Bad Münstereifel, Astropeiler (Bild: Stephan Wershoven, CC BY SA 3.0, 2013)

Münstereifel baut

von Wilma Ruth Albrecht

Das Städtchen Münstereifel ist viel mehr als sein mittelalterlich-pittoreskes Image. Nach dem Zweiten Weltkrieg profitierte es von der Nähe zur Bundeshauptstadt Bonn und zur Metropole Köln. Am 4. August 1955 wurde Münstereifel zum fünften Kneippheilbad der Bundesrepublik. Bereits 1961 kamen 7.600 Kurgäste und 3.500 Gäste ohne Kuranwendungen für rund 145.000 Übernachtungen – verteilt auf vier Kurhäuser, 27 Kurheime, drei Hotels, vier Erholungsheime und 138 Privatzimmer. Ab Oktober 1967 schließlich durfte man hier den Titel „Bad Münstereifel“ führen. So wundert es nicht, dass die Kurstadt bis heute zahlreiche sehenswerte Bauten der 1950er Jahre vorzuweisen hat.

 

Eine Kurstadt im Aufwind

Das Jahr 1952 markierte den Aufbruch in die Wirtschaftswunderzeit. Eingeweiht wurden die Jugendbildungsstätte der Bergmannsjugend am Radberg (Architekt: Hanns Bökels, 2002 umgenutzt zu Wohnzwecken), das Kneippkurhaus Josefsheim am Nöthener Berg (später Residenz Nöthener Tannen, zurzeit Leerstand) und das Haus Sonnenhof im Schleidtal. 1954 folgten die Jugendherberge Rodert (Architekt: Wilhelm Denninger) und 1955 das Kneipp-Sanatorium Dr. Schumacher-Wandersleb (später Ambienta-Hotel, derzeit geschlossen).

Der Astropeiler Stockert (Technische Gesamtleitung: Pederzani, Telefunken) von 1956 wurde 2010 im Eigentum der NRW-Stiftung als Museum und Bildungsstätte wiedereröffnet. In den kommenden Jahren erweiterete man die schulische und touristische Infrastruktur: 1958 mit der Rechtspflegerschule im Schleital (Architekt: Josef Bischof, später Verwaltungsfachhochschule NRW), 1960 mit dem Kurhotel VierJahreszeiten (lange Bildungsstätte von Versicherungen, heute Leerstand), mit dem Kurhotel/Sanatorium Jungmühle in der Unnaustraße (2014 Umbau vorgesehen), mit dem Kurhotel Herrenbusch (1971 umgewandelt zur Bildungsstätte der Friedrich-Ebert-Stiftung, heute Privatklinik) und mit dem Mädcheninternat/-pensionat der Ursulinen (Architekt: Wilhelm Rudolf Koep). Am Übergang zu den 1960er Jahren stehen drei kirchliche, 1962 vollendete Bauprojekte: das Schwesternheim der Augustinerinnen „Maria Königin“ (heute heilpsychologische Einrichtung), das Internat der Ursulinen im Ottertal (Architekt: Wilhelm Rudolf Koep, heute genutzt von den „Legionären Christi“) und das Pfarrhaus der evangelischen Kirche Langenhecke (Architekt: Heinz Kleinert).

 

Elegante Gäste- und Privathäuser

Wie elegant die 1950er Jahre in Münstereifel aussehen konnten, ist beispielhaft an einem der prominenten Gästehäuser ablesbar: Das Kneipp-Kurhotel Berghof entstand 1960 nach Entwürfen des Architekten Friedrichs aus Horrem (Bauleiter: Delor). Das weit auskragende Vordach, das zugleich als Balkon dient, wird von einem V-Träger (Pilotis) gestützt. Auch die geschwungen verglaste Hotelempfangshalle mit Tür- und Fensterprofilen aus goldfarben eloxiertem Aluminium verweist ebenso in die 1950er Jahre wie der Naturstein-Bodenbelag, die Holzvertäfelungen, die nierenförmigen Pflanzbeete und die elegant gewundene Treppe ins Obergeschoss. Dieses Zeitkolorit ist nach der Übernahme, Renovierung und Erweiterung durch die Betriebsgenossenschaft weiterhin klar ablesbar.

Doch auch Privat- und Geschäftshäuser der 1950er Jahre zeugen bis heute von dieser Aufbruchszeit in Münstereifel: an der Bergstraße, im Ochhermen, in der Nöthener Straße, der Willy-Brandt-Straße, im Hennesweg, in der John Wiles-Straße, im Hubertusweg, in der Otterbach und im Uhlenbergweg.

