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Erfurt, Alstadt (Bildquelle. Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 9, 4, 1962, S. 355)

Formen der Veränderung

von Ben Kaden

Wer sich durch Ostdeutschland bewegt, entdeckt sie nach wie vor reichlich: Spuren der Bau- und Planungskultur des DDR-Städtebaus – und wie sie nach und nach gründlich überformt werden. Abriss, Umbau, Verfall sind die Formen der Veränderung, die auf das einwirken, was 1990 stadträumlich umgesetzt war. Der Denkmalschutz tritt mittlerweile zwar öfter auf, naturgemäß aber nur in Ausnahmefällen.

 

Wer schreibt, der bleibt

Den Dokumentationen dieser Planungen erging es zumindest etwas besser, auch wenn nicht alle Archive und Bibliotheken verlustfrei durch die 1990er und 2000er Jahre gelangten. Sie bleiben als Zeitzeugnisse und Material, dessen Aufarbeitung umso dringlicher erscheint. Denn ihre Bezüge, also die gebauten Zeugnisse der DDR, gehen zunehmend verloren oder werden überdeckt. Die Frage ist heute weniger, ob man sich damit befassen soll, sondern wie.

Es dauerte erstaunlich lange, bis sich Architektur- und Kulturgeschichte systematisch darauf einließen. Die Zahl der Publikationen wächst erfreulicherweise: Da sind zum einen die oft leicht nostalgisch eingefärbten Veröffentlichungen, die häufig unter dem arg engen Label Ostmoderne auffällige Leuchtturmprojekte der Schalenbauweise, den Alexanderplatzes und die Karl-Marx-Allee zur Schau stellen. Und da sind zum anderen die Fachbücher, die darüber hinaus einen analytischen und kontextualisierenden Ansatz verfolgen. Für die letztere Kategorie ist vor allem die in Weimarer Reihe „Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR“ zu nennen. In dieser erschien nun der sechste Band „Utopie und Realität“, der sich stadträumlich mit Erfurt, Oberhof, Suhl und Weimar (ergänzt um Gotha) in beeindruckender Detailliertheit auseinandersetzt.

 

Vier (+1)

Damit liegen nun für die benannten vier (+1) Städte materialreiche Fallstudien vor, die durchaus vorbildhaft sind. Denn trotz aller Dichte bleiben sie übersichtlich, gut lesbar, mit hohem Recherche- und Anregungspotential. So eröffnen sie einen einladenden Zugang zu diesen Fragen: Wie sollte eine sozialistische Stadt sein? Was wurde aus diesem Anspruch? Und was folgt daraus für die Gegenwart? Die vier behandelten Fälle sind auch deshalb besonders interessant, weil es sich gerade nicht um die schon recht gut beforschten sozialistischen Planstädte handelt, sondern um ein Bauen im bzw. mit Bezug auf den Bestand. Während Stalinstadt fast buchstäblich mit der Axt im Kiefernwald begonnen werden konnte, brachten alle vier untersuchten Städte bereits gesellschaftliche, traditionsgeprägte und ideelle Bezüge mit. Dazu kamen Kriegsspuren und wechselnde Vorstellungen des jeweils anzustrebenden sozialistischen Stadtideals.

Weimar beispielsweise galt als Kulturzentrum der DDR. Diese bedeutende Aufladung wirkte auf Überlegungen zur Stadtgestaltung zurück. Diese strebte von zunächst sehr radikalen Umgestaltungswünschen mehr und mehr in Richtung Bewahrung und Inszenierung des Gegebenen. Simon Scheithauer bestimmt das 1000-jährige Stadtjubiläum 1975 als eine Art Wendepunkt, der spätestens in den frühen 1980er Jahren zu einer „historiografischen Zäsur“ führte. Die im September 1975 ausgegebene Jubiläums-Briefmarke zeigt übrigens eine Stadtansicht Weimars: einen Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert.

 

„Selbstbehauptungsdenken“

Wo Weimar Kulturzentrum ist, ist Erfurt der Verwaltung und dem Selbstverständnis nach, wie Mark Escherisch eröffnet, eine Bürgerstadt mit ausgeprägtem „Selbstbehauptungsdenken“. Zugleich stand Erfurt etwas isoliert, bis es 1948 – wenn auch kurz – erstmalig Landeshauptstadt Thüringens sein durfte. 1952 war man dann „nur“ noch Bezirksstadt. Trotz einer Reihe von Luftangriffen blieb vergleichsweise viel historische Bausubstanz erhalten, was die Rekonstruktionsdebatten prägte. „Das neue Erfurt ist eine alte Stadt“, stellte der städtebauliche Wettbewerb 1966/67 in den Raum. Diese Prämisse überlebte die ganze DDR, auch wenn sie häufig konträr zu den Planungs- und Gestaltungswünschen der sozialistischen Moderne lag. Man wollte Geschichte und damit auch den Stadtkern erhalten, diesen zugleich mit sozialistischen Formen und Inhalten zusammenführen: Neu- und Altbauten sollten verschmelzen.

Wo die Aufteilung Thüringens in drei Bezirke für Erfurt zum Bedeutungsverlust führe, gewann Suhl: Es wurde ebenfalls Bezirksstadt und stach damit Meiningen (zu bürgerlich) und Sonneberg (zu grenznah) aus. Suhl galt als Arbeiterstadt, ab 1978 sogar als eine mit  Philharmonie. Die Stadtplanung musste sich für die neue Bezirksstadt also auch auf Verwaltung und Repräsentation konzentrieren. Hinzu kamen die Tallage und eine wenig beschädigte, dafür sehr dicht bebaute und besiedelte Innenstadt, wie Jens Nehring gründlich herausarbeitet. Das neue Stadtzentrum Suhls ist in der DDR-Baugeschichte einmalig. Im Gegensatz zu anderen neuen Zentren (Chemnitz, Dresden) entstand es nicht aus einer nachkriegsbedingten Notwendigkeit, sondern aus einer politischen Entscheidung heraus. Das Ergebnis: „eine Kleinstadt mit großstädtischem Charakter“. Heute erscheint die „Suhler Moderne“ fast wie eine Hypothek, zudem deformiert durch Abrisse bzw. Umbauten und von den heutigen Stadtplaner wenig wertgeschätzt.

 

Für Gäste aus aller Welt

Daniela Spiegel führt schließlich nach Oberhof. Das war bis 1985 nicht einmal eine Stadt, dafür jedoch schon seit dem frühen 20. Jahrhundert ein Wintersportzentrum mit saisonal schwankender Bevölkerungsdichte. Später sollte Oberhof zum „St. Moritz der DDR“ entwickelt werden, zum international erlebbaren Repräsentationsort der DDR. Das Interhotel „Panorama“ verkörperte diesen Wunsch wohl am sichtbarsten. Die Großgaststätte „Oberer Hof“, gedacht als Erlebniszentrum für die Gäste aus aller Welt, war in der Praxis dann doch vorwiegend ein Treffpunkt für Besucher aus allen Bezirken. Die Materialien Holz, Schiefer und hier und da Naturstein sollte zumindest als Referenz eine folkloristische und naturräumlich-traditionelle Stimmung erzeugen. Weitere prägende Bauten waren die FDGB-Ferienheime „Rennsteig“ (abgerissen 2002) und „Fritz Weineck“ (abgerissen 2003), die beide im Buch noch einmal auferstehen dürfen. Von einem im Stil der DDR-Postmoderne geplanten FDGB-Heim namens „Beerberg“ gibt es nur zwei Entwurfsabbildungen: Zum Ende der DDR existierte lediglich ein Fundament und danach kein weiterer Bedarf an zusätzlichen Ferienplätzen in Rennsteig-Nähe.

 

In der Abstellkammer

Während Weimar und Erfurt heute recht gut zu fahren scheinen, sind Suhl und Oberhof fast typische Fälle herausgeforderter ostdeutscher Kleinstädte, die sich neu finden müssen. Nachvollziehbar betont Daniela Spiegel, dass DDR-Planungen auch für das gegenwärtige Oberhof relevante Anregungen enthalten hätten – sofern man sie nicht bis 2016 in einer Abstellkammer des Bauamts vergessen hätte. Umso wichtiger sind Bücher wie das vorliegende, die weit über ein kurioses Interesse an einem abgeschlossenen historischen Feld hinausreichen. Sie ermöglichen ein wichtiges Tiefenverständnis dieser Stadträume, denen man heute leider zu selten eine zeitgemäße. souveräne und durchdachte Planung ansieht. (25.6.18)

Scheithauer, Simon /Escherich, Mark/Nehring, Jens/Spiegel, Daniela/Meier, Hans-Rudolf (Hg.), Utopie und Realität. Planungen zur sozialistischen Umgestaltung der Thüringer Städte Weimar, Erfurt, Suhl und Oberhof (Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR 6), Bauhaus Universitätsverlag Weimar, Weimar 2018, 244 Seiten, 20,3 x 1,5 x 24,9 cm, ISBN 978-3957732446.

Erfurt, Altstadt (Bildquelle. Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 9, 4, 1962, S. 355)

Uelzen, Wilgrü-Kaufhaus (Bild: Denise Brauch, 2012)

Ein kurzer Abriss von Uelzen

Es gibt Leserzuschriften, da bleiben wir länger hängen. Eine von ihnen erzählte von einem verlorenen Stück deutsch-jüdischer Geschichte, von einem, von mehreren Kaufhäusern der 1950er Jahre, die in Uelzen verloren gingen. Seit 2016 nennt man sich hier, nach 500 Jahren Pause, stolz wieder Hansestadt. Und trotz der Stadtbrände von 1646 und 1826 bietet das Stadtbild bis heute ein architektonisch vielfältiges Nebeneinander – vom Fachwerk bis zum Neubau. Nur die 1950er Jahre, die sucht der Besucher in Uelzen oft vergebens. Denn vieles, für Modernisten allzu vieles, ist bereits dem Bagger zum Opfer gefallen.

