Ausstellungen

M. Schütte-Lihotzky, Porträt von Lino Salini 1927 (© Porträtzeichnung: Lino Salini)

Frau Architekt in Hamburg

Vor mehr als hundert Jahren wurden Frauen erstmals an den Technischen Hochschulen in Deutschland zu diplomierten Architektinnen ausgebildet. In der Folge haben sie – oft mit innovativen Ideen und nicht selten gegen massive Widerstände – maßgebliche Beiträge zur Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts geleistet. Und doch war wie kaum eine andere Disziplin die Architektur eine Männerdomäne. Auch dies zählte zu den Erkenntnissen der Ausstellung „Frau Architekt“, mit der das Deutsche Architekturmuseum (DAM) Frankfurt im Herbst 2017 aufwartete. Längst studieren mehr Frauen als Männer an den Architekturhochschulen ein europaweiter Trend, der in Deutschland mit mehr als 53 Prozent am deutlichsten ausfällt.

Lebensgeschichte, Ausbildung und Werk von 22 Architektinnen präsentiert „Frau Architekt“; zu den Portraitierten zählen unter anderem Margarete Schütte-Lihotzky, Lotte Cohn und Karola Bloch. Und es ist nur gut und folgerichtig, dass die DAM-Ausstellung auf Wanderschaft gegangen ist: Bis zum 8. September ist sie nun im Rahmen des Hamburger Architektursommers im dortigen Museum der Arbeit zu sehen. Wer die Ausstellung in Frankfurt verpasst hat, hat nun also Gelegenheit, den Besuch nachzuholen. (db, 20.6.19)

M. Schütte-Lihotzky, Porträt von Lino Salini 1927 (© Porträtzeichnung: Lino Salini)

Überlingen: Beton am See

Sie sehen sich im Momement mit einem kühlen Getränk an einem lauschigen Gewässer? Da hätten wir etwas für Sie: die Galerie Fähnle in Überlingen am Bodensee. 1969 ließ Ernst Fähnle (1899-1984) hier vom Architekten Eugen Rugel einen weißen Kubus auf einem reliefierten Sichtbetonsockel gestalten – für den umfangreichen künstlerischen Nachlasses seines gerade verstorbenen Bruders, des Malers und Bildhauers Hans Fähnle (1903-68). 50 Jahre später hat sich die baukünstlerisch außergewöhnliche Galerie selbst als Kunst-Ort mit Wechselausstellungen etabliert.

Die aktuelle Sommerausstellung widmet sich dem modernen Doppel Fähnle-Palm: Mit Werken des Malers Hans Fähnle und des Architekten Heinrich Palm (1888-1979) soll ein Stück städtischer Kulturgeschichte der 1920er bis 1960er Jahre lebendig werden. Damals siedelte im Osten der Stadt die „Boheme am Bodensee“ (Manfred Bosch). Dem habe im Westen von Überlingen ein bürgerliches Pendant gegenübergestanden – vom Religionsphilosophen Ziegler bis zu den beiden Künstlern Fähnle und Palm. Die Austellung ist in Überlingen zu sehen bis zum 8. September 2019. (kb, 19.6.19)

Überlingen, Galerie Fähnle (Bild: Galerie Fähnle)

Werkraum Großsiedlung

In Erfurt kümmert sich aktuell die FH (unter der Leitung von Stephanie Kaindl) um die lokalen Großwohnsiedlungen – konkret um das ostmoderne Plattenbauviertel Erfurt-Rieth mit seinen ca. 3400 Wohnungen. Auf dem Veranstaltungsprogramm steht u. a. eine Ausstellung im architektonisch reizvollen „Gesellschaftlichen Zentrum“ mit Glocken-/Uhrenturm und einem Wandgemälde von stolzen 612 Quadratmetern Fläche. Den fachlichen Auftakt bildet ein Kolloquium am 28. Juni 2019. In diesem ganztägigen Werkstattgespräch diskutieren dann Fachleute aus Stadtplanung, Architektur, Wirtschaft und über Zukunftsideen für den Gebäudebestand.

Bereits am Tag zuvor, am 27. Juni 2019 eröffnet um 18 Uhr die Ausstellung „WERKRAUM im Rieth“ in der Vilnius Passage (Mainzer Straße 36/37, 99089 Erfurt). Für das ostmoderne Plattenbaugebiet Erfurt-Rieth haben Studierende der Fakultät Architektur und Stadtplanung der FH Erfurt und der Münster School of Architecture gemeinsam neue Nutzungshorizonte erarbeitet. Gezeigt werden in der Ausstellung außerdem Originalfotos, -zeichnungen und -modelle aus den 1970er Jahren sowie neue Darstellungen der ursprünglichen Planung und aktuelle Fotografien des Architekten und Fotografen Martin Maleschka. Ergänzt wird die Präsentation durch weitere studentische Projekte in und um Erfurt. Die Ausstellung ist zu sehen bis zum 6. Juli 2019, zudem wartet ein buntes Begleitprogramm auf interessierte Besucher. (kb, 18.6.19)

