Fotoheldinnen

Die Fotografie, auch und gerade wenn sie dezidiert als Kunst gedacht war, fiel schon im späten 19. Jahrhundert weiblicher aus, als es die Forschung lange wahrgenommen hat. Mit dieser neuen Technik, die an der Weichgrenze zwischen Profi und Amateur:in verlief, fanden Frauen einen Einstieg, um ihrer Sicht auf die Welt einen eigenständigen Ausdruck zu verleihen. Viele dieser frühen Fotografinnen sind heute nicht mit Namen bekannt, weil sie in den professionellen Studios häufig zwar mitarbeiten, aber nur selten namentlich als Bildautorinnen auftreten durften. Oft boten die Fotografie für Presse und Wissenschaften eine Möglichkeit, sich in diesem Bereich einen Lebensunterhalt zu verdienen. Institutionen wie der Berliner Lette-Verein suchten in der Ausbildung in reinen Frauenklassen schon ab 1890 qualitative Standards zu schaffen.

In (fast) allen künstlerischen Strömungen der Moderne waren Frauen vertreten, häufig nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera – von Surrealismus und Bauhaus bis zur subjektiven oder dokumentarischen Fotografie. Die Berliner Kicken-Galerie (Kaiserdamm 118, 14057 Berlin) zeigt, so die Online-Ankündigung, noch bis zum 23. April 2021 die Ausstellung „Sheroes of Photography“. Ein zweiter Part des mehrteiligen Projekts soll direkt im Anschluss eben dort präsentiert werden – vom 30. April bis zum 30. Juni 2021. Im Mittelpunkt stehen Aufnahmen von Fotografinnen des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. Präsentiert werden ausgewählte Motive von Fotopionierinnen wie Anna Atkins aus den ersten Jahrzehnten der neuen Technik, von Lucia Moholy aus dem Umfeld des Bauhauses, von Tata Ronkholz aus dem Blickwinkel der Nachkriegsjahrzehnte oder von Jitka Hanzlová aus der zeitgenössischen Künstlerinnenszene. (kb, 3.4.21)

Grit Kallin Fischer: ohne Titel (Freddo Bartolucci als Engel), 1928-1930, Gelatinesilber-Fotoabzug, 1928-30, 26,3 x 19,8 cm (Copyright: Estate of the Artist, Courtesy: Kicken Gallery Berlin)

Monika von Boch: Weißblechserie, 2. Ursprungsnegativ, 1966, Gelatinesilber-Fotoabzug, 1966, 40,5 x 29,9 cm (Copyright: VG Bild Kunst Bonn, Courtesy: Kicken Gallery Berlin)

Ruth Hallensleben: Siegener AG (Eisenkonstruktion), 1953, Gelatinesilber-Fotoabzug, um 1953, 23 x 17,1 cm (Copyright: Estate of the Artist, Courtesy: Kicken Gallery Berlin)

Lucia Moholy (Copyright: VG Bild Kunst Bonn, Courtesy: Kicken Gallery Berlin)

Lucia Moholy: ohne Titel (Balance-Studie, Einführungskurs, László Moholy-Nagy, Bauhaus Weimar), ca. 1923-25, Gelatinesilber-Fotoabzug (Copyright: VG Bild Kunst Bonn, Courtesy: Kicken Gallery Berlin)

Titelmotiv: Tata Ronkoholz: ohne Titel (Rhein-Hafen No. i 6.34), um 1981, Gelatinesilber-Fotoabzug, 20,3 x 29,5 cm (Copyright: Estate of the Artist, Courtesy: Kicken Gallery Berlin)

FOTOSTRECKE: Urlaubsgrüße aus Noordwijk aan Zee

von Lothar Hammer

Diese Bilder waren nie dazu gedacht, veröffentlicht zu werden. Sie entstanden während eines Kurzurlaubs im Sommer 2020 in Noordwijk aan Zee in den Niederlanden. Rückblickend vermitteln sie jedoch – legt man sie neben Postkarten aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten – einen guten Eindruck von der architektonischen Entwicklung eines typischen Tourismuszentrums an der holländischen Küste. Wer sich in Noordwijk in Richtung Strand bewegt (wo will man auch sonst hin), kommt an diesem Bild nicht vorbei: Apartmenthausblocks der 1960er und 1970er Jahre beherrschen die Stadt. Vor lauter Großbauten übersieht man fast das eigentliche Zentrum, einen 1962 angelegten Platz (Vuurtorenplein), eingefasst von eingeschossigen Ladenzeilen. Auf einer Postkarte aus der Bauzeit steht in der Mitte die Brunnenfigur „Janus“ des Künstlers Joop van Kralingen von 1964, wie sie bis heute vor Ort zu finden ist.

