Filmszene aus "Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen" (Regie: Sigi Rothemund, 1979) (Quelle: youtube.de)

Timm Thaler als Architekturkritik?

Timm Thaler als Architekturkritik?

"Timm Thaler oderdas verkaufte Lachen" (Foto: Copyright Constantin Film/Gordon Mühle)
Das Kapital blickt begehrlich auf die Stadt: „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“, Szene (Arved Friese, Justus von Dohnányi) aus der Neuverfilmung (Foto: Copyright Constantin Film/Gordon Mühle)

Diese Geschichte ist Systemkritik aus einer Zeit, als man noch an die Macht einer guten Geschichte glaubte. 1962, die beiden Blöcke sahen sich gerade nur über eine Mauer hinweg an, veröffentlichte James Krüss den Roman „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“: Boy, das Alter Ego des Autors, trifft im Zug eben jenen Timm, der ihm aus seinem Leben erzählt. Ein mysteriöser Fremder will Boy kurz darauf bestechen, dies niemals aufzuschreiben. Die Versuchung entpuppt sich als Baron Lefuet, an dessen Namen man nicht viel buchstabenrätseln muss, um den Leibhaftigen zu entdecken. Boy widersteht und erzählt die ewige Geschichte von den wirklich wichtigen Dingen und wie dunkle Kräfte danach greifen. Gestern nun kam eine neue Verfilmung „Timm Thalers“ in die Kinos, die den Stoff in einer bonbonfarbenen 1920er-Jahre-Kulisse inszeniert. Als das ZDF mit dem Roman 1979 seine erste Weihnachtsserie auflegte, wurde die Geschichte in die damalige Gegenwart versetzt. Und dabei spielte – neben einem strahlenden Thomas Ohrner und einem unfassbar beängstigenden Horst Frank – die Architekturmoderne eine symbolträchtige Rolle.

 

Der stylishe Sehnsuchtsort

Mirador del Rio (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Auf dem Bildschirm wurde aus dem Aussichtspunkt Mirador del Río auf Lanzarote einfach die Vulkaninsel Aravanadi (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Durch einen tragischen Unfall verliert Timm Thaler seinen Vater, ihm bleibt sein mitreißendes Lachen. Dieses will sich der Baron für dunkle Geschäfte zu Nutze machen will. Diabolisch bindet er Timm mit einem Vertrag, der ihn jede Wette gewinnen lässt. Und er lockt mit dem Glanz einer mondänen Welt, in der schon Teenager Polyesteranzug und Krawatte tragen. Im ZDF-Mehrteiler inszenierte man dafür die Vulkaninsel Aravanadi als Sehnsuchtsort. Die geheime Machtzentrale des Barons wurde auf der Kanareninsel Lanzarote gedreht, hier zumeist im Mirador del Río. Kurz zuvor, von 1973 bis 1974, hatte der spanische Architekt und Allrounder César Manrique (1919-92) diesen Aussichtspunkt mit Jesús Soto und Eduardo Caceres in die Vulkanlandschaft gefügt. Manrique arbeitete seit den 1960ern daran, den traditionellen Stil der Insel behutsam in die Moderne zu überführen. Für Timm Thaler wurde daraus das stylishe Versteck des Erzbösen, wie es eines James-Bond-Films würdig gewesen wäre. Dem Seemann und der Nonne hingegen, die Timm bald die Flucht ermöglichen sollten, folgte die Kamera zu historischen Bauten und malerischen Dorfstraßen.

 

Das heimische Hochglanzkapital

Hamburg, HEW-Zentrale (Bild: Staro1, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Eleganter geht nicht: Die Hamburger HEW-Zentrale (1969, Arne Jacobsen und Otto Weitling) wurde zum Firmensitz des Barons (Bild: Staro1, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Doch nicht nur auf der fernen Vulkaninsel, auch in Timms Heimatstadt wird der skrupellose Kapitalist Lefuet mit einer Ikone der Nachkriegsmoderne verknüpft: mit der damaligen Hamburger HEW-Zentrale, die kein Geringerer als der dänische Architekt und Designpapst Arne Jacobsen (1902-71) mit Otto Weitling 1969 als elegantes Vierscheibenhaus fertigstelle. Das finale Rennen um Timms Lachen startete am Hotel (1970-73, Jost Schramm/Gert Pempelfort) am Congress Centrum (später Center), vor dessen Hochhausfassade der Regisseur zeichenhaft Anzug- und Sonnenbrillenträger postierte. Zuletzt gewinnt Timm sein Lachen durch eine Wette wieder. Doch das Ende bringt ihn nicht einfach aus der faszinierenden Stahl- und Glaskälte des Kapitalismus (womit aus der Systemkritik zeittypisch auch Architekturkritik wird) zurück ins warme sattelbedachte Einfamilienhäuschen seiner Kindheit. Timm erobert sich mit neu gewonnenen Freunden den öffentlichen Raum, in der Schlussszene ist es die Wasserkunst am Hamburger Amtsgericht. Für die Generation, die sich mit diesen Bildern 1979 gen Weihnachten gruselte, lohnt nun der vergleichende Weg ins Kino. Verlegen Sie diesen Besuch doch einfach nach Hamburg und schauen selbst nach, welche Hände heute nach den einstigen Drehorten der Moderne greifen. Oder doch lieber Lanzarote? (kb, 3.2.17)