LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

von Dirk Schubert (Heft 15/2)

Von der Idee zum Verkehrsschild: die deutsche Fußgänngerzone
Von der Idee zum Verkehrsschild

Viele Stadtzentren verlieren heute ihr charakteristisches Profil: Die meist kleinbetriebliche wohnortnahe Versorgung bricht weg und der innerstädtische Einzelhandel wird von Filialisten vereinnahmt. Verkehrs- und Parkprobleme, nachlassende Sicherheit und Sauberkeit, denkmalpflegerische Anforderungen und fehlende Expansionsmöglichkeiten haben die peripheren Einkaufszentren gestärkt. Daneben drängen neue Betriebs- und Marktformen wie Teleshopping und Internethandel auf den Markt. Während sich der Strukturwandel bei Anbietern und Verbrauchern rasch vollzieht, „reagieren“ städtebauliche Strukturen deutlich langsamer.

 

Eine Erfindung der Nachkriegszeit

Die Fußgängerzone war eine Erfindung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die einen neuen Typus öffentlicher Räume mit sich gebracht hat. Zwar wurden schon in den 1920er und 1930er Jahren städtische Haupteinkaufsstraßen zeitweise für den Fahrzeugverkehr gesperrt, wenn sie für Fahrzeuge und Passanten gleichzeitig zu schmal waren. In größerem Umfange setzten sich Fußgängerzonen aber erst in der Nachkriegszeit durch. Ende 1977 gab es in der Bundesrepublik bereits ca. 450 Fußgängerzonen, von 142 Städten und Gemeinden lagen Planungen für weitere vor.

Die Fußgängerzone galt nun als zündende Idee, als pfiffiges Konzept, gar als Quadratur des Kreises: Sie sollte zugleich die Verkehrsprobleme, die Umsatzrückgänge des Einzelhandels und die Verödung der Innenstädte lösen. Inzwischen hat – nach Angaben des Deutschen Instituts für Urbanistik von 2004 – wohl jeder Ort mit mehr als 5.000 Einwohnern in Deutschland eine verkehrsfreie Einkaufsstraße. Begrifflich können Fußgängerstraßen (nur für Fußgängerverkehre), Fußgängerzonen (Netz von Fußgängerstraßen) und Fußgängerbereiche (Netz von Zonen und Straßen) unterschieden werden.

Den Hintergrund für diese Entwicklung bildete – in den USA seit den 1920er Jahren und in Deutschland seit den 1950er Jahren – das rasche Anwachsen des motorisierten Individualverkehrs. Diese „Springflut der Motorisierung“ beherrschte die Straße zunehmend und verdrängte das übrige Leben von ihr. Daher galt die Fußgängerzone vorrangig als verkehrsorientierte Baumaßnahme.

 

An den Rändern der Stadt

Die „Fußgängerzonen-Begeisterung“ färbte auch auf die neuen Wohnquartierszentren am westeuropäischen Stadtrand ab. Bei Planung und Bau von Einkaufszentren halfen die Erfahrungen mit innerstädtischen Fußgängerzonen. Das Auto – zunächst als Symbol des Fortschritts und Wohlstands gewertet – erklärte man umgehend zur Ursache von Stadtflucht, Suburbanisierung und Innenstadtverödung. Verkehrsberuhigung und Wohnstraßen für Wohnquartiere wurden als Gegenkonzepte entwickelt.

Das Erfolgsmodell „Fußgängerzone“ übernahmen phasenverschoben auch die sozialistischen Länder. Hier allerdings überwogen andere ideologische Begründungszusammenhänge. Die sozialistischen Stadtzentren sollten sich deutlich von den kapitalistischen profitmaximierten Innenstädten unterscheiden. Als Alternative zur „City kapitalistischer Prägung“ sah das sozialistische Leitbild andere Qualitäten vor.

Dieser ideologische Begründungszusammenhang ist mit dem vergleichsweise geringen Motorisierungsgrad in der DDR zu relativieren. In der kapitalistischen Immobilienwirtschaft setzten sich die jeweils ertragsreichsten Nutzungen und damit Monostrukturen durch. In den sozialistischen Stadtzentren hingegen erlaubte es der weitgehend eingefrorene Bodenpreismechanismus, Wohnungen und Kultureinrichtungen einzuplanen. Auch im Zentrum sollten dabei möglichst industrielle Bauverfahren eingesetzt werden.

