Harf Zimmermann: Berlin, Hufelandstraße, Frau Töpfer und ihr Enkel René in der Einraumwohnung, 1986 (Copyright: Harf Zimmermann)

Harf Zimmermann: Hufelandstraße Berlin

„Die Straße ist schöner als erwartet, aber auch fremder. Sie liegt im alten Osten – doch der ist aus ihr gewichen.“ Joachim Gauck hat sich die Berliner Hufelandstraße für sein Katalog-Essay genau angesehen: 49 Häuser aus der Gründerzeit, ein Nachwende-Neubau, ein Spielplatz, Kopfsteinpflaster, Linden und breite Bürgersteige. Gebaut von einem Bierbrauer, erstreckt sich die Hufelandstraße am Prenzlauer Berg von der Greifswalder Straße bis zum Volkspark Friedrichshain durch das nach jenem Brauer benannte Bötzowviertel. Der Berliner Fotograf Harf Zimmermann setzte dem Straßenzug Mitte der 1980er Jahre ein fotografisches Denkmal. Ein Jahr lang zog er mit hölzernen Plattenkameras verschiedener Größe (teilweise so alt waren wie das Viertel selbst) von Haus zu Haus, von Bewohner zu Bewohner, von Laden zu Laden, um die Besonderheiten des Quartiers mit der Postleitzahl NO 55 (später 1055) festzuhalten: geräumige Altbauwohnungen, großzügig verzierte Hausflure, Flügeltüren und Parkett sowie viele kleine Geschäfte und Werkstätten.

Die Bilder von Harf Zimmermann zeigen die Bewohner – Handwerker, Künstler, Musiker, Parteifunktionäre, Schauspieler und Klavierbauer – weit bunter als den damaligen bauliche Zustand ihrer Wohnungen. Während die SED mit ihrem Wohnungsbauprogramm in Marzahn oder Hellersdorf die neuen Stadtteile aus dem Boden stampfte, blieben Altbauten wie ein Überbleibsel der „Alten Ordnung“ liegen. Die Hufelandstraße, auch „Kurfürstendamm des Ostens“ genannt, ist nicht nur ein Beispiel für die vielen unangepasste Biografien in einer sich auflösenden DDR. Heute steht sie für die rasante Gentrifizierung in der Hauptstadt. Nur wenige Bewohner aus der Zeit von Zimmermanns Aufnahmen leben noch dort. Alle Gebäude sind durchsaniert, die Mieten explodiert.

Zimmermanns Foto-Dokumentation war 1987 zugleich seine Diplomarbeit als Meisterschüler von Arno Fischer an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Zuvor hatte Zimmermann, geboren 1955 in Dresden, in Leipzig bis 1979 Journalistik studiert und danach als Fotolaborant beim Neuen Deutschland gearbeitet. 1990 gehörte er als freier Fotograf zu den Gründungsmitgliedern der Fotoagentur OSTKREUZ. Seine Lichtbilder wurden von nationalen und internationalen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, darunter Stern, GEO, DIE ZEIT, The New Yorker oder TIME. Die Ausstellung „Harf Zimmermann. Hufelandstraße. 1055 Berlin“ (kuratiert von Felix Hoffmann) ist in „C/O Berlin Foundation (Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin) noch bis zum 2. Juli 217 zu sehen, begleitend erscheint eine Publikation im Steidl Verlag. (kb, 8.5.17)

Titelmotiv: Harf Zimmermann: Berlin, Hufelandstraße, Frau Töpfer und ihr Enkel René in der Einraumwohnung, 1986 (Copyright: Harf Zimmermann)