 

Architekten wie Fritz Steinmann

Vor allem eine Architektenpersönlichkeit steht für die ersten Wirtschaftswunderjahre von Münstereifel: Dr. phil. Dipl.-Ing. Fritz Steinmann. 1909 geboren, verbrachte er seine Schuljahre in Münstereifel und Euskirchen. Das Studium der Kunstgeschichte führte ihn von 1927 bis 1939 an den Universitäten Innsbruck, München, Berlin. Nach dem Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg wurde Steinmann 1948 zum Dr. phil promoviert, schloss 1951 in Aachen sein Architekturstudium ab und arbeitete in der Folge bis 1955 als Assistent von Prof. Dr. Otto Gruber am Lehrstuhl Baukonstruktion und mittelalterliche Baukunst. Von 1955 bis 1960 wirkte er als freier Architekt, lehrte bis 1965 an der Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen in Köln und verstarb 1970.

Ab den frühen 1950er Jahren wirkte Steinmann in Münstereifel: 1952 gestaltete er die Kur-Lichtspiele in der Werterstraße 12 und das heute verfüllte Schwimmbad Goldenes Tal, 1957 die Marienschule „Volksschule“ (Fresko von Hans-Heinrich Adam, abgerissen in den 1990ern) auf der Windhecke. Für die katholische Filialkirche „Zur schmerzhaften Mutter“ im Stadtteil Rodert erweiterte er bis 1955 eine neugotische Backsteinkapelle, für die Bleiglasfenster konnte der Künstler Paul Weigmann (1923-2009) gewonnen werden. Die evangelische Kirche von Münstereifel hingegen erstellte Steinmann 1956 als reinen Neubau. In die Betonskelettkonstruktion mit einem Raster aus Schwammsteinen fügte der Künstler Hans-Heinrich Adam (1919-2007) eine moderne Glasgestaltung. Der 1998 fertiggestellte Neu- und Anbau mit Gemeindezentrum und Fahrstuhl tritt hinter der Kirche zurück und ist zugleich deutlich als neuzeitliche Zutat erkennbar.

 

Teil des städtischen Lebens

Doch auch im Profanbau ist das Werk von Steinmann in Münstereifel bis heute erlebbar. Von 1954 bis 1955 gestaltete er die Turnhalle des TUS 05 Arloff-Kirspenich. Für den Bau „umklammerte“ er eine Holzbinderkonstruktion u-förmig durch massiv aufgemauerte Giebelseiten. Mit dem Wohnhaus der Familie L. konnte Steinmann von 1958 bis 1959 sein Können auch im privaten Bereich unter Beweis stellen. Der Stampf- und Stahlbetonbau mit Schwemmstein-Trennwänden und einem asymmetrischen Satteldach steht im Hang, gesichert durch eine Stützmauer. Hier verschmilzt die Formensprache der 1950er Jahre aufs Beste mit der bei Kurgästen wie Einheimischen so beliebten naturnahen Umgebung von Münstereifel. (1.11.18)

 

Literatur (Auswahl)

Hürten, Toni, Chronik Bad Münstereifel. Band II. 1816-1970, Köln 1975, S. 134-139.

Bollenbeck, Karl Josef, Neue Kirchen im Erzbistum Köln 1955-1995, Köln 1995, S. 104, 381-382.

Birmanns, Jürgen, Die Geschichte des Kneipp-Heilbades Bad Münstereifel von den Anfängen bis zur Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der Heilpersonen und -institutionen, die sich der Kneippschen Heilweise widmeten und widmen, Diss., RWTH Aachen, 2000, S. 109.

Renn, Renn, Vom Fremdenverkehrsort zum Kurheilbad und zu Bad Münstereifel, in: Das Münster in der Eifel 2004, S. 130-137.

50 Jahre Evangelische Kirche Bad Münstereifel. Festschrift, hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Münstereifel, Bad Münstereifel 2006, S. 22.

Foxius, Armand, Was bleibt. Zeitungsartikel über Münstereifel für den Kölner Stadt-Anzeiger (1958-1961), hg. von Armin Foxius, Bergisch Gladbach 2013, S. 114f.

Bad Münstereifel, Astropeiler (Bild: Stephan Wershoven, CC BY SA 3.0, 2013)