Innenhof Garderobengebäude während eines Apéros (Quelle: Privatalbum Fred Hausheer (Direktor der Bürgenstock-Hotellerie in den 1960er Jahren))

„Zum Kaviar wird gejodelt“

Blick auf das Bürgenstock-Freibad während einer Modeschau in den 1960er Jahren (historische Aufnahme, Quelle: Privatalbum Fred Hausheer (Direktor der Bürgenstock-Hotellerie in den 1960er Jahren)
Blick auf das Bürgenstock-Freibad hinter dem legendären Wadhotel während einer Modeschau in den 1960er Jahren (Quelle: Privatalbum Fred Hausheer (Direktor der Bürgenstock-Hotellerie in den 1960er Jahren))

„Ich bin nicht dafür, daß die Touristen da hinkommen, wo Kaviar gegessen wird.“ Mit diesen Worten des schweizerischen Edelhoteliers Fritz Frey beschreibt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 1963 die mondäne Lage auf dem Bürgenstock. Die Kulissse ist malerisch in jenem Kurort auf dem gleichnamigen Berg über dem Vierwaldstädter See. Damals schaufelten die Bergbahn und eine gebührenpflichtige Privatstraße jeden Sommer 220.000 Besucher hinauf zum pittoresken Ausblick. Sie folgten nicht nur einer alpinen Sehnsucht, sondern auch einem „Traum von Amerika“ – so der Titel einer neuen Ausstellung im  Nidwaldner Museum. Gaben sich im mondänen Waldhotel doch Hollywood und Weltpolitik die illustre Klinke in die Hand.

 

Audrey Hepburn heiratete in der Hotelkapelle

Was brachte Sofia Loren und Indira Gandhi auf den Bürgenstock? Nach einer Amerikareise hatte Fritz Frey dem schlingernden Standort eine Frischzellenkur verpasst: Es entstanden Hotel, Swimmingpool, Unterwasserbar und Pavillons im mondänen Schick der 1950er. Die Schönen und Reichen hatten ihr Refugium gefunden. Audrey Hepburn ließ sich gar in Hotelnähe nieder und zog scharenweise Verehrer an. 1995 jedoch musste Frey sein Imperium veräußern, das durch verschiedene Hände schließlich an Investoren vom Persischen Golf ging. Die Denkmalpflege tat ihr Möglichstes, den Wert der Groß- und Kleinbauten zu sichten und zu schützen. „Die Wochenzeitung“ fasste 2014 den Stand der Arbeiten zusammen: „Das Palace Hotel von 1905 ist komplett ausgehöhlt, das Park Hotel verschwunden.“ Das Waldhotel wurde vollständig niedergelegt, die „rekonstruierte“ Fassade soll vor den Neubau gesetzt werden. 2017 heißt das runderneuerte, 500 Millionen Franken teure Luxusresort mit 400 Zimmern dann die ersten illustren Gäste willkommen.

 

Vom Gotthard auf die heimische Modellbahn

Anders auf der Südseite des Gotthards in Ambri im Tessin: Die augenfällig modernen Bauten der Architektenbrüder Guscetti waren für aufmerksame Durchreisende schon in den 1950er Jahren ein Blickfang. Holten sie doch einen fast revolutionären Hauch Amerika in die Leventina. Als die Unternehmerbrüder Faller im Urlaub eines dieser Baukunstwerke entdeckten, brachten sie es gleich zweifach mit nach Süddeutschland: Sie ließen es im heimischen Gütenbach als privates Einfamilienhaus nachbauen – und legten in ihrer Spielzeugfirma den Bausatz „Villla im Tessin“ auf, der die Modellbahnanlagen einer ganzen Generation verschönerte. In Ambri selbst sind die Schöpfungen der Brüder Guscetti heute fast vergessen, doch das Büro arbeitet in Familienhand weiter. Und mit der anstehenden Ausstellung bleibt zu hoffen, dass der ein oder andere Hausbesitzer sein Domizil wiedererkennt und mit neuem Stolz bewohnen und pflegen wird.

 

„Der Traum von Amerika“

Garage mit Tankstelle und Einfamilienhaus in Ambri, Architektur F.lli Guiscetti, 1957 (Foto: Willi Borelli, Airolo)
Garage mit Tankstelle und Einfamilienhaus in Ambri, Architektur F.lli Guiscetti, 1957 (Foto: Willi Borelli, Airolo)

Eben jene Ausstellung hat sich – passend zum Thema „Oasen“ des diesjährigen Europäischen Tages des Denkmals – diese beiden Biotopen der 1950er-Jahre-Architektur herausgegriffen. Die Eröffnung wird am 10. September 2016 um 17 Uhr im Nidwaldner Museum (Salzmagazin) begangen. Zur Begrüßung spricht Stefan Zollinger (Vorsteher, Amt für Kultur, Leiter Nidwaldner Museum), eine Einführung geben Marcel Just (Kurator) und Gerold Kunz (Denkmalpfleger Kanton NW). Am 1. Oktober 2016 ist zudem ab 11 Uhr eine Führung mit Meret Speiser, Kunsthistorikerin, und Gerold Kunz, Denkmalpfleger Kanton NW, zu den 50er Jahre Objekten auf dem Bürgenstock angesetzt (Treffpunkt Parkplatz beim Eingang zur Baustelle. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, bitte anmelden bis Dienstag, 27. September unter museum@nw.ch oder Telefon 041 618 73 40). Die Ausstellung „Der Traum von Amerika – 50er Jahre Bauten in den Alpen“ ist bis zum 20. November 2016 zu sehen. (db/kb, 19.8.16)