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Berlin, Mies-van-der-Rohe-Haus (Bild: Danuta Schmidt, Januar 2019)

Berlin feiert in Bauhaus-Rot

von Danuta Schmidt

Ist dieses energetische Bauhaus-Rot nun ein Signal oder ein Zeichen der Liebe? Oder beides? Auf diese Farbe setzte Museumsleiterin Wita Noack mit ihrem Team zur Eröffnung des Bauhaus-Jahrs im Mies-van-der-Rohe-Haus Berlin. Im Jubeljahr schwimmt die Architektur-Perle in ruhigem Fahrwasser, doch die Vergangenheit war ein Weg mit Trockenperioden, Strömungen, Wellen, unruhigem Wetter. Dazu brauchte es Menschen wie Wita Noack, die Haltung entwickeln – und viel Liebe für diesen besonderen Ort.


Entworfen von Mies van der Rohe

Zur Eröffnung des Jubiläums kamen fast 300 Menschen mit roter Krawatte, Hüten und einer Mainelke. An die belustigten Besucher wurden 150 knallrote Schals mit einer Ideenskizze verteilt, wie man diese tragen könne. Der 160 Quadratmeter große Bau im Bungalowstil platzte am 13. Januar aus seinen feinen Nähten. Durch vier Jahresausstellungen und vier begleitenden Symposien, regelmäßige Sonntagsführungen und zwei Bauhaus-Feste werden jährlich 18.000 Besucher in das das kleine L-förmige Haus weitab der Berliner Mitte gelockt. Denn der gemeine Berlin-Tourist verirrt sich niemals nach Alt-Hohenschönhausen an den Obersee. Dafür aber Kultur-und Kunstinteressierte der Umgebung, Architekturstudenten und -interessierte von Kanada bis Japan. Ein Freundeskreis kümmert sich ehrenamtlich darum, den Glanz der Perle zu erhalten. Immerhin wurde der Bau 1932 als Wohnhaus von Mies van der Rohe entworfen, bevor er 1933 Bauhaus-Direktor wurde und Deutschland 1938 gen USA verließ. Alles am Haus wurde in den Urzustand gebracht, die Originalmöbel stehen im Berliner Kunstgewerbemuseum.


Und erst der Garten!

Vor mehr als 25 Jahren gab Wita Noack dem Architektur-Juwel wieder Licht und Luft. Kaum etwas erinnert heute an das einstige Wohnhaus, auch wenn noch viele originale Bauteile wie Türen, Beschläge und Fenster vorhanden sind. Es blieben die Lage in einem Wohnviertel und die Ausrichtung zum See hin, die wandhohe Verglasung und das Bauen mit der Sonne. Das Ehepaar Martha und Karl Lemke, ein Druckereibesitzer, war sich damals sofort einig mit dem berühmten Architekten: Die Verbindung zwischen Haus und Garten musste erst erarbeitet werden. Und den Garten gestaltete der nicht minder bekannte Staudenexperte Karl Förster.

1952 wurde Lemke enteignet. Zu DDR-Zeiten diente das Ziegelstein-Haus als Wäschedepot und als Hausmeisterwohnung für die Staatssicherheit, während andere Bauten der Moderne bereits als Baudenkmale geschützt wurden. 1977 erkannte man den Wert und stellte das Haus unter Schutz. Wita Noack sah das Haus 1986 zum ersten Mal im Sperrgebiet und rettete es 1992 vor dem Verfall. Zwischen 2000 und 2002 wurde der Bau denkmalgerecht in den originären Zustand gebracht: „Der Standort am Stadtrand in einer Wohnsiedlung war nicht einfach, um daraus ein Konzept für einen öffentlichen Ort zu entwickeln. Heute sind wir hier gesettelt. Dies war aber ein langer Weg.“


Kunst im Geist von Mies

Und sicher ist das Jubiläumsjahr auch förderlich für den Bekanntheitsgrad des kleinen, aber täglich (!) geöffneten Hauses. Dabei währte das Bauhaus nur 14 Jahre und hatte etwa 1.200 Absolventen. „So viele Studenten spuckt die Universität der Künste Berlin wahrscheinlich pro Jahr aus. Und man muss sich da überlegen, welche Strahlkraft diese Kunstströmung hatte“, sagt Wita Noack. Doch dennoch bleibt Noacks Arbeit Akrobatik. Ein Spagat zwischen der Größe des Hauses und der Suche nach Künstlern, die einen Bezug zum Ort, zur Moderne herstellen. „Außerdem kann man hier nicht irgendetwas hinhängen.“ Dazu braucht es ein feines Netzwerk zu internationalen Künstlern, die auch nach Hohenschönhausen kommen wollen. Und es braucht in Zukunft mehr Platz, um den Ansprüchen der heutigen Museumsbesucher gerecht zu werden – die wollen auch mal einen Kaffee trinken, eine Postkarte kaufen und einfach länger verweilen möchten. Kurz: Wita Noack wünscht sich einen ergänzenden Neubau.

