Tunis, Hôtel du Lac (Bild: historische Postkarte)

Rettet das Hôtel du Lac!

In Tunis wurde 1973 die Architektur auf die Spitze gestellt: Der italienische Architekt Raffaele Contigiani gestaltete das Hôtel du Lac in Form eines umgedrehten Prismas mit nach außen sichtbaren Treppengängen. Heute gilt der markante Betonbau als Ikone des Brutalismus, wird u. a. vom Projekt #sosbrutalism gelistet. Star-Wars-Fans meinen sogar, hier das Vorbild für den monumentalen „Sandkriecher“ erkannt zu haben.

Doch die libysche Gesellschaft Lafico will den seit 2013 leerstehenden Bau nun abreißen, um an seiner Stelle ein neues, vermutlich profitableres Hotel errichten zu lassen. Die Maßnahme könnte zügig in den kommenden Wochen erfolgen. Wer sich gegen den Abriss aussprechen möchte, kann dies via Online-Petition hier tun. (kb, 2.3.19)

Oben/unten links: Tunis, Hôtel du Lac (Bilder: historische Postkarten); unten: Star Wars, Sandcrawler (Bild: youtube-Still)

Merseburg, Zollinger-Wohnhaus (Bild: Wolfram Friedrich, 2018/19)

Der den Himmel bog

Die Stadt Merseburg hat für 2019 das Zollinger-Jahr ausgerufen. Sie will das Wirken von Friedrich (Reinhard Balthasar) Zollinger (1880-1945) würdigen, der unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als Stadtbaudirektors nach Merseburg berufen wurde. Bereits nach einem Jahr legte er einen Generalbebauungsplan für die Stadt vor. Nach dem Krieg und mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Region – für die Leunawerke war 1916 der Grundstein gelegt worden – waren preiswerte Wohnungen gefragt. Zollinger prägte bis 1930 das Stadtbild: Mehrere Siedlungen entstanden mit den unverwechselbar gebogenen Zollinger-Dächern, die den Bau von Eigenheimen und einfachen Industriebauten damals preisgünstig möglich machten. Das von ihm entwickelte Schüttbetonverfahren ermöglichte den Hausbau in kürzester Zeit.

Am 23. März 2019 veranstaltet der Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V. gemeinsam mit der Stadt Merseburg, dem Kulturhistorischen Museum und dem Altstadtverein Merseburg eine Tagung in Merseburg, die Zollingers Wirken in Merseburg und seine Erfindungen in den Kontext des Neuen Bauens der 1920er Jahre stellen soll. An die Konferenz schließt sich ein Stadtrundgang durch einige Zollinger-Viertel an. Weitere Veranstaltungen im Zollinger-Jahr werden vom Kulturhistorischen Museum Schloss Merseburg angeboten. (wf, 1.3.19)

Merseburg, Zollinger-Wohnhaus (Bild: Wolfram Friedrich, 2018/19)

Essen-Katernberg, Heilig-Geist-Kirche (Bild: Wiki05, gemeinfrei, 2008)

Essen: Böhm-Kirche soll verkauft werden

Anfang Februar hatte der Ausschuss für Stadtentwicklung und Stadtplanung beschlossen, die Heilig-Geist-Kirche in Essen-Katernberg mit den dazugehörigen vier Gemeindebauten auf die Denkmalliste zu setzen. Auch die Initiative „Big Beautiful Buildings“ hatte die Kirche in die Reihe der ausgezeichneten Objekte aufgenommen. Der 1958 geweihte Bau entstand ebenso wie zahlreiche seiner Ausstattungsstücke nach Entwürfen des Architekten Gottfried Böhm. Der Pritzker-Preis-Träger überspannte den mit Back- und Naturstein verkleideten Baukörper mit einem gläsernen „Zelt“, aufgehängt an Stahlbeton-Dreieckspylonen. Der Neubau ersetze eine 1934 geweihte Kirche, die man in einer ehemaligen Fabrikhalle eingerichtet hatte.

Zum Ensemble gehören neben dem Kirchenraum heute ein Pfarrhaus, ein Jugendheim, ein Kindergarten und ein Küsterhaus – alle ebenfalls entworfen von Gottfried Böhm. Die Glasgestaltung von Helmut Lang wurde Mitte der 1980er Jahre um Werke von Joachim Klos ergänzt. Mitte Februar gab die Gemeinde bekannt, den Kirchenbau am Meybuschhof verkaufen zu wollen. Dem Bistum wie der Gemeinde sei, wie man der Presse gegenüber erklärte, „der besondere Wert der Kirche bewusst“. Die neue Nutzung für das Kulturdenkmal in Nachbarschaft zur Zeche Zollverein solle „möglichst dem besonderen Wert des Gebäudes entsprechen“. Noch läuft die Suche nach einem geeigneten Käufer. (kb, 28.2.19)

Essen-Katernberg, Heilig-Geist-Kirche (Bild: Wiki05, gemeinfrei, 2008)

London: Brutalistisches Parkhaus soll fallen

Ausgerechnet im Heimatland des Brutalismus, in Großbritannien, steht nun ein weiteres Beispiel dieses Architekturstils auf der Abrissliste. Noch setzt das Parkhaus des Debenham Warenhauses (1970, Michael Blampied und Partner) in der Londoner Innenstadt deutliche Akzente: Mit einer Betonfassade, gänzlich aus skulpturalen Polygonen geformt, gilt der Profanbau in Insider-Kreisen als Highlight jener Epoche. Während andere brutalistische Perlen Londons – wie etwa der Barbican Komplex – in den letzten Jahren bereits Aufsehen erregt haben, sind viele kleinere Objekte akut bedroht.

