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St. Louis/Missouri, Abriss von Pruitt Igoe, 1966 (Bild: U.S. Department of Housing and Urban Development Office of Policy Development and Research, PD)

„The day modern architecture died“?

von Dina Dorothea Falbe

Täglich erscheinen auf moderneREGIONAL aktuelle Meldungen für eine wachsende Gruppe Modernefans. Obwohl schon viel Erfreuliches passiert, bleiben hier Abrisse oder Abrissdiskussionen eines der häufigsten, wenn nicht das häufigste Thema. Dieser Schwerpunkt liegt auch im Alter der Bauten begründet: Eine abgeschlossene Architekturepoche muss erst Schritt für Schritt wahrgenommen und bewertet werden, um breitere Anerkennung zu finden. Niemand kann erwarten, dass unsere gebaute Umwelt bleibt wie sie ist – sie verändert sich mit uns und mit den Formen unseres Zusammenlebens. In allen Umbruch/Abbruch-Diskussionen geht es deshalb genau um diese Frage: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

 

Von der Testsprenung zum Symbol

Eindrückliche Bilder von Abbrüchen moderner Bauten werden schon seit Jahrzehnten verwendet, um bestimmte Botschaften über diese Stilepoche zu vermitteln. „The day modern architecture died“, mit dieser bekannten Aussage machte der Architekturhistoriker Charles Jencks 1977 das Ende der Moderne am Abrisstermin von Pruitt-Igoe fest. Die Testsprengung einiger Bauten der 1955 in St. Louis errichteten und später heruntergekommenen Wohnsiedlung sollte mit dem „Pruitt-Igoe Action Plan“ ursprünglich nur den einige neue Gemeinschaftsbauten für die Siedlung ermöglichen, wie Sabine Horlitz 2016 in der Zeitschrift „Candide“ darlegte. Kurz darauf wurde der Abriss der gesamten Anlage beschlossen (und mit der Abrissbirne umgesetzt).

Das Videomaterial von der Testsprengung wurde fortan instrumentalisiert – besonders von Präsident Richard Nixon, um den Wohlfahrtsstaat als gescheitert und staatliche Einmischung in die Immobilienwirtschaft als per se schlecht darzustellen. Gründe, dieses Narrativ zu hinterfragen, gab es seither viele: Schlagzeilen machten die astronomischen Immobilienpreise im Silikon Valley. Auch die Spekulation mit Eigenheimkrediten, die Ursache der Finanzkrise vor zehn Jahren, stellt bis heute die Wohnungs- und Bodenpolitik infrage. Die in den 1930er bis 1960er Jahren boomende Kreditvergabe ging nicht nur mit einer ausgedehnten Suburbanisierung einher. Mittlerweile wird sie sogar als struktureller Rassismus kritisiert, da vorwiegenden Weiße davon profitierten. Mangelnde Instandhaltung, Rassen-Segregation, der allgemein schlechte Arbeitsmarkt und der damit einhergehende Bevölkerungsschwund gelten heute als wahrscheinliche Ursachen für den Verfall des einstigen Vorzeigeprojektes Pruitt-Igoe.

 

Im TV dabei


Bis heute werden spektakuläre Abrisse moderner Appartementblocks im Fernsehen übertragen: Ehemalige Bewohner verfolgen weinend die Sprengung ihres Hauses in den Pariser Banlieues. Die Architekturtheoretikerin Niloufar Tajeri widmete sich diesem Thema im gemeinsamen Projekt „Riot“ mit dem Philosophen Gal Kirn 2015/16 an der Akademie Schloss Solitude. 2005 kam es in den Pariser Banlieues zu gewaltsamen Ausschreitungen – ausgelöst durch den Tod zweier Jugendlicher, die als Opfer ungerechtfertigter Polizeigewalt angesehen werden. Der französische Soziologe Hugues Lagrange benannte die Ankündigung weitrechender Abrisse (im Rahmen des Sanierungsprogramms ANRU 2003) als Ursachen für die Ausschreitungen.

