Facing Britain

Schon 1961 und 1967 hatte das United Kongdom, zunächst vergeblich, sein Beitrittsgesuch zur Europäische Wirtschaftsgemeinschaft eingereicht. Zwischen 1973 und 2020 gehörte Großbritannien dann offiziell zur Europäischen Gemeinschaft, doch schon immer lag zwischen England und dem Kontinent mehr als nur der Ärmelkanal. Mit der Ausstellung „Facing Britain“, einer Präsentation britischer Dokumentarfotografie seit den 1960er Jahren, wagt die Kunsthalle Darmstadt einen umfassenden Blick auf dieses Wechselspiel von Nähe und Distanz. Vermittelt durch über 250 Werke von fast 50 britischen Fotograf:innen können sich die Besucher:innen ein eigenes Bild von Geschichte und Gegenwart des Inselstaats machen.

Unter den gezeigten Werken finden sich bislang kaum bekannte Namen wie John Myers, Tish Murtha oder Peter Mitchell neben Starfotograf:innen wie Martin Parr und David Hurn. Kuratiert wurde die Ausstellung vom Filmemacher Ralph Goertz vom Düsseldorfer Institut für Kunstdokumentation und Szenografie (IKS). Er zeigt darin ein Land zwischen absurdem Humor, pittoresker Kleinbürgerlichkeit und (post-)kolonialem Multikulti. Die Wanderausstellung war bereits im Museum Goch zu sehen, weitere Stationen sind in Goslar und Krakau vorgesehen. Begleitend erscheint ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König. Die Ausstellung ist in der Kunsthalle Darmstadt noch bis zum 9. Januar 2022 zu sehen. (kb, 20.9.21)

Peter Mitchell, Mr & Mrs Hudson, Leeds, 1974, © Peter Mitchell

Peter Mitchell, Mr & Mrs Hudson, Leeds, 1974 (Bild: © Peter Mitchell)

Paul Reas, I can help, 1988, © Paul Reas

Paul Reas, I can help, 1988 (Bild: © Paul Reas)

Homer Sykes, An alfresco picnic Derby Horse Race Epsom Downs, Surrey 1970, © Homer Syke

Homer Sykes, An alfresco picnic Derby Horse Race Epsom Downs, Surrey 1970 (Bild: © Homer Syke)

Dave Sinclair, Black Copper, London, 1985, © Dave Sinclair

Dave Sinclair, Black Copper, London, 1985 (Bild: © Dave Sinclair)

Titelmotiv: Martin Parr, from „The Last Resort“, New Brighton, 1983-85 (Bild: © Martin Parr, Magnum Photos)

Kirchenbau im Bistum Hildesheim

Die Liturgie bestimmt den Kirchenbau, so eine seit Jahrzehnten zwischen Architekt:innen und Theolog:innen diskutierte These der Moderne. In einer neuen Publikation folgt Roland Baule, Theologe und Leiter des Fachbereichs Liturgie im Bischöflichen Generalvikariat in Hildesheim, eben diesem Leitsatz. Anhand der Kirchenlandschaft seines Bistums beleuchtet er die praktischen Konsequenzen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dabei stellt er die prägenden Verlautbarungen aus Rom und der Diözese ebenso in den Mittelpunkt wie zeitgeschichtliche Marken. Denn gerade in diesem Bistumsgebiet mussten zahlreiche Flüchtlinge katholischen Glaubens in der Diaspora mit Räumen versorgt werden.