Erfurt-Rieth, Gemeinschaftszentrum (Bild: Mark Escherich)

Mangiarotti in München

Rational soll es sein – schön darf es dabei aber auch sein: Der Architekt, Lehrmeister und Industriedesigner Angelo Mangiarotti (1921-2012) hat ab den späten 1950er Jahren Kunst und Systembau formvollendet verbunden – unter anderem mit Industriebau-Tragwerken aus vorgefertigten Betonelementen, die mit jedem Projekt weiter verfeinert wurden. So entstanden nicht nur Fabrikhallen, Bürogebäude und Messepavillons, sondern auch eine Kirche und mehrere Wohnhäuser vorwiegend in Norditalien. Die meisten stehen heute als wegweisende Beispiele für komplexe Systeme von großer gestalterischer Kraft unter Schutz, so auch das „Casa a tre cilindri“ (1962) in Mailand.

Das Oskar von Miller Forum in München zeigt nun bis 10. Juli die Ausstellung „Die Bausysteme von Angelo Mangiarotti“. Bereits vor 20 Jahren wurde dem weltweit lehrenden Mailänder auf Antrag der Fakultät Architektur die Ehrendoktorwürde der TU München verliehen und sein Werk durch eine Ausstellung seiner Bausysteme gewürdigt. Die jetzige Ausstellung im Oskar von Miller Forum basiert hierauf. (db, 16.6.19)

Mailand, Drei-Zylinder-Haus (Bild: Arbalete, CC BY SA 4.0)

Stuttgart-Sonnenberg, Ev. Gemeindezentrum (Bild: Foto: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, I. Geiger-Messner)

Ein Frei Otto in Stuttgart

In wenigen Tagen wird es ernst: In Baden-Württemberg startet das Ausstellungsprojekt „Zwölf Kirchen“ , für das sich Denkmalpflege und Kirche zusammengetan haben. Ausgewählt wurde ein erlesenes Dutzend aus rund 1.600 Sakralbauten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Baden-Württemberg errichtet wurden (davon knapp 1.000 zwischen 1960 und 1979, davon rund 150 unter Denkmalschutz). In rund einem Jahr macht die Präsentation an je einem der Objekte halt. Im Mittelpunkt der ersten Station – und zugleich Ausstellungsort – steht das Evangelische Gemeindezentrum in Stuttgart-Sonnenberg.

Der brutalistische Bau wurde 1966 nach Entwürfen des Züricher Architekten Ernst Giesel fertiggestellt. Die Planung für das Hängedach stammt von keinen Geringeren als Frei Otto und Fritz Leonhardt. In Stuttgart wird der Ausstellungsauftakt in und mit der Gemeinde am 28. Juni 2019 um 17 Uhr begangen und ist anschließend bis zum 30. Juli 2019 täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet, zudem wartet ein reiches Begleitprogramm auf Besucher. Für Stuttgart und alle folgenden elf Ausstellungsstationen ist das begleitende Arbeitsheft „Gotteszelt und Großskulptur“ erschienen. (kb, 15.6.19)

Stuttgart-Sonnenberg, Ev. Gemeindezentrum (Bild: Foto: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, I. Geiger-Messner)

Dieter Urbach, Palast der Republik, innen, Lichtshow, 1974 (Silbergelatinepapier, Fotomontage auf Karton, 70 x 100 cm, Berlinische Galerie - Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Kai-Annett Becker)

Der Palast der Republik steht in Rostock

Zu Zeiten der DDR entstand ein einziger Kunstmuseumsbau: in Rostock vor 50 Jahren. Bevor das Kulturdenkmal an der Ostsee demnächst zur Sanierung geschlossen wird, widmet man sich dort einem anderen Kultobjekt der DDR: mit der Ausstellung „Palast der Republik. Utopie, Inspiration, Politikum“. Der ostmoderne Vorzeigebau entstand von 1973 bis 1976 auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Stadtschlosses. Hier tagte nicht nur die Volkskammer. Im vielfach untergliederten Raumprogramm – vom Großen Saal über die Restaurants und die Disko im Jugendtreff bis zum Theater und dem Spreebowling – sollte sich vielmehr eine breite Öffentlichkeit bilden und vergnügen.

1990 wurde der Palast der Republik geschlossen und bis 2008 abgerissen. Nun soll an seiner Stelle, im wiedererrichteten Berliner Schloss das Humboldt Forum eröffnet werden. In Rostock zeigt man in der aktuellen Ausstellung Exponate und Kunstwerke, die sich mit dem verlorenen Bauwerk auseinandersetzen – von Künstlern wie Bernhard Heisig, Ronald Paris, Willi Sitte, Werner Tübke. Die Spanne reicht von ehemaligen originalen Ausstattungsstücken bis zu zeitgenössischen künstlerischen Reaktionen auf den Bau und seine Geschichte. (kb, 13.6.19)

Dieter Urbach, Palast der Republik, innen, Lichtshow, 1974 (Silbergelatinepapier, Fotomontage auf Karton, 70 x 100 cm, Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Kai-Annett Becker)