Kunst im Vorbeigehen

Wer heute durch die Große Scharrnstraße in Frankfurt (Oder) spaziert, kann ein eindrückliches Zusammenspiel von Kunst, Architektur und Städtebau aus DDR-Zeiten entdecken. Ende der 1980er Jahre wurde die Straße zur ersten Fußgängerzone der Stadt nachverdichtet. Unter der Leitung des Stadtarchitekten Dr. Manfred Vogler sollte ein belebtes Zentrum entstehen. Dabei wurde zahlreichen Künstler:innen die Möglichkeit gegeben, dem Prestigeprojekt individuelle Kunstwerke beizusteuern. Wenngleich die Flaniermeile in der Nachwendezeit von Leerstand geprägt war, blieben die Kunstwerke bis heute bestehen. Die Wohnungsbaugenossenschaft Frankfurt (Oder) eG möchte der Straße nun neues Leben einhauchen, eine Sanierung ist im Gange.

Die Ausstellung “Um Kunst eine Platte machen” ist Teil dieser Wiederbelebung der Großen Scharrnstraße. Studierende der Europa-Universität Viadrina am Lehrstuhl für Denkmalkunde beleuchten die Bedeutung der Kunstwerke für den öffentlichen Raum. Anhand von Interviews mit Zeitzeugen werden die individuellen Biografien der Künstler:innen mit der Umbruchzeit der letzten DDR Jahre in Relation gebracht. Begleitet wird die Ausstellung von der Internetseite “Kunst im Vorbeigehen”, die ein eindrückliches und umfassendes Bild vom Wandel der Großen Scharrnstraße sowie von den Künstler:innen und ihren Werken malt. Die Ausstellung kann noch bis zum 18. Dezember in der Großen Scharrnstraße besucht werden. (re, 24.9.21)

ProPeller und die Reko-Debatte

In Wahlkampfzeiten sind gute Wortspiele selten, aber bei ProPeller, streng genommen ProPellerhaus, ist drin, was draufsteht: Hier kümmert sich eine Initiative um die Wertschätzung der nachkriegsmodernen Form des Wiederaufbaus in Nürnberg, speziell um das Pellerhauses. Dabei handelt es sich um den 1957 fertiggestellten Archiv- und Bibliotheksbau von Fritz und Walter Mayer, besser bekannt als Wiederaufbau des Pellerhauses (Jakob Wolff der Ältere, 1605). Dessen kriegszerstörte Renaissancegestalt wurde nicht, wie in Nürnberg an anderer Stelle geübt, in historischer Anmutung wiederhergestellt, sondern eine eigenständige moderne Interpretation gefunden. Diese erhielt inzwischen den Rang als Denkmal nationaler Bedeutung. Bis 2012 diente der Bau als Stadtbücherei, aktuell ist die Sanierung und Nutzung als „Haus des Spiels“ beantragt und in Vorbereitung. Andere Ideen verfolgen Rekonstruktionsfreund:innen, die bereits eine Wiederherstellung des Innenhofs realisieren konnten.

Da weitreichendere Renaissance-Rückbauten für das Peller-Haus nun vom Tisch sind, richtet sich der Blick der aktuell auf das freiliegende Nachbargrundstück. Hier soll für das Haus des Spiels das notwendige Treppenhaus angefügt werden, der Rest könnte etwa als „Pocket-Park“ als Grünfläche dem Quartier zugutekommen. Diese Chance solle man doch lieber ergreifen, so die Rekonstruktivist:innen, um gleich das ganz ehemals angrenzende Haus (das sogenannte Schwarze Pellerhaus) in seiner Renaissance-Gestalt wiederherzustellen. In der Veranstaltung „Zukunft Egidienberg“ soll jene Frage am 27. September 2021 ab 18.30 Uhr in Nürnberg in der Aula Johannes-Scharrer-Gymnasium (Tetzelgasse 20 90403 Nürnberg) öffentlich diskutiert werden (zu den genauen Teilnahmebedingungen bitte online informieren und am besten online vorher anmelden). Die Veranstalterin, die Initiative ProPellerhaus, versteht den Termin auch als „Faktencheck“ für das am 4. Oktober 2021 von der Stadt Nürnberg geplante öffentliche Hearing in der Egidienkirche zum Thema. Es diskutieren vor und mit dem Publikum Karin Berkemann (Kunsthistorikerin, moderneREGIONAL) und Ira Mazzoni (freie Journalistin). (db, 24.9.21)

