Robert Doisneau, Le Baiser de l’Hôtel de Ville (© Atelier Robert Doisneau, 2016)

Robert Doisneau in Berlin

Robert Doisneau, Le Baiser de l’Hôtel de Ville (© Atelier Robert Doisneau, 2016)
Sowas von Ikone: Robert Doisneau, Le Baiser de l’Hôtel de Ville, 1950 (© Atelier Robert Doisneau, 2016)

Es ist ein wenig wie mit Van Goghs „Sonnenblumen“. Man ist ihnen schon auf zu vielen Kunstdrucken, Stickbildern und Fußmatten begegnet, um sie unumwunden schön zu nennen. Und dann gibt es doch diesen Moment, wenn einen die kulturbürgerliche Pflicht in den Louvre vor das Original treibt und einem vor Bewunderung die Luft wegbleibt. Gut Kunst ist eben doch einfach gut – und von all dem Marketing nicht kaputt zu kriegen. Dem französischen Fotografen Robert Doisneau (1912-94) wünscht man viele solche unbefangenen Wiederentdeckungen. Mit seinem 1950 in der Rue de Rivoli aufgenommenen Motiv „Le Baiser de l’Hôtel de Ville“ hat er sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Dieses Schwarzweiß-Foto steht für Paris als „Stadt der Liebe“, für die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit vergangener Zeiten und einem Kurzurlaub mit Croissant inkl. Nebenbeiflirt.

 

Mit der Rolleiflex durch Paris

Robert Doisneau, Mademoiselle Anita, 1951 (© Atelier Robert Doisneau, 2016)
„Meine Fotos gefallen den Leuten, weil sie darin wiedererkennen, was sie sehen würden, wenn sie aufhören würden sich abzuhetzen. Wenn sie sich Zeit nehmen würden, um die Stadt zu genießen“ (Robert Doisneau, hier seine Aufnahme: Mademoiselle Anita, 1951, © Atelier Robert Doisneau, 2016)

Doch Doisneaus Œuvre, das rund 350.000 Fotografien umfasst, hat mehr zu bieten als diese eine ikonische Aufnahme. Als Bildjournalist arbeitete er für die großen Magazine wie Vogue, Paris Match, Le Point und LIFE. In seiner freien Zeit ging er mit der Rolleiflex in Paris auf Spurensuche. Diese betrieb er weniger systematisch als sein großes Vorbild Eugène Atget (1857-1927), der Straßenzug um Straßenzug mit der Großformatkamera katalogisierte. Doisneau hingegen ging es um die Atmosphäre. Er hielt Pariser Häuserfronten, Innenräume, Quais, spielende Kinder, Passanten, Hochzeitspaare und Augenblicke in stimmungsvollem Schwarzweiß fest.

Doisneau befreundete sich auf seinen Streifzügen mit Intellektuellen, Journalisten und Poeten wie Robert Giraud (1921-97), Jacques Prévert (1900-77) und Blaise Cendrars (1887-1961). Sie nahmen ihn mit in Bars und Varietés der damals führenden Kunstmetropole. Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, Brassaï, André Kertész, Martin Munkácsi oder Germaine Krull nutzen hier die technischen Errungenschaften einer Kamera mit kurzer Belichtungszeit. Sie rückten den Menschen in den Mittelpunkt und machten so das Private, Intime und Persönliche öffentlich. Auch Doisneau fand so um 1950 seine Nische, die er zu Meisterschaft entwickelte.

 

Selbst ein Kind der Banlieu

Robert Doisneau, La mariée chez Gégène, 1946 (© Atelier Robert Doisneau, 2016)
Unübersehbar ungebändigte Lebenslust, ein Jahr nach Kriegsende: Robert Doisneau, La mariée chez Gégène, 1946 (© Atelier Robert Doisneau, 2016)

Doisneau wurde 1912 selbst in der Banlieue, im kleinen Ort Gentilly, im Südwesten von Paris geboren. 1928 schoss er sein Studium an der Ecole Estienne in Paris mit einem Diplom für Lithografie und Gravur ab. Nach 1931 arbeitete er zunächst als Assistent des Fotografen und Herausgebers der „Encyclopédie photographique de l’art“, André Vigneau (1882-1968), von 1934 bis 1939 als Werkfotograf bei Renault, um schließlich bei der Agentur Rapho als selbständiger Bildjournalist unterwegs zu sein.

Während des Zweiten Weltkrieges dokumentierte Doisneau den Alltag im besetzten und später befreiten Paris. Damit sind seine Fotografien nicht nur Ausdruck seines handwerklichen Könnens und künstlerischen Anspruchs, sondern auch ein Dokument der Zeit, vielleicht sogar eine ästhetisch verkleidete politische Aussage: Wir in Paris haben uns nicht unterkriegen lassen, wir lachen, lieben und heiraten weiter! Die Ausstellung „Robert Doisneau – vom Handwerk zur Kunst“ gibt nun mit rund 100 ausgewählten Arbeiten – zum Großteil entstanden in den 1940er und 50er Jahren – Einblick in eben jenes vielschichtige fotografische Werk. Im Rahmen der Berliner Festspiele ist die Schau noch bis zum 5. März 2017 im Martin-Gropius-Bau zu sehen. (kb, 25.1.17)