 

Umbauen, anpassen und variieren

Fast alle Fußgängerzonen sind seit ihrer Entstehung (mehrfach) umgebaut worden. Die zunehmende Konkurrenz zwischen innerstädtischen Fußgängerzonen und peripheren Shopping-Centern erforderte für die Kernstädte ein gestalterisches „Make-up“, das einen „Stimmungszusammenhang“ beim Einkaufen befördert. Man beklagte, dass die Fußgängerzonen nach Geschäftsschluss verödeten und zum Sammelpunkte von „Problemgruppen“ wurden. Begriffe wie „Fußgängerzone“ und „öffentlicher“ Raum versprachen gleichermaßen eine Kultur der „europäischen Stadt“, „Urbanität“, belebte Plätze und entspannte, Cappuccino schlürfende Flaneure. Frühere Öffentlichkeitsformen werden dabei nicht selten idealisierend verallgemeinert.

Die Shopping Mall setzte die Fußgängerzone konsequent und konsumorientiert fort. Zwischen 1950 und 1960 stieg ihre Zahl in den USA von 100 auf 3.000. Im Jahr 1985 wurden bereits mehr als 50 % des Einzelhandelsumsatzes in Einkaufszentren gemacht. Dabei lassen sich das „Strip Commercial Center“, die „Roadside Franchises“, die „Shopping Villages“ und die „Pedestrian Mall“ unterscheiden. Häufig wurden die Einkaufszentren mit Freizeitzentren und Themen-Parks verzahnt.

 

Ein „grenzenloses Vergnügen“?

Es geht immer stärker um den erlebnis- und freizeitorientierten Einkaufsbummel, um ein „grenzenloses Vergnügen“. Zunehmend gerät die innerstädtische Fußgängerzone ins Hintertreffen: Der angestammte Einzelhandel wird von Filialen verdrängt und verliert damit seine Vielfalt. Zudem geht der Trend zu Standorten, die sich am Autokunden orientieren. Vor diesem Hintergrund werben die peripheren Einkaufszentrum mit einem entspannten Erlebniseinkauf („shopping is fun“).

Wenn heute über die öffentlichen Räume von Fußgängerzonen diskutiert wird, herrschen zwei Themen vor: Zum einen werden Schlagworte wie Kriminalität, Sicherheit und Überwachung medien- und (partei-)politisch ausgeschlachtet. Zum anderen erörtert man die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf öffentliche Räume – und verbindet dies noch mit Themen wie Kontrolle und Privatisierung des öffentlichen Raumes. Hier geht es vor allem um die „neuen“ öffentlichen Räume (Malls, Passagen, Shopping Center etc.), die Modernisierung der Fußgängerzonen und die „Verinselung“ (sicherer) öffentlicher Räume.

Beklagt werden inzwischen die Musealisierung, Theatralisierung und Dekoration des öffentlichen Raumes (Malls, Skywalks, Passagen etc.). Besonders kritisiert man die (behauptete) zunehmende Privatisierung sowie räumliche oder zeitliche (Teil-)Sperrung von Fußgängerzonen. Andere wiederum beschweren sich über Kriminalität, Obdachlose, Junkies und Drunkies und fordern mehr Kontrolle (Videoüberwachung, bessere Ausleuchtung, abschließbare Parks etc.). Das Bild einer Stadt und ihrer öffentlichen Räume bezieht sich zumeist auf das Zentrum und häufig auf die Fußgängerzonen, die ihre Reize teils aus der Vergangenheit erhalten. Denn Plätze und Fußgängerzonen bilden in der europäischen Stadt die klassischen Kristallisationspunkte öffentlichen Lebens.

