Castrop-Rauxel: Ex-Kirche mit „Loftcharakter“ zu verkaufen

1904 kamen mit den Bergarbeitern auch die ersten neuapostolischen Bürger nach Castrop-Rauxel. Als sich die Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg mehrfach vergrößerte, entstand schließlich 1977 am Habigshorster Markt – nach Entwürfen des Architekten Günter Eickhoff – eine neue Kirche. Auf bis zu drei Geschossen wurden die notwendigen Nutzungen verteilt: Unten viel Platz für Gemeindearbeit, oben für den Gottesdienstraum mit Empore. Bereits 2015 hatte man die Gemeinden wieder fusioniert und den Standort geschlossen. 2018 dann ging der Bau an einen privaten Käufer. Erste Gerüchte, hier entstehe eine Moschee, wurden damals zerstreut.

Nun steht die ehemalige Gottesdienststätte erneut zum Verkauf. Mit bildgerecht eingestreutem Retromobiliar und einem ostentativ niedlichen Fiat 500 inszeniert man die Räume für geneigte Interessenten mit Sinn für bunte Fenster und hohe Decken. Das „ehemalige Gemeindehaus“ bietet, so die Immobilienanzeige, 430 Quadratmeter Nutzfläche auf einem Grundstück von über 1.100 Quadratmetern. Und ein Nutzungskonzept wird gleich mitgeliefert: Das erste Obergeschoss biete die Chance zum Wohnen mit „Loftcharakter“. „Für das Erdgeschoss liegt ein Entwurf eines Architekturbüros für eine ca. 140 m² große Wohneinheit vor.“ (kb, 20.9.20)

Castrop-Rauxel-Habigshorst, Neuapostol. Kirche (Bild. via mapio.net)
Castrop-Rauxel-Habigshorst, Neuapostol. Kirche (Bild. via mapio.net)
Castrop-Rauxel-Habigshorst, Neuapostol. Kirche (Bild. via mapio.net)

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Berlin: Fruhtrunk zum Anziehen

Die Anekdote sagt: An einem Tag im Jahr 1967 kam der abstrakte Maler Günter Fruhtrunk (1923-82) zu seinen Studenten und bekannte, er habe „gesündigt“. Daraufhin legte er einen hohen Betrag in die Kaffeekasse. Der Grund des schlechten Gewissens: Gerade hatte Fuhtrunk der Firma Aldi zugesagt, die Plastiktüten der Supermarktkette zu gestalten. Heraus kam 1970 das berühmte blau-weiße Muster, die wohl am häufigsten getragene abstrakte Malerei der Bundesrepublik. Mit den Jahren entwickelte sich dieses Stück Gebrauchskunst zum Markenzeichen und Sinnbild für schnellen billigen Konsum.

Erst 2018 nahm Aldi die ikonischen Plastiktüten vom Markt – jetzt stilisiert man Fruhtrunk zum Exponat: Die „ALDI Original Kollektion“ bringt die blauen Streifen auf allerlei Kleidungsstücke – von der Kappe über die Bauchtasche bis zur Tennissocke, vorgeführt an Models im Proloschick. Vorerst werden die Stücke nicht im regulären Handel verkauft, sondern bis zum 24. September 2020 während einer „Exhibition“ in limitierter Stückzahl abgegeben. Oder über ein Gewinnspiel auf dem hauseigenen Instagram-Account @aldinord. In Berlin (Neuzeit Ost, Modersohnstraße 49a, 10245 Berlin) sind noch zwei „Exposition“-Termine offen: heute, 19. September 2020, ab 16 Uhr, und morgen, 20. September 2020, ab 13 Uhr – solange der Vorrat reicht. In der Nähe dieser „Location“ werden mehrere „instagrammable“ Punkte versprochen, um sich mit dem neuen „Fashion-Piece“ abzulichten. (kb, 29.9.20)

Bilder: Aldi Nord bewirbt Fruhtrunk-Design (Bild: aldi-nord.de)

Otto Wagner und die Fotografie

„100 Jahre später geboren wäre Otto Wagner wohl zu einem der ersten Architekten mit einem kreativ gestalteten Webauftritt geworden und als Pionier der Social-Media-Kommunikation in die Geschichte eingegangen“ – so fassen Monika Faber (Photoinstitut BonartesWalter Moser, Albertina) und Walter Moser (Fotosammlung der Albertina, Wien) die Aussage einer frisch erschienenen Publikation zusammen. Andreas Nierhaus – Kunsthistoriker und Kurator in der Architektursammlung des Wien Museums – analysiert darin die Bildstrategien eines Vorreiters der Moderne.

Als Grundlage dienen 80 Architekturaufnahmen aus dem Nachlass Otto Wagners (1841–1918), die erst jüngst der Forschung zugänglich gemacht wurden. Erstmals umreißt Nierhaus, was im Rückblick mehr als Sinn macht: Ein radikaler Erneuerer der Baukunst bedient sich einer radikal neuen Bildtechnik. Wagner nutzte private Aufnahmen, ungewöhnliche Perspektiven und Ausschnitte. Dabei war er sich, so Nierhaus, der Vorzüge der Fotografie – gegenüber der seinerzeit unter Architekten üblichen Zeichnungen und Modelle – sehr wohl bewusst. (kb, 18.9.20)

Nierhaus, Andreas, Ein Architekt als Medienstratege. Otto Wagner und die Fotografie (Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich 19), Fotohof-Editionen, Salzburg 2020, französische Broschur, 180 Seiten, 178 Schwarz-Weiß- und Farbabbildungen, 21×21,5 cm, ISBN: 978-3-902993-90-8.

Titelmotiv: Wien, Miethaus Köstlergasse 1 (Linke Wienzeile 38), Ansicht vom Gerüst des Hauses Linke Wienzeile 40, 1899, Silbergelatinepapier, 23,9 × 18,2 cm (Bild: © Privatbesitz; Courtesy Photoinstitut Bonartes, Wien; Bild für diesen Post gereiht)