Spießig ist das neue modern

Während der Brutalismus eine späte Ehrenrettung in den populäreren Medien findet, während das Bauhaus bis zur Übersättigung durchfeiert, hat sich im Windschatten der akzeptierten Moderne eine andere Spielart des 20. Jahrhunderts zurückgemeldet: die Idylle. Streng genommen war sie nie weg, aber wir hatten sie in die Nische der plakativen Ironie abgedrängt. Der röhrende Hirsch war salonfähig, solange er zusammen mit mauve-farbenen Schaffellen und einer kupfergetönten Designerlampe auftrat. Neu ist die unverhohlene Freude, mit der in den Sozialen Medien die Schnappschüsse von Gartenzäunen, Hauseingängen und Ladeneinrichtungen der 1950er und frühen 1960er Jahre geteilt werden. Abseits des reduzierten Designs der großen Stilikonen hat die geranientaugliche Moderne neue Freunde gefunden.

Eigentlich musste es so kommen. So aufgeräumt wie die Moderne in den letzten Monaten museal inszeniert wird, fand sie nur in den Vorzeigebunglows einer kleinen Geschmackselite statt. Und das wohl auch nur, wenn der Fotograf fürs Fachmagazin vorbeischaute. Der gemeine Endverbraucher lebte pragmatisch mit dem neuen Design. Mit Zierdeckchen und Mixed-Pickles-Etagere würde es schon gehen. Was für die 1968er-Generation tausendjährigen Muff verströmte, hat inzwischen den Grad der Unschuld wiedererlangt. Und je energischer wir die undogmatische, manchmal kitschig daherkommende Alltagsmoderne zugunsten eines aufgebügelten Bauhaus-Stils weggentrifizieren, desto kostbarer werden die letzen Spuren der einstigen Idylle.

Die wahre Avantgarde liegt genau dort, wo bei den meisten die Geschmackssperre einsetzt: Auf Berliner Flohmärkten wird, so berichten es zumindest sammelwütige Freunde, der Arcoroc-Octime-Teller der 1990er Jahre inzwischen zu hohen Preisen gehandelt. Schwarz, achteckig und unkaputtbar hatte sich diese eigenwillige Geschirrform gefühlt gerade erst aus den Wohnzimmervitrinen in die ostdeutschen Nachwendeimbissbuden zurückgezogen. Vielleicht kündigt sich hier auch die lange beschworene Renaissance der postmodernen Baukunst an. In jedem Fall sucht die neue Lust an der idyllischen Moderne nach dem echten Leben jenseits der Hochglanzmagazine, nach dem menschlichen Maß in Architektur und Design. Und damit unterscheidet sie sich wohltuend von nostalgisch verbräunten Rekonstruktionsträumen. (15.7.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Berlin, Hansaviertel, Niemeyerhaus (Bild: Kurt Weinland (Vater), CC BY SA 3.0, 1957)

Eine Stadt packt ihre Häuser und Bäume

Wer Schweden und Umzug in einem Atemzug hört, denkt meistens an den blau-gelben Möbelhausgiganten. Die Einwohner der nördlichsten Stadt des Landes, Kiruna haben wohl weniger farbenfrohe Assoziationen. Dort geht es ums Schwarze, genauer gesagt um das Erz das sich unter der 20.000 Einwohnergemeinde befindet. Da man genau unter dem Zentrum Kirunas große Vorräte des wertvollen Rohstoffs vermutete, wurde vor 15 Jahren der „Umzug“ der kompletten Stadt beschlossen. Die Erzförderung würde das Bewohnen durch Bergschäden unmöglich machen. Doch bisher regte sich wenig Widerstand gegen die Umsiedlung, immerhin verdankt der Ort seine Existenz den Erzvorkommen und das staatliche Bergbauunternehmen LKAB ist mit Abstand der größte Arbeitgeber.

