Konsum contra Corona

Erwarten Sie von diesen Zeilen nichts. Wir wissen auch nicht, was das beste Rezept ist, einen Pandemie-Lockdown wirtschaftlich zu überleben. Das Team von moderneREGIONAL zählt dabei als mehrheitlich Nicht-, oder Teilweise-Freiberufler noch zu den Privilegierten. Der Zug fährt für uns nicht so schnell ab wie für viele andere. Das Herunterbremsen von Hundert auf Null in allen Lebenslagen lässt die freien Kulturschaffenden überwiegend mit Wucht vor die Wand klatschen. Womit die derart Ausgebremsten konfrontiert werden, hat Till Briegleb gerade in seinem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung furios analysiert: Quer durch einen Dschungel sich widersprechender Regeln, Formulare, Voraussetungen und zu beweisender Not muss sich kämpfen, wer sich um Grundsicherung bemüht. Derweil bedürftige Konzerne wie Adidas, H&M und MediaMarkt bereits die Mietzahlungen für ihre Geschäfte einstellen …

Hannover, H&M (Bild: Bernd Schwabe in Hannover, CC BY-SA 3.0)

Hannover, H&M (Bild: Bernd Schwabe in Hannover, CC BY-SA 3.0)

Tatsächlich stehen auch sie vor einer Situation, mit der sie noch nie konfrontiert waren. Nach der kapitalistischen Logik, zu nehmen was man kriegen kann, ist dieses Handeln nur folgerichtig. Die Gesetzgeber sichern vorübergehenden Corona-Kündigungsschutz bei Mietrückstand zu? Hurra, nutzen wir! Neben grenzenloser Chuzpe offenbart dies Handeln freilich auch, auf welch tönernen Füßen die Wirtschaft steht. Und ebenso, dass die Politik derzeit im Ringen um Lösungen selbst experimtieren muss, und auf dem ungewohnten Terrain auch mal straucheln kann. Dass die Lösungsansätze derzeit vor allem für die wirtschaftlich Schwachen ungenügend sind, überrascht nicht. War doch der Blick in der Produktionsgesellschaft stets auf die vermeintlichen Stützen der Wirtschaft gerichtet. Motto: Geht´s den Größten gut, fügt sich der Rest schon von alleine. Der Realitätsprüfung hält diese Theorie nun aber nicht recht stand: Auf einmal sitzen Groß und Klein im gleichen Boot. Was tun?

DDR-Eierbecher (Bild: Geolina163, CC BY-SA 4.0)

Wie gesagt: Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass all die über Nacht in ihrer Existenz Bedrohten Unterstützung brauchen. Auf die entsprechende Petition haben wir ja schon einmal hingewiesen. Ansonsten aber: Wer es sich leisten kann, der konsumiere! Klamotten, Turnschuhe und Unterhaltungselektronik können Sie sich sparen. Aber kaufen Sie Bücher – online direkt beim Verlag, beim Museumsshop oder beim lokalen Buchhandel. Kaufen Sie wundervollen Schnickschnack wie Beton-Briefbeschwerer oder DDR-Hühnereierbecher. Oder vorausschauend schon mal was für Weihnachten? Etwa Plattenbau-Kissen oder U-Bahn-Tassen. Kaufen Sie Zeitschriften wie die neue Arch+ oder die Bauwelt, lesen Sie Tageszeitungen auf Papier oder überwinden Sie ausnahmsweise mal eine Paywall. Ihr Geld landet dort, wo es gebraucht wird – ohne Umwege. Und das während der Zeit, die verstreicht, bis die versprochenen Hilfen der Politik hofffentlich bei denen ankommen, die sie wirklich benötigen. Wir wissen keine Lösung. Wir können nur solidarisch handeln – und im Moment liegt die Solidartät kurioserweise auch im Konsum. (30.3.20)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: München, U-Bahnstation „Westfriedhof“ (Bild: Martin Falbisoner, CC BY SA 3.0, 2013)

Berlin: Mäusebunker und Hygieneinstitut akut bedroht

Das Tierversuchslabor der FU Berlin, liebevoll „Mäusebunker“ genannt, wurde zwischen 1971 und 1980 von Gerd Hänska errichtet. Schon seit Längerem droht die Charité mit dem Abriss, um neu zu bauen. Der bestehende Bau sei zu unwirtschaftlich, zu wenig flexibel. Daher soll der Mäusebunker im dritten Quartal dieses Jahres niedergelegt werden. Für den neuen Forschungscampus will die Charité ebenfalls das Institut für Hygiene und Umweltmedizin (Fehling+Gogel, 1974) abreißen.

Aktuell steht der Mäusebunker (noch?) nicht unter Denkmalschutz. Dabei herrscht unter Architekturexperten bereits Einigkeit über den Wert des Baukunstwerks, das u. a. in die „SOS-Brutalismus“-Kampagne aufgenommen wurde. Abrissgegner können online eine Petition unterzeichnen, mit dem die Kunsthistoriker Felix Torkar und der Architekt Gunnar Klack für den Erhalt der beiden bedrohten brutalistischen Bauwerke werben. Gemeinsam komme dem Ensemble am Campus Benjamin Franklin ein besonderer Wert zu, so die Petition: „Diese identitätsstiftenden Bauten der Stadtgeschichte sind herausragende Beispiele dafür, wie trotz oder vielleicht gerade wegen des geforderten strengen Rationalismus unerwartete, neuartige, aufregende Formen entstehen können.“ (kb, 29.3.20)

Berlin, Hygieneinstitut (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 2.0, via flickr.com)

„Das ist die falsche Frage“ – Interview mit Philip Ost

Er steckt hinter Namen wie „Biblio-Philo“ oder „German Post-War Modern“: Philip Ost, geboren im westfälischen Münster, sammelt online die schönsten Bücher und Bilder zur Architekturmoderne. Nach seiner BWL- und Management-Ausbildung in den Niederlanden wandte er sich 2014 seinem Herzensthema zu. An der Universität Münster studiert er seitdem Kunstgeschichte, Geschichte und Niederlandistik. moderneREGIONAL fragte ihn, virtuell von Home-Office zu Home-Office, was ihn wirklich umtreibt.

