Bücher

Düsseldorf, Theodor-Heuss-Brücke, 2016 (Bild: joschi71, CC BY SA 4.0)

Bauingenieure im Fokus

Monographien über Architekten gibt es wie Sand am Meer. Egal, ob es sich um klassische Werkverzeichnisse handelt, kritische Biographien oder kunsthistorische Stilanalysen: der Baumeister als Protagonist ist sowohl in Forschungs- als auch Populärliteratur etabliert. Dort, wo seine Arbeit aufhört, schweigen jedoch meist auch die Bücher: Die Tätigkeit von Bauingenieuren ist nach wie vor ein Spezialthema, ihre Namen sind dem breiten Publikum nur in Ausnahmefällen bekannt. In diese Lücke stößt das jüngst erschienene Buch „Die geheime Welt der Bauwerke“ von Roma Agrawal.

Die Autorin, selbst Physikerin und Bauingenieurin, liefert einen umfassenden Einblick in die Welt der Pioniere von Statik und Konstruktion, die auch die gewagtesten Bauten ermöglichen – oder im schlimmsten Fall für ihren Einsturz verantwortlich zeichnen. Anhand bedeutender Bauwerke von der Antike bis zur Gegenwart beleuchtet das Buch die innovative Arbeit von Menschen, deren Name meist hinter dem ungleich bekannteren Baumeister zurücksteht oder gänzlich unbekannt ist. Es bietet einen handfesten Anreiz, das zu ändern. (jr, 14.9.18)

Agrawal, Roma, Die geheime Welt der Bauwerke. Übersetzt aus dem Englischen von Ursula Held, Hanser Verlag, München 2018, ISBN 978-3-446-26030-6.

Düsseldorf, Theodor-Heuss-Brücke, 2016 (Bild: joschi71, CC BY SA 4.0)

Scharoun, Hochhäuser Romeo und Julia, Stuttgart (Bild: pjt, CC by SA 3.0)

Stuttgart: 130 Jahre Häuslebau

Schaffe, schaffe, Häusle baue – dass dieses schwäbische Motto kein reines Klischee ist und durchaus mit guter Architektur vwerbunden werden kann, zeigt die jüngst erschienene Monografie „WohnOrte²“. Das Buch versammelt 90 Projekte aus 130 Jahren Wohnbaugeschichte in Stuttgart. Es knüpft damit an den 2002 / 2004 erschienenen Vorgänger „WohnOrte“ an. Anlass für die Fortsetzung sind  das 90-jährige Jubiläum der Weißenhofsiedlung im Jahr 2017, die Aufnahme von Le Corbusiers Beitrag in die Welterbe-Liste der UNESCO 2016 sowie die Überlegungen zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Stadt-Region Stuttgart, die für das Jahr 2027 geplant ist.

Prominentester Vertreter des Stuttgarter Wohnungsbaus ist natürlich die legendäre Weißenhofsiedlung, die auch das Cover des Buches ziert. 1927 realisierten hier Architekten aus aller Welt Prototypen für den Wohnungsbau der Zukunft realisierten. Doch auch andere Projekte zeugen von der Vielseitigkeit der Stuttgarter Wohnarchitektur, so zum Beispiel das Eisenbahnerdörfle, die Wohntürme Romeo und Julia von Hans Scharoun oder die Fasanenhofsiedlung. (jr, 27.8.18)

Simon-Philipp, Christina (Hg.), WohnOrte². 90 Wohnquartiere in Stuttgart von 1890 bis 2017. Entwicklungen und Perspektiven, Karl Krämer Verlag Stuttgart 2017, ISBN 978-3-7828-1325-9.

Scharoun, Hochhäuser Romeo und Julia, Stuttgart (Bild: pjt, CC BY SA 3.0)

Bonner Republik (Bild: Transcript)

Neues zur Bonner Republik

Während in der DDR das vorgeblich bessere Deutschland propagiert wurde und nach offizieller Lesart alle Nazis 1945 in den Westen geflohen waren, ließen sich die Geister der Vergangenheit der jungen Bundesrepublik nicht so einfach austreiben. Zwar gab es auch hier Verdrängungsstrategien wie das Konstrukt der Stunde Null oder das der kollektiven Unwissenheit. Bald setzte jedoch gerade in Intellektuellen- und Künstlerkreisen eine Aufarbeitung der Vergangenheit ein, während gleichzeitig in Wirtschaft und Politik personelle Kontinuitäten zur NS-Zeit gang und gebe waren. Ein jüngst erschienener Sammelband widmet sich diesen komplexen ersten Jahren der Bonner Republik.