 

Die Idyllisierung des Urbanen

Das Ende einer Idee?
Viele Malls der Stadtränder kopieren nur die Idylle der Innenstädte

Der x-te Umbau eines Rathausplatzes und die x-te Neupflasterung einer Fußgängerzone bewirken nicht automatisch, dass diese als öffentliche Räume besser akzeptiert und intensiver genutzt werden. Noch überwiegt hier ein übertriebenes „Sauberkeits-, Besitz-, Ordnungs-, Macht- und Besserwisserdenken“. Der Charakter einer Stadt, ihre Bedeutung und Ausstrahlung wird maßgeblich von ihrem „Showstück“, dem Zentrum bestimmt. Denn periphere Einkaufszentren sind häufig nur (schlechte) Kopien der Idyllen des Zentrums. Die Mall gleicht sich äußerlich der städtischen Fußgängerzone an und vice versa. Die Unterschiede nivellieren sich auf ein Mehr oder Weniger vom Gleichen.

Die neue Kontrolle wiederum (Disziplinierung, Normalisierung und Reduktion von Sicherheit), wie man sie in den eingeschränkt öffentlichen Malls eingeführt hat, werden von den Innenstädten kopiert. Das Konzept der „Business Improvement Districts“ setzt zwar auf Freiwilligkeit und sucht nach Alleinstellungsmerkmalen, will aber letztlich konkurrenzfähig machen zu den peripheren Malls. Die Innenstadt gibt der Stadt (noch) Unverwechselbarkeit, auch wenn die „Guten Stuben“, die Fußgängerzonen immer weniger unterscheidbar sind. Innenstädte und Fußgängerzonen sind vor allem dann zukunftsfähig, wenn sie wandlungsfähig bleiben.

 

Literatur

Schubert, Dirk, Die Fußgängerzone – Auslaufmodell oder Beitrag zur europäischer Stadtkultur, in: Jahrbuch Stadterneuerung 2008, S. 33-54.

Siebel, Walter, Zum Wandel des öffentlichen Raums – Das Beispiel Shopping-Mall, in: Saldern, Adelheid von (Hg.), Stadt und Kommunikation in bundesdeutschen Umbruchzeiten, Stuttgart 2006, S. 67-82.

Logemann, Jan, Einkaufsparadies und „Gute Stube“. Fussgängerzonen in westdeutschen Innenstädten der 1950er bis 1970er Jahre, in: Saldern, Adelheid von (Hg.), Stadt und Kommunikation in bundesdeutschen Umbruchzeiten, Stuttgart 2006, S. 103-122

Montz, Markus, Lebendige Stadtmitte. Eine städtebau- und kulturgeschichtliche Betrachtung er Fußgängerzone in westdeutschen Städten um 1970, Magister-Arbeit, Universität Göttingen, 2005.

Noller, Peter, Globalisierung , Stadträume und Lebensstile. Kulturelle und lokale Repräsentation des globalen Raums, Opladen 1999.

Durth, Werner, Die Inszenierung der Alltagswelt. Zur Kritik der Stadtgestaltung, Braunschweig 1977.

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Frühjahr 15: Fußläufig

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

Dirk Schubert über die Ursprünge, Formen und Chancen der städtebaulichen Idee „Fußgängerzone“.

FACHBEITRAG: Chemnitz,  Brühl

FACHBEITRAG: Chemnitz, Brühl

Sylvia Necker folgt Spuren der Karl-Marx-Stadt, die in ihrem Zentrum einen eigenen Boulevard erhielt.

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

Paul Zalewski eignet sich mit Studenten die Große Scharrnstraße in Frankfurt/Oder neu an.

FACHBEITRAG: Hannover, Innenstadt

FACHBEITRAG: Hannover, Innenstadt

Ralf Dorn über eine der größten Fußgängerzonen Deutschlands – wie Hannover nach den Kriegszerstörungen verkehrsgerecht wiederaufgebaut werden sollte.

FACHBEITRAG: Dresden, Prager Straße

FACHBEITRAG: Dresden, Prager Straße

Tanja Scheffler bummelt durch die alte/neue Einkaufsmeile Dresdens.

PORTRÄT: Kassel, Treppenstraße

PORTRÄT: Kassel, Treppenstraße

Folckert Lueken-Isberner zur Ikone aller Fußgängerstraßen – der Kasseler Treppenstraße, ihrer langen Entstehungsgeschicht und ihren heutigen Problemen.

INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

Der Stadtbaurat über „Deutschlands erste postmoderne Fußgängerzone“ – wie die Frankfurter Zeil begann und welchen Sinn sie heute noch macht.