Gronau, Rathaus (Bild: Philip Ost)

moderneREGIONAL: Mit dem Online-Format „German Post-War Modern“ präsentieren Sie seit 2014 die Highlights deutscher Architekturmoderne. Welche Bauten wählen Sie dafür aus?

Philip Ost: Den Leser erwarten mehr als „nur“ die bekannten Höhepunkte. Viel mehr versuche ich, gerade auch regionale und wenig bekannte Beispiele vorzustellen und so die gesamte Breite der reichen Baugeschichte der Moderne in Deutschland vorzustellen. Auch abseits der Großstädte und Ballungszentren finden sich hervorragende Bauten und für diesen Bestand möchte ich begeistern. Ich flechte aber auch immer wieder mal Beispiele aus unseren Nachbarländern Österreich, Schweiz und insbesondere den Niederlanden ein. Denn auch dort gibt es viel zu entdecken!

mR: Wie kamen Sie auf das 20. Jahrhundert?

PO: Bereits zu Schulzeiten habe ich mich für die architektonische Moderne, insbesondere für die großen Namen wie Le Corbusier, Mies van der Rohe, Walter Gropius etc., aber auch für die kalifornische Moderne um Richard Neutra und Co. begeistert. Mit der Zeit wurde für mich aber auch die moderne Architektur vor der Haustür interessant und somit die deutschen Vertreter der Moderne und Nachkriegsmoderne. Dabei musste ich allerdings feststellen, dass Architektenbiographien, Gebäude und Baugeschichten sehr viel schwieriger zu recherchieren waren. Auch Literatur zu Bauten und Architekten war nicht so einfach in der örtlichen Bibliothek einsehbar, was wiederum Ausgangspunkt für meine stetig wachsende Architekturbibliothek war.

Lünen, Geschwister-Scholl-Gesamtschule (Bild: Philip Ost)

mR: Auf Instagram zeigen Sie ganz pur die Cover und evtl. noch etwas vom Innenleben der Bücher. Kommen Sie selbst mit dem Lesen überhaupt noch hinterher?

PO: Zum Glück, ich habe wenige Hobbys neben Lesen, Architektur und Kunst.

mR: Und was machen Sie sonst noch, wenn Sie offline sind?

PO: Wenn ich nicht gerade lese, bin ich sehr gerne mit meiner Frau unterwegs, um Gebäude zu fotografieren oder Museen zu besuchen. Darüber hinaus höre ich gerne allerlei Musik und spiele Bass.

mR: Sind Sie nicht eigentlich zu jung für Facebook? Oder, andersherum gefragt: Welches Medium erreicht wen am besten?

PO: Auch wenn sich Facebook mittlerweile zum sozialen Netzwerk der „Älteren“ entwickelt zu haben scheint, ist es dennoch eine relevante Plattform, um über Gruppen (z. B. Brutalismus im Rheinland) und Seiten mit Gleichgesinnten in Kontakt und Austausch zu treten. Ich würde die Online-Formate mittlerweile aber weniger aufgrund irgendwelcher Alterskohorten unterscheiden als vielmehr über die Qualität des Austauschs. Während Instagram vor allem von den visuellen Impressionen lebt, ist Facebook für mich vor allem für den Austausch rund um die Architekturmoderne und deren Erhalt interessant.

mR: Was hat sie an den Reaktionen Ihrer Leser am meisten überrascht?

PO: Das globale Interesse an der Architektur insbesondere der Nachkriegsmoderne in Deutschland – Follower aus der ganzen Welt sind erstaunlich gut informiert über einzelne Architekten, Bauten, Strömungen etc. Ich hätte nie gedacht, dass die Nachkriegsarchitektur in Deutschland so breit wahrgenommen und geschätzt wird.

Leben in der Stadt von morgen (Marian Engels, 2007) (Bild: Filmstill)

mR: Haben Sie zum Schluss noch einen analogen Tipp?

PO: Puh, das ist eigentlich die falsche Frage für einen bibliophilen Vielleser. Aber ein Buch, das ich sowohl aufgrund seines geschichtlichen Gehalts als auch seines Unterhaltungsfaktors unbedingt empfehlen kann, ist „Der Wachsmann-Report – Auskünfte eines Architekten“ von Michael Grüning. Eine hochspannende Oral History der Architektur- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ähnlich unterhaltsam und lehrreich ist Marian Engels wunderschöner Dokumentarfilm über das Berliner Hansaviertel: „Leben in der Stadt von morgen“ von 2007. Der Regisseur dokumentiert nicht nur die famose Architektur, die zur Interbau 1957 entstand, sondern auch die Bewohner, jung und alt, sowie ihren Alltag in und ihren Umgang mit der hochkarätigen Baukunst.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (28.3.20).