Stück für Stück verschwindet das Gewohnte. Das Rathaus aus den 1960er Jahren musste schon weichen. Demnächst wird auch die 1912 eingeweihte Holzkirche auseinandergenommen und an anderer Stelle wiederaufgebaut. Sie gilt als Wahrzeichen und hat es bereits auf schwedische Briefmarken geschafft. Dass die Einwohner doch nicht ganz ohne Wehmut weiterziehen, zeigt der Wunsch, selbst die Friedhofsbäume samt Wurzeln umsetzen zu lassen. Zumal nach neuesten Untersuchungen doch nicht soviel Erz unter Kiruna vorhanden ist, wie anfänglich angenommen. Wäre die „Stadterneuerung“ also zu verhindern gewesen? Der Konzernchef erteilt diesem Gedanken eine Absage: Der Prozess laufe bereits. (jm, 15.7.19)

Kiruna (Bild: Bengt A./Riksantikvarieämbetet, CC BY 2.5, 2006)

Stuttgart: Zurück auf Bauhaus?

Vor knapp einer Woche, am 9. Juli hat sich in Stuttgart ein Verein gegründet, der für die Brenzkirche die Zeit zurückdrehen will. Zurück auf das Jahr 1933, als der Gottesdienstraum nach Entwürfen des Architekten Alfred Daiber nahe der Weißenhofsiedlung im Stil des Neuen Bauens eingeweiht worden war. Aus einem Quader mit Rundungen und Dachreiter machte Rudolf Lempp 1938 – im Sinne der nationalsozialistischen Bauvorschriften – einen gradlinigen Anblick mit „deutschem“ Satteldach auf Schiff und Turm. Der Wiederaufbau nach Kriegszerstörungen, ebenfalls unter Lempp, fügte 1947 weitere Veränderungen vor allem im Innenraum hinzu. 1983 kam die Brenzkirche unter Denkmalschutz.

Seit einigen Jahren wird über eine Rückführung auf die Gestaltung von 1933 diskutiert, verbunden mit einer zeitgenössischen und nutzungsfreundlichen Neuinterpretation des Innenraums. Eine Debatte, die durch das Bauhausjubiläum und die Internationale Bauausstellung, die 2027 in Stuttgart stattfinden soll, aktuell weiter befeuert wird: Genießt die Fassung von 1938/47 Bestands- und Denkmalschutz gegenüber der Ursprungsidee von 1933? Würde ein Rückbau gar die Veränderungen der NS-Zeit geschichtsklitternd unsichtbar machen? Karl-Eugen Fischer, Pfarrer der Brenzkirche, hingegen erklärt gegenüber den „Stuttgarter Nachrichten“: Lempp habe aus dem Bau „eine hässliche Dorfkirche“ gemacht. Dem wolle die Gemeinde – inhaltlich wie baulich – in den kommenden Jahren ein modernes, an den demokratischen Grundsätzen der Bauhaus-Zeit orientiertes Kirchenbild entgegensetzen. (kb, 13.7.19)

Titelmotiv: Stuttgart, Brenzkirche, um 1933 (Bild: historische Postkarte)

Le Corbusier wieder offen für alle(s)

Am Ostufer des Züricher Sees wurde 1967 der letzte Entwurf des Architekten Le Corbusier (1887-1965) umgesetzt: keinen Beton-Kubus, sondern ein Gesamtkunstwerk aus Stahl, Glas und Farbe. Unter dem plastisch aufgefalteten Dach sind die Museumsräume als eigenständiger Baukörper eingefügt. Das Projekt wurde durch die Initiative der Innenarchitektin Heidi Weber ermöglicht, die in den Räumen Wechselausstellungen zu Le Corbusier plante. Das farbenfrohe Gesamtkunstwerk beherbergte so lange das Heidi-Weber-Museum mit Werken des Stararchitekten. Nach Unstimmigkeiten zwischen der Besitzerin Heidi Weber und der Stadt Zürich wurde das Centre Le Corbusier ab Juli 2014 kurzzeitig regelmäßig für Besucher geöffnet, bis das Haus 2015 – der Baurechtsvertrag lief nach 50 Jahren aus – zurück an die Stadt fiel.