FACHBEITRAG: Chemnitz, Brühl

von Sylvia Necker (Heft 15/2)

Abb. 1 Der Brühlboulevard in einer lauen Augustnacht, 2013 (Bild: S. Necker)
Der Brühlboulevard in Chemnitz, das zwischen 1953 und 1991 Karl-Marx-Stadt hieß, in einer lauen Augustnacht, 2013 (Bild: S. Necker)

Die ganze Straße ist leer und die Hitze des Augusttages im Jahr 2013 ist im Asphalt des Brühl-Boulevards noch gespeichert. Auf der Suche nach dem „Sächsischen Hof“, einst eine der besten Adressen und hervorragende Gaststätte auf dem Chemnitzer Brühlboulevard, springt der Autorin die nächtliche Tristesse des ehemaligen Hotspots der DDR-Bezirksstadt an. Die Pergola mit dem Schriftzug ist nicht mehr beleuchtet. Einzig die extra für die Fußgängerzone „Brühl“ entworfenen und in der Folge in der gesamten DDR aufgestellten Straßenlampen erstrahlen die Nacht und zeugen vom Ruhm des Brühlboulevards in Chemnitz.

 

Frühe Fußgängerzone in der „Zone“

Die legendäre Mokka-Bar auf dem Sachsenplatz in Leipzig (Bild: Bundesarchiv Bild 183-J0610-0016-001, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Kluge)
Die legendäre Mokka-Bar auf dem Sachsenplatz in Leipzig (Bild: Bundesarchiv Bild 183-J0610-0016-001, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Kluge)

Der Brühl war die berühmteste und beliebteste Fußgängerzone in Karl-Marx-Stadt (seit 1953 trug die Stadt diesen Namen), nicht jedoch die erste. Zu den frühesten „Fußgängerbereichen“ – wie der Fachterminus der DDR-Planungsbehörden hieß – gehört der Rosenhof: eine 1961 angelegte autofreie Straße zwischen neu errichteten Plattenbauten im süd-westlichen Stadtzentrum von Karl-Marx-Stadt. Highlight waren der gartengestalterisch durchdachte Freiraum mit Beeten, Wasserspielen und Stadtmöblierungen sowie die Tanzbar „Kosmos“.

Auch in anderen DDR-Städten entwickelte sich ein autofreier urbaner innerstädtischer Raum, der zum Flanieren und Einkaufen einladen sollte. In Rostock entstand 1968 – nach Verlegung der Straßenbahn in die parallel liegende Lange Straße – eine Fußgängerzone in der Kröpeliner Straße. Zur gleichen Zeit gestaltete die Stadt Leipzig die gesamte Innenstadt um: Sie schuf mit dem Sachsenplatz und den Anrainerstraßen ebenfalls ein Fußgänger-Areal, das heute komplett „rückgebaut“ wurde und in seiner ursprünglichen städtebaulichen Form nicht mehr besteht.

 

Konzentration aufs Zentrum

Das Zentrum von Karl-Marx-Stadt am 31. März 1977 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-S0331-0020, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)
Das Zentrum von Karl-Marx-Stadt am 31. März 1977 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-S0331-0020, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)

Bevor der „Brühl“ in das Bewusstsein der DDR-Planer rückte, hatte zunächst das neue Stadtzentrum Vorrang. 1959 beschloss das Politbüro des ZK der SED die Leitlinien des Wiederaufbaus in Karl-Marx-Stadt. Sie orientierten sich an den 1950 verabschiedeten „16 Grundsätzen des Städtebaus der DDR“. Demnach sollte das Zentrum den Kern der Stadt bilden, in dem „die wichtigsten politischen, administrativen und kulturellen Stätten“ angesiedelt werden sollten. Die „Straße der Nationen“ – als Magistrale und Aufmarschstraße – erschloss das Stadtzentrum in nordsüdlicher Richtung.