Die Videoaufnahmen ehemaliger Bewohner zeigen, dass sich ihre Lage durch die städtebauliche Neuorganisation nicht unbedingt verbessert. Denn mit den modernen Wohnblocks werden auch gewachsene Sozialstrukturen zerstört. Die vielkritisierte Flächen- oder Kahlschlagsanierung, für die Pruitt-Igoe stellvertretend stehen kann, scheint sich dort zu wiederholen. Einmal mehr wird die „hässliche“ Architektur zur Projektionsfläche für vieles, was gesellschaftlich schief läuft. Texte zu diesen Themen haben Niloufar Tajeri und Gal Kirn im Pages Magazine veröffentlicht. Am 18. Juli 2018 halten sie einen Vortrag an der Universität Münster. Und die Ausstellung zum Projekt „UNTIE TO TIE. Über Aufstände und Widerstand. Riots: Allmähliches Aufkündigen der Zukunft“ ist noch bis zum 24. Juni 2018 in der ifa Galerie Stuttgart zu sehen.

 

Der „gute“ Abriss

Die Abrissgeschichte des Restaurants Ahornblatt auf der Berliner Fischerinsel ist zumindest in Deutschland viel zitiert. Ihre Symbolkraft scheint für statt gegen die Moderne zu arbeiten. Hätte man das ikonische Bauwerk aus filigran betonierten Hyparschalen von Ulrich Müther im Jahr 2000 nicht abgerissen und durch einen gesichtslosen Neubau ersetzt, wäre das Werk des DDR-Bauingenieurs heute wohl weit weniger bekannt. 2006 wurde sein Nachlass in das Müther-Archiv an der Hochschule Wismar überführt. Bis dahin hatten die Pläne, Zeichnungen, Akten und Modelle in feuchten Räumlichkeiten der Kraft-durch-Freude-Ferienanlage Prora auf Rügen gelagert, die Müther eigens dafür angemietet hatte. Ein Großteil des 2,5-Kilometer-langen Dreißigerjahrebaus wurde kürzlich zu Luxuswohnungen umgebaut. Die monotone Fassade, deren Form und Struktur weniger an die völkischen Stilkonstruktionen der Nazi-Erbauer, als vielmehr an modernen Pragmatismus erinnern, schien dabei kein Hinderungsgrund zu sein.

 

Aneignung statt Abriss

Moderne Masterpläne entstanden am Reißbrett, von oben herab und oft unter Missachtung gewachsener Strukturen. Zugleich legen optimierte Wohnungsgrundrisse ihren Nutzern bestimmte Wohn- und Verhaltensideale nahe. Dass dieser autoritäre Charakter nicht die folgenden Nutzungen bestimmen muss, zeigen Aneignungsbeispiele in den Büchern „Kleine Eingriffe“ und „Raster Beton“. Letzteres beschäftigt sich mit der Plattenbausiedlung Leipzig-Grünau. Der Architekturtheoretiker Wolfgang Kil spricht hier von der „Normalisierung der Moderne“ als „nächste kulturelle Herausforderung von Le Havre bis Wladiwostok“.

Ob diese „Normalisierung“ oder selbstbestimmte Aneignung von Großstrukturen überhaupt stattfinden kann, oder vorher erneut von oben „Tabula Ras“ gemacht wird, ist von den Eigentumsverhältnissen abhängig. Staatliche Wohnungsbaugesellschaften sind nicht unbedingt ein Garant für sichere Instandhaltung und verantwortungsvollen Umgang mit dem Bestand, doch angesichts der Wohnungsknappheit in deutschen Großstädten wird die öffentliche Hand wieder geschätzt. Dass das zivilgesellschaftliche Engagement in dieser Steuerung berücksichtigt werden kann und sollte, zeigt die Stadt Berlin aktuell mit dem Projekt Haus der Statistik. Sie hat das ostmoderne Ensemble am Alexanderplatz vom Bund gekauft, um dort neben der eigenen Verwaltung auch Wohnungen und Arbeitsräume für Kreative und Geflüchtete unterzubringen. Dafür hat die Stadt eine Kooperationsvereinbarung mit Initiativen getroffen, die sich für solche Nutzungen an dem Standort einsetzen. So entsteht in zentraler Lage ein Ort, in dem viele gemeinschaftliche Interessen selbstbestimmt zusammenkommen.

