Chandigarh, Le Corbusier: Open Hand Monument (Bild: Anamdas, CC BY-SA 3.0)

Den Horror beim Namen nennen

Die russische Architekturzeitschrift Projekt Rossija rief zum Protest gegen den Krieg in der Ukraine auf. Rund 6500 Architekt:innen und Designer haben dort einen offenen Brief unterzeichnet, der am 26. Februar auf der Website veröffentlicht wurde. Unter der Losung “Nein zum Krieg” stand Folgender offener Brief:

“Wir, die Architekten und Stadtplaner Russlands, halten die Offensive der russischen Truppen auf ukrainischem Gebiet für inakzeptabel. Außenpolitische Fragen können nur mit friedlichen Mitteln gelöst werden!  

Der Krieg entwertet das Wesen der Arbeit eines Architekten und Stadtplaners, egal in welchem Land sie stattfindet. Sie verletzt das Recht der Menschen auf Leben, Sicherheit, Selbstverwirklichung, auf ein angenehmes und gesundes Umfeld – all diese Werte, die die Grundlage unserer Tätigkeit bilden. Den Respekt der Nachbarn kann man sich nicht durch Gewalt oder Zerstörung verdienen. Aber er kann erreicht werden, indem man sein eigenes Land, sein eigenes Zuhause verbessert. Nein zum Krieg!”

Bis zum 4. März wuchs die Zahl der Unterschriften stetig. Doch dann wurde wie so viele auch Projekt Rossija von staatlicher Seite mundtot gemacht: Das in einer Sondersitzung der Duma beschlossene Gesetz gegen Fake News sieht ab sofort für “unzutreffende Berichterstattung über die Streitkräfte” eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren vor. Das Wort Krieg darf nicht verwendet werden. Die Losung “Nein zum Krieg” ist auf der Website (deren englische Version derzeit auch nicht funktioniert) nun Picassos Friedenstaube gewichen, der Text darunter lautet jetzt so:

“Hier stand der offene Brief der Architekten und Stadtplaner Russlands, in dem sie ihren Standpunkt zur aktuellen Politik unseres Landes zum Ausdruck brachten. Von seiner Veröffentlichung am 26. Februar bis zum 4. März 2022 wurde er von mehr als 6.500 Personen unterzeichnet.

Unter Androhung strafrechtlicher Verfolgung aufgrund eines heute in Kraft getretenen Gesetzes sahen wir uns gezwungen, den Text des Schreibens zu entfernen. Wir sind für den Frieden!”

moderneREGIONAL ist ebenso gegen den Krieg wie die Unterzeichner dieses Briefs. Und ehe er im Nebel der Zensur verschwindet, dachten wir, dass wir ihn hier wiedergeben. Sie können ihn auch gerne teilen. Morgen gibt´ s wieder was zum Thema Nachkriegsarchitektur. (db, 8.3.22)

Chandigarh, Le Corbusier: Open Hand Monument (Bild: Anamdas, CC BY-SA 3.0)