 

WILhelm GRÜn

Das Kaufhaus „Wilgrü“ in der Gudesstraße z. B. erhielt seinen Namen aus einer Abkürzung des Namens seines damaligen Eigentümers: Wilhelm Grün. Mitte der 1930er Jahre, zu Zeiten der Arisierungen jüdischen Besitzes, ging das Textilkaufhaus Plaut durch verschiedene Hände. Nachdem der Traditionsbau im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, entstand auf dem prominenten Eckgrundstück Schuhstraße/Gudenstraße das optimistisch geschwungene Modehaus Wilgrü mit Flugdach und Rasterfassade. Gemeinsam mit angrenzenden Wohn- und Geschäftsbauten musste das über 60-jährige Wilgrü-Bauwerk 2012 für eine neue Niederlassung von C & A weichen.

 

Von „schon weg“ bis „fast weg“

Das Park-Theater, ein 1949/50 entstandenes Kino, wurde 1996 geschlossen und anschließend niedergelegt – zugunsten einer Rasenfläche. An der Stelle eine Esso-Typentankstelle mit Waschstraße, erbaut Mitte der 1950er Jahre, findet sich heute ein Parkplatz. Hoffnung gibt es vielleicht noch für das Kaufhaus Röll, errichtet nach Plänen des Architekten Adolf Wendhut, das „nur“ verändert, aber noch nicht gänzlich verloren ist. Und nicht zuletzt ist das Kreishaus Uelzen aus dem Jahr 1954 bereits angezählt. Der Baugrund für den Neubau an anderer Stelle ist vorbereitet, er soll 2021 bezogen werden. (kb, 26.6.18)

Titelmotiv: Uelzen, Wilgrü-Kaufhaus (Bild: Denise Brauch, 2012)

Köln, Ebertplatz (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2018)

Lernen vom Ebertplatz: zwei Standpunkte

Die Wellen schlagen hoch: Soll die nachkriegsmoderne Gestaltung am Kölner Ebertplatz unter Denkmalschutz gestellt werden oder nicht? Hat die Anlage jemals funktioniert und könnte es noch? Dass es um mehr geht, als um ein paar Quadratmeter öffentlichen Raums am Rhein, zeigt allein die Leidenschaft, mit der eben darum gestritten wird. Bei mR haben wir dieses Mal die Ehre und das Vergnügen, dass gleich zwei Könner ihres Fachs – Martin Bredenbeck und Ralf Liptau – darüber nachdenken, wie es rund um den und nach dem Ebertplatz weitergehen kann mit der Denkmalpflege und dem baukulturellen Erbe. Aber: Lesen Sie selbst!

 

Nur was für Optimisten?

von Ralf Liptau

Denkmalpflege-Pessimisten könnten jetzt sagen: „Sie schafft sich ab!“ Die Rede ist von der Kölner Denkmalpflege, die sich Anfang Juni gegen eine Unterschutzstellung des zentralen Ebertplatzes in der Neustadt-Nord ausgesprochen hat. Die Frage, ob das aus den 1970er Jahren stammende Konzept im Geist der verkehrsgerechten Stadt ein Denkmal sein sollte, ist hier vielleicht gar nicht so spannend. Viel spannender ist, dass die Direktorin des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) und der Kölner Stadtkonservator sich mit dieser Frage nicht mehr beschäftigen möchten. Der LVR, obwohl auch initiativ zur Prüfung berechtigt, spielt dabei den Ball an die Kölner Denkmalbehörde. Die aber will das gesetzlich vorgesehene, reguläre Verfahren für die Begutachtung von Denkmalkandidaten nicht durchführen, obwohl sie dafür zuständig wäre.

 

Begutachtung gestoppt

Vor dem Hintergrund einer geplanten Umgestaltung des Platzes ab 2021 hatte der „Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz“ eine Denkmalbegutachtung der jetzigen Anlage angeregt. Diese hatte das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland inzwischen auch in Angriff genommen. Doch die zuständigen Gutachter müssen ihre Stifte jetzt fallen lassen: LVR-Direktorin Ulrike Lubek hat ihr Denkmalpflegeamt aufgefordert, die Begutachtung des Ebertplatzes zu stoppen. Sie begründet das damit, dass hier zunächst die Stadt tätig werden sollte. Für die tatsächliche Unterschutzstellung ist Stadtkonservator Thomas Werner zuständig – und dieser möchte den Ebertplatz nicht eintragen. Eine seiner Begründungen: Eine etwaige Denkmalwürdigkeit müsse aus seiner Sicht erst einmal durch ein Gutachten festgestellt werden. Also genau durch ein solches Gutachten, das es jetzt nicht geben wird.

 

„Ein positiver Baustein“?

In einem Interview, das Werner am 3. Juni dem Kölner Stadtanzeiger gegeben hat, begründet er seine ablehnende Haltung: Er sehe keine „Integration des unveränderten Platzes (…) in eine nachhaltig operierende Stadtentwicklung“. Sprich: Der oberste Denkmalpfleger der Stadt Köln sagt öffentlich, dass eine „nachhaltig operierende Stadtentwicklung“ aus seiner Sicht nur möglich sei ohne Denkmalschutz. „Der Denkmalschutz“, so Werner weiter, „muss und will ein positiver Baustein innerhalb der Stadtentwicklung sein.“ Und das geht in Köln offenbar nur, indem dieser Denkmalschutz seine Anliegen nicht nur nicht einbringt, sondern etwaige Denkmalwerte gar nicht erst prüft.

 

Ginge auch anders

Eine andere Variante wäre gewesen, als Stadtkonservator aufzuzeigen, dass ein kluger und nachhaltiger Denkmalschutz eben nicht bedeutet, dass ein Bauwerk absolut nicht verändert werden dar. Dass das Selbstverständnis des Denkmalpflegers entsprechend darin bestehen muss, sich als konstruktiver Partner in die Frage von behutsamer Anpassung und Erneuerung seiner Schützlinge einzubringen. Aber das wäre dann wahrscheinlich was für die Denkmalpflege-Optimisten. (10.6.18)

Titelmotiv: Köln, Ebertplatz (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2018)

 

 

Wir brauchen unser Erbe

von Martin Bredenbeck

Die Fragen, was brauchbar ist und was man liebt, beantwortet jede Zeit immer wieder neu und anders. Man merkt das spätestens bei den Wiederentdeckungen im eigenen Kleiderschrank: „Das passt ja toll zu Karneval“ (obwohl das Kleid 1975 keinesfalls für den Rummel gedacht war). Oder: „Das sieht immer noch [sic!] gut aus, das passt doch toll zu unserer Zeit.“ Dass auch ein bestimmter Teil baukulturellen Erbes zur Brauchbarkeit zurückgefunden hat oder besser aktiv: zurückbefördert (und umdeklariert) wurde, das ist die Essenz einer Betrachtung der Entwicklungen von 1968 bis 1980.

 

Lauter versteckte Vorgaben

Die zeitweise verpönten stuckierten Altbauwohnungen, historistischen Blockrandbebauungen und üppig geschmückten Kultur- und Verwaltungsgebäude des 19. Jahrhunderts kamen wieder in Nutzung und in Mode. Beispielsweise für neue Wohn- und Lebensformen (z. B. Wohngemeinschaften) und ab den 1970er Jahren dann ja auch zunehmend renoviert und auf den neuen Stand gebracht. Kein Etagenklo mehr, sondern komfortable Badezimmer. Ich wüsste nicht, warum wir „natürlicherweise“ unter Stuck wohnen sollten. Wir haben uns die Bauten des 19. Jahrhunderts – einer vergangenen Zeit und vergangenen Gesellschaft – schlicht und einfach wieder angeeignet. Und sie dabei umcodiert, für unsere Gegenwart tauglich gemacht. Vielleicht sehen wir dieses Erbe heute sogar bewusster als die damaligen Auftraggeber (die bekanntlich Stuck als Katalogware orderten) und Erstbezieher (für die die Hauptsache die Repräsentationswirkung ihrer Fassade gewesen sein mag, egal ob neugotisch oder neubarock).

Mit den Argumenten „zu teuer“, „nicht sanierbar“, „städtebaulicher Fehler“ etc. kann man jedem baukulturellen Erbe den Garaus machen. Sobald das moralisierende Vokabular ins Spiel kommt, ist eine ziemlich niedrige Niveauebene erreicht. „Fehler“, „Missgriff“ und dann: „Schande“, „Schandfleck“ und „Bausünde“ – da vermischen sich munter Architektur und Moral. Diejenigen, die Bauten und Planungen mit diesem Vokabular brandmarken, machen meines Erachtens eine unzulässige Vermischung von Kategorien und begehen dabei außerdem den logischen Fehler, mit versteckten Vorgaben zu arbeiten.

 

Wer entscheidet, was „funktioniert“?

Auch das Argument, etwas habe nicht funktioniert, halte ich für heikel. Es bringt ein Bauchgefühl zum Ausdruck, das ich für völlig akzeptabel halte. Aber es kann eigentlich keine Begründung für einen Abriss sein. Denn „Funktionieren“: Für wen und als was und wie misst man das? Und wer misst? Wird mit den Füßen abgestimmt oder mit Leserbriefen oder der Zahl von Drogentoten? Wie valide sind solche Aussagen überhaupt?