Die Garage in der Welbeck Street wird vermutlich dem heiß umkämpften Immobilien- und Grundstückskampf der britischen Hauptstadt geopfert. Seit zwei Jahren ist der Bau Eigentum der Shiva-Hotelgruppe. Diese zeigte sich trotz des Drängens mehrerer Instanzen nicht kompromissbereit, das architektonische Erbe in die Gegenwart zu tragen. Der geplante Neubau eines Luxushotels wird keine Bezüge auf das expressive Formenspiel des Vorgängerbaus aufweisen. Das brutalistische Parkhaus genießt keinerlei Schutz. Ein ähnliches Schicksal erlitt unterdessen der Wohnkomplex „Robin Hood Gardens“ von Alison und Peter Smithson. Unter den Protesten der Fachwelt fraß sich der Abrissbagger durch die betongewordene Utopie. (jm, 24.2.19

London, Welbeck Street Car Park (Bilder: oben: Scottdugall, CC0, 2015; unten: Philfrenzy, CC BY SA 4.0, 2016)

Martin Maleschka mit Baukeramik von Horst Ring (Bild: Robert Büschel, 2019)

Maleschka puzzelt

Martin Maleschka ist große Kunst gewohnt, in Qualität wie in Quadratmetern: Seit einigen Jahren hat sich der Architekt und Fotograf auf baubezogene Kunst der DDR-Zeit spezialisiert. Dieser Leidenschaft kann er aktuell in Cottbus nachkommen, wo er eine als verschollen geltende Wandkeramik ausfindig machen konnte. Horst Ring, der im September seinen 80. Geburtstag feiern darf, gestaltete das Kunstwerk 1985 für die Aula der damaligen 34. Polytechnischen Oberschule in Cottbus-Neu-Schmellwitz.

Der Grafiker, der seit 1968 in Cottbus lebt und arbeitet, prägte die Stadt mit zahlreichen Kunstwerken im öffentlichen Raum. Für diese Wandkeramik, die 2011 von einer Fliesenlegerfirma demontiert und eingelagert wurde, nahm er sich die sorbische Kultur zum Thema: historische Häuschen neben standardisierten Neubauten und einem Kirchturm, der höchst symbolträchtig „5 vor 12“ zeigt. Ein Teil dieses zerlegten Werks wird an diesem Donnerstag, am 28. Februar ab 18 Uhr im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst (Dieselkraftwerk CB, Uferstraße/Am Amtsteich 15, 03046 Cottbus, Eintritt: 4 Euro) wieder zu sehen sein: anlässlich der Buchpräsentation von „DDR. Baubezogene Kunst. Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990“. Mit dieser bei DOM publishers erschienen Publikation liefert Maleschka zugleich einen Architekturführer der besonderen Art. (kb, 26.2.19)

Martin Maleschka mit Baukeramik von Horst Ring, Meißner Baukeramik, Glasurmalerei mit keramischen Farben, Keramische Werke VEB Plattenwerk „Max Dietel“, Meißen, 1.035 x 210 cm (Bilder: Robert Büschel, 2019)

Mülheim, Technikum Wissollstraße (Bild: Tengelmann Group)

Tengelmann vorm Abriss?

Wenn Konzerne „sich neu positionieren“, heißt das weder für die Beschäftigten noch für die Gebäude etwas Gutes. Eine derartige Neupositionierung plant auch die noch in Mülheim an der Ruhr ansässige Tengelmann-Unternehmensgruppe. Bekannt war das Familienunternehmen für seine gleichnamigen Supermärkte, mittlerweile wächst es zur Holding-Gesellschaft: Die Kaiser’s/Tengelmann-Märkte wurden 2016 an EDEKA verkauft, heute hält Tengelmann erhebliche Anteile an OBI, KiK, netto und weiteren Discountern. Der Firmenhauptsitz blieb dabei stets in der Mülheimer Wissollstraße. Dafür, dass es nun in der bisherigen Form nicht mehr weitergehen wird, hat unter anderem ein Unglück gesorgt: Im April 2018 verschwand Tengelmann-Mitgeschäftsführer Karl-Erivan Haub bei einem Skibergsteig-Rennen. Wenige Wochen danach wurde sein Bruder Christian W. E. Haub alleiniger Geschäftsführer – und verändert nun die Unternehmensstruktur nachhaltig.

Etwa 250 Menschen werden ihre Arbeit verlieren, und die Firmengebäude stehen quasi zum Abbruch frei. Neben den Betonskelett-Ziegelbauten der 1950er und 1960er Jahre betrifft dies womöglich auch das Technikum, ein erst 2012 zur Museums- und Veranstaltungshalle umgebautes ehemaliges Früchtelager von 1965. Bislang sind hier diverse Oldtimer untergebracht, die einst dem Unternehmen dienten, zudem gibt es eine über 3000 Quadratmeter große Veranstaltungsfläche. Ob die nach allen Regeln der (Bau-)Kunst revitalisierte Kulturhalle womöglich auch plattgemacht wird, steht in den Sternen – undenkbar erscheint es nicht. (db, 26.1.19)

Mülheim, Technikum (Bild: Tengelmann Group)