St. Louis/Missouri, Abriss von Pruitt Igoe, 1966 (Bild: U.S. Department of Housing and Urban Development Office of Policy Development and Research, PD)

„The day modern architecture died“?

von Dina Dorothea Falbe

Täglich erscheinen auf moderneREGIONAL aktuelle Meldungen für eine wachsende Gruppe Modernefans. Obwohl schon viel Erfreuliches passiert, bleiben hier Abrisse oder Abrissdiskussionen eines der häufigsten, wenn nicht das häufigste Thema. Dieser Schwerpunkt liegt auch im Alter der Bauten begründet: Eine abgeschlossene Architekturepoche muss erst Schritt für Schritt wahrgenommen und bewertet werden, um breitere Anerkennung zu finden. Niemand kann erwarten, dass unsere gebaute Umwelt bleibt wie sie ist – sie verändert sich mit uns und mit den Formen unseres Zusammenlebens. In allen Umbruch/Abbruch-Diskussionen geht es deshalb genau um diese Frage: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

 

Von der Testsprenung zum Symbol

Eindrückliche Bilder von Abbrüchen moderner Bauten werden schon seit Jahrzehnten verwendet, um bestimmte Botschaften über diese Stilepoche zu vermitteln. „The day modern architecture died“, mit dieser bekannten Aussage machte der Architekturhistoriker Charles Jencks 1977 das Ende der Moderne am Abrisstermin von Pruitt-Igoe fest. Die Testsprengung einiger Bauten der 1955 in St. Louis errichteten und später heruntergekommenen Wohnsiedlung sollte mit dem „Pruitt-Igoe Action Plan“ ursprünglich nur den einige neue Gemeinschaftsbauten für die Siedlung ermöglichen, wie Sabine Horlitz 2016 in der Zeitschrift „Candide“ darlegte. Kurz darauf wurde der Abriss der gesamten Anlage beschlossen (und mit der Abrissbirne umgesetzt).

Das Videomaterial von der Testsprengung wurde fortan instrumentalisiert – besonders von Präsident Richard Nixon, um den Wohlfahrtsstaat als gescheitert und staatliche Einmischung in die Immobilienwirtschaft als per se schlecht darzustellen. Gründe, dieses Narrativ zu hinterfragen, gab es seither viele: Schlagzeilen machten die astronomischen Immobilienpreise im Silikon Valley. Auch die Spekulation mit Eigenheimkrediten, die Ursache der Finanzkrise vor zehn Jahren, stellt bis heute die Wohnungs- und Bodenpolitik infrage. Die in den 1930er bis 1960er Jahren boomende Kreditvergabe ging nicht nur mit einer ausgedehnten Suburbanisierung einher. Mittlerweile wird sie sogar als struktureller Rassismus kritisiert, da vorwiegenden Weiße davon profitierten. Mangelnde Instandhaltung, Rassen-Segregation, der allgemein schlechte Arbeitsmarkt und der damit einhergehende Bevölkerungsschwund gelten heute als wahrscheinliche Ursachen für den Verfall des einstigen Vorzeigeprojektes Pruitt-Igoe.

 

Im TV dabei


Bis heute werden spektakuläre Abrisse moderner Appartementblocks im Fernsehen übertragen: Ehemalige Bewohner verfolgen weinend die Sprengung ihres Hauses in den Pariser Banlieues. Die Architekturtheoretikerin Niloufar Tajeri widmete sich diesem Thema im gemeinsamen Projekt „Riot“ mit dem Philosophen Gal Kirn 2015/16 an der Akademie Schloss Solitude. 2005 kam es in den Pariser Banlieues zu gewaltsamen Ausschreitungen – ausgelöst durch den Tod zweier Jugendlicher, die als Opfer ungerechtfertigter Polizeigewalt angesehen werden. Der französische Soziologe Hugues Lagrange benannte die Ankündigung weitrechender Abrisse (im Rahmen des Sanierungsprogramms ANRU 2003) als Ursachen für die Ausschreitungen.

