Bonn: „Presspassung“ im Margarineviertel?

„Presspassung“ nannte es mein Fahrlehrer mit hochgezogenen Augenbrauen, wenn ich parkend die Autoreifen ganz (!) nah an den Bordstein brachte. In architektonischer Form ist das gerade für Bonn geplant. 54 Wohnungen sollen neu errichtet werden, verteilt auf acht Blöcke mit zwei Anbauten. Eigentlich gute Nachrichten für die begehrte Bundesstadt am Rhein. Das Problem liegt im wo und wie: Zwischen Eltviller und Rüdesheimer Straße entstanden in den 1950er Jahren in aufgelockerter Bauweise zweigeschossige Wohnzeilen mit viel Grün dazwischen. „Margarineviertel“ nannten es die wohlhabenderen Nachbarn, wohl weil sie sich „echte“ Butter leisten konnten.

Anfang dieses Monats wurden die Anwohner von der Wohnbau GmbH über das Projekt informiert. Seitdem wehren sie sich, z. B. mit einer Online-Petition. Es soll nichts kategorisch verhindert werden, aber mitreden und mitgestalten wollen die Betroffenen eben schon. Die Anwohner sprechen von 35 Bäumen, die für die Baumaßnahme mit Tiefgarage gefällt werden müssten. Stattdessen fordern sie klimaneutrales Bauen und ein offenes Gespräch über die Zukunft ihres Quartiers. Ob eine Aufstockung der Bestandsbauten, wie es die Online-Petition fordert, der Königsweg sein wird, sei dahingestellt. Aber den planenden Architekten kann und sollte mehr einfallen als Presspassung. (kb, 26.6.20)

Bonn, sog. Margarineviertel (Bild: mapio.net)

„Hässlicher Klotz“

In den Sozialen Medien fällt das Urteil zum Stadthaus Bonn oft kurz und bündig aus: „Hässlicher Klotz“, ist da z. B. zu lesen, immerhin mit einem Augenzwinkersmiley garniert. Das Ensemble aus fünf Punkthochhäusern entstand bis 1977 nach Entwürfen von Erwin Heinle und Robert Wischer. Es beherbergt die städtische Verwaltung und sollte der provisorischen Hauptstadt als Gegengewicht zu den Bauten der Bundesregierung dienen. Im Sinne der autogerechten Stadt wurde das Parkhaus-Sockelgeschoss direkt an die Straße angeschlossen. Fußgänger werden getrennt davon über Rolltreppen transportiert.

Schon seit Jahren wird um die Zukunft des Verwaltungsbauwerks gerungen, das von Anfang an umstritten war. Nicht zuletzt, da ihm Teile der historischen Altstadt weichen mussten. 2011 suchte man Rat beim ersten Gutachten, 2014 wurden die letzten Fassaden-Vorhangscheiben wegen Absturzgefahr entfernt. Nun standen bei der letzten Stadtratsitzung die Zeichen verstärkt auf Abriss: Für diesen finalen Fall soll sich Oberbürgermeister Ashok Sridharan für einen Neubau im Innenstadtbereich ausgesprochen haben, wie der General-Anzeiger berichtet. Und aus den Coronaerfahrungen heraus spekuliert man schon, wie viel Bürofläche sich durch Homeoffice einsparen ließe. Noch ist das Rennen offen, aber es wird auffällig wenig über das ob, sondern mehr über das wie des Neubaus gesprochen. (kb, 26.6.20)

Bonn, Stadthaus (Bild: ToLo46, CC BY SA 4.0, 2018)

Bonn, Stadthaus (Bilder: oben: MrOrwell, CC0 1.0, 2012; unten: ToLo46, CC BY SA 4.0, 2018)

Ostwerte

Auch wenn das Thema schon oft diskutiert wurde, von medial bis fachlich: Die baukünstlerischen Zeugnisse der DDR-Zeit werden munter weiter abgerissen. Vor diesem Hintergrund plant der Bund Heimat und Umwelt e. V. (BHU) gemeinsam mit dem Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V. eine zweitägige Veranstaltung zu dieser bedrohten Architekturepoche. Die Tagung „Ostmoderne“ soll (unter Wahrung aller coronabedingten Hygieneerfordernisse) vom 25. bis zum 26. September 2020 an zwei Orten stattfinden: zunächst in der Aula der Berufsschule Sangerhausen (Friedrich-Engels-Straße 22, 06526 Sangerhausen), anschließend im Hotel TRYP by Wyndham Halle (Neustädter Passage 5, 06122 Halle an der Saale).

Auf dem Programm stehen Schwerpunkte wie Großsiedlungen im Nordosten von Berlin, Anspruch und Realität der sozialistischen Stadt, Halle-Neustadt als Prototyp und Sonderfall, das Schauspielhaus Chemnitz oder der prägende Architekt Josef Kaiser. Mit von der Partie sind u. a. Mark Escherich (Erfurt) sowie Martin Neubacher und Marco Dziallas vom Netzwerk ostmodern Dresden. Neben Exkursionen und übergreifenden Vorträgen werden Einzelbeispiele vorgestellt und die Ergebnisse abschließend in einer Podiumsdiskussion gebündelt. (kb, 25.6.20)

Leider schon weg: das damals leerstehende und hochwassergeschädigte Planetarium auf der Peißnitzinsel in Halle an der Saale im Jahr 2014 (Bild: Knut Mueller)