Unterbodenschutz für die moderne Metropole

von Ralf Liptau

Nach Berlin geht es für den Denkmalschutz nun auch in München abwärts. Und das mal im durchaus positiven Sinne: Wie die Süddeutsche Zeitung vermeldet – und das noch vor dem 1. April – stehen ab sofort fünf U-Bahnhöfe der sog. Olympialinie in Schwabing unter Schutz. Wegen ihrer künstlerischen und historischen Bedeutung hat das zuständige Landesamt die Stationen entlang der U3 gelistet. 1972 waren sie pünktlich zur Eröffnung der XX. Olympischen Spiele der Neuzeit ans Netz gegangen. Ihre Besonderheit: Geplant vom U-Bahnreferat der Stadt München unter Leitung des Architekten Garabede Chahbasian, zeugen sie bis heute von dem Willen, das durch Olympia befeuerte, neue, fröhliche Selbstbild der Landeshauptstadt auch unterirdisch in Szene zu setzen. So unterscheiden sich die mit aufwändigen Sichtbetongestaltungen, handwerklich hergestellten Wandverkleidungen und durch Kunst am Bau zusätzlich aufgewerteten Stationen wesentlich von den kurz zuvor errichteten Stationen etwa der U6.

Die U-Bahn als fossiler Fund: Kunst am Bau von Waki Zöllner im Münchener U-Bahnhof Scheidplatz aus dem Jahr 1971 (Bild: Fred Romero, CC BY 2.0, 2017)

Denkmalpflege geht unter die Erde

Gute Nachrichten also für München und die dortige Denkmalliste – doch der eigentliche Witz dieser jüngsten Unterschutzstellungen geht über die bayerische Landeshauptstadt hinaus. Die Eintragungen verstärken einen Trend, einen Erkennens- und Erkenntnisprozess, der inzwischen in vielen deutschen U-Bahn-Städten eingesetzt hat. Die Erweiterung oder Neuerrichtung eines U-Bahnnetzes ist in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend gewesen für das Selbstverständnis sämtlicher Großstädte, die sich als moderne Metropolen begriffen. Mögen im Einzelnen und vor Ort auch je leicht abweichende Beweggründe zum U-Bahnbau geführt haben, ist die Gleichzeitigkeit dennoch frappierend: West-Berlin hat sein bestehendes Netz ab den 1950er Jahren erheblich ausgebaut, ebenso Hamburg ab den frühen 1960ern. München und Nürnberg haben ab den späten 1960ern geplant und seit den frühen 1970ern gebaut.

Gleiches gilt für Systeme, die im engeren – technischen – Sinne keine U-Bahnsysteme sind, bei denen weite Streckenabschnitte in der Nachkriegszeit dennoch unterirdisch angelegt worden sind und daher die Planung unterirdischer Stationen erforderlich gemacht haben. Beispiele hierfür sind Stuttgart (ab 1966), Köln, Frankfurt/Main (beide ab 1968), Bonn (ab 1975) und Bochum (ab 1979). Seither täglich eher beiläufig genutzt und wenig beachtet, ist der U-Bahn(hofs)bau als genuin nachkriegsmoderne Bauaufgabe und potentieller Denkmalbestand erst seit Kurzem ins Blickfeld geraten.

Sicherlich auch ein Kandidat für die lokale Denkmallist: Der gleichermaßen großzügig wie dynamisch gestaltete U-Bahnhof Nürnberg Hauptbahnhof, eröffnet 1978 (Bild: Silesia 711, CC BY SA 4.0, 2016)

Berlin, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt

Angestoßen durch die Berliner „Initiative Kerberos“ sind auf dem Gebiet des ehemaligen West-Berlin seit 2016 insgesamt 23 U-Bahnstationen der 1950er bis 1980er Jahre in die Denkmalliste eingetragen worden. Die Unterschutzstellung der wenigen Ost-Berliner Stationen aus den späten 1970ern und 1980ern, bei denen es sich um die einzigen in der DDR errichteten U-Bahnhöfe handelt, wird durch das Berliner Landesdenkmalamt derzeit noch geprüft.

Auch das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland prüft derzeit die Unterschutzstellung von unterirdischen Stadtbahnstationen in Bonn. Auf einer internationalen Tagung zum U-Bahnbau der Nachkriegszeit, die die ‚Initiative Kerberos‘ Anfang 2019 gemeinsam mit ICOMOS Deutschland und dem Landesdenkmalamt Berlin durchgeführt hat, sind auch Unterschutzstellungen für Hamburg, Stuttgart und Frankfurt/Main gefordert worden. Auch in Nürnberg, Köln und Bochum gibt es noch einiges zu entdecken.

