Berlin: Wohnen im Kirchturm

In Berlin-Kreuzberg, zwischen Viktoriapark und Flaschenhalspark, entstand 1961 die evangelische Jesus-Kirche. Nach Entwürfe des Architekten Harald Franke wurde der Stahlbetonbau auf rechteckigem Grundriss im Straßenverlauf zurückgesetzt, der Glockenturm vor die Fassade gestellt. Außen wurden der Gottesdienstraum und der Glockenturm mit weißen Mosaikfliesen hervorgehoben. Im Inneren fanden sich Konfirmandensaal, Kirchsaal, Jugendclub und Pfarrwohnung, im Turm waren Treppenhaus, Aufzug und Glockenstube untergebracht.

Schon Ende der 1990er Jahre stand der Bau zur Disposition, wurde zeitweise an die freikirchliche Taborgemeinde vermietet. 2014 kam die endgültige Entwidmung und der Verkauf an eine Baugemeinschaft. In diesem Jahr nun ziehen erste Mieter in den renovierte Kirche ein. Der 4,2 Millionen teure Umbau zu Wohnraum wurde durchgeführt vom Büro „siglundalbert architekten“: Dabei verlor der Turm sein Kreuz, der zurückgesetzte Baukörper gewann einen Drempel hinzu. Sonst ist nach außen – fast – alles beim Alten geblieben, nur eine Spur stylisher. Im Inneren entstanden helle Wohnräume im Bauhaus-Look, auf dem Vorplatz und im Hof zumeist gemeinschaftlich nutzbare Grün- und Spielplatzflächen. (kb, 9.9.19)

Titelmotiv: Berlin, Wohnraum in der ehemaligen Jesus-Kirche (Bild: siglundalbert architekten)

Zum 50. Geburtstag: Neuperlach ist schön

Zwei Jahre nach dem 50. Geburtstag von Neuperlach erscheint nun im Franz-Schiermeier-Verlag – pünktlich zur Frankfurter Buchmesse – ein dicker Jubiläumsband: Der Architekt Andreas Hild gratuliert mit der von ihm herausgegebenen Schrift einer Münchner Kultsiedlung. Sie entstand irgendwo zwischen dem geglückten Wiederaufbau der Landeshauptstadt und den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele. Als größtes Siedlungsprojekt Europas wollte man in Neuperlach 1967 der Wohnungsnot etwas entgegensetzen. Und mehr noch, es sollte die „Neue Stadt“ Wirklichkeit werden.

Die Publikation versteht sich nicht allein als Rückblick auf die Leistungen der Nachkriegsmoderne. Vielmehr werden auch Vorschläge gemacht, wie man mit dem Bestand künftig planerisch umgehen könne. So soll das Potential des baulichen Erbes vor Augen treten, denn die Probleme der Münchner damals und heute ähneln sich. Doch künftig könnte an die Stelle großflächiger Neubauten nun der Umbau des Vorhandenen treten. Der Zeitpunkt wäre, so Hild, genau der richtige, steht Neuperlach doch nach 50 Jahren aktuell vor einem hohen Sanierungsbedarf. Um dabei die Werte der einstigen Planung nicht aus den Augen zu verlieren, dürfte der vorgelegte Band reichhaltiges Material liefern. (kb, 8.9.19)

Hild, Andreas (Hg.), Neuperlach ist schön, Franz-Schiermeier-Verlag, München 2019, 25 x 33 cm, 704 Seiten, ca. 1500 Farb-Abbildungen.

Titelmotiv: Buchcover, Detail (Bild: Franz-Schiermeier-Verlag)

Le Corbusier am Plärrer

Zu den ersten nachkriegsmodernen Bürogebäuden, die in Bayern unter Denkmalschutz gestellt wurden, zählte 1988 das Plärrerhochhaus. Es war seinerzeit gerade einmal 35 Jahre alt und heißt eigentlich „Geschäfts- und Werkstättengebäude der Städtischen Werke Nürnberg am Plärrer“. Architekt war Wilhelm Schlegtendal (1906-1994), der etliche Gebäude in der Frankenstadt entwarf. Unter ihnen sind die Passionskirche (1965-68), das „Sonnenwohnheim“ (1955-57) und das Nicolaus-Copernicus-Planetarium (1961), das sich direkt ans Plärrerhochhaus anschließt. Bis heute ist das mit 56 Metern einst höchste Gebäude Bayerns in Besitz der Stadtwerke. Und wie üblich sorgten die Brandschutzbestimmungen im Lauf der Jahrzehnte für Probleme, sodass seit 2016 eine Grundsanierung durchgeführt wird.

Was hat das jetzt mit Corbu zu tun? Es ist recht simpel, wie aus heutiger Sicht eine positive Überraschung: Bei der denkmalgerechten Sanierung des Hochhauses kamen die Originalfarben, in denen einzelne Wände gestrichen waren, wieder zum Vorschein. Und sie basieren auf dem 1931 und 1959 von Le Corbusier entwickelten, beliebig kombinierbaren Farbkonzept – an dem man sich jetzt wieder orientieren wird: Insgesamt 28 Töne werden das Hochhaus am Plärrer beleben. Jedes Stockwerk erhält an der konvexen Rückwand des Treppenhauses seine eigene Farbe. Die jeweilige Komplementärfarbe dazu findet sich in den nach Plänen des Büros Knerer und Lang neu gestalteten Büroräumen. (db, 7.9.19)

Nürnberg, Plärrerhochhaus (Bild: Andreas Praefcke, CC BY 3.0)