Drogenkriminalität ist jedenfalls kein Gradmesser für Qualität von Architektur. Ob das Zeug vor einem neugotischen Hauptbahnhof vertickt wird oder vor einem brutalistischen, dürfte den Dealern herzlich egal sein. Bahnhofsplätze und abgesenkte Plätze mit U-Bahnzugang sind aber vielleicht auch kein gutes Beispiel, weil sie grundsätzlich immer und überall schwierig sind – eben weil sie die Mobilität fördern und weil sich das verschiedenste Gruppen zunutze machen. Und wenn die eine gesellschaftliche Gruppe (hier das Bürgertum) diese, sozusagen, biologische Nische freigibt, dann übernimmt eben eine andere gesellschaftliche Gruppe das Habitat, solange es ihr gelassen wird.

 

Für einen entspannten Umgang

Wiederkehrendes Muster in den aktuellen Diskussionen scheint mir Folgendes: Die Kritiker geben nicht an, welche Punkte sie für einen Fehler halten, sondern sie setzen die Fehlerhaftigkeit als vereinbart voraus. Normalerweise bezeichnet man sowas ab einer gewissen Dosierung als Populismus. Es geht dann weiter mit Argumenten wie „Man muss auch mal was Neues machen“ oder „Wir müssen auch heute bauen dürfen“: Aber mal ehrlich – warum muss man eigentlich irgendwas? Auf der anderen Seite stehen die Denkmalschützer und versuchen, mit so viel Objektivität wie möglich und manchmal sogar weitschweifig zu begründen, warum etwas bedeutend ist.

Wenn wir uns nun zwischen diese Extreme stellen: Kommen wir zu einer entspannten Haltung im Umgang mit dem Bauerbe? Können wir nicht vermitteln, dass der Denkmalstatus keine Bedrohung ist für Entwicklung und moderne Nutzung? Täglich hören wir im Radio „den besten Mix“. Also, warum nicht auch in unserer Stadt dieses Rezept: Das Beste aus den 1960er, 70er und 80er Jahren und die größten Hits von heute. Das wäre auch für die Architekturdebatte das richtige Maß! Dass die Debatten neben den persönlichen Geschmäckern meist auch vom konkreten Pflege- oder eben Verwahrlosungszustand vieler Anlagen geprägt ist, ist ja lange bekannt. Auch dem könnte man entspannt begegnen: „Putzen und Benutzen“ – das ist das Motto der Werkstatt Baukultur Bonn, und es gilt überall.

 

Wir erben unsere Vergangenheit

Europa feiert 2018 das Europäische Kulturerbejahr, in Deutschland mit dem schönen Motto „Entdecken, was uns verbindet“. Das ist auch die Geschichte vieler Städte als Ergebnis von Wiederaufbau und Umbau nach 1945. Das ist der Zeithorizont, mit dem die meisten heute Lebenden groß geworden sind. Alles andere sind schöne, schwarz-weiße Postkartenerinnerungen an die „gute alte Zeit“. Im Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 hieß das ebenso schöne Motto: „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“. Gemeint waren damals ganz besonders die Anlagen des 19. Jahrhunderts. Heute ist „unsere Vergangenheit“ auch die Zeit der 1950er bis 1980er Jahre. Von den Studentenprotesten 1968 bis zur Möglichkeit für Frauen, ohne Einwilligung ihres Ehemanns einem Beruf nachzugehen, 1977: Das ist unsere Vergangenheit, und deren Erbe sollten wir uns stellen. (10.6.18)

Der Text von Martin Bredenbeck entstand als persönliche Einleitung zum Vortrag am 4. Juni 2018 im Domforum Köln in der Jahresreihe des Architektur Forum Rheinland.

Titelmotiv: Köln, Ebertplatz (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2018)

Sarajewo (Bild: Martin Maleschka)

Die grauen Herren

Da stehen sie und sperren sich gegen jede Hochglanz-Ästhetik. Weder verdämmt noch verhipstert, sondern einfach in die Jahre gekommen. Im besten Fall. Solche Bilder ließen sich in Städten wie Sarajewo oder Minsk einfangen, noch. Doch überzeugen Sie sich selbst: Der Architekt und Fotograf Martin Maleschka, aktuell hochaktiv in Sachen Kunst am Bau, hat nun einige seiner Platten-Bilder zur Ausstellung „Ästhetik in Beton“ zusammengestellt. Das Projekt kam ins Rollen durch Florian Dossin (Student und Tutor an der Bauhausuniversität Weimar), der in Maleschka einen Mit-Begeisterten für diese lange geschmähte Bauepoche gefunden hat – einen „auf die Suche nach der Ästhetik der ‚Ostmoderne'“. Beiden geht es um den Erhalt und die Inwertsetzung der dazugehörigen Gebäude. „Beides tut Maleschka in erster Linie mit seiner Kamera.“

Ort und Gegenstand seiner jüngsten Ausstellung ist Jena-Neulobeda, denn, so Dossin: „Jena genoss als Universitätsstadt mit den Werken Zeiss und Schott eine wichtige Stellung in der DDR, wodurch zahlreiche Neubauvorhaben verwirklicht worden. Eines der größten Vorhaben stellt das Neubaugebiet Neulobeda dar“. Die Vernissage wird am 21. Juni 2018 um 18 Uhr begangen, im Anschluss ist die Schau bis zum 13. Juli 2018 zu sehen im Kreativen Baubüro von jenawohnen (Stauffenbergstraße 10) in, natürlich, Jena-Neulobeda. Für moderneREGIONAL haben wir einige seiner schönsten Aufnahmen ergänzt um Fotos aus der Bauzeit, als die grauen Herren noch jung waren. (kb, 31. Mai 2018)

St. Louis/Missouri, Abriss von Pruitt Igoe, 1966 (Bild: U.S. Department of Housing and Urban Development Office of Policy Development and Research, PD)

„The day modern architecture died“?

von Dina Dorothea Falbe

Täglich erscheinen auf moderneREGIONAL aktuelle Meldungen für eine wachsende Gruppe Modernefans. Obwohl schon viel Erfreuliches passiert, bleiben hier Abrisse oder Abrissdiskussionen eines der häufigsten, wenn nicht das häufigste Thema. Dieser Schwerpunkt liegt auch im Alter der Bauten begründet: Eine abgeschlossene Architekturepoche muss erst Schritt für Schritt wahrgenommen und bewertet werden, um breitere Anerkennung zu finden. Niemand kann erwarten, dass unsere gebaute Umwelt bleibt wie sie ist – sie verändert sich mit uns und mit den Formen unseres Zusammenlebens. In allen Umbruch/Abbruch-Diskussionen geht es deshalb genau um diese Frage: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

 

Von der Testsprenung zum Symbol

Eindrückliche Bilder von Abbrüchen moderner Bauten werden schon seit Jahrzehnten verwendet, um bestimmte Botschaften über diese Stilepoche zu vermitteln. „The day modern architecture died“, mit dieser bekannten Aussage machte der Architekturhistoriker Charles Jencks 1977 das Ende der Moderne am Abrisstermin von Pruitt-Igoe fest. Die Testsprengung einiger Bauten der 1955 in St. Louis errichteten und später heruntergekommenen Wohnsiedlung sollte mit dem „Pruitt-Igoe Action Plan“ ursprünglich nur den einige neue Gemeinschaftsbauten für die Siedlung ermöglichen, wie Sabine Horlitz 2016 in der Zeitschrift „Candide“ darlegte. Kurz darauf wurde der Abriss der gesamten Anlage beschlossen (und mit der Abrissbirne umgesetzt).

Das Videomaterial von der Testsprengung wurde fortan instrumentalisiert – besonders von Präsident Richard Nixon, um den Wohlfahrtsstaat als gescheitert und staatliche Einmischung in die Immobilienwirtschaft als per se schlecht darzustellen. Gründe, dieses Narrativ zu hinterfragen, gab es seither viele: Schlagzeilen machten die astronomischen Immobilienpreise im Silikon Valley. Auch die Spekulation mit Eigenheimkrediten, die Ursache der Finanzkrise vor zehn Jahren, stellt bis heute die Wohnungs- und Bodenpolitik infrage. Die in den 1930er bis 1960er Jahren boomende Kreditvergabe ging nicht nur mit einer ausgedehnten Suburbanisierung einher. Mittlerweile wird sie sogar als struktureller Rassismus kritisiert, da vorwiegenden Weiße davon profitierten. Mangelnde Instandhaltung, Rassen-Segregation, der allgemein schlechte Arbeitsmarkt und der damit einhergehende Bevölkerungsschwund gelten heute als wahrscheinliche Ursachen für den Verfall des einstigen Vorzeigeprojektes Pruitt-Igoe.

 

Im TV dabei


Bis heute werden spektakuläre Abrisse moderner Appartementblocks im Fernsehen übertragen: Ehemalige Bewohner verfolgen weinend die Sprengung ihres Hauses in den Pariser Banlieues. Die Architekturtheoretikerin Niloufar Tajeri widmete sich diesem Thema im gemeinsamen Projekt „Riot“ mit dem Philosophen Gal Kirn 2015/16 an der Akademie Schloss Solitude. 2005 kam es in den Pariser Banlieues zu gewaltsamen Ausschreitungen – ausgelöst durch den Tod zweier Jugendlicher, die als Opfer ungerechtfertigter Polizeigewalt angesehen werden. Der französische Soziologe Hugues Lagrange benannte die Ankündigung weitrechender Abrisse (im Rahmen des Sanierungsprogramms ANRU 2003) als Ursachen für die Ausschreitungen.

