Fällt das Hochhaus in Sangerhausen?

Vor Kurzem feierte die Städtische Wohnungsbaugesellschaft (SWG) das 50. Jubiläum des Hochhauses in der Erfurter Straße. 1965 wurde der Bau damals in der Karl-Marx-Straße 48 fertiggestellt, mit Annehmlichkeiten wie Fahrstuhl und Fernheizung – und auch heute könne man hier moderne Wohnbedingungen bieten, so die SWG zum Jahrestag, ganz zu schweigen von der weiterhin sensationellen Aussicht bis hin zum Kyffhäuser. Noch zu DDR-Zeiten wurde das einzige Hochhaus der Stadt gleich auf mehreren Postkarten verewigt. In den vergangenen Jahren wurden bei einer Sanierung viele der Einraumwohnungen zu Zwei- oder Dreizimmerapartments zusammengefasst. Inzwischen wird hier auch der „Service Wohnen im Alter“ angeboten. Bis heute hat sich das Erscheinungsbild des Bauwerks, sieht man von den zahlreichen reversiblen Handyantennen auf dem Flachdach ab, fast unverändert erhalten.

Doch wie jetzt die Presse berichtet, steht es schlecht um die Zukunft des Hochhauses. ´Der rund 30 Meter hohe Bau könnte ebenso wie die nahegelegene, elegant ausgeschwungene Fußgängerbrücke aus dem Jahr 1979 beim geplanten Umbau der dortigen Kreuzung (Erfurter Straße/Straße der VS/Schartweg) fallen. Geplant ist ein Kreisverkehr mit Überwegen für Fahrradfahrer:innen und Fußgänger:innen. Eine Sanierung der bestehenden Brücke sei wirtschaftlich nicht zumutbar, zudem sei die Konstruktion nicht barrierefrei. Vor allem gegen den Abriss der Fußgängerbrücke, aber auch gegen den Verlust des einzigen Hochhauses der Stadt, regt sich aktuell vor Ort Widerstand. Hier mischen sich Argumente der Verkehrssicherheit, der Erinnerungswert, aber auch baukünstlerische Kriterien. Die Stadt habe die Brücke nicht gut unterhalten, teils im Winter einfach gesperrt und damit einen möglichen Abriss schon mental vorbereitet. (kb, 16.10.21)

Sangershausen, Hochhaus in der Erfurter Straße (Bild: hmon23, via mapio.net)

Sangerhausen, Hochhaus an der Erfurter Straße (Bild oben: historische Postkarte, Bild unten: hmon23, via mapio.net)

Wohin mit dem Bahnhof Waiblingen?

In Waiblingen steht aktuell das dritte Bahnhofsgebäude – ihren Anfang nahm die Erschließung hier 1861 mit der Remsbahn (der Bau ist erhalten und dient heute als Wohnhaus). Mit der Murrbahn 1876 entstand weiter östlich ein zweites Bahnhofsgebäude, das 1979 dem Abriss weichen musste. Der aktuelle und damit dritte Bahnhof stammt aus dem Jahr 1980, als Waiblingen an die S1 und S2 angeschlossen wurde. Auch diese Anlage wurde in den 200er Jahren ersten Sanierungsarbeiten und Veränderungen unterzogen. Seit Sommer diesen Jahres nun schmiedet man vor Ort ganz konkrete Pläne für eine Maßnahmen im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA). Unter dem Stichwort „multimodaler Mobilitätsdrehpunkt“ wurde das Projekt bereits auf die IBA-Liste aufgenommen und damit auch eine finanzielle Unterstützung des Vorhabens in greifbare Nähe gerückt.

Bei mehreren Treffen wurden großangelegte Planvarianten entwickelt, um Grundstücke des Areals neu zu erschließen und zugleich den Bahnhofsplatz besser an die Stadt anzubinden. Damit wäre wohl auch der Verkauf und die Bebauung von Grundstücken verbunden, die aktuell noch im Eigentum der Bahn liegen. Vor einigen Tagen näherte man sich dem Projekt vor Ort mit Vertreter:innen der Stadt, der Stiftung Baukultur und der IBA – die Rede ist von einer Modernisierung des Bahnhofs, einem tiefergelegten Busbahnhof und neuen Wohnformen. Schwierigkeiten bereite noch die Frage, wer denn nun bei der Bahn der zuständige Ansprechpartner für alle damit verbundenen Fragen sei. Nun titeln die Stuttgarter Nachrichten „Ist der Bahnhof reif für den Abriss?“ – eine der diskutierten Planvarianten sähe eine Niederlegung des bestehenden Gebäudes vor. Die Diskussion dürfte damit noch nicht an ihrem Endpunkt angelangt sein. (kb, 14.10.21)

Waiblingen, Bahnhof (Bild: Bonjour35, CC BY SA 4.0, 2017)

Werne: Böhm-Sakristei fällt

Jetzt ist es offiziell: In Bochum-Werne wird ein Böhm-Bau abgerissen. 1999 wurde der Sakristeianbau für die gotische Hallenkirche St. Christophorus eingeweiht. Kein Geringerer als der Architekt Stephan Böhm (Sohn von Gottfried, Enkel von Dominikus Böhm) lieferte damals die Pläne. Programmatisch setzt sich die Sakristei-Konstruktion vom Kirchenbau ab: V-förmig zusammenlaufende Doppelstützen – deren Verkleidung an ihren Nahtstellen und an ihrer Spitze pointiert mit Plexiglas überbrückt wird – formen ein Gebilde, das mit metallischem Hammerschlag-Lack an eine Mondlandefähre erinnert. Der Bau birgt auf mehreren Ebenen die Ankleidezonen und Paramentenschränke. Über einen gläsernen Gang ist er verbunden mit der Kirche, die ebenfalls Ende der 1990er Jahre prägende Ausstattungsstücke erhielt.

Nach außen zeigt das Böhm’sche Baukunstwerk schon seit Jahren starke Patina. Stephan Böhm verwies 2018 gegenüber der Presse auf den mangelnden Bauunterhalt seitens der Gemeinde, der man dabei (fast) schon Absicht unterstellen könne. Formal sprach er von „einem unserer besten Bauten“, für den man sich auch mit zeitlichem Abstand heute nicht schämen müsse. In der Gemeinde hingegen mehrten sich rasch die Stimmen, den „Altbau“ Sakristei lieber zu ersetzen, zumal man damit begann, das finanzielle Engagement etwa auf die Sanierung von St. Konrad zu verlagern. Auch ästhetisch blieb bei vielen Gemeindegliedern eine starke Distanz zum Böhm’schen Entwurf bestehen. Ein Antrag auf Unterschutzstellung wurde von der Denkmalfachbehörde 2018 mit der Begründung abgewiesen, dass man aktuell nur Objekte bis zum Baujahr 1990 bewerten könne. Nun hat sich die Kirchengemeinde mit einem mehrere Standorte umfassenden Immobilienkonzept neu aufgestellt – dazu gehört auch der (baldige) Abriss der Sakristei. (kb, 9.10.21)

Werne, St. Christophorus, Sakristei (Bild: Uli Borgert, 2018)
Werne, St. Christophorus, Sakristei (Bild: Uli Borgert, 2018)

Werne, St. Christophorus, Sakristei (Bild: Uli Borgert, 2018)