Das Haus der Statistik illustriert auch, wie Merkmale der Moderne eine selbstbestimmte Aneignung durch neue Nutzer begünstigen können. Gerade weil immer noch viele Vorzeigeprojekte die „europäische Stadt“ weit zurückliegender Jahrhunderte reproduzieren – wie z. B. das Humboldt-Forum unweit vom Alexanderplatz – erscheint die Ostmoderne als passende Atmosphäre für eine breitere gesellschaftliche Vielfalt. Das Stahlbetonskelett-Tragwerk gibt große Freiheiten in der Grundrissgestaltung. Aber auch der unfertige Charakter des entkernten Gebäudes lädt zur Aneignung ein. Hier entsteht Neues, gerade weil nicht neu gebaut wird.

 

Neutralität unmöglich

Nicht nur Modernefans sind überzeugt, dass Abrisse oft nicht sinnvoll sind. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass es möglich ist, den jeweiligen Bestand an die aktuellen klimatischen und räumlichen Anforderungen anzupassen. Dabei können Ressourcen geschont, räumliche, soziale sowie baukünstlerische Werte erhalten und neue geschaffen, ja sogar Kosten gespart werden. Die Abrissforderungen stützen sich also heute, wie auch schon bei Charles Jencks in den 1970erJahren, oft auf politisch motivierte Narrative: Sie belegen die Gebäude mit einer bestimmten Symbolik oder behaupten, eine bessere Lebensumwelt schaffen zu können. Stützen die Abrissdokumentationen also die Geschichte von der vermeintlichen Niederlage der Moderne? Kann es umgekehrt gelingen, mit solchen Bildern die Werte moderner Lebensräume aufzuzeigen?

In seinem populären Architekten-Buch „four walls and a roof“ bezeichnet Reinier de Graaf die Moderne als „the century that never happend“ und zeigt dazu Abrissbilder von bekannten modernen Bauten. Damit liefert er mehr als eine neutrale Analyse. De Graaf sagt auch, die Wohnfunktion sei heute nur noch ein „Nebeneffekt“ der Immobilie als Kapitalanlage und Spekulationsobjekt. Auch in Deutschland gibt es solche Siedlungen, die unter steigenden Preisen ständig den Besitzer wechseln, ohne dass in die Substanzerhaltung investiert wird. Der Kampf um den Erhalt moderner Bauten und Stadtstrukturen will also auch die gewachsenen sozialen Strukturen und die dort gelebte Identität vor dem Spekulationsdruck bewahren. Dies gilt auch für öffentliche Bauten der Nachkriegszeit, die ebenfalls wegen günstiger Mieten vielerorts als Freiräume für kulturelles Leben wahrgenommen werden.

 

Das Ende einer Unterdrückungsspirale?

Die starke emotionale Wirkung der Abrissbilder erlaubt keine „unschuldige“ Verwendung. Solche Fotografien erzeugen noch immer die Endzeitstimmung im Sinne von „modern architecture died“. Doch verbunden mit einer weiteren Analyse der Abrissumstände, lässt sich die Botschaft auch anders verstehen: Die Zerstörung von Gebäuden, insbesondere von modernen Wohnhäusern und -siedlungen, ob durch unterlassene Instandhaltung oder durch Sprengung, ist ein gewaltsamer Akt. Er lässt sich als Teil einer Unterdrückungsspirale verstehen, die durchbrochen werden könnte. Die Transformation dieses Erbes bietet Chancen für mehr gesellschaftliche Vielfalt und ein respektvolles Miteinander. Gerade weil unterschiedliche politische Deutungen von Architekturen möglich sind, ist es an uns, gewissenhaft damit umzugehen – das gilt auch und besonders für Abrissbilder. (22.5.18)