Die Videoaufnahmen ehemaliger Bewohner zeigen, dass sich ihre Lage durch die städtebauliche Neuorganisation nicht unbedingt verbessert. Denn mit den modernen Wohnblocks werden auch gewachsene Sozialstrukturen zerstört. Die vielkritisierte Flächen- oder Kahlschlagsanierung, für die Pruitt-Igoe stellvertretend stehen kann, scheint sich dort zu wiederholen. Einmal mehr wird die „hässliche“ Architektur zur Projektionsfläche für vieles, was gesellschaftlich schief läuft. Texte zu diesen Themen haben Niloufar Tajeri und Gal Kirn im Pages Magazine veröffentlicht. Am 18. Juli 2018 halten sie einen Vortrag an der Universität Münster. Und die Ausstellung zum Projekt „UNTIE TO TIE. Über Aufstände und Widerstand. Riots: Allmähliches Aufkündigen der Zukunft“ ist noch bis zum 24. Juni 2018 in der ifa Galerie Stuttgart zu sehen.

 

Der „gute“ Abriss

Die Abrissgeschichte des Restaurants Ahornblatt auf der Berliner Fischerinsel ist zumindest in Deutschland viel zitiert. Ihre Symbolkraft scheint für statt gegen die Moderne zu arbeiten. Hätte man das ikonische Bauwerk aus filigran betonierten Hyparschalen von Ulrich Müther im Jahr 2000 nicht abgerissen und durch einen gesichtslosen Neubau ersetzt, wäre das Werk des DDR-Bauingenieurs heute wohl weit weniger bekannt. 2006 wurde sein Nachlass in das Müther-Archiv an der Hochschule Wismar überführt. Bis dahin hatten die Pläne, Zeichnungen, Akten und Modelle in feuchten Räumlichkeiten der Kraft-durch-Freude-Ferienanlage Prora auf Rügen gelagert, die Müther eigens dafür angemietet hatte. Ein Großteil des 2,5-Kilometer-langen Dreißigerjahrebaus wurde kürzlich zu Luxuswohnungen umgebaut. Die monotone Fassade, deren Form und Struktur weniger an die völkischen Stilkonstruktionen der Nazi-Erbauer, als vielmehr an modernen Pragmatismus erinnern, schien dabei kein Hinderungsgrund zu sein.

 

Aneignung statt Abriss

Moderne Masterpläne entstanden am Reißbrett, von oben herab und oft unter Missachtung gewachsener Strukturen. Zugleich legen optimierte Wohnungsgrundrisse ihren Nutzern bestimmte Wohn- und Verhaltensideale nahe. Dass dieser autoritäre Charakter nicht die folgenden Nutzungen bestimmen muss, zeigen Aneignungsbeispiele in den Büchern „Kleine Eingriffe“ und „Raster Beton“. Letzteres beschäftigt sich mit der Plattenbausiedlung Leipzig-Grünau. Der Architekturtheoretiker Wolfgang Kil spricht hier von der „Normalisierung der Moderne“ als „nächste kulturelle Herausforderung von Le Havre bis Wladiwostok“.

Ob diese „Normalisierung“ oder selbstbestimmte Aneignung von Großstrukturen überhaupt stattfinden kann, oder vorher erneut von oben „Tabula Ras“ gemacht wird, ist von den Eigentumsverhältnissen abhängig. Staatliche Wohnungsbaugesellschaften sind nicht unbedingt ein Garant für sichere Instandhaltung und verantwortungsvollen Umgang mit dem Bestand, doch angesichts der Wohnungsknappheit in deutschen Großstädten wird die öffentliche Hand wieder geschätzt. Dass das zivilgesellschaftliche Engagement in dieser Steuerung berücksichtigt werden kann und sollte, zeigt die Stadt Berlin aktuell mit dem Projekt Haus der Statistik. Sie hat das ostmoderne Ensemble am Alexanderplatz vom Bund gekauft, um dort neben der eigenen Verwaltung auch Wohnungen und Arbeitsräume für Kreative und Geflüchtete unterzubringen. Dafür hat die Stadt eine Kooperationsvereinbarung mit Initiativen getroffen, die sich für solche Nutzungen an dem Standort einsetzen. So entsteht in zentraler Lage ein Ort, in dem viele gemeinschaftliche Interessen selbstbestimmt zusammenkommen.

Das Haus der Statistik illustriert auch, wie Merkmale der Moderne eine selbstbestimmte Aneignung durch neue Nutzer begünstigen können. Gerade weil immer noch viele Vorzeigeprojekte die „europäische Stadt“ weit zurückliegender Jahrhunderte reproduzieren – wie z. B. das Humboldt-Forum unweit vom Alexanderplatz – erscheint die Ostmoderne als passende Atmosphäre für eine breitere gesellschaftliche Vielfalt. Das Stahlbetonskelett-Tragwerk gibt große Freiheiten in der Grundrissgestaltung. Aber auch der unfertige Charakter des entkernten Gebäudes lädt zur Aneignung ein. Hier entsteht Neues, gerade weil nicht neu gebaut wird.

 

Neutralität unmöglich

Nicht nur Modernefans sind überzeugt, dass Abrisse oft nicht sinnvoll sind. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass es möglich ist, den jeweiligen Bestand an die aktuellen klimatischen und räumlichen Anforderungen anzupassen. Dabei können Ressourcen geschont, räumliche, soziale sowie baukünstlerische Werte erhalten und neue geschaffen, ja sogar Kosten gespart werden. Die Abrissforderungen stützen sich also heute, wie auch schon bei Charles Jencks in den 1970erJahren, oft auf politisch motivierte Narrative: Sie belegen die Gebäude mit einer bestimmten Symbolik oder behaupten, eine bessere Lebensumwelt schaffen zu können. Stützen die Abrissdokumentationen also die Geschichte von der vermeintlichen Niederlage der Moderne? Kann es umgekehrt gelingen, mit solchen Bildern die Werte moderner Lebensräume aufzuzeigen?

In seinem populären Architekten-Buch „four walls and a roof“ bezeichnet Reinier de Graaf die Moderne als „the century that never happend“ und zeigt dazu Abrissbilder von bekannten modernen Bauten. Damit liefert er mehr als eine neutrale Analyse. De Graaf sagt auch, die Wohnfunktion sei heute nur noch ein „Nebeneffekt“ der Immobilie als Kapitalanlage und Spekulationsobjekt. Auch in Deutschland gibt es solche Siedlungen, die unter steigenden Preisen ständig den Besitzer wechseln, ohne dass in die Substanzerhaltung investiert wird. Der Kampf um den Erhalt moderner Bauten und Stadtstrukturen will also auch die gewachsenen sozialen Strukturen und die dort gelebte Identität vor dem Spekulationsdruck bewahren. Dies gilt auch für öffentliche Bauten der Nachkriegszeit, die ebenfalls wegen günstiger Mieten vielerorts als Freiräume für kulturelles Leben wahrgenommen werden.

 

Das Ende einer Unterdrückungsspirale?

Die starke emotionale Wirkung der Abrissbilder erlaubt keine „unschuldige“ Verwendung. Solche Fotografien erzeugen noch immer die Endzeitstimmung im Sinne von „modern architecture died“. Doch verbunden mit einer weiteren Analyse der Abrissumstände, lässt sich die Botschaft auch anders verstehen: Die Zerstörung von Gebäuden, insbesondere von modernen Wohnhäusern und -siedlungen, ob durch unterlassene Instandhaltung oder durch Sprengung, ist ein gewaltsamer Akt. Er lässt sich als Teil einer Unterdrückungsspirale verstehen, die durchbrochen werden könnte. Die Transformation dieses Erbes bietet Chancen für mehr gesellschaftliche Vielfalt und ein respektvolles Miteinander. Gerade weil unterschiedliche politische Deutungen von Architekturen möglich sind, ist es an uns, gewissenhaft damit umzugehen – das gilt auch und besonders für Abrissbilder. (22.5.18)

Titelmotiv: St. Louis/Missouri, Abriss von Pruitt-Igoe, 1966 (Bild: U.S. Department of Housing and Urban Development Office of Policy Development and Research, PD)

Pod-Style-Hostel-Entwurf (Entwurf: Ruth Unger, Alina Florja, Cherry Blocksom)

Das Japanische Haus

Aus einem verlorenen Ort im ehemaligen Rotlichtbezirk der japanischen Millionenstadt Yokohama soll ein Ort der Begegnungen werden: Dieser Aufgabe haben sich Architektur-Studierende der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK ) Leipzig gewidmet. Ihr neues „5-Sterne-Hostel“ soll kosmopolitisch, mit der Umgebung verknüpft und dem gemeinschaftlichen Wohnen verpflichtet sein. In einem Masterkurs des vergangenen Wintersemesters entstanden, betreut durch Architekturprofessorin Anthusa Löffler, zehn ganz unterschiedliche Entwürfe. Sie verknüpfen aktuelle Problemlagen mit japanischen Lösungskonzepten der 1970er Jahre. Die Ergebnisse sind noch bis zum 12. Mai in der Ausstellung „Cosmopolis Yokohama“ im Japanischen Haus in Leipzig (Eisenbahnstraße 113b) zu sehen. Unterstützt wurden die Studierenden dabei von der japanischen Architektin und Architekturkritikerin Noriko Minkus.

 

Vom Kapselhotel zum 5-Sterne-Hostel

Das „5 Star Creative Hostel Cosmopolis“, das die Studierenden entworfen haben, versteht sich als „Shared Place“ – als Übernachtungs-, Wirkungs- und Begegnungsstätte für Reisende, Künstler und verschiedene sozialen Gruppen. Alle sollen die Räume gemeinsam nutzen und sich mit dem Stadtviertel vernetzen. Dafür sind Gemeinschaftsküchen, gemeinsame Veranstaltungs- und Arbeitsräume oder auch „Pod-Styled-Schlafsäle“ (durch Vorhänge getrennte Schlaf-Röhren) vorgesehen. Solche Übernachtungstypen machen in Japan gerade Furore und könnten bald auch in Europa umgesetzt werden. Japan, wo Raum knapp und teuer ist, gilt als Experimentierfeld für außergewöhnliche Unterkünfte. Bereits in den frühen 1970er Jahren entstanden dort „Kapselhotels“: Häuser mit funktionalen Mini-Kabinen. Inzwischen sind sie auch auf europäischen Flughafen zu finden, insbesondere in Transitbereichen.

