Dortmund brutal

Videoarbeit „Zagreb Confidential – Imaginary Futures“, Darko Fritz, 2015. Im Rahmen der Ausstellung „Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus / The Brutalism Appreciation Society“ vom 08.04. - 24.09.2017 im HMKV im Dortmunder U © Marinis Media and Darko Fritz
Videoarbeit „Zagreb Confidential – Imaginary Futures“, Darko Fritz, 2015 – alle Abbildungen im Rahmen der Ausstellung „Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus/The Brutalism Appreciation Society“ vom 8. April bis 24. September 2017 im HMKV im Dortmunder U (Bild: © Marinis Media and Darko Fritz)

Da steht ein Auto, ebenso kantig wie die umstehenden Hochhausklötze, etwas verloren in einer der Städte der neuen Zeit. Die Erklärung zur Videoarbeit „Zagreb Confidential“ von Darko Fritz fällt ebenso nüchtern aus: „Mit Hilfe von Archivaufnahmen, Architekturmodellen, alten Fotografien und Computeranimationen zeichnet der Film die Expansion der kroatischen Hauptstadt in den 1960er und 1970er Jahren mit einer Mischung aus Witz und Ironie nach.“ Gezeigt wird die Arbeit ab heute Abend in der Ausstellung „Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus/The Brutalism Appreciation Society“, die schon vor ihrer Eröffnung in die Rolle des Werbeträgers für eine kantige Stilepoche rutschte. Seit den 1950er Jahren legte der Brutalismus, von England ausgehend, Beton und andere Baustoffe schonungslos frei. Eine Offenheit, die in den letzten Jahren zunehmend verloren geht. Und dies ist wie immer, wie es schon der Gotik oder der Neogotik zuvor ergangen ist, der Zeitpunkt, an dem sich eine künstlerische Avantgarde dieser versinkenden Welt mit Feuereifer annimmt.

 

Ein Lauf gegen die Zeit

„Habitat C3B“ Niklas Goldbach, 2008. Im Rahmen der Ausstellung „Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus / The Brutalism Appreciation Society“ vom 08.04. - 24.09.2017 im HMKV im Dortmunder U © Niklas Goldbach
„Habitat C3B“, Niklas Goldbach, 2008 (Bild: © Niklas Goldbach)

Seit 2007 ergötzt sich die Facebook-Gruppe „The Brutalism Appreciation Society“ (Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus) mit aktuell 50.978 Mitgliedern (stündlich werden es mehr) an scharfkantig gestellten Schwarzweiß-Aufnahmen eben jener Betonschönheiten. Das erklärte Ziel der Teilnehmer ist es, dem Verschwinden des so geschätzten Stils nicht unwidersprochen zuzusehen: „As they start to disappear from our cities, this group is for anyone who appreciates buildings built in this much maligned architectural style.“

In Dortmund (HMKV im Dortmunder U) zeigt die gleichnamige, heute zu eröffnende Präsentation nun 21 Arbeiten – teils Beiträge aus besagter Internetgruppe, teils aktuelle künstlerische Positionen aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kroatien, Österreich, Polen, der Schweiz, Spanien, der Tschechischen Republik und den USA. Gegenüber dem Deutschlandfunk äußerte die Kuratorin Inke Arns sich zum Ziel der großangelegten Schau: „Brutalismus war ja nie nur ein Baustil, sondern […] das waren ja auch utopische Wohnformen oder gesellschaftspolitische Wohnformen, die da ausprobiert worden sind.“ In dem aktuellen Hype sieht sie weniger eine „ernste“ Auseinandersetzung mit dem Baustil und der dahinterstehenden Gesellschaftsutopie. Vielmehr vermutet sie hier ein „Gefühl“, einen „Gegensatz vielleicht zur digitalen, ephemeren Welt, in der wir so leben“.

 

Inspired by Brutalism

„Luftschachtstudien I -IV“, Philip Topolovac, 2012. Im Rahmen der Ausstellung „Gesellschaft zur Wertschätzung des Brutalismus / The Brutalism Appreciation Society“ vom 08.04. - 24.09.2017 im HMKV im Dortmunder U © Philip Topolovac / VG Bild-Kunst, Bonn 2017
„Luftschachtstudien I -IV““ Philip Topolovac, 2012 (Bild: © Philip Topolovac/VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Unter den so sehnsüchtig erwarteten Exponaten finden sich Stücke wie die charmante „Miniatur-Plattenbausiedlung“, die der Berliner Street-Art Künstler Tore mit der Sprühdose aus Porenbetonsteinen zauberte. Da rennen die Protagonisten von Nikolas Goldbachs Videoarbeit „Habitat C3B“ in Paris durch eines der typischen 1970er-Jahre-Neubauviertel um ihr Leben. Da sind die vier fremdartigen Gebilde, die eher an Raumschiffe denn an Plastiken erinnern, für die sich Philip Topolovac von den Abluftschächten der Prager U-Bahn inspirieren ließ. Da eignet sich ein „Profi-Skater“ (neues Berufsziel!) unter der Regie von Kay Walkowiak einen brutalistischen Raum auf besondere Weise an. Da lässt Jordi Colomer seinen Filmhelden mit einer Papp-Architektur am Stiel durch die Straßen von Barcelona, Bukarest, Brasilia und Osaka laufen. Da dokumentiert die Französin Anne-Valérie Gasc den Abriss der so ungeliebten Nachkriegsbauten. Da kommt Heidi Speckers mit ihrer Fotoserie „Concrete“ der rauhen Betonoberfläche fast unsittlich nahe. Da begeben sich die britschen Filmemacher Ruben Woodin Dechamps und Oscar Hudson auf einen Roadtrip durch das sich auflösende Jugoslawien. Wer es also heute Abend nicht nach Dortmund geschafft hat (das Wohnzimmerregal musste aufgeschlagen werden, der Osterurlaub war unaufschiebbar, der Dackel hatte Windpocken), hat nun den besten Grund für eine Ruhrpotttour. Möglich ist der Besuch der Ausstellung und des reichhaltigen Rahmenprogramms noch bis zum 24. September 2017. (db/kb/jr, 7.4.17)

 

Was sonst noch zu sehen ist …

Arbeiten von Bettina Allamoda (DE), Jordi Colomer (ES), Darco FBI (FR), EVOL (DE), Darko Fritz (HR), Anne-Valérie Gasc (FR), Niklas Goldbach (DE), Freya Hattenberger & Peter Simon (DE/PL), Alekos Hofstetter (DE), Martin Kohout (CZ), Aglaia Konrad (AT/BE), Nicolas Moulin (FR), Reto Müller (CH), Andrea Pichl (DE), Heidi Specker (DE), Philip Topolovac (HR/DE), Kay Walkowiak (AT), Ruben Woodin-Dechamps & Oscar Hudson (UK), Tobias Zielony (DE)