Immer wieder begibt sie sich aufs Neue auf die schwierige Suche nach Künstlern der vierten Nach-Bauhaus-Generation. Da ist z. B. der Niederländer Jan van der Ploeg, der seine „Wallpapers“ weltweit ausstellt und sich von der Klassischen Moderne geprägt weiß. „Ich wohnte auch mal eine Zeit lang in Barcelona unweit des Pavillons, den Mies für die Weltausstellung plante. Außerdem schenkte mir mein Vater den Barcelona-Chair von Mies.“ Van de Ploeg entwickelte bereits vor zwei Jahren Wandbilder für das 100-jährige Jubiläum des niederländischen „De Stijl“ – unter anderem für die Villa Mondriaan in Winterswijk. Ab Sonntag sind seine Arbeiten im Berliner Mies-Haus zu sehen. Dazu kommen der Amerikaner Jill Baroff und der Berliner Michael Grommek, der das Thema „Fake“ zur Kunst erhoben hat: Er lackierte quadratische MDF-Platten weiß, um darauf eine neue Schicht MDF zu bringen, das durch Tape gehalten wird. Unter dem Titel „Beglückung der Welt“ schauen sie gemeinsam in den „Rückspiegel der Moderne“ und überführen die radikale Bauhaus-Idee in den heutigen Alltag. (25.1.19)

Bilder: Danuta Schmidt und (Außenbau bei Nacht) René Müller

Berlin: U-Bahn-Tagung – das Programm

Die Berliner Konferenz „Underground Architecture Revisited“ (mit Ausstellung), die in der Berlinischen Galerie vom 20. bis 23. Februar 2019 stattfinden wird, verspricht nicht weniger als einen Rundumblick auf die modernen U-Bahnstationen der Welt. Die Tagung von Landesdenkmalamt Berlin, ICOMOS Deutschland, Initiative Kerberos und Berlinischer Galerie wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und von moderneREGIONAL als Medienpartner begleitet.

Mittwoch, 20. Februar 2019

Bereits am ersten Konferenztag, am 20. Februar 2019, starten die Teilnehmer mit einer wohldosierten Portion Inhalt in den wohlverdienten Abendempfang:

  • ab 17.00 Uhr: Begrüßung: Moderation: Christoph Rauhut, Landeskonservator und Direktor Landesdenkmalamt Berlin; Begrüßung: Jörg Haspel, Präsident ICOMOS Deutschland; Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie; Grußworte: Gerry Woop, Staatssekretär für Europa, Berlin; Evelyn Nikutta, Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)
  • ab 17.30 Uhr: Thematische Einführung: Frank Schmitz, Hamburg, Initiative Kerberos
  • ab 18.00 Uhr, Abendvortrag: „Schnitt durch den U-Bahnraum“, Moderation: Verena Pfeiffer-Kloss, Berlin; Vortragender: Christoph Rodatz, Wuppertal
  • ab 19.00 Uhr: Abendempfang: im Irene-Baumann-Foyer der Berlinischen Galerie

Donnerstag, 21. Februar 2019

An den beiden folgenden Tagen, dem 21. und 22. Februar 2019, reihen sich die Referate und Gespräche nach thematischen Schwerpunkten:

  • 9.30-11.30 Uhr: Moderner U-Bahnbau und historische Stadt: Begrüßung: Birgitta Müller-Brandeck, Verwaltungsdirektorin Berlinische Galerie; Moderation: Christoph Rauhut, Berlin; ReferentInnen: Martin Murrenhoff, Berlin; Verena Pfeiffer-Kloss, Berlin; Venetsanaki Charikleia, Athen; Ralf Liptau, Wien
  • 13.00-14.30 Uhr: U-Bahnbau in der Sowjetunion Moderation: Frank Schmitz, Hamburg; ReferentInnen: Viktoriya Sukovata, Kharkiv/Ukraine; Natalia Dushkina, Moskau/Russische Föderation; Nato Gengiuri, Tiblisi/Georgien
  • 15.00-16.00 Uhr: Auf dem Weg in die moderne Stadt Moderation: Verena Pfeiffer-Kloss, Berlin, ReferentInnen: Sabine Kock, Hamburg; Andreas Putz, München
  • 16.00-16.45 Uhr: Werkstattgespräch: Moderation: Friedhelm Haas, Architektenkammer Berlin; TeilnehmerInnen: Martin Renz, BVG (angefragt), Rainer Fisch, Landesdenkmalamt Berlin; Peter Peternell, Wiener Linien