Am zentralen Platz sollten eine Stadthalle, ein Hotel und ein Parteigebäude die wichtigsten Funktionen der Stadt repräsentieren. Die Entwürfe änderten sich in den 1960er Jahren gewaltig – u. a. durch die Planungskonkurrenz von der SED-Bezirksleitung, der städtischen Bauverwaltung und den zentralen Institutionen in Berlin. Erst unter dem 1964 neu berufenenen Stadtbaudirektor Karl Joachim Beuchel, der zehn Jahre später zum „Stadtarchitekten“ ernannt wurde, konnte das zentrale Ensemble umgesetzt werden. Ein städtebaulicher wie politischer Höhepunkt für die wichtigste sächsische Industriestadt war die Einweihung des Karl-Marx-Monuments 1971.

 

„Stadtsanierung“ am Brühl

Alt und Neu – Titelblatt der Imagebroschüre „Brühl – Geschichte eines Wohngebietes in Karl-Marx-Stadt“, 1980 herausgegeben vom Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt
Alt und Neu – Titelblatt der Imagebroschüre „Brühl – Geschichte eines Wohngebietes in Karl-Marx-Stadt“, 1980 herausgegeben vom Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt

Wie in westdeutschen Großstädten wandelte sich auch in der DDR in den 1970er Jahren die Mentalität der Planer und Bewohner. Das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 hatte für die negativen Folgen der städtebaulichen (Nachkriegs-)Moderne sensibilisiert und ein Umdenken angestoßen. Stadtverwaltungen und Bürgerinitiativen diskutierten, Altbausubstanz über eine „behutsame Stadtsanierung“ wiederherzustellen. In der DDR kam verschärfend der – damals immer noch tiefgreifende – Wohnungsmangel hinzu, den die Wohnungsbauinitiative Honeckers seit 1973 zu bekämpfen suchte.

In Karl-Marx-Stadt sollte vor allem die Großsiedlung „Fritz Heckert“ – pro Baugebiet war ein Fußgängerbereich mit ausdifferenzierter Freiraumplanung vorgesehen – den Wohnungsmarkt sichtbar entlasten. Doch das prognostizierte Wachstum der Stadt für die kommenden Jahrzehnte war so hoch, dass sich eine Planungsgruppe unter dem Stadtarchitekten Beuchel bildete. Für die alten innerstädtischen Arbeiterviertel „Brühl“ und am „Sonnenberg“, die bislang nicht in die Wiederaufbauplanungen einbezogen waren, wurden städtebauliche Lösungen entwickelt. Die „Rekonstruktion“ und „Modernisierung“ der beiden Viertel gehörten zu den Pilotprojekten der DDR-Stadtsanierung.

 

Das Glück liegt in der Straße

Die ersten Planungen für die Modernisierung des Brühls begannen 1971. Lange Zeit galt das Arbeiterviertel als „ausgewohnt“ und stand auf den Abrisslisten der Stadt. Jetzt sollte neben Wohnraum auch ein Fußgängerboulevard entstehen. Nördlich des Stadtzentrums gelegen, sollte hier ein neuer Anziehungspunkt in Karl-Marx-Stadt geschaffen werden. Als Vorbild galt die Fußgängerzone „Váci utca“ in Budapest. Allerdings zeigten sich die Planer nach ihrer Exkursion nach Ungarn enttäuscht: Die dortige Fußgängerzone zeichnete sich lediglich durch einen neuen Plattenbelag aus.

Eingangssituation des Brühlboulevards, Juni 1989 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-0623-15, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)
Karl-Marx-Stadt: Eingangssituation des Brühlboulevards im Juni 1989 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-0623-15, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)

Für den Brühl entwickelten die DDR-Planer dann schon wesentlich differenziertere Gestaltungsmerkmale: Zum einen bekam der Brühl ein „Icon“, ein vom Grafiker gestalteten Logo, das die Besucher an der Kurt-Fischer-Straße weithin sichtbar begrüßte. Zum anderen entwickelten die Planer unter der Leitung des Stadtarchitekten Beuchel ein grell buntes Farbkonzept für den 680 Meter langen Brühlboulevard. In drei Bauabschnitten sollten ca. 2.600 Wohneinheiten entstehen, wovon allerdings bis 1982 nur knapp 1.000 Wohnungen umgesetzt werden konnten. In den Erdgeschossflächen entstanden 70 Läden mit 2.400 m2 Verkaufsfläche. Die Wohnungen am Brühl waren durch ihre Fernwärme- und Warmwasserversorgung besonders beliebt und lagen – als Altbauten und eben nicht als Neubauten – zusätzlich in einer innerstädtischen, urbanen Umgebung, wie sie in der DDR selten war.

