Amerika in Wien

Je größer der ausgemalte Traum, desto lustvoller wird er von Künstler:innen in seine visuellen Einzelteile zerlegt: Gerade der Amerikanischen Traum – Wohlstandsglück für alle, wenn man sich nur genug anstrengt – hat im 20. Jahrhundert immer wieder Fotograf:innen gereizt. Mit einem mal kritischen, mal liebevollen Blick in das US-amerikanische Alltagsleben porträtieren sie die sozialen, wirtschaftlichen und emotionalen Konditionen ihrer jeweiligen Zeit. Oft sind es gerade aus Europa eingewanderte Künstler:innen, die mit ihrem anfangs noch fremden Blick bislang unbeachtete Aspekte in den Mittelpunkt rücken. Die fotografischen Erzählungen nutzen den Roadtrip und die Straßenszene ebenso wie das Stilmittel des Schnappschusses. Dabei reicht das Spektrum von der nüchternen Dokumentation bis zur humorvollen Zuspitzung.

Die Ausstellung „American Photography“, kuratiert von Walter Moser mit Anna Hanreich, präsentiert noch bis zum 28. November 2021 in der Albertina in Wien ausgewählte US-amerikanischer Fotografien zwischen den 1930er und den 2000er Jahren – gezeigt werden die 150 Werke von 33 Künstler:innen. Darunter finden sich William Eggleston, Diane Arbus, Lewis Baltz und Gregory Crewdson, teils aus der eigenen Fotosammlung der Albertina, teils aus privaten Beständen. (kb, 1.10.21)

Lisette Model: Sängerin im Metropole Cafe, New York City, 1946 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien, © 2021 Estate of Lisette Model, Courtesy Baudoin Lebon Gallery, Paris and Keitelman Gallery, Brussels)

Lisette Model: Sängerin im Metropole Cafe, New York City, 1946 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien, © 2021 Estate of Lisette Model, Courtesy Baudoin Lebon Gallery, Paris and Keitelman Gallery, Brussels)

Lee Friedlander: New York City, 1963 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Lee Friedlander, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco, and Luhring Augustine, New York)

Lee Friedlander: New York City, 1963 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Lee Friedlander, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco, and Luhring Augustine, New York)

Joel Sternfeld: Staatlicher Campingplatz im Red Rock Park, Gallup, New Mexico, September, 1982 (Bild: Digitaler C-Print, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Courtesy Joel Sternfeld)

Joel Sternfeld: Staatlicher Campingplatz im Red Rock Park, Gallup, New Mexico, September, 1982 (Bild: Digitaler C-Print, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Courtesy Joel Sternfeld and Buchmann Galerie, Berlin 2021)

Philip-Lorca diCorcia: Kopf Nr. 1, 2000 (Bild: Fujicolor Crystal Archive Print Albertina, Wien – The ESSL Collection, Foto: Mischa Nawrata © Philip-Lorca diCorcia)

Philip-Lorca diCorcia: Kopf Nr. 1, 2000 (Bild: Fujicolor Crystal Archive Print, Albertina, Wien – The ESSL Collection, Foto: Mischa Nawrata © Philip-Lorca diCorcia)

Nan Goldin: Jimmy Paulette auf Davids Fahrrad, NYC, 1991, 1991 (Bild:  Silberfarbstoffbleichverfahren, Albertina, Wien - The ESSL Collection © Nan Gold

Nan Goldin: Jimmy Paulette auf Davids Fahrrad, NYC, 1991 (Bild: Silberfarbstoffbleichverfahren, Albertina, Wien – The ESSL Collection © Nan Goldin. Marian Goodman Gallery, Foto: Peter Kainz)

Garry Winogrand: Beverly Hills, California, 1978 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco)

Garry Winogrand: Beverly Hills, California, 1978 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco)

Joel Meyerowitz: Roter Innenraum, Provincetown, 1977 (Bild: C-Print, Ambassador Trevor Dow Traina © Joel Meyerowitz, Courtesy Howard Greenberg Galler

Joel Meyerowitz: Roter Innenraum, Provincetown, 1977 (Bild: C-Print, Ambassador Trevor Dow Traina © Joel Meyerowitz, Courtesy Howard Greenberg Gallery)

Robert Adams: Eigenheim, Colorado Springs, Colorado, 1968-1971 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Robert Adams, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco)

Robert Adams: Eigenheim, Colorado Springs, Colorado, 1968-1971 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Robert Adams, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco)

Cindy Sherman: Untitled Film Still, 1980 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien - The ESSL Collection, Foto: Franz Schachinger © Cindy Sherman)

Cindy Sherman: Untitled Film Still, 1980 (Bild: Silbergelatineabzug, Albertina, Wien – The ESSL Collection, Foto: Franz Schachinger © Cindy Sherman)

Titelmotiv: Stephen Shore: West 9th Avenue, Amarillo, Texas, 2. Oktober 1974 (Bild: Silberfarbstoffbleichverfahren, Albertina, Wien © Stephen Shore. Courtesy 303 Gallery, New York)