Freitag, 22. Februar 2019

  • 9.30-11.00 Uhr: Den Untergrund denken. Architektur und Medialität: Moderation: Ralf Liptau, Wien; ReferentInnen: Kerstin Renz, Kassel; Ingo Landwehr, Berlin; Roland Meyer, Cottbus
  • 11.30-13.00 Uhr: Initiativen: Moderation: John Ziesemer, Berlin; TeilnehmerInnen: Initiativen: London: SAVE Britain’s Heritage und Railway Heritage Trust Marcus Binney, London; Bonn: Werkstatt Baukultur Martin Bredenbeck, Bonn; Berlin: Initiative Kerberos Ralf Liptau, Wien
  • 13.00-13.15 Uhr: Auslobung des ICOMOS Studierendenwettbewerbs 60+- U-Bahn- und Verkehrsbauten
  • 14.30-16.00 Uhr: Inventarisierung: Moderation: Frank Schmitz, Hamburg; TeilnehmerInnen: Wiepke van Aaken und Burkhard Körner, München; Bernhard Kohlenbach, Berlin; Philipp F. Huntscha, Bonn
  • 16.30-17.30 Uhr: Podiumsdiskussion: „Wie machen wir das unterirdische bauliche Erbe der Nachkriegsmoderne zukunftsfähig?“, Moderation: Jörg Haspel, Berlin; TeilnehmerInnen: Manfred Kühne, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin; Reiner Nagel, Bundesstiftung Baukultur; Christine Edmaier, Architektenkammer Berlin; Uwe Kutscher, BVG (angefragt); Christoph Rauhut, Landesdenkmalamt Berlin; Kai Kappel, HU Berlin
  • ab 19.00 Uhr: Filmabend: „urbanoFILMS #35 – Merci Métro“, urbanophil e. V.; Kurzfilm: Barres, Luc Moullet, 1984, 14min; Spielfilm: Subway, Luc Besson, 1986, 104min; Ort: Centre Francais de Berlin, Müllerstraße 74 (U-Bahn Rehberge)

Samstag, 23. Februar 2019

  • 11.00-16.00 Uhr: Führung durch die Ausstellung „Underground Architecture“ in der Berlinischen Galerie (Eintritt kostenpflichtig) – jeweils zur vollen Stunde: Führende: Ralf Liptau, Verena Pfeiffer-Kloss und Frank Schmitz, Initiative Kerberos

Das Programm als pdf-Download finden Sie hier.

(kb/db, 15.1.19)

Berlin Excelsior (Bild: Film-Still, Regie: Erik Lemke/André Krummel)

Berlin Excelsior

Ein ganzer Film über ein Haus – das lohnt sich, denn das Berliner Excelsior-Haus hat nicht nur Bewohner mit erzählenswerten Geschichten, sondern auch als Gebäude eine große Vergangenheit: 1968 entstand die Stahlbetonkonstruktion an der Stelle des ehemaligen Hotel Excelsior. Dieses erste Excelsior, damals das größte Hotel Kontinentaleuropas, wurde im Krieg beschädigt und 1955 abgetragen. Bis 1968 gestalteten die Architekten Heinrich Sobotka und Gustav Müller das neue, das heutige Excelsior-Haus, bekrönt von einem Panorama-Restaurant mit gläsernem Expressfahrstuhl. Doch durch die Mauer war der Bau ins Abseits geraten und es blieb bei einer Wohnnutzung, die erst seit 2005 wieder durch ein Panorama-Restaurant ergänzt wird. Der Film „Berlin Excelsior“ zeichnet ein Bild dieses besonderen Hochhauses und seiner Bewohner. Für den 29. November 2018 haben wir uns bei mR den Kinostart fest vorgemerkt und konnten vorher mit dem Regisseur sprechen:

mR: Herr Lemke, das erste Excelsior diente als Hotel. Das heutige, das nachkriegsmoderne Excelsior-Haus ist vor allem ein Wohnhaus. Warum haben Sie sich gemeinsam mit Ihrem Co-Autor André Krummel ausgerechnet diesen Bau der Nachkriegsmoderne ausgesucht?

Erik Lemke: Uns interessiert das Leben, das jetzt im Excelsior stattfindet. Die Vergangenheit lässt sich nur rekonstruieren, aber nicht mehr filmen. Das Excelsior-Haus ist ein Wohn- und Geschäftsgebäude. Das Miteinander oder auch Aneinander-Vorbei der Bewohner ist ein anderes als im Hotel. Eine ziemlich präzise Milieuschilderung vom Hotel Excelsior vor dem Krieg bietet Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ von 1929.

mR: Mit einem gläsernen Außenfahrstuhl zum Panorama-Restaurant – 1968 galt das neue Excelsior als schick. Welchen Bezug haben die Bewohner heute zu ihrem Haus?