Baule fragt nach dem damals wirksamen Kirchen- und Gemeindeverständnis, indem er sich zwei konkreten Beispielen widmet: Ahrbergen bei Hildesheim mit dem Neubau St. Maria, Mutter der Kirche (1968, Eberhard Kleffner, Turm 1978) und die Braunschweiger Weststadt mit dem neuen Gemeindezentrum St. Cyriakus (1973, Bernhard Schneemann/Günther Schniepp). Dabei will der Autor nicht allein eine Quellensammlung, eine theologie- und zeitgeschichtliche Studie liefern, sondern ebenso Empfehlungen für künftige Kirchen(um)bauten ableiten. Hier darf sich das Bistum Hildesheim weiterhin auf stürmische Zeiten gefasst machen, denn (so das erklärte Ziel der Diözese) man will sich mittelfristig von der Hälfte der Immobilien trennen – ein großer Teil davon wird die Diasporakirchen der (nach)konziliaren Zeit betreffen. (kb, 18.9.21)

Baule, Roland, Kirchenbau und gottesdienstliches Leben in Kirchengemeinden des Bistums Hildesheim. Ein Beitrag zur Erforschung der ortskirchlichen Rezeption der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (Quellen und Studien zur Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim 14), Schnell und Steiner, Regensburg 2020, 44 Schwarz-Weiß-Abbildungen, Hardcover, 592 Seiten, 17 x 24 cm, ISBN: 978-3-7954-3587-5.

Titelmotiv: Wolfsburg, St. Joseph, 1957, Peter Koller, 2015/16 abgegeben an ChristusBrüderGemeinde (Bild: Kirchenfan, CC0 1.0, 2015)

Lesebuch Städtebau

Ein Lesebuch mit über 40 Texten zum Städtebau aus den vergangenen 100 Jahren: Für den Grundlagen-Band „Stadt und Planung“ , Herausgegeben von Heidede Becker (1943-2020) und Johann Jessen bei DOM publishers, haben Mitglieder der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) Texte ausgewählt und kommentiert, denen sie für ihr Fachverständnis oder ihre Berufspraxis eine besondere Bedeutung zumessen. Anlass für die Textsammlung ist das 100-jährige Bestehen der DASL. Die Auswahl ist nicht als Lesekanon gedacht, vielmehr entfaltet sich in diesem Tableau ein Kaleidoskop an Textformen: Es enthält Auszüge aus Klassikern, neu entdeckte wissenschaftliche Aufsätze, kraftvolle Reden und einflussreiche Manifeste, aber auch Zeitungsartikel, Reiseberichte und Gedichte. Das Spektrum der Autoren reicht von Cornelius Gurlitt (dem ersten Präsidenten der DASL) über Rudolf Hillebrecht bis Thomas Sieverts, von Walter Benjamin über Jane Jacobs bis Erika Spiegel.

Die Schwerpunkte streuen so weit wie die Fachdisziplinen, die in der Akademie vertreten sind: nicht nur Stadt- und Regionalplanung, auch Architektur und Landschaftsarchitektur, Verkehrsplanung, Bau- und Planungsrecht, Stadtsoziologie und Stadtökonomie. Hinzu kommen Texte aus anderen Wissenschaftsdisziplinen wie etwa Philosophie und Ökologie, die mit ihrem Blick von außen schon immer die Fachdebatten in der Praxis und Theorie des Städtebaus bereicherten. So vielfältig wie die Texte sind auch die Motive und Begründungen für die Auswahl. In ihrer Gesamtheit spiegeln sie die zeitbedingten inhaltlichen Positionierungen der Akademie und fachliche Übereinkünfte wider und bilden so indirekt die Geschichte der DASL ab. Im Jahr 2022 wird sie 100 Jahre alt und arbeitet aus diesem Anlass ihre wechselvolle Geschichte auf: Das vorliegende Buch ist ein Teil dieser Aufarbeitung. Ein zweibändiges Werk zur Geschichte und Theorie des Städtebaus in Deutschland ist derzeit in Arbeit: Band 1: „Ordnung und Gestalt“ (1922-1975) ist bereits erschienen, mit dem geplanten Band 2: „Positionen und Perspektiven“ (1975-heute) werden die drei DASL-Publikationen zum Jubiläumsjahr 2022 abgeschlossen sein. (db, 15.9.21)

München-Freiham, Isometrie 2002 (Copyright Florian Schmidhuber, CC BY-SA 4.0)