Bilderstrecke: Wulfener Markt

Bereits vergangene Woche hat mR vermeldet, dass der Wulfener Markt demnächst mit Zuschuss des Landes NRW abgerissen wird. Entworfen hat die Kombination aus Einkaufszentrum und Wohnanlage Josef Paul Kleihues (1933-2004), Vater der “kritischen Rekonstruktion” und unter anderem Planungsdirektor der IBA Berlin 1987. Doch auch einem Meister kann nicht alles gelingen: Das 1979-82 erbaute Multifunktionsgebäude hat allen Belebungsversuchen zum Trotz nie funktionioniert – zugig, unwirtlich, energieintensiv waren nur einige der Vorwürfe an den privat betriebenen Bau. Nach der Pleite des Besitzers 2016 wurde er endgültig leer gezogen, mittlerweile ist er wegen Vandalismus verrammelt und wartet auf sein Ende. Jan Kampshoff, seit längerem fachlich mit der “Neuen Stadt Wulfen” (heute Wulfen-Barkenberg) befasst, hat den Wulfener Markt im Sommer 2021 noch einmal besucht und den Verfall des einstigen Hoffnungsträgers festgehalten. Kommen Sie mit auf eine post-postmoderne Lost-Place-Tour.

Wulfener Markt 2021 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 2 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 2 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 3 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 3 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 4 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 4 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 5 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 5 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 6 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 6 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 7 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 7 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 8 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 8 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 9 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 9 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 10 (Bild: Jan Kampshoff)

Wulfen, Wulfener Markt 10 (Bild: Jan Kampshoff)

Geras moderne Altstadt

Einer der bekannten Nachteile der Corona-Beschränkungen sind ausgefallene Ausstellungen. Der Vorteil liegt darin, dass diese dann vom heimischen Schreibtisch oder Sofa aus bequem online erkundet werden können. So auch im Fall eines sehenswerten Studienprojekts in Gera. Vor allem der südliche Teil der dortigen Altstadt wurde in den 1970er Jahren abgerissen und in den 1980ern durch Plattenbauten ersetzt. Im Wintersemester 2020/21 haben sich Urbanistik-Studierende der Bauhaus-Universität mit diesem Bestand auseinandergesetzt und ihre Ergebnisse digital festgehalten.

Gera, Altstadtplatte (Bild: Bauhaus-Universität Weimar)

Dieses Zeugnis der späten Ostmoderne befindet sich aktuell im Umbruch, immer öfter stehen die Ladengeschäfte und Wohnungen leer, immer ungepflegter zeigen sich die Grünflächen und Freiräume. Dabei hatte man hier mit viel baubezogener Kunst für eine ansprechende Gestaltung sorgen wollen. Und während der Schutzwert der mittelalterlichen Teile der Geraer Altstadt schon längst erkannt wurde, hat die Denkmalpflege die dortigen Plattenbauten bislang noch nicht in den Blick genommen – die Studierenden bewegten sich also in vielerlei Hinsicht auf einem ‘weißen Fleck’ der architekturgeschichtlichen Landkarte.

Gera, Altstadtplatte (Bild: Bauhaus-Universität Weimar)

Umso wichtiger, dass die Ergebnisse der Studierenden in der digitalen “go4spring”-Schau der Fakultät Architektur und Urbanistik der Bauhaus-Universität nun allgemein online zugänglich sind – einschließlich eines Video-Rundgangs durch die moderne Altstadt. Die neun beteiligten Studierenden des dritten Semesters wollten damit Grundlagen und Anhaltspunkte für die Diskussion vor Ort entwickeln, mit konkreten Konzepten weitere Anstöße geben und nicht zuletzt für eine neue Wertschätzung der modernen Altstadt von Gera werben. Sehens- und bedenkenswert sind ihre Ergebnisse in jedem Fall und wecken die Neugier, sich vor Ort ganz analog ein eigenes Bild zu machen. (kb, 14.3.22)

Das Studienprojekt der Bauhaus-Universität Weimar wurde betreut von Kirsten Angermann, Christine Dörner und Mark Escherich. Die Ausstellung “Denkmalensemble(s)” ist hier online abrufbar.