EL: Einzelne Bewohner leben seit Anbeginn hier, als die Wohnungen hart umkämpft waren. Nur wenige Jahre später gab es Leerstand, Vandalismus, Ungezieferbefall – wie man aus einem Fernsehbericht von 1980 erfährt. Durch die Nähe zur Berliner Mauer befand sich die einst so lebendige Gegend fernab vom West-Berliner Zentrum. Das Wissen um die Geschichte des eigenen Umfelds könnte einen Bezug herstellen. Idealerweise vermittelt unser Film zusätzlich ein Gefühl für den Ort.

mR: Das Gebäude spielt also die Hauptrolle …

EL: … gleichrangig mit den Bewohnern. Im Fokus stehen diejenigen, die große Pläne haben und ambitioniert darauf hin arbeiten. Zum Beispiel der 49-jährige Michael. Der ehemalige Escort-Boy will es noch mal wissen, macht sich 20 Jahre jünger und versucht mit Hilfe der sozialen Medien einen Neustart in seinem Gewerbe. Er und die anderen Protagonisten bewegen sich hoffnungsvoll im Spannungsfeld zwischen Alltagstristesse und lockendem Glanz einer erfolgreichen, glücklichen Zukunft. Parallel dazu erfährt man die Geschichte des Hauses, in der hochtrabende Pläne harte Dämpfer erfahren, worauf wieder zuversichtliche Prognosen folgen usw.

mR: Spiegelt der Film die soziale Struktur des Hauses?

EL: Ich denke schon. Das Haus besteht hauptsächlich aus 1-Zimmer-Apartments, Familien mit Kindern sind selten. Die um sich greifende Gentrifizierung der Berliner Innenstadtteile läuft hier weniger dramatisch ab, weil bei der geringen Größe der Wohnungen Mieterhöhungen nicht existenzbedrohlich sind. Wer allerdings jetzt in eine frisch renovierte Wohnung zieht, zahlt für seine 32 Quadratmeter mehr als 700 Euro. „Berlin Excelsior“ stellt also auch hier eine Momentaufnahme dar. Ich denke übrigens, dass Filme wie dieser gut altern und mit der Zeit noch interessanter werden.

mR: Darin unterscheiden sich Filme und Gebäude nicht. Wie sollte die Architektur in „Berlin Excelsior“ filmisch dargestellt werden?

EL: Es sollte mehr als nur ein Berlin-Film werden und deshalb steht das Excelsior-Haus bei uns in einer nicht näher beschriebenen Umgebung. Mein Co-Autor und Kameramann André Krummel lässt es wie einen Monolith in den Himmel ragen und setzt es aus vielen Detailaufnahmen zusammen. Drohnenflüge etc. kommen nicht vor. Auch die Fenster dienen nicht als Übergang zur Außenwelt, sondern als Begrenzung. Die Figuren des Films spiegeln sich darin oder sie schauen hinaus. Was jenseits der Fenster für ein Leben stattfindet, bleibt offen.

mR: Und mit welchem Gefühl wollen Sie den Zuschauer entlassen?

EL: Dass die Einraumwohnung in einem riesigen Stahlbetonbau nicht die Krönung üblicher Schöner-Wohnen-Phantasien darstellt, versteht sich von selbst. Davon abgesehen finde ich, dass wir auch friedliche Szenen einfangen konnten, die bezeugen, wie angenehm man es sich in seinem Leben einrichten kann. Gemein ist diesen Szenen, dass darin die Zukunft keine Rolle spielt und ganz der Moment gelebt wird.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (21.11.18).

 

Erik Lemke, geboren 1983 in Dresden, studierte an der Staatlichen Universität für Film und Fernsehen in St. Petersburg Dokumentarfilmregie. Seinen Master legte er 2008 an der École Supérieure d’AudioVisuel in Toulouse ab. Nach einer Anstellung als Trickfilmanimator bei Balance Film in Dresden lebt er seit 2010 als selbstständiger Editor und Filmemacher in Berlin. „Berlin Excelsior“ ist sein Regiedebüt bei einem dokumentarischen Langfilm.

Titelmotiv: Berlin Excelsior (Bild: Film-Still, Berlin Excelsior (Bild: Film-Still, Kamera: André Krummel)

Berlin, U-Bahnhof "Konstanzer Straße" (Bild: Ingolf, CC BY SA 3.0, 2013)

Glückszahl: 13 Berliner U-Bahnhöfe unter Schutz

Gute Nachrichten aus der Hauptstadt: Weitere 13 Berliner U-Bahnstationen der Nachkriegsmoderne stehen, so weist es die jüngst online aktualisierte Denkmalliste aus, unter Schutz – damit sind es jetzt insgesamt 22 Untergrundbahnhöfe. Das Beste daran, (fast) alle freuen sich darüber, allen voran sicher das Landesdenkmalamt Berlin und die „Initiative Kerberos“. Und eine mit vielen Akteuren breit aufgestellte Ausstellung mit Tagung (bzw. eine Tagung mit Ausstellung) ist auch schon in der Röhre.