Berlin, U-Bahnhof "Tiergarten" (Bild: youtube-Still)

Der 1973 eröffnete Berliner Bahnhof Tierpark ist der einzige unterirdische U-Bahnhof, der in der DDR errichtet wurde. Im Jahr 2000 spielte er eine Hauptrolle in Paul van Dyks Video zu „We are alive“. Heute wartet er auf seine Eintragung als Denkmal (Bild: youtube-Still)

Urbanes Selbstverständnis

Der Trend geht also zum Baudenkmal im Untergrund. Zur Einsicht, dass das Selbstverständnis der jeweiligen modernen Großstadt in den 1950er bis 1980er Jahren wesentlich im Untergrund verhandelt worden ist und nicht zuletzt deshalb zu einer enormen Bandbreite gestalterischer Lösungen geführt hat. Das heutige Selbstverständnis der Städte zeigt sich – nicht zuletzt – daran, wie sie mit diesem historischen Zeugnis umzugehen in der Lage sind. (2.4.20)

Titelmotiv: Kohle, Kumpel und Kadett: Das 1980 entstandende Mosaik von Leo Janischowsky über einem Treppenabgang im Bochumer U-Bahnhof Hauptbahnhof zeugt vom damaligen Selbstverständnis der Stadt (Bild: Clic, CC BY SA 4.0, 2019)

Villa Poelzig: „Prinzip der Freizügigkeit“

„Diese Wohnung spiegelt das europäische Ich“, so die Zeitschrift „Innen-Dekoration“ 1931, „in seiner Autonomie, in seiner freien Verfügung über seine Kräfte.“ Wenn die Sprache blumiger ausfällt als das Sofamuster, ist man als Leser des 21. Jahrunderts zunächst skeptisch. Doch tatsächlich, die 1930 nach Plänen von Marlene Moeschke-Poelzig gestaltete Berliner Villa zeigt auf den Schwarz-Weiß-Bildern aus der Bauzeit eine große Klarheit. Im Wohnbereich fanden sich, wie die „Innen-Dekoration“ schwärmte, Möbel in schwarz-rotem Schleiflack und Vorhänge aus Rohseide. Das Kinderschlafzimmer war in zarten Pastelltönen (Weiß, (Hell-)Blau, Rosa) gehalten. Mit großen Frei- und Fensterflächen sowie einer großzügigen Gartengestaltung (u. a. von Hermann Mattern) waren Innen- und Außenraum eng aufeinander bezogen.

Nach dem Tod des Architekten Hans Poelzig, Mann und Mitbewohner der entwerfenden Architektin der Villa, kaufte der Regisseur Veit Harlan die Immobilie 1936. Wahrscheinlich wurde hier der Film „Jud Süß“ geschnitten, der im neu eingerichteten Kinoraum die private Uraufführung erlebte. Aktuell steht der Bau in der Berliner Tannenbergallee 28 kurz vor dem Abriss. Das Landesdenkmalamt entschied sich Anfang der 1990er – wegen diverser, zuletzt 1954 erfolgter Umbauten (Satteldächer) – gegen eine Unterschutzstellung. Da hilft auch die Gedenktafel der Stadt Berlin am Zugang zum Haus nichts, vielleicht noch eine aktuell laufende Online-Petition. Am 29. März diesen Jahres jedenfalls, als Uli Borgert die hier gezeigten Farbaufnahmen fertigte, stand die Villa Poelzig noch. (kb, 30.3.20)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)

Bilder: historische Abbildungen: Außenaufnahmen/Grundrisse aus Wasmuths Monatsheft 14, 1930, 10 (s. u.), Innenraufnamen aus Bauwelt 21, 1930, 34 (s. u.); aktuelle Fotografien von Uli Borgert, Berlin. Abbildungen der Bauzeit zur Gartengestaltung finden sich online beim Architekturmuseum der TU Berlin.

Literatur

Overberg, R., Haus Professor Poelzig in Berlin-Westend. Erbaut von Marlene Poelzig, Berlin, in: Bauwelt 21, 1930, 34, S. 1-8.

Schürer, Oskar, Haus Poelzig in Berlin-Westend. Erbaut von Marlene Poelzig, in: Innen-Dekoration 42, September 1931, S. 314-322.

Strizic, Zdenko von, Das Haus des Architekten. Architekt: Marlene Poelzig, in: Wasmuths Monatshefte für Baukunst und Städtebau, 14, 1930, 10, S. 461-466.

„Das ist die falsche Frage“ – Interview mit Philip Ost

Er steckt hinter Namen wie „Biblio-Philo“ oder „German Post-War Modern“: Philip Ost, geboren im westfälischen Münster, sammelt online die schönsten Bücher und Bilder zur Architekturmoderne. Nach seiner BWL- und Management-Ausbildung in den Niederlanden wandte er sich 2014 seinem Herzensthema zu. An der Universität Münster studiert er seitdem Kunstgeschichte, Geschichte und Niederlandistik. moderneREGIONAL fragte ihn, virtuell von Home-Office zu Home-Office, was ihn wirklich umtreibt.