 

Stadtentwicklung durch Kunst-Projekte

Das Projekt soll mitten im Koganecho Stadtviertel von Yokohama starten – einem verrufenen Ort unter einer Eisenbahnbrücke. Bereits 2008 wurde ein jährliches Kunstfestival aus der Taufe gehoben, um die Wiederbelebung dieses Quartiers zu unterstützen. Mittlerweile haben sich dort neue Studios und Galerien, sogar eine internationale Kunst-Triennale etabliert. Vor diesem Hintergrund hat sich Yokohama dem „Creative City Network of Japan“ zur nachhaltigen Stadtentwicklung angeschlossen. In Leipzig schlägt das „Japanische Haus“ e. V. (DJH) seit nunmehr sieben Jahren eine Brücke zwischen internationalem Austausch und lokalen Aktionen. Durch japanische Migranten ins Leben gerufen, hat sich hier ein offener Ort für Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen entwickelt. (kb, 30.4.18)

Titelmotiv: Pod-Style-Hostel-Entwurf (Entwurf: Ruth Unger, Alina Florja, Cherry Blocksom)

Hannover, Medizinische Hochschule (Bild: Christopher Falbe)

Buch sucht Stütze

Es gehört zu den Ungerechtigkeiten eines Akademikerlebens, dass einem erst das Geld und dann die Wohnung ausgeht für all die Bücher, die man gerne besitzen möchte. Nicht nur leihen oder kopieren oder downloaden, sondern besitzen, lesen, wieder hervorholen und um sich haben. Für die Publikation „Architekturen des Gebrauchs“, mit der Christopher und Dina Dorothea Falbe im Weimarer Verlag Mbooks sechs öffentliche Bauten der 1960er und 1970er Jahre aus Ost- und Westdeutschland vorstellen, habe ich freudig einen meiner wenigen Rest-Stellplätze hergegeben. Hier bekommt der geneigte Leser viel Buch für sein Geld. Doch lassen Sie sich nicht von der äußerst gelungenen Verpackung täuschen – der Inhalt hat es in sich.

 

Alles eine Frage der Perspektive

„Gebäude sind nicht in ihrer Substanz politisch, sondern werden es durch die gesellschaftliche Wahrnehmung – und die verändert sich mit der Zeit“, so die beiden Herausgeber in ihrem Vorwort. Damit weist die Architektin und Architekturjournalistin Dina Dorothea Falbe dem Nutzer und Betrachter einen aktiven Part zu. So wichtig es ihr ist, die Urspungsideen der Erbauer darzulegen, so stark macht sie auf der anderen Seite die Formen und Spuren der heutigen Aneignung. Denn, egal wie allumfassend der Ewigkeitsanspruch so mancher Architekturtheorie der Nachkriegsjahrzehnte gewesen sein mag: Die Räume waren für den Gebrauch gedacht und haben sich durch diesen Gebrauch verändert. (Und es bleibt der Wunsch, dass sich dieser Prozess auch in den folgenden Jahrzehnten fortsetzen darf.) So ist es nur konsequent, dass die beiden Herausgeber nicht allein ihren eigenen Blick auf die ausgewählten Bauten in Text (Dina Dorothea Falbe) und Bild (Christopher Falbe) darlegen. Bei fünf der sechs Objekte werden diese ergänzt um Beiträge weiterer Autoren und um Interviews mit Vertretern der Erbauergeneration.

 

Deutschlandreise

Die Auswahl der porträtierten Objekte – sechs aus ungezählt vielen öffentlichen Bauten der 1960er und 1970er Jahre in den ehemals beiden deutschen Staaten – wird nicht groß begründet, sie wird gesetzt. Sie ist naturgemäß ebenso eine subjektive wie es jede Wertung durch den Leser ist: Das direkte Umfeld der beiden Herausgeber zeigt sich mit dem Flughafen Schönefeld und der FH Potsdam gut vertreten. Der Süden wird mit der Alten Parteischule Erfurt und dem Hauptbahnhof Ludwigshafen leicht touchiert, der Norden über das Rathaus Elmshorn vorgestellt und Hannover mit einem seiner Betonschätze, mit der Medizinischen Hochschule, gewürdigt. Gemeinsam ist diesen öffentlichen Bauten, dass sie gerade inmitten des zur These des Buchs ausgerufenen Wahrnehmungswandels stehen. In einer der von Thomas Köchlin so treffend gestalteten Infografiken wird greifbar: Als das Buch in den Druck ging, war die Mehrzahl der ausgewählten Beispiele bereits mit einem Fragezeichen (Abriss, Neubauwettbewerb u. a.) versehen. Manches davon hat das Erscheinen des Buchs nur noch knapp erlebt, bevor die Demontage begann.

 

Funktioniert

Die mit viel persönlicher Liebe ausgewählten und porträtierten Bauten wurden nicht nur zwischen zwei wohlgestaltete Buchdeckel, sondern auch zwischen zwei rahmende Beiträge von Dina Dorothea Falbe gepackt. Darin wagt sie den weiten Blick darauf, warum Menschen wie bauen, was das über sie damals und uns heute aussagt und warum das alles für morgen unverzichtbar ist. Da laufen mal eben rasch die großen Theoretiker von Plato bis Walter Benjamin durchs Bild. Das kann man lesen und mögen, man kann das Buch aber auch einfach so genießen – den formidablen Baubeschreibungen folgen, die wundervoll aufgeräumten Bilder wirken lassen und in die charmant-informativen Interviews abtauchen. Die Einzelteile, die einem sehr großen Gedanken folgen sollen, funktionieren auch sehr gut einzeln – und das spricht ausdrücklich nicht gegen, sondern für dieses schöne Buch. Kommen Sie, so viel Regalplatz haben Sie sicher noch! (kb, 16.3.18)

Titelmotiv: Hannover, Medizinische Hochschule (Bild: Christopher Falbe)

Falbe, Dina Dorothea Falbe und Christopher (Hg.), Architekturen des Gebrauchs. Die Moderne beider deutscher Staaten 1960-1979, mit Texten von Dina Dorothea Falbe, Anika Gründer, Florian Kirfel, Anne Klinnert, Cor Wagenaar und Arne Winkelmann, mit Fotografien von Christopher Falbe, Verlag Mbooks, Weimar 2017, 236 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-944425-05-4.

Potsdam, Restaurant "Minsk" (Bildquelle: Architektur der DDR 28, 1979, 10)

Ein letzter Blick gen Minsk?

Es ist ein Abschied auf Raten: „Die Rettungsversuche für das in den 1970er Jahren errichtete Terrassenrestaurant ‚Minsk‘ am Potsdamer Brauhausberg waren vergebens.“ So meldet schon im Sommer 2015 die „Märkische Allgemeine“. Gemeint war das moderne Terrassenrestaurant, das 1977 – zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution – am Potsdamer Brauhausberg eröffnet wurde. Mit dem gestaffelten Flachdachbau ergänzte der Architekt Karl-Heinz Birkholz (mit W. Müller) die ebenfalls von ihm geplante geschwungene Schwimmhalle aus dem Jahr 1971. Die Innengestaltung des „Folklorerestaurants“ Minsk wurde mit Künstlern der russischen Partnerstadt umgesetzt (Künstlerischer Leiter/Innenarchitektur: W. Stellmaschonok; Künstlerische Innengestaltung: Künstlerkollektiv der Stadt Minsk (W. Stellmaschonok, J. Charlamow, W. Dowgalo, S. Bandalewitsch).

 

Hin und her

Doch auf dem Gelände sollten eine neue Schwimmhalle und „Stadtvillen“ entstehen. Die Initiative „Pro Brauhausberg“ hatte sich 2011 verstärkt für den Erhalt und eine Unterschutzstellung des gesamten DDR-Ensembles engagiert. Der Landessportbund Brandenburg plante, das Restaurant zur „bewegungs- und gesundheitsorientierte[n] Kindertagesstätte“ umzugestalten. In den folgenden Monaten gingen die Meldungen, Gerüchte und Alternativvorschläge hin und her und wieder hin. 2016 schickte der Förderverein des Potsdam Museums gar mit der Nachricht in den 1. April, das Terrassenrestaurant werde als zentrales Depot für das Museum genutzt.

 

Der Abriss könnte im März beginnen

Nun scheint der Abschied endgültig besiegelt. Wie Dina Dorothea Falbe im Baunetz meldet, muss die Stadtverordnetenversammlung dieser Tage über einen Abrissantrag für das Minsk entscheiden. „Wenn sie diesem zustimmt, soll der Abbruch im März beginnen.“ Falbe blickt auf die umfassende Bedrohung ostmoderner Baukunst in Potsdam – vom barock anmutenden Neubau des Landtags bis zum laufenden Abriss der FH. Sie kommt zu dem Schluss: „Die Stadt Potsdam macht es den Initiativen nicht leicht – man könnte sogar behaupten: besonders schwer – wirksame Strategien zu finden, die einen Erhalt der ostmodernen Baukultur ermöglichen.“ Da passe es gut ins Konzept, dass die einstige Schönheit der Außenanlage des abrissbedrohte Minsk kaum noch zu erahnen sei. (kb, 3.3.18)

Die Berliner Passerelle in den "Tributen von Panem" (Bild: youtube-Still, The Hunger Games)

Die Farbe der Angst ist Orange

Der Moment, als die Unterführung dicht hinter den Flüchtenden explodiert, ist nur filmische Fiktion. Noch, denn die Passerelle am Berliner Messedamm soll bald geschlossen werden. Eine Machbarkeitsstudie für den Knotenpunkt Messedamm/Masurenallee/Neue Kantstraße wurde just von der Verkehrsverwaltung ausgeschrieben. Von deren Ergebnis will man die Zukunft des Fußgängertunnels abhängig machen. Zwar sei die 1975 fertiggestellte Anlage gut in Schuss, aber ihr Konzept überholt und der Unterhalt unbezahlbar. Für Cineasten aber hat die orange gekachelte Passerelle, spätestens mit ihrem explosiven Auftritt in „Die Tribute von Panem“, längst Kultcharakter erlangt. Was also tun mit dem „Tunnel des Grauens“ (Tagesspiegel)?

