Immer auf die Kleinen …

Kassel, St. Elisabeth (Bild: Axel, Hindemith, CC BY SA 3.0)
Diaspora goes Documenta: eine Skulptur von Stephan Balkenhol auf der Kasseler St. Elisabeth-Kirche (Bild: Axel, Hindemith, CC BY SA 3.0)

Manchmal kommt es eben doch auf die Größe an: beim Basketball, beim Speeddating – und leider auch in der Kirchbauforschung. Allzu oft werden die „kleinen“ Diasporakirchen der Nachkriegsmoderne unter Wert geschlagen. Doch dem kann jetzt abgeholfen werden, denn seit 2014 liegt die kunsthistorische Dissertation von Johanna Anders nun auch gedruckt vor: „Neue Kirchen in der Diaspora“. Die broschierte, rund 200 Seiten starke Publikation widmet sich den Kirchenbauten nach 1945 im nordhessischen Teil des Bistums Fulda. Ihr selbsterklärtes Ziel ist es, eine „inventarartige Dokumentation des ‚Ist-Zustandes‘ der im Schwinden begriffenen, katholischen Kirchbaulandschaft Nordhessens“ zu bieten. Und schon beim ersten Blättern der Studie wird klar: Auch dort, wo eine christliche Konfession in der Minderheit lebte, konnte sie nach 1945 eine reiche Kirchenlandschaft entstehen lassen – von der knuffigen Notkirche bis zur mutigen Betongeste.

 

Flüchtlinge bauen Kirche

Das Thema „Flüchtlinge“, das aktuell die Medien füllt, war nach 1945 ein Motor des Kirchenbaus. In Nordhessen kam nach dem Krieg katholisches Leben in Städte und Dörfer, die seit der Reformation weitestgehend protestantisch geprägt waren. Und diese neuen Katholiken suchten eine neue Heimat, brauchten eigene Kirchenräume. Diesem Phänomen nähert sich Anders in ihrer Monographie in drei Hauptteilen: Zunächst bietet sie einen allgemeinen Überblick über den modernen Kirchenbau im Allgemeinen und den Diasporakirchenbau des 20. Jahrhunderts im Besonderen. Dabei liegt der Schwerpunkt naturgemäß auf der untersuchten Zeit und Region: der Nachkriegsgeschichte im Bistum Fulda.

In einem zweiten Hauptteil greift Anders aus den 107 erfassten fuldischen Diasporakirchen exemplarisch 27 Bauten heraus. Sie ordnet die Beispiele nach ihrer Grundrissform, an der sich – unter Berufung auf Hugo Schnell – „das Bewusstsein des Begriffes ‚Kirche‘ nach 1945“ wiederspiegele. Der Häufigkeit nach werden Kirchen porträtiert und verglichen, deren Grundriss auf einem Rechteck, Quadrat, Oval, Trapez bzw. Parabel, Polygon, Kreuz bzw. Kreis beruht. Resümierend stellt Anders fest, dass die Entwicklung der nordhessischen katholischen Diasporakirchen parallel zu den bundesdeutschen Kirchbautrends verlief: von der traditionellen Wegekirche hin zum konziliaren Zentralraum. Trotz verbindender Merkmale gerade der ländlichen Bauten (sparsamer Materialeinsatz, Ortsrandlage, pragmatische Nutzung der Turmräume u. v. m.) kann sie keine eigenständige Baugattung „Diasporakirche“ ausmachen. Der eigentliche Wert dieser Räume ist für Anders ein kulturhistorischer: Die Diasporakirchen gaben den „Unbehausten“ der Nachkriegszeit eine neue (geistliche) Heimat.

 

Viel zu tun

Ein großer Joker der Publikation liegt in ihrem dritten Hauptteil: einem 107 katholische nordhessische Diasporakirchen umfassenden Objektkatalog, der den „Ist-Zustand“ des Jahres 2013 darlegt. Jeder Bau wird kurz vorgestellt mit Außenfoto, Adresse, Größe, Architekt, Weihedatum und nicht zuletzt mit dem heutigen Status, der von „Pfarrkirche“ über „stillgelegt“ bis zu „verkauft“ reichen kann. Nicht berücksichtigt wurden Wiederaufbauten oder Kapellen. Jetzt ist es an den Forschern, die erfassten nordhessischen katholischen Diasporakirchen auf dieser Basis mit anderen deutschen Kirchbaulandschaften und mit den Räumen anderer christlicher Konfessionen zu vergleichen. Jetzt ist es an den staatlichen wie kirchlichen Entscheidern, weiterhin behutsam mit diesen Bestand umzugehen. Und bei all dem zur Recherche einfach in den Bücherschrank greifen zu können: Welch‘ ein Luxus! (kb, 1.10.15)

Anders, Johanna, Neue Kirchen in der Diaspora. Eine Studie zu den Kirchenneubauten nach 1945 im nordhessischen Teil des Bistums Fulda, kassel university press, Kassel 2014, 211 Seiten, broschiert, ISBN: 978-3-86219-682-1 [zugl. Diss., Universität Kassel, 2012]