Gera, Altstadtplatte (Bild: historische Abbildung, via Bauhaus-Universität Weimar)

Bilder: Gera, Altstadtplatte (Bild: Bauhaus-Universität Weimar, bzw. historische Abbildung, via Bauhaus-Universität Weimar)

Wider die Pomophopbie

Der Tagesordnungspunkt „Begrüßungen“ ist bei Fachtagungen meist ebenso beliebt wie die kaum enden wollende Folge von Grußworten bei einer Kleinstadtvernissage. Alles wurde bereits gesagt, aber es braucht noch eine gefühlte Stunde, bis das dann auch alle getan haben. Nicht so beim Kick-off zur Konferenz “Denkmal Postmoderne”, die gestern in Weimar von der dortigen Bauhaus-Universität und der ETH Zürich hybrid startete. In ihrer Einführung brachte die Architekturhistorikerin Kirsten Angermann (Weimar) ihr Herzens- und Dissertationsthema auf zwei wesentliche Punkte: Als „ernste Postmoderne“ mochte sie diese Ära verstanden wissen, da sie zum einen bezweifelt, dass auch die großen Pomo-Architekt:innen ihre Werke immer so ironisch verstanden, wie sie von anderen gedeutet wurden. Und zum anderen unterfütterte sie damit den Fakt, dass auch die Ostmoderne eine postmoderne Phase zu bieten hatte. Zuletzt formulierte sie das Ziel der von ihr konzipierten Veranstaltung mit der Hoffnung, damit einer möglichen Pomophobie gerade der heutigen Denkmalpfleger:innen-Generation zu begegnen.

Frankfurt am Main, Ökohaus Arche, Eble + Sambeth, 1992 (Bild: Moritz Bernoully)

Frankfurt am Main, Ökohaus Arche, Eble + Sambeth, 1992 (Bild: Moritz Bernoully)

Ecopomo

Um einige Schlaglichter aus den ersten Vorträgen herauszugreifen, brach der Arhitekturhistoriker Florian Urban (Mackintosh School of Architetcture, Glasgow School of Art) eine Lanze für „Ecopomo“. Für ihn war eine solche, ökologisch orientierte Postmoderne eben nicht gleichbedeutend mit dem ungehemmten Sieg des Neoliberalismus. Denn gerade in jenen 1980er und 1990er Jahren, mit einem Schwerpunkt in den süddeutschen Regionen, war die Zeit der Siedlungsexperimente angebrochen. Insofern plädierte Urban für einen weiten Postmoderne-Begriff, deren Ausläufer noch bis in die Gegenwart reichen und hier, angesichts einer noch gesteigerten ökologischen Bedrohung, hoffentlich wieder Früchte tragen.

Anders das Projekt, das Carina Kitzenmaier und Matthias Noell (UdK Berlin) vorstellten, das sich nicht auf die Schublade “Postmoderne” begrenzt wissen will. Beide erarbeiten aktuell eine Publikation über die “Tendenzen der 80er” in der nach Jahrzehnten gegliederten Veröffentlichungsreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (DNK). Dafür weiten sie ihre vorgegebene Zeitschiene auf die „langen 80er“ zwischen 1975 und 1992 und stellen ihre ausgewählten Objekte in der Tradition einer Blütenlese nach zwei Ordnungsschemata zusammen – einmal nach Themen, einmal nach Gattungen. Am Ende soll sich, ganz in der Tradition der Postmoderne, eine frei durchsuchbare, zu erkundende Baulandschaft dieses Jahrzehnts eröffnen und zu deren individueller Erkundung einladen.

Hamburg, U-Bahnhof Mümmelmannsberg (Bild: Norbert Wegner, via flickr, 2021)

Hamburg, U-Bahnhof Mümmelmannsberg, 1990 Hille von Seggern und Timm Ohrt (Bild: Norbert Wegner, via flickr, 2021)

Imitierende Analogien

Zum Abendvortrag überraschte der Züricher Architekt und Hochschullehrer Arthur Rüegg mit einem reflektiert bis selbstkritischen Überblick seines eigenen Schaffens an der Grenze zwischen Schweiz und Bundesrepublik. Und genau hier liegt die große Stärke der noch bis morgen andauernden Tagung, neben dem offensichtlichen Reiz, sich einmal wieder (auch) ganz analog zu einem Thema um eine Tasse Tee und Suppe scharen zu können. Der Blick geht deutlich über den bundesdeutschen Suppenteller hinaus – zur Schweiz, zu den späten Spielarten der Ostmoderne, zu den ehemaligen GUS-Staaten, an den Rändern bis nach Italien, Japan und in die USA. Mit einer Mischung aus Schmerz und Trotz stellte auch der eigentlich aus der Ukraine eingeladene Referent Oleksandr Anisimov seinen Blick auf die postmoderne Seite der sowjetischen Städte der UdSSR vor – online und nicht ohne Verweis auf die aktuell laufende Zerstörung eben jener Architekturschicht, noch ehe sie von der Forschung wirklich wahrgenommen worden sei. Denn, was auch im weiteren Tagungsverlauf blieb, und wohl bleiben wird, ist der alte Streit, was die Postmoderne eigentlich sei. Eine Haltung oder ein Stil, eine Epoche oder eine die (Architektur-)Geschichte durchziehende Grundhaltung. (kb, 4.3.22)

moderneREGIONAL begleitet die Tagung als Medienpartner.

Titelmotiv: Weimar, Interhotel Belvedere, heute Leonardo Hotel, 1992, Achim Felz/Hartmut Strube (Bild: Karin Berkemann, 2022)