchtigen Dresdener Platzanlage stammt aus den späten 1970er Jahren. Damals lag die städtebauliche Planung in den Händen von Heinz Michalk, Kurt W. Leucht, Konrad Lässig und Günther Grünberg. Für die architektonischen Entwürfe zeichneten Siegmar Schreiber, Wolfgang Schumann sowie Erich Kuphal und Kollektiv (WBS 70 Dresden) verantwortlich, um nur einige der Beteiligten zu nennen. Seit 2019 steht bereits die Brunnengruppe des Künstlers Friedrich Kracht unter Schutz, ebenso der nahe 1980er-Jahre-Anbau des Hotels Bellevue – und ginge es nach den Ostmodernisten, würde der Schutz bald auf die gesamte Platzanlage ausgedehnt.

Der Sieger eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs, der Entwurf von Bernd Albers und Günther Vogt, orientierte sich 2019 am Zustand vor 1945. Von politischer Seite wurde eine Neubebauung jedoch vorerst zurückgestellt. Stattdessen wirbt die Initiative Neustädter Freiheit für eine Inwertsetzung der ostmodernen Anlage. Die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden wiederum favorisiert weiter die Grundrichtung des Wettbewerbssiegers, eine Rückbesinnung auf die Vorkriegsgestaltung. Heute, am 30. Oktober 2020, diskutiert die Gesellschaft mit einer Tagung über „Geschichte, Gegenwart und Zukunft“ der Platzanlage. Man kann den Beiträgen zwischen 13 und 19 Uhr im Livestream folgen – oder vor Ort gleich beim WBS 70-Jubiläum „Kunst.off Plattenbau“ vorbeischauen. (30.10.20)

Dresden, Neustädter Markt, 1987 (Bild: Netsrak, CC BY SA 3.0)

Der Ruhrpott – fotorealistisch

Als die Farbfotografie noch als unseriöses Werkzeug der Werbegrafik galt, bannte Heinz-Josef Klaßen (* 1936) bereits 1959 Flaschen- und Getränkeautomaten auf Film. Seine Dias projizierte er ab 1970 auf Leinwand und übersetzte sie in fotorealistische Gemälde. Zuvor hatte Klaßen sein Auge früh beim Zeichnen geübt, drückte sich später auch in der (Holz-)Bildhauerei aus. Daneben war der studierte Kunsterzieher als Lehrer am Alfred-Krupp-Gymnasium in Essen tätig.

Seit 2015 hat sich Klaßen wieder seinen rund 500 Diapositiven aus den 1970er Jahren zugewandt, dieses Mal erweckt er sie mit dem Farbdrucker zu neuem Leben. Sein Thema damals wie heute: das Alltagsleben in Essen und Umgebung – fernab der Klischees von Kumpelromantik und Hochhofensilhouette. Stattdessen zeigt Klaßen städtische Werbe- und Brachflächen, die fast an die USA erinnern. 2019 wurde ein Teil seines inzwischen historischen Diabestands übernommen vom Fotoarchiv des Ruhrmuseums. Dem grafischen, plastischen, fotografischen und malerischen Werk des heute 84-Jährigen ist nun in der Duisburger cubus kunsthalle eine eigene Ausstellung gewidmet. Die Schau „Heinz-Josef Klaßen . Fotorealist . Fotograf . Bildhauer“ kann man in Duisburg noch einige Tage besuchen (vor Bekanntgabe der Corona-Maßnahmen geplantes Ausstellungsende: 22. November 2020, bitte informieren Sie sich vor einem Besuch beim Veranstalter). (kb, 31.10.20)

Heinz Josef Klaßen: Wahlplakat Essen, Farbdia, April 1975 (Bild: Heinz Josef Klaßen, Pigmentfarbdruck, 2020, Fotoarchiv Ruhr Museum)