Facing Britain

Schon 1961 und 1967 hatte das United Kongdom, zunächst vergeblich, sein Beitrittsgesuch zur Europäische Wirtschaftsgemeinschaft eingereicht. Zwischen 1973 und 2020 gehörte Großbritannien dann offiziell zur Europäischen Gemeinschaft, doch schon immer lag zwischen England und dem Kontinent mehr als nur der Ärmelkanal. Mit der Ausstellung „Facing Britain“, einer Präsentation britischer Dokumentarfotografie seit den 1960er Jahren, wagt die Kunsthalle Darmstadt einen umfassenden Blick auf dieses Wechselspiel von Nähe und Distanz. Vermittelt durch über 250 Werke von fast 50 britischen Fotograf:innen können sich die Besucher:innen ein eigenes Bild von Geschichte und Gegenwart des Inselstaats machen.

Unter den gezeigten Werken finden sich bislang kaum bekannte Namen wie John Myers, Tish Murtha oder Peter Mitchell neben Starfotograf:innen wie Martin Parr und David Hurn. Kuratiert wurde die Ausstellung vom Filmemacher Ralph Goertz vom Düsseldorfer Institut für Kunstdokumentation und Szenografie (IKS). Er zeigt darin ein Land zwischen absurdem Humor, pittoresker Kleinbürgerlichkeit und (post-)kolonialem Multikulti. Die Wanderausstellung war bereits im Museum Goch zu sehen, weitere Stationen sind in Goslar und Krakau vorgesehen. Begleitend erscheint ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König. Die Ausstellung ist in der Kunsthalle Darmstadt noch bis zum 9. Januar 2022 zu sehen. (kb, 20.9.21)

Peter Mitchell, Mr & Mrs Hudson, Leeds, 1974, © Peter Mitchell

Peter Mitchell, Mr & Mrs Hudson, Leeds, 1974 (Bild: © Peter Mitchell)

Paul Reas, I can help, 1988, © Paul Reas

Paul Reas, I can help, 1988 (Bild: © Paul Reas)

Homer Sykes, An alfresco picnic Derby Horse Race Epsom Downs, Surrey 1970, © Homer Syke

Homer Sykes, An alfresco picnic Derby Horse Race Epsom Downs, Surrey 1970 (Bild: © Homer Syke)

Dave Sinclair, Black Copper, London, 1985, © Dave Sinclair

Dave Sinclair, Black Copper, London, 1985 (Bild: © Dave Sinclair)

Titelmotiv: Martin Parr, from „The Last Resort“, New Brighton, 1983-85 (Bild: © Martin Parr, Magnum Photos)

Urlaubsmöblierung

Bilder und Text von Thomas Beutelschmidt

Bereits die Publikationen von Vittorio M. Lapugnani und Konstanze S. Domhardt oder auch die aktuelle Ausstellung des Stadtmuseums Paderborn haben den Blick auf die „kleinen Dinge im Stadtraum“ gelenkt: Urbane Mikroarchitekturen, charakteristische Gebrauchsobjekte und normierte Möblierungen in urbanen Zentren gehören mit zum Bild der Straßen, Plätze oder Bürgersteige. Sie prägen wie selbstverständlich das öffentliche Umfeld, auch wenn sie im Alltag kaum bewusst wahrgenommen werden. Wie alle Bauten sind auch diese materiellen Zeugen dem gesellschaftlichen Wandel wie den Moden unterworfen und entsprechen oftmals nicht mehr dem Zeitgeschmack. Das gilt wohl insbesondere für die typischen Beispiele aus den 1970er und 80er Jahren. Im Gegensatz zu nobilitierten Stilen wie der Pariser Art nouveau um 1900 erfüllen sie weniger den Begriff des Schönen und leisten kaum einen Beitrag für eine schon seit Friedrich Schiller geforderte „ästhetische Erziehung des Menschen“ … Sie wirken eher profan, irgendwie abgestellt und selten einladend – von Pflege gar nicht zu sprechen.

Entsprechende Modelle finden sich überraschenderweise sogar an der mondänen Côte d’Azur. Statt ansprechender Entwürfe zeigen sich unbequeme Bänke, profane Müllkästen, seltsam platzierte Pflanzkübel oder undefinierbare Schmuckelemente. Allesamt serielle Industrieprodukte mit fragwürdigem ‚Gestaltungswillen’ aus dem einst beliebten Waschbeton in einer Art Bonsai-Brutalismus, deren einziger Anspruch funktional, preiswert und dauerhaft zu sein scheint. Galten sie jemals als attraktiver, identitätsstiftender Blickfang und lösten eine erlebbare Aufenthaltsqualität ein? Und wie sieht die heutige Bewertung aus? Bekommen die Hinterlassenschaften wieder einen gewissen Coolness-Faktor und sogar Denkmalwert oder werden sie mit dem fortlaufenden Refurbishing der Städte stillschweigend verschwinden? (6.8.21)

alle Aufnahmen: Thomas Beutelschmidt