Noch ein Buch

Schon in der ersten Phase, in der die Baukunst der DDR wiederentdeckt wurde, spielte ein Buch eine entscheidende Rolle. Unter dem Titel „Denkmal Ost-Moderne“, der zum ebenso gebräuchlichen wie umstrittenen Stilbegriff werden sollte, hatte Mark Escherich 2012 fachkundige Aufsätze rund um diese Epoche versammelt. Nun hat sich, neun Jahre später, die Wüstenrot Stiftung des Themas angenommen. Wieder sind viele der erkenntnistreibenden Autor:innen von „damals“ vertreten. Unter den Mitwirkenden finden sich, nach einem Konzept des Architekturhistorikers und Projektleiters Roman Hillmann, weitere 14 Spezialist:innen: Michael Bräuer, Berthold Burkhardt, Andreas Butter, Harald Engler, Mark Escherich, Ulrich Hartung, Sebastian Hettchen, Thomas Hoscislawski, Wolfram Jäger, Hans-Rudolf Meier, Volker Mund, Martin Petsch, Lars Scharnholz und Bernhard Sterra.

Das Ziel der Publikation ist umfassend: „Gestaltung, Konstruktion, Denkmalpflege“. Damit spannt sich der Bogen vom bautechnik- und architekturgeschichtlichen Überblick bis hin zu Fragen der Erhaltung. Dies bleibt nicht reine Theorie, denn im Rahmen seines denkmalpflegerischen Programms förderte die Wüstenrot Stiftung in einem Forschungsprojekt ab 2010 ganz konkret die exemplarische Konservierung von DDR-Bauten. Die Erkenntnisse aus diesen Maßnahmen sollen nun, nicht zuletzt durch die hiermit vorgelegte Dokumentation, auch anderen Objekten zugutekommen. Im Buchtitel wählte man nun als Überbegriff nicht mehr die „Ostmoderne“, sondern setzt das Bauen jener Jahre vielmehr in Beziehung zum damaligen Staatsnamen – eben „moderne Architektur der DDR“. (kb, 18.4.21)

Hillmann, Roman (Bearb.), Moderne Architektur der DDR. Gestaltung, Konstruktion, Denkmalpflege, hg. von der Wüstenrot Stiftung, Leipzig 2021, 324 Seiten, zahlreiche Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen, Softcover, 24 x 28 cm, ISBN: 9783959054690.

Berlin, Staatsratsgebäude (Bild: © Axel Mauruszat, via Wüstenrot Stiftung)

Rams und die Zukunft

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat uns der Industriedesigner Dieter Rams eingerichtet. Der „Aufräumer der Nation“ entwarf mehr als 350 Produkte für die Unternehmen Braun und Vitsoe, die bis heute Tag für Tag von vielen Menschen im Alltag benutzt werden und nach wie vor einen großen Einfluss auf jüngere Designer:innen haben. Natürlich lebt Rams selbst mit und in seinen Entwürfen: Auch das Haus, in dem er mit seiner Frau Ingeborg lebt, ist ein Entwurf von ihm. Am Konzept der Siedlung „Roter Hang“ in Kronberg wirkte er mit. Dabei interessiert sich Dieter Rams nicht nur für die eigentliche Form der Gebrauchsgegenstände, sondern dachte in Vorträgen und Publikationen stets auch über die Bedeutung von Produkten für den Menschen und die Gesellschaft nach – auch 2014 im moderneREGIONAL-Gespräch mit Karin Berkemann.

In einer Zeit, in der die Schonung von Ressourcen und der Schutz der Umwelt zu zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen geworden sind, ist Rams Wirken hochaktuell. Schon in den 1970ern plädierte er dafür, Dinge so zu gestalten, dass sie lange Nutzungszyklen ermöglichen. Was heute als „Ästhetik des Gebrauchs“ diskutiert wird, praktizierte er mit seinen Teams schon vor vielen Jahrzehnten: „Gutes Design ist umweltfreundlich. Das Design leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Umwelt. Es bezieht die Schonung der Ressourcen ebenso wie die Minimierung von physischer und visueller Verschmutzung in die Produktgestaltung ein.“ (Zehn Thesen zum Design, 1995). Wie soll also unsere Welt zukünftig gestaltet werden, damit sie überleben kann? Dieter und Ingeborg Rams selbst wollen, kuratiert von Dr. Klaus Klemp, Antwort geben: Anhand von ausgesuchten Objekten sowie Fotografien, Reproduktionen und Texten bietet die Ausstellung „Ein Blick zurück und voraus“ Aufschluss. Seit 16. April ist sie im Frankfurter museum angewandte kunst (MAK) zu sehen. Natürlich aufgrund der Corona-Krise nur theoretisch bzw. virtuell. Die Schau ist indes bis 16. August geplant, es besteht also berechtigte Hoffnung, sie auch noch leibhaftig erleben zu können! (db, 17.4.21)

Frankfurt, Vitsoe-Showroom um 1970 (Bild: Ingeborg Rams; Dieter und Ingeborg Rams Stiftung)

München: Der Toaster hat ausgedient

Das Klinikum Großhadern in München wurde 1977 nach Plänen der Architekten Schwethelm, Schlempp und Eichberg fertiggestellt. War bis dato noch jede Fachklinik in einem eigenen Gebäude untergebracht, wurde Großhadern als zentralistisch organisierte Krankenhausmaschine entworfen. Das Herzstück der Klinik bildet das 13-geschossige Bettenhaus mit dem Spitznamen „Toaster“. Über 20 Jahre betrug die Bauzeit für das seinerzeit größte Bauvorhaben des Freistaats. Rund 40 Jahre später soll der Komplex nun abgerissen werden.

Die Entscheidung des Planungswettbewerbs für einen Neubau fiel im Februar auf die Architektengemeinschaft HENN, C. F. Møller und Sinai. In mehreren Abschnitten sollen die Bestandsgebäude sechs neuen Klinikzentren weichen. Die Großstruktur wird demnach wieder in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt, was der zeitgemäßen Typologie eines Krankenhauses entspricht. Mit der Fertigstellung des neuen Megaprojekts wird erst Ende der 2040er Jahre gerechnet. Folglich fragt man sich, ob nach diesem beträchtlichen Zeitraum die Konzeption des Neubaus nicht schon wieder veraltet sein wird – damit könnte der Neubau demselben Schicksal erliegen wird wie heute der „Toaster“. (re, 16.4.21)

München-Großhadern, Klinikum (Bild: Kingofears, GFDL. oder CC BY SA 3.0, 2010)