 

Adieu Autogerechte Stadt?

Viel unterirdische Moderne verschwindet in den letzten Jahren, nicht nur in Berlin. Hier waren es z. B. der Straßentunnel vor dem Bikinihaus oder die Unterführung unter dem Alex. Dabei wurden sie einst mit großem Fachwissen erdacht, um die wachsenden Verkehrsströme zu entflechten. Mitte der 1970er Jahre forderte der ICC-Standort zwischen Messedamm und S-Bahngelände die Planer heraus. Da beim entstehenden Internationalen Congress Centrum (ICC) mit zahlreichen „verkehrserzeugenden Veranstaltungen“ zu rechnen war, wollte man es an die S-Bahn anschließen, die nahen Straßenkreuzungen funktional verbessern und ein „EDV-gesteuertes Wegweisungssystem“ einsetzen. Am Ende der überlegten Planungen stand ein vernetztes System aus ober- und unterirdischen Verkehrswegen. Busse sollten oberirdisch zum ICC oder zum nahen Omnibusbahnhof gelangen, Privatwagen ihr Ziel eine Ebene tiefer erreichen. Und für die Fußgänger war ein eigenes Zwischengeschoss vorgesehen.

Ab 1973 wurden die bisherigen Fußgängertunnel unter der Masurenallee und dem Messedamm sowie zwei Spannbetonbrücken zum damaligen Messekreisel abgebrochen, um Platz zu schaffen für neue Versorgungsleitungen und das Parkhaus Süd. 1974 errichtete man eine Stützwand, 1974/75 den Autotunnel zum ICC in Form eines „Hockeyschlägers“, von 1974 bis 1976 die Ausfahrt vom Parkhaus Süd, von 1975 bis 1977 Ausfahrbauwerke aus dem ICC und zuletzt das Treppenhaus zur Bushaltestelle. Am aufwändigsten gestalteten sich 1974/75 die Arbeiten für die Passerelle, das Fußgängerzwischengeschoss unter Messedamm, Masurenallee und Neuer Kantstraße. Damit sah man sich bestens vorbereitet für die Eröffnung des ICC im Jahr 1979.

 

So war es gedacht

Am Ende stand eine Unterführung mit sechs Zugängen, diversen (Roll-)Treppen und Aufzügen sowie einer „Bedürfnisanstalt“. Darüber verliefen die Auto-Verkehrsstraßen Messedamm/Masurenallee/Neue Kantstraße, darunter die Röhre für die U 3. Die Passerelle erhielt einen direkten Zugang zum ICC, Rundstützen, runde braune Deckenleuchten und durchgängig orangefarbene Kacheln. Die anspruchsvolle Stahlbetonkonstruktion musste nach den damals geltenden U-Bahnbaurichtlinien abgedichtet werden. Man ging bis in 16 Meter Tiefe, rechnete wegen des darüber verlaufenden Schwerlastverkehrs mit Belastungen von bis zu 150 Tonnen. Gestalterisch bewegt sich das Fußgängerzwischengeschoss an der Grenze zwischen den ICC-Architekten Ralf Schüler/Ursulina Schüler-Witte und der städtischen Bauverwaltung unter der Leitung von Rainer G. Rümmler. Die Baumaßnahme wurde durchgeführt mit der Bietergemeinschaft Berger-Bauboag/Baresel/Huta-Hegerfeld und kostete insgesamt 16,7 Millionen DM. Grundsätzlich war die Anlage offen für spätere Läden und Kioske, sollte auch bei einem Ausbau der U-Bahn funktionieren – beide Optionen wurden bis heute nicht wahrgenommen.

 

Warum eigentlich nicht?

Nun scheint der einstige Stolz der Verkehrsplaner nicht mehr zeitgemäß. Die Argumente sind die bekannten: Barrierefreiheit, Brandschutz und Fußgängersicherheit. Die Passerelle beruhe „auf den überkommenen Planungsphilosophien der autogerechten Stadt“, werde regelmäßig von Urin und Graffitis verschmutzt und verschlinge jährlich 340.000 Euro Unterhaltskosten. Behalten will man den vorbereiteten, aktuell als musealer Lagerraum genutzten U-Tunnel für eine mögliche Verlängerung von „Uhlandstraße“ bis zum Theodor-Heuss-Platz. Die Passerelle könnte umgebaut, „rückgebaut“ oder „verkehrssicher“ geschlossen werden. Eine letzte Option wird kaum diskutiert – die Weiternutzung zu anderen Zwecken. Der Charlottenburger Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) brachte eine Öffnung für die „Jugendkultur“ ins Spiel: für Dinge wie Skat, Tischtennis oder Skaten (gegen größere Veranstaltungen spreche der Brandschutz). Und welcher in der Jugendarbeit Aktive hätte sich nicht schon einmal einen nachbarschaftsfreien, vollständig abwaschbaren Raum gewünscht? Hier wäre er, noch dazu in wundervollstem Orange! (kb, 16.2.18)

Titelmotiv: Die Berliner Passerelle in den „Tributen von Panem“ (Bild: youtube-Still, The Hunger Games)

 

 

Literaturauswahl

Dollezal, E./Herrmann, H.-R., Verkehrs- und Tiefbaumaßnahmen zur Erschließung des Internationalen Congress Centrum Berlin (ICC), in: Berliner Bauwirtschaft 28, 177, 18, S. 441-447.

Kurpjuweit, Klaus, Schicht am Ende des Tunnels, in: Der Tagesspiegel 18. Januar 2018.

Kurpjuweit, Klaus, Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf. Unterführung am Messegelände wird geschlossen, in: Der Tagesspiegel 18. Januar 2018. 

Machbarkeitsuntersuchung zur Schließung der Passerelle im Knoten Messedamm/ Masurenallee – Neue Kantstraße einschließlich Umgestaltung des Knotenpunktes, hg. von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Berlin, 15. Januar 2018 (Leistungsbeschreibung mit Anlagen).

Hamburg, Haltestelle "Alter Teichweg", Entwurfscollage von Fritz Trautwein, 1962, Haltestellenwärterkanzel (Bestand: Hamburgisches Architekturarchiv)

Verloren in Hamburgs zweiter Ebene

von Sabine Kock

Eigentlich sollte sie heute so legendär sein wie die alte Ringlinie. Aber anders als ihr historischer Vorgänger von 1912 werden die Stationen der „Wandsbeker Linie“ von Fritz Trautwein (1911-93) nicht sensibel erhalten oder denkmalgerecht saniert. Im Gegenteil – Renovierungen und vermeintlich moderne Umgestaltungen verhindern ein jüngeres historisches Bewusstsein. Das 25. Todesjahr des Architekten mahnt nun zum Umdenken.

 

Ein Flaggschiff

Als 1955 die Erweiterung des U-Bahnnetzes an der Endhaltestelle „Jungfernstieg“ startete, wollte Hamburg Zeichen setzen. Zehn Jahre nach Kriegsende war die Stadt im Aufbruch und in den Wiederaufbauplänen spielte Mobilität eine entscheidende Rolle. Mit der ersten U-Bahn-Streckenerweiterung nach dem Krieg sollte die „Wandsbeker Linie“ ausgebaut werden: Man wollte die bestehenden Bahnhöfe „Jungfernstieg“ und „Wandsbek Gartenstadt“ mit 11 neuen Haltestellen verbinden. Die Linie war das Flaggschiff der Hamburger U-Bahn in Wirtschaftswunderzeiten. Bewusst beauftragte man freie Architekten und verteilte die Haltestellen an die Büros Schramm + Elingius, Rübcke, Sandtmann + Grundmann und Trautwein. An die Stelle von Historismus, Jugendstil und Klassischer Moderne sollte ein neuer Geist, ein neues Lebensgefühl treten.

Fritz Trautwein war im Architekten-Netzwerk der Stadt fest verankert. 1956 wurde er als Architekturprofessor für Entwerfen an die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg berufen. Mit Hans Loop war er schon mit einem großmaßstäblichen Vorentwurf für die wichtige Haltestelle „Landungsbrücken“ und für angrenzende Hafenrandgebäude beauftragt. Umgesetzt wurde dann 1959 zwar nur eine Wiederaufbauversion der Haltestelle, aber Trautweins ungewöhnlich kühne kupferne Gesamthülle der neuen Schalterhalle und ihre stadträumliche Einbindung fanden viel öffentliches Lob.

 

Im Zwischengeschoss

So erhielt Fritz Trautwein den Auftrag für drei Haltestellen der „Wandsbeker Linie“. Alle an der Strecke beteiligten Architekten konnten über den Ausbau der Tunnel und Bahnsteige hinaus schon früh mit den Ingenieuren zusammenarbeiten. Das bot ungewöhnliche Möglichkeiten, auch am Rohbau mitzugestalten, auch das Raumprofil, die Stützenformen und Grundrisse der Zwischenebenen zu beeinflussen. Die Schalterhallen wurden meist in ein Zwischengeschoss unter die Erde gelegt, um die oberirdischen Verkehrsstraßen und Kreuzungen vom Fußgängerverkehr freizuhalten. Ausgestattet mit Vitrinen und Läden, sollten diese unterirdischen Räume zu attraktiven Passagen werden. Der Bahnsteig selbst erhielt abgehängte Decken und die Haltestellen unterschiedliche Farben.

