Tabula Rasa in Neu-Ulm

Neu-Ulm ist reich an Nachkriegsarchitektur, doch arm an bemerkenswerten Bauten jener Zeit. Gerade fällt eines der wenigen guten Zeugnisse: die ehemalige Stadtbücherei am Heiner-Metzger-Platz. Errichtet wurde sie 1957/58 als Verwaltungsbau der Lechwerke (LEW) und ging 1984 in den Besitz der Stadt Neu-Ulm über, die nach einem Umbau nicht nur die Bücherei hier unterbrachte – auch die städtische Musikschule und Teile des Amtsgerichts hatten bis Ende 2014 hier ihr Domizil. Zu dieser Zeit gab es längst Pläne für eine Neubebauung des Areals, doch bis zum tatsächlichen Abriss erhielten Künstler Ateliers in den ungenutzen Büroräumen. Die “Kunstetagen“, zunächst auf drei Jahre geplant, konnten bis zum Sommer 2021 bleiben. Nun fällt der Nachkriegsbau mit dem wundervoll schwunghaften Treppenhaus dem Bagger zum Opfer. An seiner Stelle soll bis 2025 das “Heiner’s” entstehen – eine Wuchtbrumme, die Wohnungen, Stadtbücherei, den Generationentreff Ulm/Neu-Ulm, Gastronomie und Büros eint. Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf 60 Mio. Euro.

Mit dem Abriss des LEW-Gebäudes ist der in den späten 1950ern vollendete Bahnhofsplatz Neu-Ulm (die Umbenennung in Heiner-Metzger-Platz erfolgte 2002) nun kaum mehr zu erkennen. Bereits 2007 wurde das 1957 eingeweihte Bahnhofsgebäude abgerissen und durch ein Shopping-Center ersetzt, jetzt ist nur noch ein um 1960 errichteter Wohnblock übrig von der am häufigsten publizierten Stadtansicht Neu-Ulms überhaupt. Denn sie war Titelbild des 1964er-Katalogs des Modellbahnhäuschen-Herstellers Kibri. Die Böblinger Firma hatte sowohl den Bahnhof als auch den Wohnblock und ebenso das LEW-Gebäude im Maßstab 1.87 als Bausätze im Programm. Aus dem LEW-Gebäude entickelten die Modellbau-Profis sogar ein kleines Hochhaus. Der Bahnhofsbausatz ist bereits seit den späten 1960ern nicht mehr lieferbar, die übrigen Modelle gab es bis Ende der 1980er. Gebraucht tauchen sie noch regelmäßig in Anzeigen und auf Börsen auf. So kann man sich zumindest im Kleinen noch einmal Neu-Ulm zusammenstellen, wie es einmal war … (db, 16.1.22)

Kibri-Katalog 1964 (Scan: Daniel Bartetzko)

Karton Kibri-Modell (Scan: Daniel Bartetzko)

Neu-Ulm, Stadtbücherei 2020 (Bild: Daniel Bartetzko)

Neu-Ulm, Stadtbücherei 2020 (Bild: Daniel Bartetzko)

Titelmotiv: Neu-Ulm, Abriss LEW-Gebäude Januar 2022 (Bild: Daniel Bartetzko)

Das Musterhaus des Neuen Frankfurt

Frankfurt hat sein Herz für das Neue Bauen wiederentdeckt. In den 1920er Jahren entstanden hier unter dem Oberbürgermeister Ludwig Landmann und seinem Stadtbaurat Ernst May rund 15 000 Wohneinheiten mit einem hohen gestalterischen und sozialen Anspruch. Dieses beispielhafte Wohnungs- und Städtebauprogramm sollte eine internationale Ausstrahlung entfalten. In kurzer Zeit avancierte die Stadt zum Mekka der Moderne, mit dem man heute weitere prominente Namen wie Margarete Schütte-Lihotzky, Ferdinand Kramer, Martin Elsaesser, Mart Stam, oder Ilse Bing verbindet. Diese Werte will die Frankfurter Ernst-May-Gesellschaft für heutige Bewohner:innen und Gäste erlebbar machen – mit Aktionen von der Veranstaltungsreihe bis zur Publikation. Exemplarisch wurde dafür ein Wohnhaus in der Frankfurter Römerstadt denkmalgerecht wieder in die Bauzeit zurückversetzt und für Besucher:innen geöffnet.

