Architektur im Alltag: Der Fakir Hobby TE

Seligenstadt, St. Marien, Heizgerät "Fakir Hobby TE" (Bild: K. Berkemann)
Ein kleines Elektrogerät in einem großen Betonbau: der Heizlüfter „Fakir Hobby TE“ (Bild: K. Berkemann)

Manchmal sagt ein Gegenstand aus der alltäglichen Nutzung mehr über einen Bau als eine lange kunsthistorische Beschreibung. Spiegelt er doch, mit welchem Leben die Menschen hier den hehren Architektenentwurf füllen. Ob sie sich schon fest eingerichtet haben oder noch ihren Platz suchen, ob sie sich fremd fühlen oder heimisch. In der Seligenstädter Marienkirche, die Gisberth Hülsmann Anfang der 1970er Jahre an den äußersten Rand der Altstadt setzte, ist es ein Heizlüfter.

Dem kleinen Elektrogerät kommt in diesem hochgeschlossenen Betonkubus eine große Aufgabe zu. Denn Frieren ist schlimmer als Heimweh – in jedem Fall stört es beim „Heimischwerden“. Erst wenn der Einzelne mit einem Bau warm wird, entsteht Raum für wirkliche Gemeinschaft. Also setzte man in St. Marien alles daran, auch die Unterkirche der zweigeschossigen Kirche etwas behaglicher herzurichten. Der mobile Heizlüfter hob die Temperatur in der Seligenstädter Gemeinde. Wände, Decke und Boden des Beichtraums erhielten obendrauf eine zweite Haut aus flauschigem Kunstfaserteppich. Das dämpfte nicht nur den Schall, es linderte auch die Scheu vor dem grauen Kunststein da draußen.

 

Als man sogar das Taufwasser vorwärmte

Es waren die Jahre, als man bundesweit selbst das Taufwasser vorwärmte, um werdende Christen nicht zu verkühlen. In der wachsenden Kirchengemeinde St. Marien mischten sich Alt-Seligenstädter mit Zugezogenen. Der neue Pfarrer Ekkehard Edel hatte zuvor als Kaplan den Mainzer Bischof Hermann Volk nach Rom zum reformfreudigen Zweiten Vatikanischen Konzil begleitet. So gab es in seiner jungen Gemeinde nun einen Priester mit Schlips statt Stehkragen und einladende Angebote für Kinder und Jugendliche. Kirche war in Seligenstadt in Bewegung geraten.

Diesen Aufbruch wollte Pfarrer Edel auch mit einem neuen Kirchenbau krönen. Über das Werk des Altmeisters Emil Steffann stieß er auf dessen langjährigen Mitarbeiter Gisberth Hülsmann. In einem anschließenden Wettbewerb, an dem Größen wie der Dom- und spätere Diözesanbaumeister Hans Schädel teilnahmen, konnte sich Hülsmann mit seinem Entwurf durchsetzen. Verwirklicht wurde der zweigeschossige, in den Hang gefügte Kirchenkubus, während man die vorgesehenen Gemeindebauten nicht mehr ausführte. Schon 1972 feierte die Gemeinde ihre Gottesdienste in einem Raumkunstwerk, das seinen Baustoff Beton nach außen und innen offen zeigte.

 

Als der graue Kunststein bunt wurde

Doch engagierte man sich nicht nur für Kirchenreformen, sondern auch für die Umwelt. Die Ölkrise machte spürbar, wie knapp die Ressourcen sind, und rüttelte am Fortschrittsglauben der Moderne. Viele beklagten die Betonarchitektur als unmenschlich, als kalt. Das (wenn auch nicht grade energiesparende) Gerät, das die Seligenstädter davor schützen sollte, hieß „Fakir hobby TE“. Welch ein weltläufiger Name für ein Produkt aus dem baden-württembergischen Mühlacker. Hier baute die Familie Kicherer, aus deren Anfangsbuchstaben sich der „Fakir“ zusammensetzte, seit den1930er Jahren Haushaltsgeräte. Einer ihrer Heizlüfter hat wohl in den 1970er Jahren den Weg nach Seligenstadt gefunden.

Seligenstadt, St. Marien, Heizlüfter "Fakir" (Bild: K. Berkemann)
Kalt hier? (Bild: K. Berkemann)

Damals nahm die Gemeinde den gesamten Bau neu in Besitz. Sie beauftragte den Mainzer Maler Alois Plum damit, die schalungsrauen Betonwände in Farbe zu tauchen. Bis 1979 überzog er das Innere der Ober- und Unterkirche mit Motiven vor allem aus der Mariengeschichte und der Johannesoffenbarung in Rot-, Gelb- und Blautönen. In den 1980er Jahren ergänzte man Ausstattungsstücke wie Altar und Ambo aus der Werkstatt des Berliner Bildhauers Paul Brandenburg. Zuletzt kamen im Außenbereich eine Christus- und in der Oberkirche eine Engelsfigur des polnischen Künstlers Maksymilian M. Biskupski hinzu. Und unser Heizlüfter? Bis heute steht er im Beichtraum. Fast funktionslos, ist die Gemeinde doch längst auf ihre ganz eigene Art mit dem Betonkubus warm geworden. (kb, 6.10.16)

 

Mehr?

Online auf der „Straße der Moderne“ (dort auch weiterführende Literatur- und Quellenangaben), analog in der Ausstellung „AUF EWIG. Moderne Kirchen im Bistum Mainz“ (kuratiert von Karin Berkemann im Auftrag der „Straße der Moderne“ in Zusammenarbeit mit dem Dommuseum Mainz) oder für den Bücherschrank die aktuelle Festschrift der Gemeinde zu ihrem 50-jährigen Jubiläum.