Zwischen dem Leuchtturmplatz und dem alten Zentrum wird der Parallel-Boulevard gesäumt von mehrgeschossigen Bauten der 1970er bis 1990er Jahre. Eine Häuserzeile weiter verläuft der Koningin-Wilhelmina-Boulevard. In dieser Strandpromenade mischen sich Überbleibsel der Vorkriegszeit mit Zeugen der Nachkriegsmoderne und Neo-Historismen. Schon in den späten 1970er Jahren regte sich vor Ort – vergebens – Kritik an den Betonburgen, die inzwischen selbst wieder unter großen Veränderungsdruck geraten. Am Strand thront bis heute auf der höchsten Düne das 1885 begründete „Huis ter Duin“, das im Laufe der Jahrzehnte immer wieder erweitert wurde und damit die prägenden Stile der Tourismusarchitektur von Noordwijk in einem Ensemble zusammenfasst. Wer die teils plattenbauartige Struktur mit „billig“ gleichsetzt, der irrt: Die Anlage umfasst ein Fünf-Sterne-Hotel mit Luxus-Apartments – eine 130-Quadratmeter-Ferienwohnung wird dort für rund 2,5 Millionen Euro angeboten. (24.3.21)

Noordwijk aan Zee, Apartmentbauten nahe dem Vuurtorenplein, 1963 (Bilder: links: historische Postkarte, wohl 1960er Jahre; rechts: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Apartmentbauten nahe dem Vuurtorenplein, 1963 (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Hotel- und Apartmentanlage „Huis ter Duin“, 1885 begründet und immer wieder erweitert (Bilder: links: historische Postkarte; rechts: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Hotel- und Apartmentanlage „Huis ter Duin“ (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, links: Apartmentanlagen am Koningin-Wilhelmina-Boulevard (Bilder: links: historische Postkarte, um 1980; links: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, vergleichbare Apartmentanlage am Parallel-Boulevard (benachbart zum Koningin-Wilhelmina-Boulevard), 1978 (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee (Bild: historische Postkarte)

Noordwijk aan Zee, Tourismusarchitektur („Blaue Gans“) (Bild: historische Postkarte)

Noordwijk aan Zee (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Apartmentbauten nahe dem Vuurtorenplein, 1963 (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee (Bild: historische Postkarte)

Noordwijk aan Zee, Tourismusarchitektur (Bild: historische Postkarte)

Noordwijk aan Zee (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Apartmentbauten nahe dem Vuurtorenplein, 1963 (Bild: Lothar Hammer, 2020)

Noordwijk aan Zee, Leuchtturm, 1921, und Tourismusbauten am Vuurtorenplein, 1962/63 (Bilder: links: historische Postkarte; rechts: Lothar Hammer, 2020)

Titelmotiv: Noordwijk aan Zee, Vuurtorenplein (Bild: historische Postkarte, 1960er Jahre)

Leopold Messmer – ein Nachruf

Ja, er habe in Karlsruhe studiert. Und nein, nicht bei Egon Eiermann. Bei dem habe er Anfang der 1960er kurz gearbeitet. In Berlin, beim Bau der Neuen Gedächtniskirche! Als Karin Berkemann und ich Leopold Messmer im Sommer 2017 in seiner Wohnung in Villingen interviewten, war dies einer der größten Aha-Momente. Und von denen gab es bei der Recherche zu unserer Ausstellung märklinMODERNE wahrhaft reichlich. Der gebürtige Furtwanger hat unser Thema – die Vorbildarchitektur von Modellbahnhäuschen – praktisch erfunden. Und das nicht einmal mit Vorsatz: Messmer war von 1954/55 bis Ende der 1980er Firmenarchitekt des Modellbahnzubehör-Produzenten Faller in Gütenbach. Aus seiner Feder stammen die beiden Firmenhochhäuser im Ort, zudem das Rathaus, die Erweiterung der Hanhart-Uhrenfabrik und die Privatvillen der Firmengründer Edwin und Hermann Faller. Dessen Haus, 1961 fertiggestellt, war die „Villa im Tessin“.