Die genau kalkulierte Nutzungsmischung von Wohnen, Kleingewerbe, Ateliers, Handel, Dienstleistung und Gastronomie schuf urbanes Flair, das die meisten westdeutschen Fußgängerzonen durch die Ausgliederung von Wohnraum aus den Innenstädten verloren hatten. Der Freiraum des Brühls war mit Plastiken, modellierten Sitzbuchten und Terrassen, Wasserspielen und Begrünung eine wahre Gestaltungsorgie. Im positiven Sinne, denn kaum ein öffentlicher Raum von Karl-Marx-Stadt war so beliebt. Insofern wird der Brühl im kollektiven Gedächtnis der Chemnitzer als glückliche Straße mit Konsummöglichkeiten, Kneipen und Aufenthaltsqualitäten erinnert. „Da bekam man wirklich alles!“ war die häufigste Antwort auf die Frage, was den Brühl so besonders machte.

 

Konsumtempel am Stadtrand

Chemnitz, Eingang zum "Brühlboulevard" (Bild: S. Necker)
Chemnitz, am Eingang zum „Brühlboulevard“ (Bild: S. Necker)

Gleich zwei große Einkaufszentren am Rand der Stadt ließen den Brühl in den ersten Wendejahren bis 1992 verwaisen. Die Fußgängerzone war nun kein Magnet mehr – weder zum Wohnen noch zum Einkaufen oder für einen Kneipenbesuch. Viele Bewohner zogen weg und Chemnitz wurde zu einer der am schnellsten schrumpfenden Städte Ostdeutschlands. Zusätzliche Konkurrenz schuf die Stadt, als sie das alte DDR-Zentrum umgestaltete und zwei Warenhäuser ansiedelte. Der Niedergang des Brühls war damit besiegelt, seit Mitte der 1990er stand hier ein Großteil der Wohnungen leer.

Erst Mitte der ersten Dekade im neuen Jahrtausend geriet der Brühl wieder in den Blick städtischer Entwicklungspolitik. Mit einem Stadt- und Ortteilentwicklungsprogramm schuf man den „Brühlfond“, aus dem bis heute Maßnahmen finanziert werden. In den letzten Jahren gelang es, Wohnungen an private Investoren zu verkaufen und wieder zu vermieten. Jedoch fehlen bislang Gewerbetreibende, die das urbane Flair der Fußgängerzone wiederbeleben könnten. Und eine weitere Idee steckt für den Brühl im Moment fest: Aus der leerstehenden Aktienspinnerei des 19. Jahrhunderts könnte ein Wissenschaftsquartier mit Zentralbibliothek und Fakultäten der Technischen Universität entwickelt werden.

 

Fazit

Bleibt der Brühlboulevard ein Erinnerungsort der DDR? Das von der Stadt installierte „Brühlbüro“ setzt alles daran, die Erinnerungen nicht verblassen zu lassen und eine neue Perspektive am Brühl zu schaffen. Dazu hat die Stadt das Büro Albert Speer und Partner (AS&P) eingeladen, einen Masterplan zu entwickeln, der seit 2012 vorliegt. Doch ist es mit Maßnahmen nicht getan, welche die Immobilienwirtschaft ankurbeln und Gewerbetreibende ansiedeln sollen. Viel wichtiger wäre es, sich jenseits dieses angewandten Städtebaus den großen theoretischen Fragen des urbanen Freiraums zu widmen und eine Vision für die Zukunft unserer öffentlichen Räume zu entwickeln. Vielleicht haben die Fußgängerzonen – und allen voran der Brühl – dann eine Chance auf eine Neuerfindung.

 

Literatur

Beuchel, Karl Joachim, Modernisierung und Umgestaltung des Arbeiterwohngebietes „Brühl“ in Karl-Marx-Stadt, in: Architektur in der DDR 1980, 10, S. 594-601.

