Köln, Haus der Architektur, Vorstellung der Initiative "Brutalismus im Rheinland" am 14. März 2016 (Bild: D. Bartetzko)

„Sorry, das ist kein Brutalismus!“

„Sorry, das ist kein Brutalismus!“

Köln, Haus der Architektur, Vorstellung der Initiative "Brutalismus im Rheinland" am 14. März 2016 (Bild: D. Bartetzko)
In den Social Media ist man sich zumindest einig, was Brutalismus NICHT ist: „Rokoko“ (Köln, Haus der Architektur, Vorstellung der Initiative „Brutalismus im Rheinland“ am 14. März 2017, Bild: D. Bartetzko)

Wer sich in diesen Tagen in Facebook-Gruppen zur Architekturmoderne umtut, stolpert rasch über den Begriff „Brutalismus“. Darunter sammelt sich gerade alles, was irgendwie vom kantigen Betonstil angezogen wird. Das Zauberwort „Brutalismus“ klingt so wundervoll unangepasst und ist zugleich passé genug, um von einer neuen Nutzergruppe wiederentdeckt zu werden. Aber was genau darunter fällt, ist in der Praxis zumeist wolkig. Da führt ein euphorischer Facebook-Post mit „irgendwelchen“ Nachkriegs- und Betonbauten dann gerne zu emotionalen Abgrenzungsdebatten („Sorry, das ist kein Brutalismus!“) innerhalb der sich selbst findenden Gruppe. Eine solche formiert sich im Rheinland gerade nicht nur auf Facebook und im eigenen Blog, sondern auch im guten alten analogen Köln, wo man sich am 14. März im Haus der Architektur zur Diskussionsveranstaltung traf.

 

Alleinstellungsmerkmal Beton

Bensberg, Rathaus (Bild: CEphoto Uwe Aranas)
Das ist Brutalismus (wir meinen den Bildvordergrund)! (Bensberg, Rathaus, 1972, Gottfried Böhm, Bild: CEphoto Uwe Aranas)

Anlass dazu gibt es im Rheinland genug, denn unübersehbar verfügt man hier im Segment Architektur über ein Alleinstellungsmerkmal: ungezählte qualitätvolle Bauten der zweiten Nachkriegsmoderne, als der Brutalismus unter dem Siegel der „Materialehrlichkeit“ den rohen Beton inszenierte. Und während es die 1950er Jahre inzwischen erfolgreich durch den kollektiven Geschmacksfilter geschafft haben, kämpfen die Räume der 1960er und 1970er Jahre noch immer um ihre Chance. Dazu will ihnen nun die Initiative „Brutalismus im Rheinland“ verhelfen.

Die neue Neigungsgruppe bekennt sich in ihrem digitalen Gründungspapier zur regionalen Qualitätsdichte: „Hier fanden sich neben der Bundeshauptstadt Bonn und der Landeshauptstadt Düsseldorf auch starke Metropolen wie Köln mit einer Phalanx mächtiger Bauherren, wichtiger Architekten und Künstler.“ Vor diesem Hintergrund sieht sich die Gründungsgruppe für die vielgescholtenen Bauten der 1960er und 1970er Jahre verantwortlich: „Die Initiative Brutalismus im Rheinland hat sich im Sommer 2016 über eine Anregung von Tobias Flessenkemper zusammengefunden. Anke von Heyl, Markus Graf und Eckhard Heck vervollständigten eine kleine Gruppe, die erste Ideen entwickelte.“ Kristallisationspunkte ihres Engagements sind Großbauten wie das Kölner Ingenieurwissenschaftliche Zentrum (IWZ), Bildungsbauten wie die Ruhr-Universität Bochum, „mehrebige“ Infrastrukturbauten wie die Kölner Domplatte oder Kleinarchitekturen wie Brunnenanlagen.

 

Es wird konkret

Köln, Haus der Architektur, Vorstellung der Initiative "Brutalismus im Rheinland" am 14. März 2016 (Bild: D. Bartetzko)
Fast noch ein wenig erschrocken über die große Resonanz auf ihre Veranstaltung: die Vertreter der Initiative „Brutalismus im Rheinland“ und ihre Gäste am 14. März 2017 vor über 100 Teilnehmern (Bild: D. Bartetzko)

Im Haus der Architektur Köln stellten die Vertreter der Initiative – unter der angenehm stringenten Moderation des Kunsthistorikers Dr. Ulrich Krings („Hat jetzt noch jemand etwas wirklich Essentielles zu sagen? Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Abend!“) – ihre Ziele vor. Entstanden sei das Ganze nach einer überraschend gut besuchten Themenführung zum Tag des offenen Denkmals und sich anschließenden Social-Media-Kontakten. Als Gast führte Oliver Elser (Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt) durch das Online-Portal #sosbrutalism (die Ausstellung dazu startet im Oktober). Gleich darauf bot Dr. Martin Bredenbeck (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln) der Initiative die Gastfreundschaft seiner Institution an – vielleicht als Arbeitskreis unter deren Dach.

Ganz konkret werden soll es mit einer Filmreihe zum Thema und am 6. Mai (Details werden nachgereicht) mit einer Fahrrad-„Tour de brut“. Ein Brutalismus-Stadtplan ist – ähnlich wie es ihn schon für Paris und London gibt – für Köln in Arbeit (Spender und Sponsoren sind herzlich willkommen). Die erste Gruppensitzung der Rheinland-Brutalisten ist für den 3. Mai um 19 Uhr geplant (um Anmeldung wird gebeten, dann wird der Ort bekanntgegeben). Die im Publikum anwesenden Vertreter der institutionellen Denkmalpflege begrüßten diese Aktivitäten mit Freude. Denn alleine, da waren sich alle einig, könne es keine Seite schaffen. Vielmehr brauche es das denkmalfachliche Gerüst der Kriterienbildung ebenso wie das freie Engagement der Architekturbegeisterten. Oder, um es mit Eckhard Heck zusammenzufassen: „Das ist am gehen.“

 

Die eigene Gemachtheit inszenieren

Köln, Zentralbibliothek (© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))
In direkter Nachbarschaft die – wagen wir einmal eine Definition – brutalistische Kölner Zentralbibliothek (1979, Franz Löwenstein/Franz Lammersen) (© Raimond Spekking/CC BY SA 4.0 (via Wikimedia Commons))

Was darüber hinaus vom Abend übrig bleibt? Eine Annäherung an eine Brutalismus-Definition von Oliver Elser: Architektur, die ihre eigene „Gemachtheit“ inszeniert. Der Blick über den Bauzaun von Martin Bredenbeck: Nehmt das Thema weit, schaut kulturgeschichtlich auf die Entstehungshintergründe, dann vermitteln sich die Qualitäten des Brutalismus (fast) von alleine! Und im Publikum das feste Daumendrücken, dass hier die Brutalismus-Architekturen des Rheinlands dauerhaft neue Fürstreiter gewonnen haben. Dass man sich auf Facebook inzwischen schon entschuldigen muss, NICHT zum Brutalismus zu zählen, ist ein erstes gutes Zeichen. (db/kb, 14.3.17)