Brokers of Modernity – Mitteleuropas Aufbruch

Nach dem Ersten Weltkrieg stand die Welt Kopf. Die bestehenden Verhältnisse wurden über Bord geworfen und nicht Weniges entstand neu: Kunst, Kultur, Architektur und in Mitteleuropa sogar die ganze Landkarte. Durch den Zerfall der großen Hegemonialmächte bildeten sich von Polen bis Litauen unzählige neue Staaten. Die Zeit kannte nur eine Richtung: Vorwärts! So ist es nicht verwunderlich, dass diese Länder die aufkeimende die Moderne mit offenen Armen empfingen. Der internationale Geist der Bewegung legitimierte die eigene Emanzipation aus den zuvor unterdrückenden Strukturen. 

Martin Kohlrausch skizziert in seiner Schrift „Brokers of Modernity East Central Europe and the Rise of Modernist Architects, 1910-1950“ den Aufstieg und Fall der Moderne in dieser Region. Für viele Protagonisten bedeutete der Begriff vielmehr als reine Raumproduktion. Das Ideal des Neuen Menschen erforderte eine radikale Revision der bisherigen Lebensweise. Im späteren Verlauf der europäischen Geschichte, geprägt durch weitere Radikalisierung aus allen Richtungen, sollten einige dafür bezahlen müssen. Dieses spannende Kapitel Architekturgeschichte ist als freies ebook hier zu lesen – oder klassisch als Paperback zu erwerben. (jm, 21.12.19)

Titlmotiv: Buchcover, Detail

Wohnmaschinen

Für unter den moderneaffinen Weihnachtsbaum ist vorgesorgt, denn im Jovis-Verlag widmet sich eine neue Publikation der guten alten Wohnmaschine: Le Corbusiers Unité d’habitation „Typ Berlin“ enstand 1958 nahe dem Olympiastadion. Was ursprünglich wie die Wohnmaschine in Marseille aussehen sollte, geriet in der Hauptstadt – dank rigider Vorgaben der Auftraggeber – zum eigenständigen Bauwerk. Dieser „Typ Berlin“ nimmt eine „Außenseiterposition“ im Werk des Architekten ein.

Vor diesem Hintergrund haben sich Autoren aus Architektur, Stadtplanung, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft zusammengetan, um die Entstehungsgeschichte des Kulturdenkmals zu entschlüsseln. Hierfür wird die Entwicklung der klassischen Wohnmaschine von Marseille nachgezeichnet und die besondere Farbgebung ihrer kleinen Berliner Schwester näher untersucht. (kb, 15.12.19)

Högner, Bärbel (Hg.), Le Corbusier: Unité d’habitation „Typ Berlin“, Jovis-Verlag, Berlin 2019, Klappenbroschur, 17 x 24 cm, ca. 256 Seiten, ca. 180 Farbabbildungen, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86859-563-5.

Berlin, Corbusierhaus (Bild: Jean-Pierre Dalbéra, CC BY 2.0)

City Nord – Modellstadt der Moderne

Die Hamburger „City Nord“ begleitet uns bei moderneREGIONAL (leider) schon seit geraumer Zeit: Neben der ehemaligen BP-Zentrale (1971) 2015 fiel auch die brutalistische Postpyramide (1977) 2017/18 dem Abriss zum Opfer. Dennoch steht die ab 1964 nach einem Konzept von Werner Hebebrand errichtete „Bürostadt im Grünen“ als Ensemble seit 2013 unter Schutz. Etliche Bauten sind auch Einzeldenkmale – darunter die EDEKA-Zentrale (1972-74, Siegfried Wolske und Peter Erler) und das berühmte Vattenfall-Gebäude (1966-69, Arne Jacobsen). Die meisten Großbauten waren Konzernzentralen, der Erwerb der Grundstücke damals an die Auslobung von Architekturwettbewerben gebunden. Entsprechend entstanden in der Regel Solitäre von hoher gestalterischer Qualität, die oft auch innovative Bürokonzepte verfolgten.

Damit war es höchste Zeit, dieser „Modelstadt der Moderne“ auch publizistisch wieder näherzukommen. Eine Lücke, die sich jetzt im Verlag Dölling & Galitz schließt. Das Buch, das vor zehn Jahren erstmals erschien, beschreibt die stadtplanerischen Hintergründe zur Idee und Entstehung. Preisgekrönte Solitäre namhafter Architekten wie Arne Jacobsen lassen die City Nord als Freilichtbühne der Architektur erscheinen. Die Zeit fordert Veränderungen, die Neuauflage des Buches ist darum wesentlich erweitert. (kb, 12.12.19)

Soggia, Sylvia, City Nord – Europas Modellstadt der Moderne, mit Fotografien von Thomas Duffé, hg. von der GIG City Nord GmbH, 312 Seiten, ca. 400 Abbildungen, Hardcover mit Fadenheftung, 28 x 24 cm, ISBN 978-3-86218-125-4.