Beuchel, Karl Joachim, Die Stadt mit dem Monument. Zur Baugeschichte 1945-1990 (Aus dem Stadtarchiv Chemnitz 9), Chemnitz 2006.

Saitz, Hermann H., Stadt und Verkehr. Verkehrsgerechte Stadt oder stadtgerechter Verkehr?, Berlin 1979.

Dank an den Geschichtsverein Chemnitz und Karl Joachim Beuchel, die der Autorin Material verfügbar machten und für Gespräche zur Verfügung standen.

 

Rundgang

Flanieren Sie mit Sylvia Necker durch Karl-Marx-Stadt, bis es wieder zu Chemnitz wurde.

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Frühjahr 15: Fußläufig

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

Dirk Schubert über die Ursprünge, Formen und Chancen der städtebaulichen Idee „Fußgängerzone“.

FACHBEITRAG: Chemnitz,  Brühl

FACHBEITRAG: Chemnitz, Brühl

Sylvia Necker folgt Spuren der Karl-Marx-Stadt, die in ihrem Zentrum einen eigenen Boulevard erhielt.

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

Paul Zalewski eignet sich mit Studenten die Große Scharrnstraße in Frankfurt/Oder neu an.

FACHBEITRAG: Hannover, Innenstadt

FACHBEITRAG: Hannover, Innenstadt

Ralf Dorn über eine der größten Fußgängerzonen Deutschlands – wie Hannover nach den Kriegszerstörungen verkehrsgerecht wiederaufgebaut werden sollte.

FACHBEITRAG: Dresden, Prager Straße

FACHBEITRAG: Dresden, Prager Straße

Tanja Scheffler bummelt durch die alte/neue Einkaufsmeile Dresdens.

PORTRÄT: Kassel, Treppenstraße

PORTRÄT: Kassel, Treppenstraße

Folckert Lueken-Isberner zur Ikone aller Fußgängerstraßen – der Kasseler Treppenstraße, ihrer langen Entstehungsgeschicht und ihren heutigen Problemen.

INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

Der Stadtbaurat über „Deutschlands erste postmoderne Fußgängerzone“ – wie die Frankfurter Zeil begann und welchen Sinn sie heute noch macht.

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

von Paul Zalewski (Heft 15/2)

Große Scharrnstraße in Frankfurt/Oder: einst das „Herzstück des innerstädtischen Bauens“, heute ein melancholischer Windfang (Bild: Heinz Köhler, 2010)
Große Scharrnstraße, Frankfurt/Oder: einst „Herzstück des innerstädtischen Bauens“, heute melancholischer Windfang (Bild: Heinz Köhler, 2010)

Mit dem historischen Namen Große Scharrnstraße bezeichnet man in Frankfurt/Oder eine stadtgeschichtlich wichtige, mittlere Längsachse des rasterförmigen Stadtgrundrisses. Sie verbindet geradlinig das Gebiet der vorstädtischen Siedlung nördlich der heutigen Grenzbrücke mit dem Areal der jüngeren, planmäßigen Stadtgründung des 13. Jahrhunderts. Die hier seit dem Mittelalter gewachsene Bebauung verschwand 1945, als die weitgehend verlassene Innenstadt zu 70% durch Flächenbrände vernichtet wurde. Erst in den mittleren 1950er Jahren lief die verspätete Wiederaufbauplanung an. Das betreffende Quartier zwischen der neuen Hauptstraße der Innenstadt, der sogenannten „Magistrale“ (Karl-Marx-Straße), und dem Grenzfluss Oder wurde in den frühen 1960er Jahren gebaut.

 

Die Vorgeschichte

Ausschnitt aus dem Übersichtsplan zur Nachverdichtung der Innenstadt (alle schwarz angelegten Bauten gehören zu den spätsozialistischen Maßnahmen, in der Mitte das Quartier um die Große Scharrnstrasse), 1986 (Bild: Stadtarchiv Frankfurt/Oder, Büro für Städtebau, Sign. 18224)
Übersichtsplan zur Nachverdichtung der Innenstadt (alle schwarz angelegten Bauten gehören zu den spätsozialistischen Maßnahmen, in der Mitte das Quartier um die Große Scharrnstraße), 1986 (Bild: Stadtarchiv Frankfurt/Oder, Büro für Städtebau, Sign. 18224)

