Roland Rainer: Stadthalle Wien, 1958 (Bild: Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Margherita Spiluttini)

Die Elastizitäten des Roland Rainer

Ein „Fall mit Diskussionsbedarf“, so kommentierte eine von der Stadt Wien beauftragte Studie den Roland-Rainer-Platz. Stein des Anstoßes waren offene Fragen zu den „biografischen Selbstauslassungen“ des Architekten zur NS-Zeit. Und da hätten wir das Problem, denn Rainer (1910-2004) steht mit seinen Nachkriegsbauten für ein in die Moderne und Demokratie aufbrechendes Österreich. Diesen Zwiespalt diskutieren Fachleute bereits seit den 1990ern. Doch in den vergangenen drei Jahren wurde der Rainer-Nachlass im Architekturzentrum Wien (Az) aufgearbeitet – und nun stehen neue Erkenntnisse im Raum.

 

1936: Aufbruch nach Berlin

1936 brach der österreichische Architekt Roland Rainer in Richtung Berlin auf. Mit dem Expansionswillen und den folgenden Kriegszerstörungen der NS-Zeit taten sich für junge Architekten gerade neue, großformatige und finanzstarke Tätigkeitsfelder auf: Für die Ostgebiete sollten neue Siedlungen geplant, die Städte im Reichsgebiet sollten für den künftigen Wiederaufbau vorbereitet werden. Hier lag der Grundstein für nicht wenige Architektenkarrieren der Nachkriegsmoderne, so auch für Roland Rainer: Er wurde Parteimitglied und machte sich in der Deutschen Akademie für Städtebau, Reichs- und Landesplanung mit der Grundlagenforschung der Zeit vertraut. Rückblickend marginalisierte Rainer seine Tätigkeit in diesen Jahren.

 

1963: Ende als Stadtplaner

Nach 1945 tat sich Rainer nicht allein als Architekt von Einzelbauten wie der Stadthalle Wien hervor. In vorderster Position wirkte er in der Wiener Stadtplanung, bis er dort 1962 ausschied. Er verwirklichte hochgelobte Siedlungsprojekte wie am Mauerberg in Wien (1962–1963) oder in Puchenau bei Linz (ab 1963). Dabei beruht seine 1957 mit Johannes Göderitz und Hubert Hoffmann herausgegebene Publikation „Die gegliederte und aufgelockerte Stadt“ nachweislich auf Ansätzen aus der Zeit vor 1945. Vergleicht man zwei Fassungen des Buchs von 1945 und 1957, wird deutlich: Das gleiche Konzept wird durch Streichungen, Neutralisierungen bzw. Hinzufügungen in ein neues politisches Kleid gehüllt.

 

2018: Neue Erkenntnisse

Mit solchen Gegenüberstellungen will die – von Ingrid Holzschuh, Monika Platzer und Waltraud Indrist kuratierte, in Kooperation mit der Akademie der bildenden Künste Wien erarbeitete – Ausstellung „Roland Rainer (un)umstritten. Neue Erkenntnisse zum Werk (1936–1963)“ einen differenzierten Blick eröffnen. Die Präsentation ist vom 20. Oktober bis zum 26. November 2018 im Az Wien zu sehen. Begleitend findet das Symposion „Roland Rainer im Kontext“ am 20. Oktober statt. Ausgewiesenen Wissenschaftler sollen diskutieren, wie sich bei Rainer die Zeit unter mit der Zeit nach Hitler verhält. Schon jetzt sprechen die Ausstellungsmacher von einer „Elastizität und Anpassungswilligkeit“ in der Vita Architekten, die nicht unhinterfragt bleiben dürfe. (kb, 4.10.18)

Titelmotiv: Roland Rainer: Stadthalle Wien, 1958 (Bild: Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Margherita Spiluttini)