Architektur im Alltag: die Tabakdose

Architektur im Alltag: die Tabakdose

Mainz, Heilig Kreuz (Bild: K. Berkemann)
Aus einer Zeit, als eine Verpackung noch ein Nachleben hatte: eine Tabakdose in der Mainzer Kirche Heilig Kreuz (Bild: K. Berkemann)

Manchmal sagt ein Gegenstand aus der alltäglichen Nutzung mehr über einen Bau als eine lange kunsthistorische Beschreibung. Spiegelt er doch, mit welchem Leben die Menschen hier den hehren Architektenentwurf füllen. Ob sie sich fremd fühlen oder heimisch, ob sie in einem großen Raum kleine Schätze hüten. In der Mainzer Heilig-Kreuz-Kirche, die Richard Jörg mit Bernhard Schmitz 1954 als Rundbau entfaltete, wurde eine alte Tabakdose für den sakralen Bedarf hergenommen.

Kostbar sollte sie aussehen, nach fernen Ländern, nach Karawanen voller Gold, Weihrauch und Tabak. In einer solchen verzierten Blechdose wurden Mitte des 20. Jahrhunderts gerne Zigarren und Zigaretten feilgeboten. Zu den Zeiten, als eine Fernreise noch ein teurer zeitraubender Luxus war. In den frühen 1950er Jahren schaffte man es im besten Fall mit dem VW Käfer über den Brenner. Nur wenige konnten sich die große Nil-Kreuzfahrt oder eine Städtereise nach Istanbul leisten. So verkauften sich „Kolonialwaren“, Güter aus den sich gerade wieder von Europa freimachenden Ländern, besonders gut mit einem Hauch Exotik. War man in Adenauers Republik doch wie ausgehungert nach den Genüssen der großen weiten Welt. Selbst die Tabakwaren trugen verheißungsvolle Name wie Sultan, Mekka oder Zauberkraft. Man packte sie, verglichen mit den heutigen Plastik-Wegwerfhüllen, in schmucke stabile Blechkisten. Gerne wurden solche Dosen über Jahrzehnte weiter benutzt – für Murmeln oder die ersten Liebesbriefe.

 

Ein bisschen Glimmer schadet nimmer

Mainz, Heilig Kreuz (Bild: K. Berkemann)
Zu besonderen Anlässen zeigen die hohen Tore ihr goldschimmerndes Innenleben, das der Mainzer Künstler Peter Paul Etz mit schlanken Engelsfiguren schmückte (Bild: K. Berkemann)

Eine solche Dose hat sich auch in der Sakristei von Heilig Kreuz erhalten. Das dazugehörige Bauwerk versetzte 1954 nicht nur die Fachwelt in Erstaunen. Damals nannte sie der Kunsthistoriker Hugo Schnell „die erste reine katholische Zentralkirche, die in Deutschland ausgeführt werden konnte“. Über den Hauptraum auf kreisrundem Grundriss setzten die Architekten eine dreifach gestufte, kupfergedeckte Haube. An die Rückseite der Rotunde schmiegt sich der Gemeinderaum, den man über zwei seitliche Portale betreten kann. Der Altarraum selbst öffnet sich zu besonderen Anlässen zum Vorplatz mit 14 hohen schlanken Toren, deren goldenfarbene Innenflächen dann im Sonnenlicht aufblitzen. Ein geheimnisvolles Schimmern, das auch bei unserer Tabakdose einen wertvollen Inhalt verheißt.

Die Mainzer Dose trägt an ihrer Seite noch Spuren des Etiketts, das für Herkunft und Güte des Tabaks darin bürgte. Ein Mainzer Bürger (oder seine ordnungsliebende Ehefrau) mag sie vor Jahrzehnten dem Küster überlassen haben. Öffnet man heute den goldfarben geschmückten Deckel, findet sich darunter wieder fremdländische Ware: Streichhölzer, Tafelkreide und einige Körner Weihrauch. Dieses getrocknete wohlriechende Harz aus dem Orient, das seit Jahrhunderten zu liturgischen Zwecken entzündet wird, schimmert wie Bernstein. Wenn man die gute, die Kirchenqualität davon ergattert hat. Denn auch Weihrauchkörner verkauften sich seit den 1950ern am besten mit einer Prise biblisch verbrämter Exotik: von König Salomo bis zu den Heiligen Drei Königen.

 

Eine kostbare Dosis Fernweh

Mainz, Heilig Kreuz (Bild: K. Berkemann)
Das emaillegeschmückte Altarkreuz schuf Lioba Munz, die gestufte Farbgebung der Kuppel wurde 2010 vom Künstler Eberhard Münch erneuert (Bild: K. Berkemann)

Die Kuppel von Heilig Kreuz wurde selbst als moderne Erinnerung an antike Tempel und byzantinische Grabmäler errichtet. Dafür wählten die Architekten 1954 eine gewagte Betonkonstruktion: Zwei Stützenpaare tragen den obersten Kuppelring, von dem die weiteren Ringe abgehängt sind. Die Betonflächen fasst der Maler Paul Meyer-Speer schon 1954 in kräftige Farben. Dazwischen lassen Glasbausteine diffuses Licht ins Innere, das sich am Altarkreuz an den goldglänzenden Toren bricht. Unter der Kuppel stand von Anfang der Altar frei, um den sich die Gemeinde im Halbkreis zur Gemeinschaft versammelt.

Eben jene Gemeinde entzündet bis heute zu besonderen Gelegenheit das wohlrichtende Weihrauch-Harz. Und sendet – im Gedenken an die Weisen aus dem Morgenland, die in der biblischen Geschichte nach Bethlehem zur Krippe ziehen – an jedem 6. Januar Sternsinger von Haus zu Haus. Sie schreiben ihre Segenszeichen über die Türen mit eben jener Kreide, die in Mainz übers Jahr stilvoll von einer alten Tabakdose gehütet wird. (kb, 10.3.17)

 

Mehr?

Analog noch bis zum 12. März (mit abschließender Exkursion und Finissage) in der Ausstellung „AUF EWIG. Moderne Kirchen im Bistum Mainz“ (kuratiert von Karin Berkemann im Auftrag der „Straße der Moderne“ in Zusammenarbeit mit dem Dommuseum Mainz), im Architekturführer „Baustelle Heimat“ oder online bei der Gemeinde selbst.