„Nicht schubsen. Treten!“

Ich war auf einer Kirchbautagung. Es war sogar eine von den schönen – mit klugen Menschen, kalten Getränken und warmen Gesprächen. Wir haben uns gegenseitig unsere neuesten Bücher vorgestellt, haben fleißig diskutiert und waren uns furchtbar einig, dass jede gute moderne Kirche unsere Schützenhilfe braucht. Dass wir nicht nur emsig forschen, sondern die Entscheidungsträger im Dienst der guten Sache auch mal „schubsen“ müssen. Am Ende sollte eine pensionierte Kollegin alles auf den Punkt bringen und uns in den Abend verabschieden. Sie schloss mit dem ihr eigenen energischen Erstaunen darüber, wie verzagt der akademische Nachwuchs geworden sei. Gegen Borniertheit helfe nur Entschlossenheit: „Nicht schubsen. Treten!“

 

Früher hatten wir Lagerfeuer, …

Frankfurt am Main, Kirchentag, 1975 (Bild: B 145, Bild F045686-0005, CC BY SA 3.0)
Wunderbar geborgen? H. Schmidt, L. Funcke und E. Maseberg 1975 auf dem 16. Evangelischen Kirchentag in Frankfurt (Bild: B 145, Bild F045686-0005, CC BY SA 3.0)

Vieles ließe sich einwenden. Dass es sich mit einer sicheren Beamtenpension leicht zur Revolution aufrufen lässt. Dass das alles heute viel komplizierter ist. Denn eines ist unbestreitbar: Die Zeiten haben sich geändert. Wir wurden religiös sozialisiert von denen, die der kürzlich verstorbene Kirchenbauer Helmut Striffler die „Gitarrenspieler und Flaschenbierverkäufer“ nannte. Von den friedensbewegten Pastoren, die uns keine Märchen vom Christkind mehr verkaufen wollten. Und uns stattdessen am christlichen Lagerfeuer vorsangen, was das weiche Wasser mit dem Stein macht. Also warfen wir selbigen nicht mehr gegen die Dinge, die uns hätten kaputtmachen können, sondern ins Wasser und warteten auf die versprochenen Kreise – teilweise bis heute.

 

… heute haben wir Angst

Heute haben wir Angst, die Stelle zu verlieren (oder gar nicht erst zu bekommen), einen Auftraggeber zu vergraulen (oder gar nicht erst zu finden). Angst vor „den“ Entscheidungsträgern, vor Vater Staat und Mutter Kirche. Denn beide schließen sich gerade zur jeweils eigenen Wagenburg zusammen. Längst sind die Nischenstellen (vom universitären Perlenfach bis zum Jugenddiakon) für Elfenbeintürmer und geistbegabte Sonderlinge wegrationalisiert. Längst sind alle Räume (vom zuschussbedürftigen Bürgerhaus bis zum herben Kirchenzentrum) auf ihre Verwertbarkeit hin katalogisiert – und erste Exemplare aussortiert. Je kälter der Wind der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit um die institutionellen Nasen weht, desto eisiger werden die dazugehörigen Gesichter am Verhandlungstisch. Entscheidungen werden hier nicht mehr getroffen, sondern mitgetragen. Verantwortung wird nicht mehr übernommen, sondern höchstens noch geteilt.

 

Gegen Gummiwände rennt sich schlecht

Die britische Armee fertigt Molotowcocktails gegen die deutsche Invasion von 1940 (Bild: Kessell, IWM Non Commercial Licence)
Statt Apfelbäumchenpflanzen: Soldaten der britischen Armee fertigen 1940 Molotowcocktails in Serie gegen die gefürchtete Invasion der deutschen Kriegskollegen (Bild: Kessell, IWM Non Commercial Licence)

Der Beton der 1970er Jahre brannte schlecht, aber er ließ sich wenigstens sprengen (Liebe Immobilienentwickler, das ist eine Metapher!). Noch nicht einmal heldenhaft blaue Augen gibt es bei unseren heutigen Gummiwänden – und selbst die hat man längst in „Weichzelle“ umbenannt, damit sich auch wirklich niemand daran stößt. Vielleicht gründet die Scheu vor dem Aufstampfen nicht nur in unserer anersungenen Beißhemmung. Vielleicht liegt es auch an dem, was der Journalist Ruben Donsbach den „neoliberalen Schaumteppich“ nennt. Gegen gesamtgesellschaftliche Watte hilft weder Treten noch Schubsen. Vielleicht Pusten? Dann wird bestimmt alles wieder gut! (kb, 19.11.15)