Im Netz zu Kammerer

Am 25. Februar 2022 wäre Hans Kammerer 100 Jahre alt geworden. Eine von Studierenden der Universität Stuttgart zu diesem Anlass realisierte digitale Ausstellung zeigt beispielhafte Projekte aus dem Werksverzeichnis von Kammerer + Belz und Partner (ab 1982 Kammerer + Belz, Kucher und Partner) und erinnert an sein Werk, das in besonderem Bezug zur Stuttgarter Architekturlehre und dem Gesicht der Stadt Stuttgart steht. Ergänzt wird die studentische Auseinandersetzung mit dem Werk Hans Kammerers durch Planmaterial und Originalaufnahmen des Büros. Teilweise gerät dies zum Wiedersehen, denn einige der Bauten sind mittlerweile schon wieder Geschichte, so etwa die ehemalige EnBW-Zentrale und die Calwer Passage. Andere wie das Schullandheim Mönchhof stehen hingegen bereits unter Denkmalschutz.

Das umfassende Werkverzeichnis aus der 40-Jährigen Berufstätigkeit von Hans Kammerer weistt zahlreiche unterschiedliche Bauaufgaben auf. Es sind die öffentlichen Bauten an prägnanten Plätzen der Stuttgarter Innenstadt, die eindrücklich den Bezug zwischen Architektur und Stadtraum vermitteln. Ein Stadtspaziergang entlang bedeutender Bauten der Architekten Kammerer + Belz und Partner und seinem langjährigen Wirkungsort, dem Kollegiengebäude 1, der Universität Stuttgart, begleitet die digitale Ausstellung. Weitere Kapitel der Online-Schau widmen sich der Lehre – Hans Kammerer lehrte von 1951 bis 1987 an der TH Stuttgart – und den Reisen, die ihn bis nach Burkina Faso führten. (db, 26.1.22)

Stuttgart, GENO-Haus (Bild: Silesia711, CC BY-SA 4.0)

St. Hildegard vor dem Verkauf

Die Qualität der Kirche St. Hildegard, 1929 nach Plänen von Albert Boßlet (1880–1957) errichtet, dürfte außer Frage stehen. Für das saarländischen St. Ingbert schuf der Architekt einen hochaufragenden Kirchenbau, der nach außen Backsteinoberflächen zeigt. Im Inneren hingegen herrschen betonsichtige Tragstrukturen vor, die an den Bergbau der Region erinnern sollen. Auch stilistisch mischen sich in St. Hildegard scheinbar widerstreitende Strömungen wie Expressionismus und Neogotik, Moderne und heimatverbundene Elemente. Der Bau steht unter Denkmalschutz und gehört zu den auserkorenen Kirchen der “Straße der Moderne”. Zur Ausstattung trugen Künstler bei wie klangvolle Namen wie Felix Baumhauer, Willi Hahn, Franz Mayrhofer und August Weckbecker.

Schon 2021 wurde über die Zukunft von St. Hildegard diskutiert, denn im März stellte die Pfarrei Heiliger Ingobertus vier ihrer acht Kirchen zur Disposition. Die Kommune zeigte sich bereit, St. Hildegard zu kaufen und für eine öffentlichen multifunktionalen Nutzung herzurichten. Ein erstes unverbindliches Rendering zeigte einen hell-weißen Raum mit heller flexibler Bestuhlung, auf dem Stufenberg des Altarraums ein Flügel. Die benachbarte Ludwigschule, die zum Bildungscampus ausgebaut werden soll, könnte diese Raumreserven z. B. als Aula nutzen. Nicht alle waren von den Planungen begeistert, so mahnte im Dezember 2021 der örtliche Heimat- und Verkehrsverein an, durch die neue Funktion nicht den ursprünglichen Charakter des Bauwerks zu verunklären. Zudem protestieren Gemeindeglieder, da sie fürchten, das Gesicht ihrer Kirche nicht mehr wiederzuerkennen. Dem steht auf der Ebene der Kirchenleitung die Argumentation entgegen, dass die bevorstehenden Sanierungskosten von der Gemeinde nicht mehr zu schultern seien. Nun wird es für St. Hildegard langsam konkret: Vor wenigen Tagen schickte die Gemeinde ihr Pastoralkonzept ans Bistum, am 30. Januar soll diese Frage in der Pfarrversammlung diskutiert und ggf. beschlossen werden. (kb, 25.1.22)

St. Ingbert, St. Hildegard (Bild: Fotoman2012, CC BY SA 3.0, 2012)

St. Ingbert, St. Hildegard (Bild: Fotoman2012, CC BY SA 3.0, 2012)

Titelmotiv: St. Ingbert, St. Hildegard (Bild: atreyu, CC BY SA 3.0, 2012)

Roaring Twentytwenties?

Bereits zum 14. Mal laden der LWL und der BDA Münster-Münsterland gemeinsam zur Vortragsreihe Architektur im Kontext ein. Zugegeben, um die Nachkriegsmoderne geht es eher mittelbar, doch sie ist definitiv Teil des Gesprächs, vielleicht Teil des problems. vielleicht Teil der Lösungen. Denn diesmal startet die Reihe mit einer Podiumsrunde über die grundsätzlichen und aktuellen Herausforderungen einer qualitätvollen, sozial- und klimagerechten Architektur: “Die neuen 20er Jahre – Wie weiter bauen”? Ausschnitte aus jüngsten Filmproduktionen, in denen die eingeladenen Protagonisten mit wichtigen Projekten und Positionen vorgestellt werden, flankieren die Diskussion. An den Folgeabenden schließen sich vier Werkvorträge an – jeweils montags um 19 Uhr im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster.

Grundidee der Werkvortragsreihe Architektur im Kontext ist die Reflexion und Vermittlung der vielfältigen Aspekte des kontextbezogenen Bauens. Die Werkpräsentationen werden dabei insbesondere den städtebaulichen Lösungsansatz sowie die historische Bezugnahme auf die vorgefundene Situation aufzeigen, darüber hinaus aber auch eine gesellschaftlich-kulturelle Verortung der gewählten baulichen Lösung vornehmen. Die Teilnahme ist kostenfrei. Für die Veranstaltung gilt die aktuelle Corona-Schutzverordnung. Die Begrüßung erfolgt durch Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger (LWL-Kulturdezernentin) und Martin Behet (Vorstand BDA Münster-Münsterland). Auf dem Podium sprechen Prof. Jörg Leeser (PBSA Düsseldorf und BeL Sozietät für Architektur, Köln), Prof. Uwe Schröder (RWTH Aachen/Uwe Schröder Architektur, Bonn); Martin Behet (Vorstand BDA Münster-Münsterland), Stefan Rethfeld (LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen). Die Veranstaltung wird moderiert von David Kasparek (Journalist und Architekturvermittler, Bonn). (db, 24.1.22)

Frankfurt, Evangelische Akademie (Bild: Christoph Kraneburg, CC BY-SA 4.0)