 

„Einzigartiges Erbe“

Aber der Reihe nach: Im August 2018 hat die Berliner Kulturverwaltung nochmal ein gutes Dutzend U-Bahnhöfe der Nachkriegsmoderne in die Denkmalliste eingetragen. Bereits 2016 trommelte die „Initiative Kerberos“ für die Baukunst im Berliner Untergrund – und warnte vor dessen Zerstörung durch Sanierungsmaßnahmen. In einem offenen Brief wandten sich die Architekturhistoriker und Stadtplaner Verena Pfeiffer-Kloss, Frank Schmitz und Ralf Liptau gemeinsam mit den Architekturgeschichtsprofessoren aller vier Berliner Universitäten an die Öffentlichkeit. „Nicht nur unsachgemäß, sondern geradezu lieblos“, nennt Schmitz rückblickend den damaligen Umgang mit der Moderne. Liptau betont die Bedeutung der U-Bahnstationen als „einzigartiges baukulturelles Erbe“, fielen sie doch angesichts der damaligen deutsch-deutschen Teilung programmatisch opulent aus.

Im Verlauf des Jahres 2016 kamen dann zunächst die nachkriegsmodernen U-Bahnhöfe „Fehrbelliner Platz“ (Rainer G. Rümmler) und „Schloßstraße“ (Ralf Schüler/Ursulina Schüler-Witte) unter Schutz. Das Landesdenkmalamt beauftragte „Kerberos“ mit der Begutachtung der übrigen Stationen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Daraufhin folgten 2017 sieben postmoderne Stationen der 1980er Jahre in Spandau auf die Denkmalliste. Mit den aktuell 22 geschützten nachkriegsmodernen U-Bahnstationen sieht Pfeiffer-Kloss „jetzt den Westberliner U-Bahnbau von der frühen Nachkriegszeit bis in die späten 1980er Jahre“ abgebildet.

 

Berlin als Vorreiter

Mit dieser vernetzten Unterschutzstellung nachkriegsmoderner U-Bahnhöfe ist Berlin deutschlandweiter Vorreiter. Inzwischen haben die Denkmalämter im Rheinland und in München mit einer vergleichbaren Begutachtung begonnen. Für das Frühjahr 2019 ist die Tagung „Underground Architecture Revisited“ in Planung: Das Landesdenkmalamt Berlin, die Berlinische Galerie und die Initiative Kerberos wollen damit die Möglichkeiten der denkmalgerechten Sanierung von U-Bahnstationen in ganz Europa ausloten. Begleitet wird die Tagung von einer Ausstellung zum Berliner U-Bahnbau der Nachkriegsmoderne in der Berlinischen Galerie – eine Aktion, die moderneREGIONAL mit Überzeugung als Medienpartner begleiten wird. (db/kb, 11.11.18)

 

Frisch unter Denkmalschutz

Die meisten dieser Bahnhöfe entstanden nach Plänen des Berliner Baubeamten Rainer G. Rümmler. In den 1960er Jahren verewigten sich dessen Vorgänger Bruno Grimmek bzw. der damalige Senatsbaudirektor Werner Düttmann im Untergrund.

  1. U-Bahnhof Parchimer Allee (Werner Düttmann, 1960-63, Eröffnung 1963)
  2. U-Bahnhof Alt-Tempelhof (Bruno Grimmek, 1961-62, Eröffnung 1966)
  3. U-Bahnhof Westphalweg (Rainer G. Rümmler, 1963-64, Eröffnung 1966)
  4. U-Bahnhof Alt-Mariendorf (Rümmler, 1962-64, Eröffnung 1966)
  5. U-Bahnhof Möckernbrücke (U7) (Rümmler, 1962-65, Eröffnung 1966)
  6. U-Bahnhof Zwickauer Damm (Rümmler, 1967-69, Eröffnung 1970)
  7. U-Bahnhof Kleistpark (Rümmler, 1967-69, Eröffnung 1971)
  8. U-Bahnhof Eisenacher Straße (Rümmler, 1968-70, Eröffnung 1971)
  9. U-Bahnhof Nauener Platz (Rümmler, 1969-1975; Eröffnung 1976)
  10. U-Bahnhof Konstanzer Straße (Rümmler, 1969-73, Eröffnung 1978)
  11. U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz (Rümmler, 1973-78, Eröffnung 1978)
  12. U-Bahnhof Jungfernheide (Rümmler, 1974-77, Eröffnung 1980)
  13. U-Bahnhof Mierendorffplatz (Rümmler, 1974-77, Eröffnung 1980)

Titelmotiv: Berlin, U-Bahnstation „Konstanzer Straße“ (Bild: Ingolf, CC BY SA 2.0, 2013)

Bad Münstereifel, Astropeiler (Bild: Stephan Wershoven, CC BY SA 3.0, 2013)

Münstereifel baut

von Wilma Ruth Albrecht

Das Städtchen Münstereifel ist viel mehr als sein mittelalterlich-pittoreskes Image. Nach dem Zweiten Weltkrieg profitierte es von der Nähe zur Bundeshauptstadt Bonn und zur Metropole Köln. Am 4. August 1955 wurde Münstereifel zum fünften Kneippheilbad der Bundesrepublik. Bereits 1961 kamen 7.600 Kurgäste und 3.500 Gäste ohne Kuranwendungen für rund 145.000 Übernachtungen – verteilt auf vier Kurhäuser, 27 Kurheime, drei Hotels, vier Erholungsheime und 138 Privatzimmer. Ab Oktober 1967 schließlich durfte man hier den Titel „Bad Münstereifel“ führen. So wundert es nicht, dass die Kurstadt bis heute zahlreiche sehenswerte Bauten der 1950er Jahre vorzuweisen hat.