Nürnberg, Pellerhaus, 2018 (Bild: Jawodae, CC BY SA 4.0)

Nürnberg, Pellerhaus, oben 2004 vor der Renaissance-Rekonstruktion (Bild: keichwa, GFDL oder CC BY SA 3.0) unten 2018 bei/nach der Wiederherstellung des Innenhofs (Bild: Jawodae, CC BY SA 4.0)

Schleyerhalle ein Auslaufmodell?

Die größte Mehrzweckhalle Baden-Württembergs ist in die Jahre gekommen – was auch damit zu tun hat, dass der technische Anspruch an diese Gebäudegattung sich in den vergangenen Jahren vervielfacht hat. Ebenso die Brandschutzanforderungen, ein beliebtes Totschlagargument, wenn es um Abriss oder Sanierung geht. Jedenfalls ist die 1983 eröffnete Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart mittlerweile nicht mehr sehr beliebt bei Veranstaltern: Zu niedrig (Helene Fischer konnte ihre Akrobatikeinlage im Konzert nicht aufführen …), schlechte Akustik, veraltete Logistik und, und, und. Seit einer Modernisierung 2006 wurde nichts Wesentliches mehr ersetzt. Jetzt soll eine Machbarkeitsstudie bis Ende des Jahres erweisen, wie es weitergeht. Sanierung oder Abriss samt Neubau an gleicher Stelle heißen die Optionen. Die Tendenz in Richtung Abriss ist schon jetzt vernehmbar. Eigentlich sei die Halle eine überdachte Radrennbahn, sagte etwa Andres Kroll, Geschäftsführer der Veranstaltungsgesellschaft in Stuttgart, einer städtischen Tochterfirma, die die Halle betreibt. Doch selbst bei Sportveranstaltungen gebe es Probleme: Die bei Events mittlerweile üblichen Videowürfel ließen sich nicht anbringen, weil sie den Zuschauern auf den Rängen die Sicht nähmen, zudem gebe es insgesamt zu wenig Sitzplätze – doch immer häufiger würden Konzerte bestuhlt.

Mit einer Entscheidung über die Zukunft der Halle rechnet Kroll nicht vor Mitte kommenden Jahres. Vor der Fußball-EM 2024 werde sich aber sicher nichts tun, denn es müsse einen Architektenwettbewerb geben, Sponsoren, einen Namensgeber und eine Finanzierungszusage der Stadt. Allerdings sorge eine attraktive Halle auch für Wertschöpfung in der Stadt. Hotels, Gastronomie und Einzelhandel würden profitieren. Der Punkt Namensgeber ist dabei interessant: Der Neubau würde kaum mehr nach dem von der Roten Armee Fraktion (RAF) ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer benannt werden, der immer wieder als Namensgeber wegen seiner Vergangenheit als Nazi-Funktionär und Mitglied der SS in der Kritik stand. Die Linksfraktion im Stuttgarter Gemeinderat hatte deshalb bereits 2019 eine Umbenennung der Halle gefordert. Mit dem Abriss hätte sich das Thema definitiv erledigt – ob nun elegant oder nicht. Gebaut wurde die spätmoderne Schleyerhale 1980-83 nach Plänen der Architekten Siegel, Wonneberg und Partner, das noch heute aktive Nachfolgebüro asp hat die Modernisierung 2007/2008 geleitet. (db, 23.9.21)

Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle (Bild: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0)