Berlin Excelsior (Bild: Film-Still, Regie: Erik Lemke/André Krummel)

Berlin Excelsior

Ein ganzer Film über ein Haus – das lohnt sich, denn das Berliner Excelsior-Haus hat nicht nur Bewohner mit erzählenswerten Geschichten, sondern auch als Gebäude eine große Vergangenheit: 1968 entstand die Stahlbetonkonstruktion an der Stelle des ehemaligen Hotel Excelsior. Dieses erste Excelsior, damals das größte Hotel Kontinentaleuropas, wurde im Krieg beschädigt und 1955 abgetragen. Bis 1968 gestalteten die Architekten Heinrich Sobotka und Gustav Müller das neue, das heutige Excelsior-Haus, bekrönt von einem Panorama-Restaurant mit gläsernem Expressfahrstuhl. Doch durch die Mauer war der Bau ins Abseits geraten und es blieb bei einer Wohnnutzung, die erst seit 2005 wieder durch ein Panorama-Restaurant ergänzt wird. Der Film „Berlin Excelsior“ zeichnet ein Bild dieses besonderen Hochhauses und seiner Bewohner. Für den 29. November 2018 haben wir uns bei mR den Kinostart fest vorgemerkt und konnten vorher mit dem Regisseur sprechen:

mR: Herr Lemke, das erste Excelsior diente als Hotel. Das heutige, das nachkriegsmoderne Excelsior-Haus ist vor allem ein Wohnhaus. Warum haben Sie sich gemeinsam mit Ihrem Co-Autor André Krummel ausgerechnet diesen Bau der Nachkriegsmoderne ausgesucht?

Erik Lemke: Uns interessiert das Leben, das jetzt im Excelsior stattfindet. Die Vergangenheit lässt sich nur rekonstruieren, aber nicht mehr filmen. Das Excelsior-Haus ist ein Wohn- und Geschäftsgebäude. Das Miteinander oder auch Aneinander-Vorbei der Bewohner ist ein anderes als im Hotel. Eine ziemlich präzise Milieuschilderung vom Hotel Excelsior vor dem Krieg bietet Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ von 1929.

mR: Mit einem gläsernen Außenfahrstuhl zum Panorama-Restaurant – 1968 galt das neue Excelsior als schick. Welchen Bezug haben die Bewohner heute zu ihrem Haus?

EL: Einzelne Bewohner leben seit Anbeginn hier, als die Wohnungen hart umkämpft waren. Nur wenige Jahre später gab es Leerstand, Vandalismus, Ungezieferbefall – wie man aus einem Fernsehbericht von 1980 erfährt. Durch die Nähe zur Berliner Mauer befand sich die einst so lebendige Gegend fernab vom West-Berliner Zentrum. Das Wissen um die Geschichte des eigenen Umfelds könnte einen Bezug herstellen. Idealerweise vermittelt unser Film zusätzlich ein Gefühl für den Ort.

mR: Das Gebäude spielt also die Hauptrolle …

EL: … gleichrangig mit den Bewohnern. Im Fokus stehen diejenigen, die große Pläne haben und ambitioniert darauf hin arbeiten. Zum Beispiel der 49-jährige Michael. Der ehemalige Escort-Boy will es noch mal wissen, macht sich 20 Jahre jünger und versucht mit Hilfe der sozialen Medien einen Neustart in seinem Gewerbe. Er und die anderen Protagonisten bewegen sich hoffnungsvoll im Spannungsfeld zwischen Alltagstristesse und lockendem Glanz einer erfolgreichen, glücklichen Zukunft. Parallel dazu erfährt man die Geschichte des Hauses, in der hochtrabende Pläne harte Dämpfer erfahren, worauf wieder zuversichtliche Prognosen folgen usw.

mR: Spiegelt der Film die soziale Struktur des Hauses?

EL: Ich denke schon. Das Haus besteht hauptsächlich aus 1-Zimmer-Apartments, Familien mit Kindern sind selten. Die um sich greifende Gentrifizierung der Berliner Innenstadtteile läuft hier weniger dramatisch ab, weil bei der geringen Größe der Wohnungen Mieterhöhungen nicht existenzbedrohlich sind. Wer allerdings jetzt in eine frisch renovierte Wohnung zieht, zahlt für seine 32 Quadratmeter mehr als 700 Euro. „Berlin Excelsior“ stellt also auch hier eine Momentaufnahme dar. Ich denke übrigens, dass Filme wie dieser gut altern und mit der Zeit noch interessanter werden.

mR: Darin unterscheiden sich Filme und Gebäude nicht. Wie sollte die Architektur in „Berlin Excelsior“ filmisch dargestellt werden?

EL: Es sollte mehr als nur ein Berlin-Film werden und deshalb steht das Excelsior-Haus bei uns in einer nicht näher beschriebenen Umgebung. Mein Co-Autor und Kameramann André Krummel lässt es wie einen Monolith in den Himmel ragen und setzt es aus vielen Detailaufnahmen zusammen. Drohnenflüge etc. kommen nicht vor. Auch die Fenster dienen nicht als Übergang zur Außenwelt, sondern als Begrenzung. Die Figuren des Films spiegeln sich darin oder sie schauen hinaus. Was jenseits der Fenster für ein Leben stattfindet, bleibt offen.

mR: Und mit welchem Gefühl wollen Sie den Zuschauer entlassen?

EL: Dass die Einraumwohnung in einem riesigen Stahlbetonbau nicht die Krönung üblicher Schöner-Wohnen-Phantasien darstellt, versteht sich von selbst. Davon abgesehen finde ich, dass wir auch friedliche Szenen einfangen konnten, die bezeugen, wie angenehm man es sich in seinem Leben einrichten kann. Gemein ist diesen Szenen, dass darin die Zukunft keine Rolle spielt und ganz der Moment gelebt wird.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (21.11.18).

 

Erik Lemke, geboren 1983 in Dresden, studierte an der Staatlichen Universität für Film und Fernsehen in St. Petersburg Dokumentarfilmregie. Seinen Master legte er 2008 an der École Supérieure d’AudioVisuel in Toulouse ab. Nach einer Anstellung als Trickfilmanimator bei Balance Film in Dresden lebt er seit 2010 als selbstständiger Editor und Filmemacher in Berlin. „Berlin Excelsior“ ist sein Regiedebüt bei einem dokumentarischen Langfilm.

Titelmotiv: Berlin Excelsior (Bild: Film-Still, Berlin Excelsior (Bild: Film-Still, Kamera: André Krummel)