 

Eine Kurstadt im Aufwind

Das Jahr 1952 markierte den Aufbruch in die Wirtschaftswunderzeit. Eingeweiht wurden die Jugendbildungsstätte der Bergmannsjugend am Radberg (Architekt: Hanns Bökels, 2002 umgenutzt zu Wohnzwecken), das Kneippkurhaus Josefsheim am Nöthener Berg (später Residenz Nöthener Tannen, zurzeit Leerstand) und das Haus Sonnenhof im Schleidtal. 1954 folgten die Jugendherberge Rodert (Architekt: Wilhelm Denninger) und 1955 das Kneipp-Sanatorium Dr. Schumacher-Wandersleb (später Ambienta-Hotel, derzeit geschlossen).

Der Astropeiler Stockert (Technische Gesamtleitung: Pederzani, Telefunken) von 1956 wurde 2010 im Eigentum der NRW-Stiftung als Museum und Bildungsstätte wiedereröffnet. In den kommenden Jahren erweiterete man die schulische und touristische Infrastruktur: 1958 mit der Rechtspflegerschule im Schleital (Architekt: Josef Bischof, später Verwaltungsfachhochschule NRW), 1960 mit dem Kurhotel VierJahreszeiten (lange Bildungsstätte von Versicherungen, heute Leerstand), mit dem Kurhotel/Sanatorium Jungmühle in der Unnaustraße (2014 Umbau vorgesehen), mit dem Kurhotel Herrenbusch (1971 umgewandelt zur Bildungsstätte der Friedrich-Ebert-Stiftung, heute Privatklinik) und mit dem Mädcheninternat/-pensionat der Ursulinen (Architekt: Wilhelm Rudolf Koep). Am Übergang zu den 1960er Jahren stehen drei kirchliche, 1962 vollendete Bauprojekte: das Schwesternheim der Augustinerinnen „Maria Königin“ (heute heilpsychologische Einrichtung), das Internat der Ursulinen im Ottertal (Architekt: Wilhelm Rudolf Koep, heute genutzt von den „Legionären Christi“) und das Pfarrhaus der evangelischen Kirche Langenhecke (Architekt: Heinz Kleinert).

 

Elegante Gäste- und Privathäuser

Wie elegant die 1950er Jahre in Münstereifel aussehen konnten, ist beispielhaft an einem der prominenten Gästehäuser ablesbar: Das Kneipp-Kurhotel Berghof entstand 1960 nach Entwürfen des Architekten Friedrichs aus Horrem (Bauleiter: Delor). Das weit auskragende Vordach, das zugleich als Balkon dient, wird von einem V-Träger (Pilotis) gestützt. Auch die geschwungen verglaste Hotelempfangshalle mit Tür- und Fensterprofilen aus goldfarben eloxiertem Aluminium verweist ebenso in die 1950er Jahre wie der Naturstein-Bodenbelag, die Holzvertäfelungen, die nierenförmigen Pflanzbeete und die elegant gewundene Treppe ins Obergeschoss. Dieses Zeitkolorit ist nach der Übernahme, Renovierung und Erweiterung durch die Betriebsgenossenschaft weiterhin klar ablesbar.

Doch auch Privat- und Geschäftshäuser der 1950er Jahre zeugen bis heute von dieser Aufbruchszeit in Münstereifel: an der Bergstraße, im Ochhermen, in der Nöthener Straße, der Willy-Brandt-Straße, im Hennesweg, in der John Wiles-Straße, im Hubertusweg, in der Otterbach und im Uhlenbergweg.

 

Architekten wie Fritz Steinmann

Vor allem eine Architektenpersönlichkeit steht für die ersten Wirtschaftswunderjahre von Münstereifel: Dr. phil. Dipl.-Ing. Fritz Steinmann. 1909 geboren, verbrachte er seine Schuljahre in Münstereifel und Euskirchen. Das Studium der Kunstgeschichte führte ihn von 1927 bis 1939 an den Universitäten Innsbruck, München, Berlin. Nach dem Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg wurde Steinmann 1948 zum Dr. phil promoviert, schloss 1951 in Aachen sein Architekturstudium ab und arbeitete in der Folge bis 1955 als Assistent von Prof. Dr. Otto Gruber am Lehrstuhl Baukonstruktion und mittelalterliche Baukunst. Von 1955 bis 1960 wirkte er als freier Architekt, lehrte bis 1965 an der Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen in Köln und verstarb 1970.