Gronau, Rathaus (Bild: Philip Ost)

moderneREGIONAL: Mit dem Online-Format „German Post-War Modern“ präsentieren Sie seit 2014 die Highlights deutscher Architekturmoderne. Welche Bauten wählen Sie dafür aus?

Philip Ost: Den Leser erwarten mehr als „nur“ die bekannten Höhepunkte. Viel mehr versuche ich, gerade auch regionale und wenig bekannte Beispiele vorzustellen und so die gesamte Breite der reichen Baugeschichte der Moderne in Deutschland vorzustellen. Auch abseits der Großstädte und Ballungszentren finden sich hervorragende Bauten und für diesen Bestand möchte ich begeistern. Ich flechte aber auch immer wieder mal Beispiele aus unseren Nachbarländern Österreich, Schweiz und insbesondere den Niederlanden ein. Denn auch dort gibt es viel zu entdecken!

mR: Wie kamen Sie auf das 20. Jahrhundert?

PO: Bereits zu Schulzeiten habe ich mich für die architektonische Moderne, insbesondere für die großen Namen wie Le Corbusier, Mies van der Rohe, Walter Gropius etc., aber auch für die kalifornische Moderne um Richard Neutra und Co. begeistert. Mit der Zeit wurde für mich aber auch die moderne Architektur vor der Haustür interessant und somit die deutschen Vertreter der Moderne und Nachkriegsmoderne. Dabei musste ich allerdings feststellen, dass Architektenbiographien, Gebäude und Baugeschichten sehr viel schwieriger zu recherchieren waren. Auch Literatur zu Bauten und Architekten war nicht so einfach in der örtlichen Bibliothek einsehbar, was wiederum Ausgangspunkt für meine stetig wachsende Architekturbibliothek war.

Lünen, Geschwister-Scholl-Gesamtschule (Bild: Philip Ost)

mR: Auf Instagram zeigen Sie ganz pur die Cover und evtl. noch etwas vom Innenleben der Bücher. Kommen Sie selbst mit dem Lesen überhaupt noch hinterher?

PO: Zum Glück, ich habe wenige Hobbys neben Lesen, Architektur und Kunst.

mR: Und was machen Sie sonst noch, wenn Sie offline sind?

PO: Wenn ich nicht gerade lese, bin ich sehr gerne mit meiner Frau unterwegs, um Gebäude zu fotografieren oder Museen zu besuchen. Darüber hinaus höre ich gerne allerlei Musik und spiele Bass.

mR: Sind Sie nicht eigentlich zu jung für Facebook? Oder, andersherum gefragt: Welches Medium erreicht wen am besten?

PO: Auch wenn sich Facebook mittlerweile zum sozialen Netzwerk der „Älteren“ entwickelt zu haben scheint, ist es dennoch eine relevante Plattform, um über Gruppen (z. B. Brutalismus im Rheinland) und Seiten mit Gleichgesinnten in Kontakt und Austausch zu treten. Ich würde die Online-Formate mittlerweile aber weniger aufgrund irgendwelcher Alterskohorten unterscheiden als vielmehr über die Qualität des Austauschs. Während Instagram vor allem von den visuellen Impressionen lebt, ist Facebook für mich vor allem für den Austausch rund um die Architekturmoderne und deren Erhalt interessant.

mR: Was hat sie an den Reaktionen Ihrer Leser am meisten überrascht?

PO: Das globale Interesse an der Architektur insbesondere der Nachkriegsmoderne in Deutschland – Follower aus der ganzen Welt sind erstaunlich gut informiert über einzelne Architekten, Bauten, Strömungen etc. Ich hätte nie gedacht, dass die Nachkriegsarchitektur in Deutschland so breit wahrgenommen und geschätzt wird.

Leben in der Stadt von morgen (Marian Engels, 2007) (Bild: Filmstill)

mR: Haben Sie zum Schluss noch einen analogen Tipp?

PO: Puh, das ist eigentlich die falsche Frage für einen bibliophilen Vielleser. Aber ein Buch, das ich sowohl aufgrund seines geschichtlichen Gehalts als auch seines Unterhaltungsfaktors unbedingt empfehlen kann, ist „Der Wachsmann-Report – Auskünfte eines Architekten“ von Michael Grüning. Eine hochspannende Oral History der Architektur- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ähnlich unterhaltsam und lehrreich ist Marian Engels wunderschöner Dokumentarfilm über das Berliner Hansaviertel: „Leben in der Stadt von morgen“ von 2007. Der Regisseur dokumentiert nicht nur die famose Architektur, die zur Interbau 1957 entstand, sondern auch die Bewohner, jung und alt, sowie ihren Alltag in und ihren Umgang mit der hochkarätigen Baukunst.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (28.3.20).