Titelmotiv: St. Louis/Missouri, Abriss von Pruitt-Igoe, 1966 (Bild: U.S. Department of Housing and Urban Development Office of Policy Development and Research, PD)

Frankfurt, "märklinMODERNE" startet im Deutschen Architekturmuseum (Foto: Wolfgang Martin)

„märklinMODERNE ist hiermit eröffnet“

Wir sind immer noch unter Eindrucksoverload im besten Sinne: Gestern startete die mR-Ausstellung „märklinMODERNE“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt. Ein herzliches Dankeschön an alle Mitarbeitendend, Mitfiebernden und Mitfeiernden und anbei einige Presse- und Fotoimpressionen zum Nachglühen – oder Vorglühen für Ihren Museumsbesuch, Katalogkauf und DVD-Erwerb. (kb, 19.5.18)

 

TV-Berichte


 

Radio-Interviews

Deutschlandfunk, Corso, 21. Mai 2018:

hr2, 18. Mai 2018:

Deutschlandfunk, Kompressor, 18. Mai 2018:

Bayern2, 17. Mai 2018 (ab Minute 16:49)

SR2, 16. Mai 2018

 

Print- und Online-Berichte

Spiegel-Online, 2. Juli 2018

Rheinpfalz, 26. Mai 2018

Süddeutsche Zeitung, 25. Mai 2018

Mannheimer Morgen, 23. Mai 2018

Sachsenhäuser Wochenblatt, 23. Mai 2018

Frankfurter Neue Presse, 18. Mai 2018

Frankfurt Live, 18. Mai 2018

Frankfurter Neue Presse, 17. Mai 2018

Frankfurter Allgemeine Zeitung/Rhein-Main-Zeitung, 17. Mai 2018

Baunetz, 17. Mai 2018

RTLonline, 17. Mai 2018

Salzburger Nachrichten, 7. Mai 2018

Form, 30. Mai 2018

des Weiteren: Öffentlicher Anzeiger, 19. Mai 2019; Allgemeine Zeitung, 19. Mai 2018

 

Fotoparade

 

Begleitprogramm

  • bis 9. September 2018 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt am Main: „märklinMODERNE. Vom Bau zum Bausatz und zurück“.
  • 2. Juni 2018, „Basteln mit Bartetzko“ im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main: 16 – 17.45 Uhr, Fachsimpeln mit dem Kurator der Ausstellung (im Museumseintritt enthalten, für Bastelmaterialien wird um eine Spende gebeten).
  • vom 12. Juli bis zum 7. Oktober 2018 in der architekturgalerie am weißenhof, Stuttgart: „Die Villa im Tessin. märklinMODERNE im Ländle“, Vernissage am 11. Juli 2018 um 19 Uhr in der Stuttgarter architekturgalerie am weißenhof.
  • 11. August 2018, Filmpremiere im Deutschen Filmmuseum Frankfurt am Main: 16 – 17 Uhr, Premiere des begleitend zur Ausstellung entstandenen Films „märkinMODERNE“ im Deutschen Filmmuseum (Schaumainkai 41, Frankfurt am Main), anschließend Diskussion mit den beiden Autoren des Films, Otto Schweitzer und C. Julius Reinsberg (es wird Eintritt erhoben).
  • 7. September 2018, Tagesfahrt zur Wiege des Modellbaus, nach Gütenbach im Schwarzwald: zum Faller-Werksmuseum, zu den großen Vorbildern der „Villa im Tess in“ und Co., Voranmeldung (bis 10. August): k.berkemann@moderne-regional.de, 60 € (ab Frankfurt) / 50 € (ab Stuttgart)
  • 22. September im „Buch & Spiel“ in St. Stefan (Rotenwaldstraße 98) in Stuttgart: Die ehemalige katholische Kirche St. Stefan, ein brutalischer Bau von 1976, wird seit Anfang des Jahres als Buchladen genutzt – und als Kulturort. Hier findet von 20 bis 21 Uhr statt die Lesung „Der Superbastler“ – Lebenshilfe aus Modellbau-Magazinen der Wirtschaftswunderzeit. Der Eintritt ist frei.
  • 29. November 2018, 19.30 Uhr: Vernissage von „märklinMODERNE“ im ArchitekturSalon München, die Ausstellung ist in der Folge bis Anfang 2019 zu sehen.