 

Grün, blau, rot, schwarz

Mit diesen Vorgaben verwirklichte Trautwein 1961/62 die Haltestellen „Lohmühlenstraße“ und „Wandsbeker Chaussee“. Die keramischen Wandbekleidungen der Tunnelröhre waren einfarbig, die „Lohmühlenstraße“ in lichtem Grün und die „Wandsbeker Chaussee“ in lichtem Blau. Die weißen Decken, in Längs- oder Querrichtung gefaltet, überdehnten die Bahnsteig-Länge oder suchten diese optisch zu verkürzen. Die Stützen wurden sechseckig geformt und dem Farbklang der Wand angepasst. Im grundsätzlich gleichen Raumprofil hatte Trautwein die Möglichkeiten von Farbe, Fläche, Punkt und Linie konsequent durchgespielt und bis ins Detail ausgearbeitet. Die eigentlich rechteckige Schalterhalle formte er im Ausbau zu einem schwingenden Raumfluss, der von den Sperranlagen gegliedert wurde.

Aufgrund der besonderen Geländebedingungen und der vorgegebenen Anordnung der Seitenbahnsteige gelang Trautwein mit der Haltestelle „Alter Teichweg“ etwas Besonderes: Die Decke der Zwischenebene wurde über die gesamte Bahnsteig-Länge fortgeführt, sodass der Tunnel höher war als üblich. Durch die stumpf gegen die Decke geführte, schlanke Mittelstützenreihe und die aufgebrochene abgehängte Decke wird die übergroße Halle voll ausgespielt. Die Farben wirken dramatischer, wechseln zwischen kräftigem Türkis, sattem Schwarz und tiefem Rot. Den Höhepunkt bildet die aufgeständerte Haltestellenwärterkanzel: Sie kommt mit einem Steg von der Schalterebene, ruht auf einer Stütze und schwebt zuletzt im Luftraum der Halle.

 

Zerfallen in Stückwerk

Soweit zum Original – nach 55 Jahren sich wandelnder stadträumlicher, funktionaler und wirtschaftlicher Anforderungen haben Rück- und Umbauten die Haltestellen stark verändert. Während die zeitgenössische Fachpresse 1963 die Architektenleistungen bei den Tunnelstationen würdigte, verlieren sich heute deren Spuren durch jahrelange Renovierungen und Überarbeitungen. Dass die in sich individuellen Haltestellen der „Wandsbeker Linie“ ursprünglich einem gemeinsamen Gestaltungskanon entsprachen, war einmalig. Doch längst ist die Linie ein Stückwerk, zerfallen durch die vielen Eingriffe unterschiedlicher Renovierungsphasen.

Trautwein war weiterhin für die Hochbahn tätig: Ab 1968 wurde der Schnellbahnknoten „Jungfernstieg“ ausgebaut, wieder ein Prestigeprojekt der Stadt. Neben der vorhandenen U-Bahnlinie sollten zwei weitere angebunden werden, dazu noch der neue City-Tunnel der S-Bahn, alles über fünf Ebenen unter der Alster geführt. Eine gewaltige und vielbeachtete Bauaufgabe, für die Trautwein bis 1975 die neuen Haltestellen der Tiefebenen gestaltete. Er änderte die Farbpalette, setzte am S-Bahnsteig sein Motiv der gefalteten Decken fort und fand mit sich spreizenden Trapezformen am Deckenrand einen gelungenen Wandanschluss für die stark gekrümmte Röhre. Fast beschwingt glitten die Züge entlang an weißen und grauen Kreisen auf kräftigen Farbfeldern. Der neue U-Bahnhof und die Verteilerebenen führten den Farbklang weiter, waren aber insgesamt sachlicher. Das Konzept ist heute in den Untergeschossen amputiert: Die Deutsche Bahn erneuerte den S-Bahn-City-Tunnel vollständig. Im November letzten Jahres wurden die Wand- und Stützenverkleidungen, die letzten Reste der alten Haltestelle, zu Stahlschrott.

 

Ein Denkmal?

Die Haltestelle „Burgstrasse“ erreicht man auf einer anderen Linie in Richtung Osten der Stadt. In ihrem oberirdischen Bauwerk übersetzte Trautwein das Motiv der gefalteten Decke auch in das Dach. „Burgstrasse“ und „Jungfernstieg“ wurde von der Hochbahn in die 1980er Jahre gerne in Publikationen vorgezeigt. Zum 100-jährigen Jubiläum 2006 veröffentlichte das Unternehmen eine mehrbändige Buchreihe – darin war von Trautwein keine Spur. Dabei ist die Haltestelle „Alter Teichweg“ bis heute gut erhalten. Die Kriterien eines Denkmals sind allemal erfüllt, aber eine Unterschutzstellung gibt es trotzdem nicht.Vor 50 Jahren schuf Trautwein mit Fritz Leonhardt den Fernsehturm der Hansestadt. Seiner ursprünglichen Nutzung ist er längst beraubt, aber verschwinden wird dieses Hamburger Wahrzeichen zum Glück wohl nicht. (12.2.18)

Titelmotiv: Hamburg, Haltestelle „Alter Teichweg“, Entwurfscollage von Fritz Trautwein, 1962, Haltestellenwärterkanzel (Bestand: Hamburgisches Architekturarchiv)

 

Literaturauswahl

Moldrings, Frank (Hg.), Stationen Hamburger Architektur. Die Hochbahn setzt Zeichen. Seit 100 Jahren. Hamburger Hochbahn AG,  Hamburg 2008.

Frühauf, Anne, „Die Bauwerke des Schienenverkehrs in Hamburg“ (Themen-Reihe 5), hg. von der Kulturbehörde/Denkmalschutzamt Hamburg. Hamburg 1994.

„Hamburg und seine Bauten 1969-1984“, hg. vom Architekten- und Ingenieurverein Hamburg, von der Hamburgischen Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe und von der Patriotischen Gesellschaft von 1765, Hamburg 1984.

Mandel, Georg/Kühne, Günther, in: Bauwelt 31, 1963, S. 881-889.

Ursulina Schüler-Witte beim Zeichnen im Büro von Bernhard Hermkes. Foto 1963 (Foto: 1963, Bildquelle: Schüler-Witte, Ursulina, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC, Berlin 2015, S. 29)

Pop-tech-ture!

Der Berliner Architektin Ursulina Schüler-Witte zum 85. Geburtstag

von Ralf Liptau und Frank Schmitz

Wann sind Sie das letzte Mal mit dem Auto oder der Bahn am Internationalen Congress Centrum (ICC) in Berlin vorbeigefahren? Oder, ebenfalls über eine Stadtautobahn, am Turmrestaurant im Süden Berlins, dem „Bierpinsel“? Wenn Sie dorthin die U-Bahn nehmen, können Sie auch direkt ins Gebäude fahren und steigen sozusagen im Untergeschoss, im U-Bahnhof Schloßstraße, aus. Wer sich in Berlin durch die Stadt bewegt, dem stechen immer wieder die ikonischen Bauten des Architektenpaars Ursulina Witte (später Schüler-Witte) und Ralf Schüler ins Auge. Das West-Berlin der 70er ist Pop! Und daran hatten die beiden erheblichen Anteil: Die Bedeutung von ICC, Bierpinsel und Co für ein „hippes“ Berlin fand zuletzt Eingang in den aktuellen Berlin-Tatort vom vergangenen Dezember, in dem alle drei Bauten prominent auftauchen.

 

15 Studenten, davon zwei Mädchen

Aber erstmal musste Ursulina Witte – 1933 in Berlin geboren – in den 1950er Jahren Architektin werden: Sie studierte an der Technischen Universität Berlin bei Bernhard Hermkes. „Wir waren“, so schreibt sie rückblickend, „in unserem Semester nur fünfzehn Studenten, davon zwei Mädchen. Da ich eigentlich sehr schüchtern war, gab ich mich, um dies zu überspielen, im Seminar immer recht burschikos. Ich ‚kloppte‘ mit meinen Kommilitonen Skat […] und gab mir alle Mühe, als ‚trinkfest‘ zu gelten.“ Als Frau in den Nachkriegsjahren an einer Technischen Hochschule zu studieren – Architektur zu studieren –, das war nicht einfach. Und es war vor allem nichts Selbstverständliches. Trotzdem ging es nach Wittes Diplomprüfung im Jahr 1960 bald los: Sie wurde Mitarbeiterin im Architekturbüro von Hermkes – genau wie ihr späterer Mann Ralf Schüler. Gemeinsam erarbeiteten sich die beiden den ersten eigenen Auftrag für den Entwurf des U-Bahnhofs Schloßstraße und die darüber liegende, mehrspurige Straßenbrücke. Sie erweiterten das komplexe, aus ober- und unterirdischen Teilen bestehende Bauwerk durch einen stadtbildprägenden, knallroten Turmbau mit Restaurant in den oberen Stockwerken („Bierpinsel“), der heute als Wahrzeichen von Steglitz gilt.