Anhand des sog. Mayhauses erklärt nun eine neue Publikation, erschienen bei av editionen, das Besondere der frühen Frankfurter Moderne. Mit aktuellen Fotografien und historischen Plänen soll so das intelligente Zusammenspiel von Bauform und Innenausstattung nachvollzogen werden – nicht umsonst findet sich hier eine der legendären Frankfurter Küchen nach einem Entwurf der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Die Texte stammen vom Politikwissenschaftler Philipp Sturm und von der Kunsthistorikerin Christina Treutlein, beide Geschäftsführer der Ernst-May-Gesellschaft. Und wer es ganz genau wissen will, kann sich zum Nachglühen das Mayhaus im Maßstab 1:73 nach Hause holen. (kb, 15.1.22)

Sturm, Philipp/Treutlein, Christina (Hg.), Mayhaus – Das Musterhaus des Neuen Frankfurt. The House Museum of the Neues Frankfurt, av edition, Stuttgart 2021, 144 Seiten, Softcover, 90 Fotografien, 17 x 24 cm, ISBN: 978-3-89986-343-7.

Titelmotiv: Detail des Buchcovers

Typtankstelle in Gefahr


Die Baugeschichte dieser besonderen Tankstelle in der Regentorstraße in Lemgo beginnt in einem Vorlesungssaal der TH Karlsruhe um 1950. Der Dozent: Egon Eiermann, im Auditorium: Lothar Götz (1925-2018), später Architekt dieser Tankstelle, und Gerhart Becker (1923-1977), später Leiter der Abteilung für Neubauten in der BP-Zentrale in Hamburg. Götz hatte bereits während seines Studiums bei Eiermann einen Tankstellenbau entworfen, dessen flügelförmiges Betondach mit dem in Lemgo 1955/56 umgesetzten eine erstaunliche Ähnlichkeit aufweist. Der Mineralölkonzern war damals auf der Suche nach einer Typentankstelle, die man „als werbendes Element“ flächendeckend erbauen und so „das Gesicht der BP“ überall erkennbar machen konnte. Außerdem sollten mit der einheitlichen Gestaltung die Baukosten gering gehalten werden. Gegen Kritik aus den Führungsetagen der BP („Bahnsteigdach“) verteidigte Becker Götz ́ Entwurf. Die bauliche Ablösung der Zapfsäulenüberdachung vom Tankhaus ist zu jener Zeit ein Novum, gilt aber bis heute weitestgehend formgebend bei Tankstellenbauten. Das Tankstellendach besteht aus einer Stahlbeton-Kragarmkonstruktion. Die Innovation des neuen Bautypus ́ beweisen zahlreiche Publikationen in nationalen und internationalen Bauzeitschriften.

Die Nutzung der Lemgoer Tankstelle endet 1984, durch die weitere Nutzung als Werkstatt und Pflegeservice konnte die Originalsubstanz jedoch weitestgehend erhalten werden, inklusive eines bauzeitlichen Auslegemasts für das BP-Firmenschild. Bewertet wird das Gebäude heute von Spezialist:innen als „wertvolles Beispiel eines selten gewordenen Spannbeton-Schwingendaches“ von dem „bisher noch kein denkmalgeschütztes Objekt“ aufzuspüren war. Dennoch ist die Tankstelle vom Landesverband Westfalen-Lippe (LWL) als nicht schutzwürdig eingestuft worden, obwohl sich die Veränderungen am Bau deutlich in Grenzen halten. Aktuell ist der Bau im Eigentum der Stadt Lemgo. Diese erwägt, das Gebäude abzubrechen, da das Dach angeblich einzustürzen drohe. Zwei unabhängige Gutachter:innenbüros haben das Tankstellendach jedoch aktuell in Augenschein genommen und bescheinigen, dass keine Einsturzgefahr bestehe, sondern das Dach und seine Materialien sogar in einem für das Alter relativ guten Zustand sind. Gleichzeitig wundern sich Spezialist:innen, wie der Tankstellenexperte Joachim Kleinmanns und der Lippische Heimatbund darüber, dass das Dach nicht schon längst unter Denkmalschutz steht. Es gibt im Augenblick sogar einen Interessenten, der die Tankstelle gerne vollumfänglich erhalten und sanieren würde, um sie zu einem Oldtimertreff umzubauen. Besteht also noch Hoffnung für diesen wichtigen Bau der Architektur- wie auch Mobilitätsgeschichte? (pl, 14.1.22)

Lemgo, ehemalige BP-Tankstelle (Bild: Sven-Eric Bierhenke)