Nun ist das Letztwerk des Großmeisters als Pavillon Le Corbusier wieder für die Öffentlichkeit zugänglich – betrieben unter der Ägide des Züricher Museums für Gestaltung, frisch renoviert unter den Architekten Silvio Schmed und Arthur Rüegg. Bis zum 17. November 2019 kann hier die Ausstellung „Mon univers. Le Corbusiers Welt der Objekte“ besucht werden. Kuratiert von Arthur Rüegg und Christian Brändle, widmet sich die Präsentation – von der Meeresschnecke bis zur Keramik aus dem Balkan – der Sammelleidenschaft des Architekten. (kb, 13.7.19)

Zürich, Pavillon Le Corbusier (Bild: Roland zh)

Hochbunker

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre hat sich der Fotograf Boris Becker (*1961) mit dem Thema Bunker auseinandergesetzt – es entstand eine Werkreihe, die in diesem Jahr erstmals unter dem Titel „Hochbunker“ als Teil einer umfassenderen Werkschau in Köln zu sehen sein wird. Für die Ausstellung hat der Künstler sein Archiv gesichtet und aus gegenwärtiger Perspektive neu aufgegriffen. Fotografien aus 45 deutschen Städten nehmen eine doppelte Perspektive ein: den Blick zurück auf die Bedrohungen des Zweiten Weltkriegs und ein Blick nach vorn in die Nachnutzungen der ehemals mitlitärischen Anlagen.

Als seine Werkreihe „Hochbunker“ entstand, studierte Boris Becker an der Kunstakademie Düsseldorf bei Bernd Becher. Diese Tradition weiterführend, dokumentierte er nicht allein die Architektur, sondern auch ihre Intention. Im Fall der Bunker ging es ihm um die Kunst der Täuschung, sollten die Schutzräume doch zu ihrer Erbauungszeit für Außenstehende nicht als solche erkennbar sein. In Köln werden jüngere farbige Großformate zu historischen oder architektonischen Themen ergänzt. Begleitend zur Ausstellung, die vom 6. September 2019 bis zum 9. Februar 2020 in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur (Im Mediapark 7, 50670 Köln) zu sehen ist, erscheint eine Publikation im Snoeck-Verlag. Die Vernissage wird am 5. September um 19 Uhr gefeiert. (kb, 12.7.19)

Boris Becker, Hochbunker, Bremen, Hardenbergstraße, 1987 (Bild: © Boris Becker, VG Bild-Kunst, Bonn, 2019)

24 aus 2.548

Nach Verhandlungen mit dem Druckereibesitzer Ernst Litfaß erlaubte der Berliner Polizeipräsident – auch als Zeichen gegen die um sich greifende Wildplakatierung – 1854 1854 das Aufstellen von „Annoncier-Säulen“ – die Litfaßsäule war geboren. Im frühen 20. Jahrhundert wurden sie noch vereinzelt aus Blech gefertigt, vor dem Zweiten Weltkrieg kam bereits verstärkt Beton zum Einsatz. In den letzten Monaten hat sich der Bestand an diesen pittoresken Werbeträgern gelichtet. Das für die Pflege zuständige Unternehmen hat eine Ausschreibung des Senats verloren. Mit dem Ergebnis, dass rund 2500 Exemplare fallen müssen.

Vor diesem Hintergrund hat das Landesdenkmalamt Berlin, wie die Stadt via Pressemeldung bekanntgibt, die amtlich gezählten 2.548 Litfaßsäulen auf ihren Denkmalwert hin überprüft. 24 davon „genießen Denkmalschutz und bleiben als Zeugnisse der Berliner Stadtgeschichte“ erhalten, teilt Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut mit. Die Kulturdenkmäler finden sich in Charlottenburg-Wilmersdorf (6), Kreuzberg-Friedrichshain (5), Mitte (4), Pankow (3), Reinickendorf (3), Steglitz-Zehlendorf (2) und Treptow-Köpenick (1) – manchmal gehören sie zu denkmalgeschützten Siedlungen, Wohnprojekten oder Gartendenkmalen, manchmal handelt es sich um ehemalige Transformatorensäulen. Die vermutlich älteste der werbetragenden Denkmäler, eine Blechsäule aus der Zeit um 1900, steht am Hackeschen Markt. Die jüngste, ein historisierender Nachbau von 1987, gehört zum Nikolaiviertels in Berlin-Mitte. (kb, 11.7.19)

Berlin, U-Bahnhof „Altstadt Spandau“ (Bild: Ingolf, CC BY 2.0, 2013)