Ostmoderne International

Ort von guter Architektur und viel DDR-Geschichte: das Kino International in Berlin (Bild: Reimer-Mann-Verlag)
Das Kino International in Berlin konnte seinem Namen auch zu DDR-Zeiten gerecht werden – es liefen auch Streifen aus dem „kapitalistischen Ausland“ (Bild: Reimer-Mann-Verlag)

Jedes Jahr im Februar lockt die Berlinale Kinobegeisterte aus aller Welt in die deutsche Hauptstadt. Die Filmfestspiele sind inzwischen das größte Publikumsfestival der Welt. Eines der beteiligten Lichtspielhäuser trägt den globalen Anspruch traditionell im Namen: das Kino International. Als es 1961 als Premierenkino der ostdeutschen Produktionsfirma DEFA eröffnet wurde, klang dieser Name noch nach Wunschdenken. Aber sogar zu DDR-Zeiten widmete man sich nicht nur Filmen aus den „sozialistischen Bruderstaaten“, sondern auch aus dem „kapitalistischen Ausland“.

Eine Monographie zeichnet nun die Geschichte des Filmpalasts nach. Dabei beschränkt sich der Autor Dietrich Worbs nicht auf eine bauliche und architekturgeschichtliche Analyse, sondern bezieht auch die Biographien der am Bau beteiligten Protagonisten, die städtebauliche Bedeutung des „International“ und seine bewegte Geschichte als Premierenkino ein. So ist ein facettenreiches Porträt eines außergewöhnlichen Bauwerks entstanden.

 

Städtebauliches Zentrum

„Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Die Architektur, die Sie uns da anbieten, ist […] einer Sozialistischen Gesellschaft nicht zumutbar. […] Das Kino ist eine Kiste.“ So kommentierte eine staatliche Kommission das Modell, das Architekt Josef Kaiser und seine Kollegen als Zentrum für den zweiten Bauabschnitt der Stalinallee vorsahen. Neben dem Kino International gehörten das Hotel Berolina und das Café Moskau dazu. Offenbar hallten in den Köpfen der SED-Genossen noch die „16 Grundsätze des Städtebaus“ nach, die den sowjetischen Klassizismus in den frühen 1950er Jahren nach Berlin bringen sollten. Trotzdem wurde der Plan aber fast unverändert umgesetzt, der von Sowjetführer Chruščëv eingeleitete städtebauliche Paradigmenwechsel zeigte auch in der DDR seine Wirkung. Im zweiten Bauabschnitt der Stalinallee entstand ein offenes Wohngebiet mit begrünten Höfen, das im International sein kulturelles Zentrum fand.

Mit dem weit auskragenden Foyer und dem Panoramafenster – als eine Art zweite Leinwand machte es den Kinobesucher für den Passanten selbst zum bewegten Bild – löste Kaiser den Anspruch ein, den der Name des Filmpalastes aufstellte. Worbs spricht gar von einem „Bau ohne Präzedenz“ – und sieht ihn in der Tradition der sowjetischen Arbeiterclubs der 1920er. Dementsprechend fanden sich im Kino auch eine Stadtteilbibliothek und ein Clubraum. Zentrale Bedeutung nahm ferner die Introduktion des Kinobesuchers ein, die Worbs überzeugend auf Ideen Adolf Loos‚ zurückführt.

Nicht nur der Bau, auch der Erbauer wich von der DDR-Norm ab. So trat Kaiser nie in die SED ein, entwickelte sich aber trotzdem zu einem der wichtigsten Architekten des Arbeiter- und Bauernstaats. 1962 erhielt er den Nationalpreis II. Klasse. Neben dem Kino Kosmos und dem Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz gestaltete er auch das Außenministerium der DDR, das die Berliner in Anlehnung an den langjährigen Amtsinhaber Otto Winzer „Winzer-Stube“ tauften. Worbs sieht in Kaiser „kein[en] Gegner und kein[en] Anhänger des SED-Regimes“. Dass er dennoch derart reüssieren konnte, ist bemerkenswert.

 

Schüsse im Kinosaal

Auch das Programm des International musste nicht hinter seinem Namen zurückstehen. So stammten 1/3 der gezeigten Filme aus dem Westen, 1/3 aus den „Bruderländern“. Doch auch manche DDR-Produktion führte zum Run auf das Premierenkino, was der SED bisweilen unheimlich wurde. So bestellte sie zur Premiere des kurz zuvor in Ungnade gefallenen Films „Die Spur der Steine“ Provokateure in den Kinosaal, um das folgende Verbot zu rechtfertigen. Beim daraus entstehenden Tumult soll sogar ein Schuss gefallen sein, da ein Volkspolizist nicht anders Ruhe zu schaffen wusste.

Nach 1990 sorgte eine ausgewogene Nutzung des International – Programm- und Eventkino neben Festveranstaltungen – dafür, dass das Lichtspielhaus auch nach dem Fall der Mauer nicht umgebaut oder zweckentfremdet wurde. Der Vergleich mit dem ebenfalls von Kaiser entworfenen Kino Kosmos zeigt, dass dies nicht selbstverständlich ist. Das Kosmos wurde einschneidend zum Multiplexkino umgebaut.

Vielleicht liegt die systemübergreifende Popularität des Baus auch in der Architektur und Konzeption des Kinos begründet, das seiner Zeit weit voraus war. Worbs deutet das International als einen Vorgriff auf eine „künftigere, offenere Gesellschaft“, weniger als architektonisches Sinnbild des Realsozialismus. Man mag diese Beurteilung teilen oder nicht; dieses Buch verbindet umfassende historische Recherchen mit einem universellen Erkenntnisansatz und ist daher ein Muss für jeden Ostmoderne-Interessierten. (jr, 10.5.15)

Worbs, Dietrich, Das Kino International in Berlin, Reimer-Mann-Verlag, 2015, ca. 160 Seiten, broschiert, 40 Abbildungen, 17 x 24 cm, ISBN 978-3-7861-2711-6.