Die Videoaufnahmen ehemaliger Bewohner zeigen, dass sich ihre Lage durch die städtebauliche Neuorganisation nicht unbedingt verbessert. Denn mit den modernen Wohnblocks werden auch gewachsene Sozialstrukturen zerstört. Die vielkritisierte Flächen- oder Kahlschlagsanierung, für die Pruitt-Igoe stellvertretend stehen kann, scheint sich dort zu wiederholen. Einmal mehr wird die „hässliche“ Architektur zur Projektionsfläche für vieles, was gesellschaftlich schief läuft. Texte zu diesen Themen haben Niloufar Tajeri und Gal Kirn im Pages Magazine veröffentlicht. Am 18. Juli 2018 halten sie einen Vortrag an der Universität Münster. Und die Ausstellung zum Projekt „UNTIE TO TIE. Über Aufstände und Widerstand. Riots: Allmähliches Aufkündigen der Zukunft“ ist noch bis zum 24. Juni 2018 in der ifa Galerie Stuttgart zu sehen.

 

Der „gute“ Abriss

Die Abrissgeschichte des Restaurants Ahornblatt auf der Berliner Fischerinsel ist zumindest in Deutschland viel zitiert. Ihre Symbolkraft scheint für statt gegen die Moderne zu arbeiten. Hätte man das ikonische Bauwerk aus filigran betonierten Hyparschalen von Ulrich Müther im Jahr 2000 nicht abgerissen und durch einen gesichtslosen Neubau ersetzt, wäre das Werk des DDR-Bauingenieurs heute wohl weit weniger bekannt. 2006 wurde sein Nachlass in das Müther-Archiv an der Hochschule Wismar überführt. Bis dahin hatten die Pläne, Zeichnungen, Akten und Modelle in feuchten Räumlichkeiten der Kraft-durch-Freude-Ferienanlage Prora auf Rügen gelagert, die Müther eigens dafür angemietet hatte. Ein Großteil des 2,5-Kilometer-langen Dreißigerjahrebaus wurde kürzlich zu Luxuswohnungen umgebaut. Die monotone Fassade, deren Form und Struktur weniger an die völkischen Stilkonstruktionen der Nazi-Erbauer, als vielmehr an modernen Pragmatismus erinnern, schien dabei kein Hinderungsgrund zu sein.

 

Aneignung statt Abriss

Moderne Masterpläne entstanden am Reißbrett, von oben herab und oft unter Missachtung gewachsener Strukturen. Zugleich legen optimierte Wohnungsgrundrisse ihren Nutzern bestimmte Wohn- und Verhaltensideale nahe. Dass dieser autoritäre Charakter nicht die folgenden Nutzungen bestimmen muss, zeigen Aneignungsbeispiele in den Büchern „Kleine Eingriffe“ und „Raster Beton“. Letzteres beschäftigt sich mit der Plattenbausiedlung Leipzig-Grünau. Der Architekturtheoretiker Wolfgang Kil spricht hier von der „Normalisierung der Moderne“ als „nächste kulturelle Herausforderung von Le Havre bis Wladiwostok“.

Ob diese „Normalisierung“ oder selbstbestimmte Aneignung von Großstrukturen überhaupt stattfinden kann, oder vorher erneut von oben „Tabula Ras“ gemacht wird, ist von den Eigentumsverhältnissen abhängig. Staatliche Wohnungsbaugesellschaften sind nicht unbedingt ein Garant für sichere Instandhaltung und verantwortungsvollen Umgang mit dem Bestand, doch angesichts der Wohnungsknappheit in deutschen Großstädten wird die öffentliche Hand wieder geschätzt. Dass das zivilgesellschaftliche Engagement in dieser Steuerung berücksichtigt werden kann und sollte, zeigt die Stadt Berlin aktuell mit dem Projekt Haus der Statistik. Sie hat das ostmoderne Ensemble am Alexanderplatz vom Bund gekauft, um dort neben der eigenen Verwaltung auch Wohnungen und Arbeitsräume für Kreative und Geflüchtete unterzubringen. Dafür hat die Stadt eine Kooperationsvereinbarung mit Initiativen getroffen, die sich für solche Nutzungen an dem Standort einsetzen. So entsteht in zentraler Lage ein Ort, in dem viele gemeinschaftliche Interessen selbstbestimmt zusammenkommen.

