Tel Aviv hoch drei

Heute ist es endlich so weit: Am Ende des Bauhaus-Jahres wird in Tel Aviv das Besucherzentrum der „Weißen Stadt“ im Liebighaus eröffnet. Das Haus wurde 1936 vom Architekten Dorv Karmi für die Eheleute Tony und Max Liebling gestaltet. Künftig werden hier für Besucher hilfreiche Informationen und Touren rund um die 400 Häuser im Stil des Neuen Bauens angeboten. Wer jetzt nicht ganz so weit fahren möchte, dem sei die Ausstellung „All About Tel Aviv-Jaffa. Die Erfindung einer Stadt“ empfohlen, die noch bis zum 6. Oktober 2019 ist im Jüdischen Museum Hohenems zu sehen ist. Hier beleuchtet der in Tel Aviv geborene Fotografen Peter Loewy kritisch das erfolgreiche City Branding als stylische tolerante Party-Metropole.

Als Vorgeschmack auf die nächste Tel-Aviv-Reise ist jetzt druckfrisch bei Dom Publishers der entsprechende Architekturführer erschienen. Das Buch wird heute um 19.30 Uhr in Tel Aviv im Max-Liebling-Haus (Idelson Street 29, Tel Aviv) vorgestellt. Sharon Golan Yaron, die Programmdirektorin des Hauses, erschließt darin die 100 wichtigsten Bauten der Weißen Stadt in vier Touren. (kb, 19.9.19)

Sharon Golan Yaron, Die Weiße Stadt und ihre Bauten der Moderne, Dom Publishers, Berlin 2019, 13 4 × 24,5 cm, 264 Seiten, 250 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-86922-268-4 (deutsch), ISBN 978-3-86922-252-3 (englisch).

Jüdisches Museum Hohenems, Ausstellung „All About Tel Aviv-Jaffa“ (Bild: Dietmar Walser)

Typisch Julius Posener!

Gibt es eine größere Ehre? Der Doyen der Architekturkritik nennt einen Doyen der Architekturkritik den Doyen der Architekturkritik. Manfred Sack, langjähriger Architekturkritiker der Zeit, sah in Julius Posener einen Lehrer: „In Wahrheit sind alle Bücher Julius Poseners Vorlesungen, viel besser: erzählte Baugeschichte in Gestalt von Essays. Man möchte ihn mit Egon Friedell vergleichen und ihn einen großen Feuilletonisten nennen: Er hat eine Art zu schreiben, die Neugier weckt und mit Vergnügen lehrt.“ Eigentlich war Julius Posener (1904-1996) studierter Architekt, lernte bei Hans Poelzig und arbeitete in den 1930ern im Büro von Erich Mendelsohn. Auch Lehrer war er tatsächlich: 1961-1971 hatte er den Lehrstuhl für Baugeschichte an der Berliner Hochschule für Bildende Künste inne. Doch vor allem war Julius Posener ein begnadeter Architektur-Erklärer. Seine schönste Hinterlassenschaft sei die Sprache, schreibt die Autorin Katrin Voermanek.

Die Posener-Kennerin zeichnet in ihrem gerade im Jovis-Verlag erschienenen Buch „Typisch Posener“ nach, wie der Architekturkritiker und -aktivist in seinem Kampf für das bauliche Erbe vorging und wie er seine Kritik an Neubauten vorbrachte. Es entstanden kurze Erzählungen, etwa über das Künstlerhaus Bethanien, das Babylon-Kino und über zwei Villen von Hermann Muthesius. Das just unter Denkmalschutz gestellte ICC (1979) mochte Julius Posener übrigens nicht besonders – auch das kommt in diesem lehrreichen (sic!) Band vor. (db, 18.9.19)

Moderne Verwaltung?

Nach 1945 musste das kriegszerstörte Deutschland nicht nur wiederaufgebaut, sondern dieser Wiederaufbau auch verwaltet werden. Das Problem: Gerade die als typisch deutsch geltende hocheffektive Verwaltung hatte sich kurz zuvor auch unter den Nationalsozialisten als verdächtig anpassungsfähig erwiesen. Zugleich ließen sich nicht alle Funktionen ad hoc mit neuen „unverdächtigen“ Fachleuten besetzen. So ist es kein Geheimnis, dass die Verwaltung – west- wie ostdeutsch – lange noch braun durchzogen war. Die Verwaltungsbauten der ersten Nachkriegszeit sollten nach außen sowohl vertrauenswürdige Kontinuität als auch eine transparente demokratische Grundhaltung ausstrahlen.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die Historikerin Dorothea Steffen in ihre Publikation „Tradierte Institutionen, moderne Gebäude“ mit der Verwaltung und der dazugehörigen Architektur. Entsprechend beleuchtet sie den Neu-Aufbau von Strukturen, (Selbst-)Bildern, Institutionen und Gebäuden der Verwaltung in der jungen Bundesrepublik in den frühen 1950er Jahren. Die fächerübergreifende Studie untersucht erstmals, ob und wie Institution und Neubau als Teil des Gemeinwesens öffentlich thematisiert und aufeinander bezogen wurden. (kb, 11.9.19)

Steffen, Dorothea, Tradierte Institutionen, moderne Gebäude. Verwaltung und Verwaltungsbauten der Bundesrepublik in den frühen 1950er Jahren, transcript-Verlag, Bielefeld 2019, 266 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4613-9.

Titelmotiv: „Tradierte Institutionen, moderne Gebäude“ (Bild: Buchcover, transcript-Verlag, Detail)