Titelmotiv: Frankfurt, „märklinMODERNE“ startet im Deutschen Architekturmuseum (Foto: Wolfgang Martin)

Pod-Style-Hostel-Entwurf (Entwurf: Ruth Unger, Alina Florja, Cherry Blocksom)

Das Japanische Haus

Aus einem verlorenen Ort im ehemaligen Rotlichtbezirk der japanischen Millionenstadt Yokohama soll ein Ort der Begegnungen werden: Dieser Aufgabe haben sich Architektur-Studierende der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK ) Leipzig gewidmet. Ihr neues „5-Sterne-Hostel“ soll kosmopolitisch, mit der Umgebung verknüpft und dem gemeinschaftlichen Wohnen verpflichtet sein. In einem Masterkurs des vergangenen Wintersemesters entstanden, betreut durch Architekturprofessorin Anthusa Löffler, zehn ganz unterschiedliche Entwürfe. Sie verknüpfen aktuelle Problemlagen mit japanischen Lösungskonzepten der 1970er Jahre. Die Ergebnisse sind noch bis zum 12. Mai in der Ausstellung „Cosmopolis Yokohama“ im Japanischen Haus in Leipzig (Eisenbahnstraße 113b) zu sehen. Unterstützt wurden die Studierenden dabei von der japanischen Architektin und Architekturkritikerin Noriko Minkus.

 

Vom Kapselhotel zum 5-Sterne-Hostel

Das „5 Star Creative Hostel Cosmopolis“, das die Studierenden entworfen haben, versteht sich als „Shared Place“ – als Übernachtungs-, Wirkungs- und Begegnungsstätte für Reisende, Künstler und verschiedene sozialen Gruppen. Alle sollen die Räume gemeinsam nutzen und sich mit dem Stadtviertel vernetzen. Dafür sind Gemeinschaftsküchen, gemeinsame Veranstaltungs- und Arbeitsräume oder auch „Pod-Styled-Schlafsäle“ (durch Vorhänge getrennte Schlaf-Röhren) vorgesehen. Solche Übernachtungstypen machen in Japan gerade Furore und könnten bald auch in Europa umgesetzt werden. Japan, wo Raum knapp und teuer ist, gilt als Experimentierfeld für außergewöhnliche Unterkünfte. Bereits in den frühen 1970er Jahren entstanden dort „Kapselhotels“: Häuser mit funktionalen Mini-Kabinen. Inzwischen sind sie auch auf europäischen Flughafen zu finden, insbesondere in Transitbereichen.

 

Stadtentwicklung durch Kunst-Projekte

Das Projekt soll mitten im Koganecho Stadtviertel von Yokohama starten – einem verrufenen Ort unter einer Eisenbahnbrücke. Bereits 2008 wurde ein jährliches Kunstfestival aus der Taufe gehoben, um die Wiederbelebung dieses Quartiers zu unterstützen. Mittlerweile haben sich dort neue Studios und Galerien, sogar eine internationale Kunst-Triennale etabliert. Vor diesem Hintergrund hat sich Yokohama dem „Creative City Network of Japan“ zur nachhaltigen Stadtentwicklung angeschlossen. In Leipzig schlägt das „Japanische Haus“ e. V. (DJH) seit nunmehr sieben Jahren eine Brücke zwischen internationalem Austausch und lokalen Aktionen. Durch japanische Migranten ins Leben gerufen, hat sich hier ein offener Ort für Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen entwickelt. (kb, 30.4.18)

Titelmotiv: Pod-Style-Hostel-Entwurf (Entwurf: Ruth Unger, Alina Florja, Cherry Blocksom)

Hannover, Medizinische Hochschule (Bild: Christopher Falbe)