Ab den frühen 1950er Jahren wirkte Steinmann in Münstereifel: 1952 gestaltete er die Kur-Lichtspiele in der Werterstraße 12 und das heute verfüllte Schwimmbad Goldenes Tal, 1957 die Marienschule „Volksschule“ (Fresko von Hans-Heinrich Adam, abgerissen in den 1990ern) auf der Windhecke. Für die katholische Filialkirche „Zur schmerzhaften Mutter“ im Stadtteil Rodert erweiterte er bis 1955 eine neugotische Backsteinkapelle, für die Bleiglasfenster konnte der Künstler Paul Weigmann (1923-2009) gewonnen werden. Die evangelische Kirche von Münstereifel hingegen erstellte Steinmann 1956 als reinen Neubau. In die Betonskelettkonstruktion mit einem Raster aus Schwammsteinen fügte der Künstler Hans-Heinrich Adam (1919-2007) eine moderne Glasgestaltung. Der 1998 fertiggestellte Neu- und Anbau mit Gemeindezentrum und Fahrstuhl tritt hinter der Kirche zurück und ist zugleich deutlich als neuzeitliche Zutat erkennbar.

 

Teil des städtischen Lebens

Doch auch im Profanbau ist das Werk von Steinmann in Münstereifel bis heute erlebbar. Von 1954 bis 1955 gestaltete er die Turnhalle des TUS 05 Arloff-Kirspenich. Für den Bau „umklammerte“ er eine Holzbinderkonstruktion u-förmig durch massiv aufgemauerte Giebelseiten. Mit dem Wohnhaus der Familie L. konnte Steinmann von 1958 bis 1959 sein Können auch im privaten Bereich unter Beweis stellen. Der Stampf- und Stahlbetonbau mit Schwemmstein-Trennwänden und einem asymmetrischen Satteldach steht im Hang, gesichert durch eine Stützmauer. Hier verschmilzt die Formensprache der 1950er Jahre aufs Beste mit der bei Kurgästen wie Einheimischen so beliebten naturnahen Umgebung von Münstereifel. (1.11.18)

 

Literatur (Auswahl)

Hürten, Toni, Chronik Bad Münstereifel. Band II. 1816-1970, Köln 1975, S. 134-139.

Bollenbeck, Karl Josef, Neue Kirchen im Erzbistum Köln 1955-1995, Köln 1995, S. 104, 381-382.

Birmanns, Jürgen, Die Geschichte des Kneipp-Heilbades Bad Münstereifel von den Anfängen bis zur Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der Heilpersonen und -institutionen, die sich der Kneippschen Heilweise widmeten und widmen, Diss., RWTH Aachen, 2000, S. 109.

Renn, Renn, Vom Fremdenverkehrsort zum Kurheilbad und zu Bad Münstereifel, in: Das Münster in der Eifel 2004, S. 130-137.

50 Jahre Evangelische Kirche Bad Münstereifel. Festschrift, hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Münstereifel, Bad Münstereifel 2006, S. 22.

Foxius, Armand, Was bleibt. Zeitungsartikel über Münstereifel für den Kölner Stadt-Anzeiger (1958-1961), hg. von Armin Foxius, Bergisch Gladbach 2013, S. 114f.

Bad Münstereifel, Astropeiler (Bild: Stephan Wershoven, CC BY SA 3.0, 2013)

Christoph Liepach, "Gera-Lusan" (Bild: Buchcover, Sutton Verlag, Erfurt)

Lusan, zum Beispiel

von Ben Kaden

Der Fotograf Christoph Liepach schenkte seinem Heimatort Gera-Lusan binnen zwei Jahren gleich zwei Bücher, die genaugenommen eins sind. Aber eben doch nicht ganz. Dass der „Stadtbilderklärer Gera-Lusan“ von 2016 und das soeben erschienene „Gera-Lusan – Vom Leben in der Trabantenstadt“ so ähnlich und doch unterschiedlich nebeneinanderstehen, ist im deutschen Verlagswesen begründet. Das erste Buch war überraschend schnell ausverkauft und so eigentlich vorbestimmt für eine zweite, erweiterte Auflage. Andererseits vielleicht auch nicht. Denn oberflächlich betrachtet erscheint das Thema so eingegrenzt, dass man sich beim Mitteldeutschen Verlag möglicherweise sagte: Alle, die sich für Gera-Lusan interessieren, müssten nun versorgt sein.

 

Unpacking Ostmoderne

Christoph Liepach ließ sich davon nicht entmutigen und nun liegt die überarbeitete Fassung des Stadtbilderklärers mit abgewandeltem Titel im kompakteren Format mit deutlich mehr Seiten in einem anderen Verlag zum exakt gleichen Verkaufspreis vor. Kennt man den einen Titel und blättert im anderen, dann stellt sich also eine Art fremd-vertrautes Gefühl ein, das erstklassig zum Gegenstand passt.