Das Buch erscheint zu einer Zeit, in dem die historische Epoche in Abgrenzung zu Gegenwart oder Vergangenheit oft einseitig idealisiert wird. Die Beiträge prüfen diese Erinnerungskultur mit Blick auf Politik, Kunst, Kultur und Gesellschaft der Adenauerjahre auf Tragfähigkeit. Sie bieten dabei einen soliden Überblick über aktuelle Forschungsdiskurse und -perspektiven. Der Band beschränkt sich auf die Jahre 1945-1963 und bildet den Auftakt einer dreiteiligen Reihe. (jr, 16.8.18)
Cepl-Kaufmann, Gertrude/Grande, Jasmin/Rosar, Ulrich/Wiener, Jürgen (Hg.), Die Bonner Republik 1945–1963. Die Gründungsphase und die Adenauer-Ära. Geschichte – Forschung – Diskurs, transcript, Bielefeld 2018, ISBN 978-3-8376-4218-6.

Titelmotiv: Buchcover, Detail (Bild: transcript Verlag)

Emmanuil Evzerikhin, Kundgebung mit Lokomotive,1937 (Bild: © Courtesy: private collection)

Station Russia

Die transsibirische Eisenbahn ist wohl die berühmteste Zugverbindung der Welt. Unzählige Legenden ranken sich um die Trasse von Moskau nach Vladivostok, die Ernennung zum Weltkulturerbe wäre keine Überraschung. So ist es nur konsequent, dass Russland seinen Pavillon bei der Architekturbiennale 2018 ganz dem Thema Eisenbahn widmet. Der jüngst erschienene Begleitband beleuchtet die vielschichtige Geschichte der russischen Schiene.

Wenngleich der Bau der Transsib auf die Zarenzeit zurückging, hatte die Eisenbahn doch gerade in der Sowjetunion einen besonderen Stellenwert. Das Land besaß ein eigenes Eisenbahnministerium, der Bau der Baikal-Amur-Magistrale diente der KPdSU bis in Breschnews Tage als propagandistischer Dauerbrenner. Die gemischtgeschlechtlichen Liegewagen, in denen man sich für die oft tagelangen Reisen häuslich einrichtete, brachten schließlich das Prinzip der Kommunalka auf die Schiene. Eisenbahnenthusiasten haben noch bis zum 25. November die Chance, die ganze Welt der russischen Eisenbahn auf der Architekturbiennale zu erleben. Gibt es eigentlich eine Direktverbindung von Moskau nach Venedig …? (jr, 7.8.18)

Kundgebung in der UdSSR, 1937 (Bild: Emmanuil Evzerikhin, © Courtesy: private collection)

Molok, Nikolai, Station Russia, Gestaltung von Andrey Shelyutto und Irina Chekmareva, Englisch od. Russisch, Cantz Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-7757-4458-4.

Hans Scharoun - Bauten und Projekte (Bild: Birkhäuser-Verlag, Basel))

Der komplette Scharoun

Was Sie schon immer über Hans Scharoun wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten – diese Publikation könnte Antwort geben. Nicht weniger als das Gesamtwerk des Baumeisters dokumentiert die just erschienene Monografie „Hans Scharoun  – Bauten und Projekte“ von Carsten Krohn. „Bauen ist Sinndeutung des Lebens“ formulierte Scharoun seine Arbeitsauffassung: Bauen als lebensbegleitender, schöpferischer Vorgang bei dem es um die Realisierung einer sichtbaren, menschlichen Ordnung ging. Mit seiner Position des organischen Bauens unterscheidet er sich von anderen Protagonisten des Neuen Bauens wie Mies van der Rohe oder Walter Gropius. Scharoun entwickelte Projekte aus ihrem städtebaulichen und landschaftlichen Kontext. Architektur sah er als Disziplin des sozialen Engagements, organisches Formen als Mitteilung einer Weltsicht.

Dass der Weg Scharouns zur organischen Architektur bei Weitem nicht linear verlief, schildert Carsten Krohn: Er ergründet dessen Position als einen Findungsprozess, indem die Entwicklung Bau für Bau nachgezeichnet wird. Die in Zusammenarbeit mit dem Baukunstarchiv der Akademie der Künste Berlin entstandene Publikation dokumentiert sämtliche realisierten Bauten in chronologischer Reihenfolge. Und zeigt dabei auch bislang wenig Beachtetes wie etwa die Berliner AOK-Zentrale am Mehringplatz sowie einen detaillierten Blick auf Scharouns Frühwerk in Ostpreußen. (db, 2.8.18)

Krohn, Carsten, Hans Scharoun – Bauten und Projekte, 208 Seiten, 75 Abbildungen, gebundene Ausgabe, Deutsch; Verlag Birkhäuser, Basel (2018), ISBN 978-3-0356-0679-9