Buch sucht Stütze

Es gehört zu den Ungerechtigkeiten eines Akademikerlebens, dass einem erst das Geld und dann die Wohnung ausgeht für all die Bücher, die man gerne besitzen möchte. Nicht nur leihen oder kopieren oder downloaden, sondern besitzen, lesen, wieder hervorholen und um sich haben. Für die Publikation „Architekturen des Gebrauchs“, mit der Christopher und Dina Dorothea Falbe im Weimarer Verlag Mbooks sechs öffentliche Bauten der 1960er und 1970er Jahre aus Ost- und Westdeutschland vorstellen, habe ich freudig einen meiner wenigen Rest-Stellplätze hergegeben. Hier bekommt der geneigte Leser viel Buch für sein Geld. Doch lassen Sie sich nicht von der äußerst gelungenen Verpackung täuschen – der Inhalt hat es in sich.

 

Alles eine Frage der Perspektive

„Gebäude sind nicht in ihrer Substanz politisch, sondern werden es durch die gesellschaftliche Wahrnehmung – und die verändert sich mit der Zeit“, so die beiden Herausgeber in ihrem Vorwort. Damit weist die Architektin und Architekturjournalistin Dina Dorothea Falbe dem Nutzer und Betrachter einen aktiven Part zu. So wichtig es ihr ist, die Urspungsideen der Erbauer darzulegen, so stark macht sie auf der anderen Seite die Formen und Spuren der heutigen Aneignung. Denn, egal wie allumfassend der Ewigkeitsanspruch so mancher Architekturtheorie der Nachkriegsjahrzehnte gewesen sein mag: Die Räume waren für den Gebrauch gedacht und haben sich durch diesen Gebrauch verändert. (Und es bleibt der Wunsch, dass sich dieser Prozess auch in den folgenden Jahrzehnten fortsetzen darf.) So ist es nur konsequent, dass die beiden Herausgeber nicht allein ihren eigenen Blick auf die ausgewählten Bauten in Text (Dina Dorothea Falbe) und Bild (Christopher Falbe) darlegen. Bei fünf der sechs Objekte werden diese ergänzt um Beiträge weiterer Autoren und um Interviews mit Vertretern der Erbauergeneration.

 

Deutschlandreise

Die Auswahl der porträtierten Objekte – sechs aus ungezählt vielen öffentlichen Bauten der 1960er und 1970er Jahre in den ehemals beiden deutschen Staaten – wird nicht groß begründet, sie wird gesetzt. Sie ist naturgemäß ebenso eine subjektive wie es jede Wertung durch den Leser ist: Das direkte Umfeld der beiden Herausgeber zeigt sich mit dem Flughafen Schönefeld und der FH Potsdam gut vertreten. Der Süden wird mit der Alten Parteischule Erfurt und dem Hauptbahnhof Ludwigshafen leicht touchiert, der Norden über das Rathaus Elmshorn vorgestellt und Hannover mit einem seiner Betonschätze, mit der Medizinischen Hochschule, gewürdigt. Gemeinsam ist diesen öffentlichen Bauten, dass sie gerade inmitten des zur These des Buchs ausgerufenen Wahrnehmungswandels stehen. In einer der von Thomas Köchlin so treffend gestalteten Infografiken wird greifbar: Als das Buch in den Druck ging, war die Mehrzahl der ausgewählten Beispiele bereits mit einem Fragezeichen (Abriss, Neubauwettbewerb u. a.) versehen. Manches davon hat das Erscheinen des Buchs nur noch knapp erlebt, bevor die Demontage begann.