Lusan, ab 1972 im Süden von Gera auf die braune Ackerkrume gebaut, entstand in der für die DDR typischen industriellen Bauweise mit Komplexgliederung um drei Zentren (Süd, Laune, Brüte), die den Lebensrhythmus des Alltags wohlorganisiert auffangen sollten. Das teilt Lusan mit zahllosen anderen Neubauvierteln der DDR. Wer länger in einem solchen wohnte, erfährt meist unweigerlich ein Déjà-vu, wenn man in einem anderen dieser Viertel aus der Straßenbahn steigt. Diese Fremd-Vertrautheit ist ein kurioses Erbstück der Erinnerungskultur der DDR. Zugleich könnte es die wachsende Popularität der Ostmoderne in Popkultur und Architekturfotografie erklären. Ein Phänomen, das keinesfalls nur Ostdeutsche und Ostdeutschland betrifft, sondern dem man überall in Osteuropa begegnet. Darin ist viel Nostalgie, Faszination an der Utopie einer vermeintlichen Idealstadt, mitunter auch Heimweh nach einer Kindheit. Und dies alles steckt natürlich auch hinter dem Erfolg von Büchern wie dem Stadtbilderklärer.

 

Dicht mit Fakten

Freilich ist das vorliegende Buch in beiden Fassungen weit mehr als ein Erinnerungsbildband. Vielmehr eine sehr gelungene Fallstudie dafür, wie man sich empathisch Stadträumen wie dem von Lusan nähern kann. Und ähnlich diesen Räumen, erweist es sich als sonderbares, ein bisschen ungewöhnliches Hybrid, als Versprechen, das sich irgendwie einlöst und irgendwie nicht, weil es immer etwas anderes ist, als man zunächst zu sehen glaubt.

Das Buch ist dicht mit Fakten, zeigt Grundrisse und Modelle, benennt Stadtarchitekten, die Heimatfabrik der Straßenbahnen und die Schöpfer der baugebundenen Kunst bis hin zu den Hauseingangszeichen. Bei aller Detailliertheit ist es nirgends wissenschaftlich, denn es fehlen Forschungsfrage, Bibliografie und leider auch Begründung dafür, warum die Chronik 1986 abbricht.

 

Ein besonderes Heimatbuch

Die Auswahl der Bilder erinnert dagegen im positiven Sinne an auf Wiedererkennen gerichtete Heimatbücher. Auch der Klappentext spricht von einem „Bildband“. Aber zugleich ist das Buch mehr als ein solcher, da es versucht, mittels anekdotischer Eckpunkte und Zeitzeugenzitaten eine sozialhistorische Perspektive zu eröffnen. So verwischt, ob die Texte die Bilder beschreiben oder die Bilder die Texte illustrieren. Gab die erste Fassung des Buches mit dem Stichwort „Stadtbilderklärer“ einen Orientierungspunkt, führt „Vom Leben in der Trabantenstadt“ die Erwartung deutlich breiter. Ein Vorwort zur Motivation und zum Konzept wäre durchaus hilfreich gewesen.

Will man eine Kategorie für das Buch finden, so dürfte „Inventarisierung“ am besten treffen. Christoph Liepach trägt in Bild und Text zusammen, was zusammentragbar war und listet und beschreibt diese Fragmente – buchstäblich vom Kindergarten bis zum Pflegeheim. Das Ergebnis ist ein indirekt hochpersönliches und sehr schönes Dossier zur Geschichte des Neubaugebiets. Für die Zielgruppe „Erinnerung“ und besonders für die Menschen, die Lusan er- und belebt haben, entsteht so ein erstaunliches Panorama der Vergangenheit des Stadtteils – fast in Gestalt eines annotierten Fotoalbums. Für die Zielgruppe „Experten“ eröffnen sich zahlreiche Einstiegspunkte für weitere Recherchen, für die Suche nach Parallelen mit anderen Neubaugebieten der DDR und für die Verortung in der Städtebau-, Sozial-, Architektur- und eventuell auch Kunstgeschichte der DDR.

 

Es trifft

Man spürt, wie sehr Christoph Liepach selbst zwischen diesen beiden Polen schwankt: dem warmen Blick der teilnehmenden Erinnerung und dem abstrakten der fachlichen Analyse. Das Resultat hätte leicht beide Positionen verfehlen können. Ist man aber bereit, eine konkrete Vorerwartung zurückzustellen und das Buch als das Unbestimmte anzunehmen, was es ist, trifft es. Und es hinterlässt den Wunsch, dass schon aus Gründen der Materialsicherung viele andere dieser Neubaugebiete ihren Christoph Liepach finden würden und dass diese Christoph Liepachs einen Verlag finden, damit diese Dokumentationen zu oft übersehener Räume ihr Publikum finden. Gera-Lusan, das steht schon mal fest im Regal, ist dank Christoph Liepach in dieser Hinsicht glücklicherweise bereits gerettet. (25.10.18)

Liepach, Christoph, Gera-Lusan. Vom Leben in der Trabantenstadt, Sutton Verlag, Erfurt 2018, 128 Seiten, ca. 115 Abbildungen, 17 x 24 cm, Hardcover, ISBN 978-3-96303-034-5.