Faller-Modell "Villa im Tessin" (Foto: Hagen Stier)

Faller-Modell B 271 „Villa im Tessin“ (Foto: Hagen Stier)

Okay, es war nicht die echte Villa im Tessin: Die haben die Brüder Alberto und Aldo Guscetti ein paar Jahre zuvor wirklich dort – in Ambri nahe des Gotthard-Massivs – gebaut. Herrmann Faller, auf dem Weg in den Urlaub dieses Meisterwerks ansichtig, wünschte sich auch solch ein Haus. Und so entstand in Deutschland ein hinreißender Zitate-Bau, im Hochschwarzwald in einen steilen Hang hineingesetzt. Er war gemeinsam mit der Schweizer Villa sogleich Vorbild für den Bausatz „B-271 Villa im Tessin“, den der Faller-Modellbauer Oswald Scherzinger (1929-2018) konstruierte. Hunderttausendfach wurde das Spielzeug ab 1961 produziert, der geflügelte Begriff der „Villa im Tessin“ (der Klaus Staeck zu seinem Plakat inspirierte) dürfte damals wohl – bewusst oder unbewusst – durch das mondäne Plastikhäuschen im Maßstab 1:87 entstanden sein. Auch die Faller-Fabrik fand im Hochhausbausatz B-905 einen kleinen Wiedergänger, und noch heute finden sich in Gütenbach etliche reale Gebäude, die stark an die Modellbahn-Kreationen von Faller aus den 1960ern erinnern: Messmer-Entwürfe allesamt.

Das Vorbild zum Faller-Modell "Hochhaus": das Faller-Hochhaus (1959/63, Leopold Messmer) in Gütenbach im Schwarzwald (Copyright: Hagen Stier)

Vorbild des Faller-Modells B-905 „Hochhaus“: die Faller-Fabrik (1959/63, Leopold Messmer) in Gütenbach im Schwarzwald (Foto: Hagen Stier)

Mit den Faller-Brüdern verband Leopold Messmer eine Freundschaft, im Lauf seiner Karriere baute er aber für viele, besaß in den 1980ern zeitweilig das größte Architekturbüro im Kreis Furtwangen. Gelernt hatte er zunächst Zimmermann bei seinem Vater, dann Maurer. Nach dem Krieg folgte die Architekten-Ausbildung am damaligen Staatstechnikum Karlsruhe (heute Hochschule Karlsruhe) und schon 1954 der Start mit dem eigenen Büro. Dies leitet seit 1994 sein Sohn Poldi Messmer, aus der Architektur hat sich Leopold Messmer erst 2010 ganz zurückgezogen. So detailfreudig wie in den Jahren um 1960 sollten seine späteren Gebäude nie mehr sein, doch auch die deutlich nüchterneren Projekte wie die Firmenzentrale der SSS.Siedle ohg oder der Hauptbau der Rehaklinik Katharinenhöhe zeugen von sorgsamer Planung und absolut sicherem Umgang mit Proportionen. Oder anders gesagt: Auch diese Häuser hätten auf einer Modellbahn stehen können. Dorthin schaffen es nur die besten Bauten, nicht unbedingt die spektakulärsten. Bereits am 30. November 2020 ist Leopold Messmer im Alter von 92 Jahren gestorben, wir haben es erst jetzt erfahren. Und sind dankbar, dass wir von ihm noch so viel über die wunderbar verrückte Geschichte der „Villa im Tessin“ erfahren durften. Dem vielleicht schönsten Modellbahn-Häuschen aller Zeiten. (db, 22.3.21)

Furtwangen 2017: Leopold Messmer signiert Villen-Bausätze

Leopold Messmer 2017 (Bild: Daniel Bartetzko)