 

Funktioniert

Die mit viel persönlicher Liebe ausgewählten und porträtierten Bauten wurden nicht nur zwischen zwei wohlgestaltete Buchdeckel, sondern auch zwischen zwei rahmende Beiträge von Dina Dorothea Falbe gepackt. Darin wagt sie den weiten Blick darauf, warum Menschen wie bauen, was das über sie damals und uns heute aussagt und warum das alles für morgen unverzichtbar ist. Da laufen mal eben rasch die großen Theoretiker von Plato bis Walter Benjamin durchs Bild. Das kann man lesen und mögen, man kann das Buch aber auch einfach so genießen – den formidablen Baubeschreibungen folgen, die wundervoll aufgeräumten Bilder wirken lassen und in die charmant-informativen Interviews abtauchen. Die Einzelteile, die einem sehr großen Gedanken folgen sollen, funktionieren auch sehr gut einzeln – und das spricht ausdrücklich nicht gegen, sondern für dieses schöne Buch. Kommen Sie, so viel Regalplatz haben Sie sicher noch! (kb, 16.3.18)

Titelmotiv: Hannover, Medizinische Hochschule (Bild: Christopher Falbe)

Falbe, Dina Dorothea Falbe und Christopher (Hg.), Architekturen des Gebrauchs. Die Moderne beider deutscher Staaten 1960-1979, mit Texten von Dina Dorothea Falbe, Anika Gründer, Florian Kirfel, Anne Klinnert, Cor Wagenaar und Arne Winkelmann, mit Fotografien von Christopher Falbe, Verlag Mbooks, Weimar 2017, 236 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-944425-05-4.

Potsdam, Restaurant "Minsk" (Bildquelle: Architektur der DDR 28, 1979, 10)

Ein letzter Blick gen Minsk?

Es ist ein Abschied auf Raten: „Die Rettungsversuche für das in den 1970er Jahren errichtete Terrassenrestaurant ‚Minsk‘ am Potsdamer Brauhausberg waren vergebens.“ So meldet schon im Sommer 2015 die „Märkische Allgemeine“. Gemeint war das moderne Terrassenrestaurant, das 1977 – zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution – am Potsdamer Brauhausberg eröffnet wurde. Mit dem gestaffelten Flachdachbau ergänzte der Architekt Karl-Heinz Birkholz (mit W. Müller) die ebenfalls von ihm geplante geschwungene Schwimmhalle aus dem Jahr 1971. Die Innengestaltung des „Folklorerestaurants“ Minsk wurde mit Künstlern der russischen Partnerstadt umgesetzt (Künstlerischer Leiter/Innenarchitektur: W. Stellmaschonok; Künstlerische Innengestaltung: Künstlerkollektiv der Stadt Minsk (W. Stellmaschonok, J. Charlamow, W. Dowgalo, S. Bandalewitsch).

 

Hin und her

Doch auf dem Gelände sollten eine neue Schwimmhalle und „Stadtvillen“ entstehen. Die Initiative „Pro Brauhausberg“ hatte sich 2011 verstärkt für den Erhalt und eine Unterschutzstellung des gesamten DDR-Ensembles engagiert. Der Landessportbund Brandenburg plante, das Restaurant zur „bewegungs- und gesundheitsorientierte[n] Kindertagesstätte“ umzugestalten. In den folgenden Monaten gingen die Meldungen, Gerüchte und Alternativvorschläge hin und her und wieder hin. 2016 schickte der Förderverein des Potsdam Museums gar mit der Nachricht in den 1. April, das Terrassenrestaurant werde als zentrales Depot für das Museum genutzt.

 

Der Abriss könnte im März beginnen

Nun scheint der Abschied endgültig besiegelt. Wie Dina Dorothea Falbe im Baunetz meldet, muss die Stadtverordnetenversammlung dieser Tage über einen Abrissantrag für das Minsk entscheiden. „Wenn sie diesem zustimmt, soll der Abbruch im März beginnen.“ Falbe blickt auf die umfassende Bedrohung ostmoderner Baukunst in Potsdam – vom barock anmutenden Neubau des Landtags bis zum laufenden Abriss der FH. Sie kommt zu dem Schluss: „Die Stadt Potsdam macht es den Initiativen nicht leicht – man könnte sogar behaupten: besonders schwer – wirksame Strategien zu finden, die einen Erhalt der ostmodernen Baukultur ermöglichen.“ Da passe es gut ins Konzept, dass die einstige Schönheit der Außenanlage des abrissbedrohte Minsk kaum noch zu erahnen sei. (kb, 3.3.18)