 

Ein Stadtbauwerk

Mit dem neuartigen Erscheinungsbild von Bierpinsel und U-Bahnhof verabschiedeten sich die Architekt_innen früh vom (nachkriegs-)modernen Ideal rationalistischer Planungen mit ihren strengen Rasterfassaden. Unter internationalen Einflüssen etwa durch die aufkommende „High-Tech-Architektur“ haben sie ein für die Zeit neuartiges Verständnis von architektonischer Gestaltung aufgegriffen und innovativ mit einem als „Pop-Architektur“ bezeichneten Ansatz verknüpft: Sie zeigten sich offen für die Möglichkeiten neuartiger Baustoffe, etwa als sie für den U-Bahnhof Schloßstraße plastische Schriftelemente aus knallblauem Kunststoff entwarfen und der Station damit ihren unverwechselbaren, spielzeughaften Charakter verliehen. Ziel ihrer Gestaltung war es, die separaten Funktionen von U-Bahnstation, Läden, Brücke und Turm in ein „polyfunktionales, vielen öffentlichen Bedürfnissen dienendes Stadtbauwerk“ umzuwandeln. Tatsächlich ist es Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler gelungen, mit dem 1976 eröffneten Ensemble eine mit der vorhandenen Stadt verflochtene Struktur zu schaffen. Hier vermischen und kreuzen sich eine Vielzahl unterschiedlicher, gebündelter Nutzungen sowohl innerhalb des Bauwerks als auch zwischen Bau und Stadt.

 

Auf allen Ebenen

„Begegnung und Kommunikation auf allen Ebenen“ – so könnte der Slogan für den Steglitzer Bau also heißen. In Wahrheit handelt es sich dabei aber um einen aus dem Jahr 1999 stammenden Werbespruch für das Internationale Congress Centrum. Mit dem ICC, das 1979 neben dem Messegelände und dem Funkturm eröffnet wurde, haben sich Schüler-Witte und Schüler endgültig in das Berliner Stadtbild und in die europäische Architekturgeschichte der Nachkriegszeit eingeschrieben. „Flexibel in Raum und Zeit, Technik und Service“, „Auf Knopfdruck vom Tagungsraum zum Ballsaal“, „Mittendrin in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft“ heißen die anderen beschreibenden Slogans, mit denen das ICC in der Broschüre noch 20 Jahre nach Eröffnung beworben wurde. Natürlich sind dies werbende Formulierungen. Dennoch zeigen sie, dass es auch in den späten 1990er-Jahren noch genau die Stichworte waren, die sich mit dem Konzept des „polyfunktionalen Stadtbauwerks“ zusammenfassen lassen.

 

Ein ikonischer Superbau

Seit seiner vorübergehenden Schließung 2014 und der darauffolgenden Diskussion über Umbau, Erhalt oder gar Abriss ist das ICC immer wieder als ästhetisches und funktionales Gesamtkonzept hoch gelobt worden. Als futuristischer, ikonischer Superbau ist er beschrieben worden, als Meisterwerk eines architektonischen Technizismus, der seine prominenteste Realisierung mit dem – übrigens später entworfenen – Centre Pompidou in Paris gefunden hat. Mit einer teils bis heute einzigartigen Raum- und Bühnentechnik, mit unterschiedlichsten Raumangeboten, mit nutzungsoffenen Lobbybereichen, mit der Einbindung sämtlicher Verkehrs- und Erschließungskanäle in das Gebäude und mit dem gestalterischen Bezug auf den Funkturm erfüllt das ICC genau diejenigen Eigenschaften des „polyfunktionalen Stadtbauwerks“, die Schüler-Witte/Schüler bereits an ihrem Steglitzer Erstlingswerk erprobt hatten.

 

Arbeit im Duo

Die komplexen Lösungen gingen aus der Arbeit im Duo hervor, wie Ursulina Schüler-Witte betont: „Ralf war der geniale, äußerst innovative und kreative Architekt und der detailsichere Konstrukteur, während ich ihn oft mit meinen unkonventionellen und phantasievollen Einfällen überraschte.“ Einfälle, die das Werk des Architekt_innenpaars für Berlin zu dem gemacht haben, was es ist. Und das ist übrigens auch heute wieder gefragt: Über die Zukunft des ICC wird in der Berliner Landesregierung heftig diskutiert, die Unterschutzstellung ist nur eine der dort erwogenen Möglichkeiten. Unterdessen ist der Bierpinsel mitsamt Straßenbrücke und U-Bahnhof Schloßstraße im vergangenen Jahr in die Denkmalliste eingetragen worden. Kurz zuvor hatten die Berliner Verkehrsbetriebe den U-Bahnhof unter Missachtung des Urheberrechts noch weitgehend entkernt, seitdem drücken sie sich vor der geforderten Wiederherstellung. In die Debatte um ihre Bauten hat sich Ursulina Schüler-Witte in den vergangenen Jahren wiederholt eingebracht. Am heutigen 2. Februar feiert sie in Berlin ihren 85. Geburtstag. (2.2.18)

 

Unbedingt Lesenswert

Ursulina Schüler-Witte, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC, Lukas-Verlag, Berlin 2015, 227 Seiten, 175 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-86732-212-6.

Berlin-Friedrichshain, Sport- und Erholungszentrum (Bildquelle: Hochtief-Nachhrichten 1982, 3, S. 49)

SEZ Berlin: Schluss mit Freizeit?

„Das Bauvorhaben, dessen Sinn und Zweck vorrangig der spielerisch-sportlichen Betätigung, der Entspannung und nicht zuletzt der menschlichen Begegnung dient, soll hier beschrieben werden“. Wie schon 1982 die Zeitschrift „Hochtief-Nachrichten“, geht es in den folgenden Zeilen um das Sport- und Erholungszentrum (SEZ) in Berlin-Friedrichshain. Hier, an der Ecke Leninallee/Dimitroffstraße (heute Landsberger Allee/Danziger Straße), sollte dem getriebenen Großstädter ein Ausgleich angeboten werden: aktive wie passive Erholung, Attraktives für Jung und Alt. 30 Millionen Besucher in den ersten zehn Jahres des Betriebs konnten nicht irren. Heute schaut man anders auf das einstige Vorzeigeobjekt, das  seit Jahren brach liegt und längst zum Spekulationsobjekt geworden ist. Lange sah es nach Abriss aus, doch jetzt könnten die Karten noch einmal neu gemischt werden.

 

Schwimmen, Eislaufen, Pommes

In den Jahren 1978 bis 1981 entstand das satte 170 Meter lange Ensemble durch die Firma Hochtief, ein schwedisches Architektenteam und die Aufbauleitung Sondervorhaben Berlin (Gesamtleitung von Erhardt Gißke, Plänen von Bernd Fundel, Günter Reiß, Klaus Tröger und Otto Patzelt). Es umfasste drei Bereiche: die Schwimmhalle, die Eislaufhalle (mit Gaststätten) sowie mehrere Hallen für den Sport- und Freizeitbereich (von der Sportmedizin bis zur 16-Bahnen-Bowlingbahn) – nicht zu vergessen die Freianlagen zum angrenzenden Volkspark hin. Über einer Stahlbetonkonstruktion mit Mauerwerkswänden wurden durch Stahl- bzw. Rohrfachwerk große Spannweiten bis zu 40 Metern überwunden. Die Anlage sollte bei „städtebaulicher Dominanz“ die Außen- und Innenbereiche mit großen Glasflächen eng miteinander verknüpfen. Nach außen setzten die aluminiumverkleideten Fassaden mit Sprossenfenstern deutliche Akzente. Nach innen folgten Möblierung, Materialien und Farbgebung dem Leitgedanken, das Erlebnis der Jahreszeiten nachzustellen: Herbst und Winter im Eislaufbereich mit den Restaurants, der Sommer in der Schwimmhalle und das Frühjahr bei Bowling und Sport.

 

Auf dem Trockenen

Doch schon zehn Jahre später sah sich das wiedervereinigte Berlin als neuer Eigentürmer nicht in der Lage, dieses Angebot zu finanzieren. 2001 schlossen die Türen des SEZ, um 2004 unter den Leipziger Investor Rainer Löhnitz wiederzueröffnen. Doch: Das Wellenbad blieb trocken, die entsprechende Klausel im Kaufvertrag ist strittig. Bald tobte (und tobt) eine Debatte um den geplanten Abriss des SEZ. Der Senat legte einen Bebauungsplan-Entwurf für Sozialwohnungen vor, der Investor (der selbst an eine bunte Mischung von Studentenwohnungen bis zum Freizeitbad dachte) klagt. Zeitgleich dachte der Senat laut darüber nach, das einstige Freizeitparadies zurückzukaufen. „Aufgrund von Bürgerbefragungen und Expertenstellungnahmen wird der Bebauungsplan nachgebessert, erst zum Jahresende soll er beschlussfähig sein“, meldet Mitte Januar diesen Jahres nun die Berliner Zeitung. Über die Frage Abriss oder nicht entscheide dann der Eigentümer der Anlage. Wer auch immer das dann sein mag … (kb, 29.1.18)

 

 

Literaturauswahl

Koch-Klaucke, Norbert, Hausbesuch bei einem Ärgernis, in: Berliner Kurier 12. Januar 2018. (ähnlich in der Berliner Zeitung vom 12. Jahnuar 2018)

Schulz, Joachim/Gräbner, Werner, Berlin. Architektur von Pankow bis Köpenick, Berlin 1987, S. 103.

Sport- und Erholungszentrum Berlin-Friedrichshain. 10 Jahre im Betrieb, in: Sport. Bäder. Freizeitbauten 1992, 1, S. 13-32.

Sport- und Erholungszentrum in Berlin-Friedrichshain (Hochtief-Nachrichten 1982, 3).

Sportbauten (Berlin und seine Bauten VII, C), Berlin 1997, S. 80-81, 102-103, 136-138, 195-196.

Titelmotiv: Berlin-Friedrichshain, Sport- und Erholungszentrum (Bildquelle: Hochtief-Nachhrichten 1982, 3, S. 49)