Bochum, Terrassenhaus Girondelle 84-90 (Bild: Claudia Volberg)

Ein Besuch in der Girondelle 84-90

von Claudia Volberg

Der Weg von Bochums Innenstadt zum Campus führt entlang der Universitätsstraße, die in den 1960er Jahren als Verbindungsachse durch die Grüngebiete gelegt wurde. Hier findet sich die damals geplante Randstadt, die Wohnraum für die wachsende Metropole bieten sollte. Es mag seltsam anmuten, doch ein Abstecher lohnt sich. Denn in diesem Potpourri aus Bauten der 1970er bis 1990er Jahre überrascht der Wohnkomplex Girondelle 84-90 mit einer klaren Formensprache und räumlichen Qualität, die sich von den massigen Bauten der Nachbarschaft positiv abhebt.

 

Ein „soziologischer Komplex“

Die Bauten der Girondelle 84-90 sind nicht nur ein ambitioniertes Projekt der 1960er Jahre, sondern bieten gleichzeitig interessante Ansätze für die heutige Debatte über leistbare und langlebige Wohn- und Stadtkonzepte. Zwar erfüllt der Komplex viele Parameter eines attraktiven Wohnraums, doch wurde er im Laufe der Jahre stark negativ verändert und damit seine räumliche wie kulturelle Qualität in den Hintergrund gerückt. Um diese Werte zu vermitteln und in die Ressource hochwertigen identitätsstiftenden Wohnbaus zu integrieren, bedarf es einer Reflexion über seine Entstehungszeit. Als experimentellen sozialen Wohnbau entwarfen Albin Hennig und Dieter Dietrich 1966 das bis 1971 umgesetzte Terrassenhaus Girondelle. Es sollte nicht nur eine hohe Bewohnerdichte, sondern auch den Anspruch eines „soziologischen Komplexes“ gewährleisten. Hierfür verband der Architekt vielfältige Wohnungstypen mit hochwertigen Innen- und privaten Außenräumen.

 

Das Beton-Revival

Wichtig für diese Wahrnehmung sind ebenso die Formensprache und die Materialität. Die Annahme, „beton brut“ sei immer ein Zeichen minderwertigen sozialen Wohnbaus, wird nicht nur durch das Revival des Sichtbetons seit den 1990er Jahren widerlegt. Auch dient das Material als Bedeutungsträger einer ganzen Generation, wie bei den Kindern der Siedlung Halen (1962, Atelier 5). Entscheidend für eine positive Beurteilung von Beton ist vor allem seine Qualität: Ist der Baustoff gealtert und verdreckt, steht er meist für eine minderwertige Architektur. Dabei wird einer betonplastischen Formensprache, anders als bei Serienprodukten, eine gewisse Langlebigkeit und Individualität zugeschrieben. Im Terrassenhaus Girondelle sorgen Vor- und Rücksprünge für Plastizität und räumliche Dichte, die jedem flächigen Massen-Wohnungsbau abgehen.

 

Aufregende Grautöne

Der Baustoff Beton und die dunkler gehaltenen Betonfertigteiltröge erzeugen beim Terrassenhaus Girondelle ein in sich ruhendes Lichtspiel und changierende Graustufen, wie sie mit einer flächigen Textur nicht möglich gewesen wären. Diese Unaufgeregtheit macht den gebauten und umgebenden Raum umso stärker wahrnehmbar. Es braucht kein pastelltoniges Farbenmeer, um architektonische Unzulänglichkeiten oder eine fehlende Orientierung zu kaschieren. Zwischen dichter grauer Masse und bewusst platzierten Bepflanzungen betonen die Grünbereiche einen individuell gestaltbaren Lebensraum. Hier muss angemerkt werden, dass die derzeitige sehr spärliche Bepflanzung der Tröge und des Erdgeschosses dringend verbessert werden müsste.

 

Wie eine Fußgängerzone

Wie sich der öffentliche Außenraum rund um die Girondelle heute darbietet, zeigt die Problempunkte eines alleinstehenden Terrassenhauses: Wenn es unabhängig von seinem städtebaulichen Umfeld behandelt wird, entstehen qualitäts- und identitätslose Rest- und Grünflächen. Durch administrative, rechtliche und ökonomische Gegebenheiten wurden die früheren gemeinschaftlichen Außenbereiche mit den Jahren voneinander abgegrenzt und nicht als räumliche Einheit behandelt. Versteht man aber den Außenraum als Verbindungsglied zwischen Wohnbauten und Nahversorgungszentrum, kann man ihn nutzen, aufwerten und ihm den Charakter einer autofreien „Fußgängerzone“ zurückgeben.

 

Erinnerungsraum für Generationen

Der derzeit desolate Zustand des Terrassenhauses Girondelle verdeutlicht, wie dringend die beschriebenen Potenziale erkannt werden müssen. Nur so lassen sich die notwendigen Sanierungen und Reparaturen angemessen durchführen, um die Siedlung aufzuwerten. Sonst droht dieser besondere identifikationsstiftende Wohnkomplex zu einem mittelmäßigen unproportionierten Klotz zu zerfallen. Mit gezielten Eingriffen kann das Terrassenhaus Girondelle als Teil des baulichen Erbes und kollektiven Gedächtnisses nicht nur zum interessanten Ziel für Architekturtouristen, sondern auch zum Teil des hochwertigen Wohnbaus und zum Erinnerungsraum für kommende Generationen werden. (12.12.17)

Titelmotiv: Bochum, Terrassenhaus Girondelle 84-90 (Bild: Claudia Volberg)