Das Haus der Statistik illustriert auch, wie Merkmale der Moderne eine selbstbestimmte Aneignung durch neue Nutzer begünstigen können. Gerade weil immer noch viele Vorzeigeprojekte die „europäische Stadt“ weit zurückliegender Jahrhunderte reproduzieren – wie z. B. das Humboldt-Forum unweit vom Alexanderplatz – erscheint die Ostmoderne als passende Atmosphäre für eine breitere gesellschaftliche Vielfalt. Das Stahlbetonskelett-Tragwerk gibt große Freiheiten in der Grundrissgestaltung. Aber auch der unfertige Charakter des entkernten Gebäudes lädt zur Aneignung ein. Hier entsteht Neues, gerade weil nicht neu gebaut wird.

 

Neutralität unmöglich

Nicht nur Modernefans sind überzeugt, dass Abrisse oft nicht sinnvoll sind. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass es möglich ist, den jeweiligen Bestand an die aktuellen klimatischen und räumlichen Anforderungen anzupassen. Dabei können Ressourcen geschont, räumliche, soziale sowie baukünstlerische Werte erhalten und neue geschaffen, ja sogar Kosten gespart werden. Die Abrissforderungen stützen sich also heute, wie auch schon bei Charles Jencks in den 1970erJahren, oft auf politisch motivierte Narrative: Sie belegen die Gebäude mit einer bestimmten Symbolik oder behaupten, eine bessere Lebensumwelt schaffen zu können. Stützen die Abrissdokumentationen also die Geschichte von der vermeintlichen Niederlage der Moderne? Kann es umgekehrt gelingen, mit solchen Bildern die Werte moderner Lebensräume aufzuzeigen?

In seinem populären Architekten-Buch „four walls and a roof“ bezeichnet Reinier de Graaf die Moderne als „the century that never happend“ und zeigt dazu Abrissbilder von bekannten modernen Bauten. Damit liefert er mehr als eine neutrale Analyse. De Graaf sagt auch, die Wohnfunktion sei heute nur noch ein „Nebeneffekt“ der Immobilie als Kapitalanlage und Spekulationsobjekt. Auch in Deutschland gibt es solche Siedlungen, die unter steigenden Preisen ständig den Besitzer wechseln, ohne dass in die Substanzerhaltung investiert wird. Der Kampf um den Erhalt moderner Bauten und Stadtstrukturen will also auch die gewachsenen sozialen Strukturen und die dort gelebte Identität vor dem Spekulationsdruck bewahren. Dies gilt auch für öffentliche Bauten der Nachkriegszeit, die ebenfalls wegen günstiger Mieten vielerorts als Freiräume für kulturelles Leben wahrgenommen werden.

 

Das Ende einer Unterdrückungsspirale?

Die starke emotionale Wirkung der Abrissbilder erlaubt keine „unschuldige“ Verwendung. Solche Fotografien erzeugen noch immer die Endzeitstimmung im Sinne von „modern architecture died“. Doch verbunden mit einer weiteren Analyse der Abrissumstände, lässt sich die Botschaft auch anders verstehen: Die Zerstörung von Gebäuden, insbesondere von modernen Wohnhäusern und -siedlungen, ob durch unterlassene Instandhaltung oder durch Sprengung, ist ein gewaltsamer Akt. Er lässt sich als Teil einer Unterdrückungsspirale verstehen, die durchbrochen werden könnte. Die Transformation dieses Erbes bietet Chancen für mehr gesellschaftliche Vielfalt und ein respektvolles Miteinander. Gerade weil unterschiedliche politische Deutungen von Architekturen möglich sind, ist es an uns, gewissenhaft damit umzugehen – das gilt auch und besonders für Abrissbilder. (22.5.18)

Titelmotiv: St. Louis/Missouri, Abriss von Pruitt-Igoe, 1966 (Bild: U.S. Department of Housing and Urban Development Office of Policy Development and Research, PD)