Maßgeblich für die Planung war natürlich das Leitbild der „aufgelockerten und gegliederten“ Stadt. Die fünfstöckigen Zeilenbauten mit Steildächern wurden weitgehend abweichend von früheren Parzellengrenzen und Bebauungsmustern aufgestellt. Entscheidend für die Zukunft des Quartiers wurden zwei Aspekte. Erstens: die Auflockerung. Sie ging so weit, dass „die Große Scharrnstraße, ehemals eine wichtige Handelsstraße […] als offener Wohnhofweg zwischen Häusergiebeln ohne städtischen Charakter verlief“. (Architektur der DDR 1/89, S.12).

Zweitens: Im Inneren des wiederaufgebauten Quartiers waren so gut wie keine Einkaufs- und Dienstleistungsangebote vorgesehen. Diese wurden praktisch entlang der „Magistrale“, also der Hauptstraße der Innenstadt konzentriert. Erst viel später thematisierte man die Konsequenzen dieser Wiederaufbauplanung: Die Beschränkung des Quartiers auf die reine Wohnfunktion, ohne zusätzliche Dienstleistungsangebote sowie die leeren Freiflächen zwischen den Zeilenbauten boten nicht gerade eine „urbane“ Aufenthaltsqualität. Nach Thomas Topfstedt machte das wiederaufgebaute Stadtzentrum von Frankfurt/Oder „zu Beginn der 1970er Jahre noch einen recht unfertigen, geradezu tristen Eindruck“.

 

Die Stadtreparatur

Auf diesem zeitgenössischen Foto wird nicht nur die Bewunderung für die kunstvolle Straßenmöblierung visualisiert. Deutlich wird die sehr belebte und differenzierte Fassadengestaltung. Viele von diesen Differenzierungen ergaben sich nahezu automatisch, indem man den Anschluss der Neubauten an die bestehenden Gebäude plante (Architektur der DDR 1/89, S. 14).
Auf diesem zeitgenössischen Foto wird nicht nur die Bewunderung für die kunstvolle Straßenmöblierung deutlich, sondern auch die sehr belebte Fassadengestaltung in der Großen Scharrnstraße. Viele Differenzierungen ergaben sich nahezu automatisch, indem man den Anschluss der Neubauten an die bestehenden Gebäude plante (Architektur der DDR 1/89)

Eine in der Endphase der DDR aufgegriffene „Stadtreparatur“, um die es hier geht, ist auch in einem breiteren politischen Kontext gut erklärbar. Angesichts der wirtschaftlichen Krise in den beginnenden 1980er Jahren (v. a. Devisenmangel, Teuerung der Rohstoffe) erwiesen sich die Neubauinvestitionen auf der „grünen Wiese“ schon allein aufgrund der hohen Erschließungskosten als problematisch. Auf diese Weise kehrten die Bauaktivitäten in die Innenstädte zurück. Es hat also eine gewisse Logik, dass in Frankfurt etwa Mitte der 1980er Jahre diverse Gutachten über die „Nachverdichtung“ der Innenstadt erschienen.

Das Projekt zur Nachverdichtung und „Funktionsunterlagerung“ der Großen Scharrnstraße wurde erstaunlich schnell geplant und durchgeführt. Im April 1987 nahm man die Bauarbeiten in Angriff und schloss sie bereits im Januar 1988 ab. Die Sorgfalt der Vorbereitung, der relativ hohe gestalterische Aufwand und die öffentlichkeitswirksame Begleitung des Projekts lassen seine besondere politische Bedeutung erkennen. Als Ziel wird von Anfang an die Belebung der Innenstadt anvisiert.

 

Die „Belebung“

Den Kern dieser „Stadtreparatur“ bildeten die sechs nach dem „Kranbahn-Prinzip“ ausgeführten, fünfgeschossigen Wohngebäuden nach dem Entwurf des Planungskollektivs unter der Leitung des Stadtarchitekten Dr. Manfred Vogler. Es handelte sich um den modifizierten P2-Typus mit einer (nicht sehr hellen) Mittelgang-Erschließung. Hauptsächlich waren die hier errichteten 180 kleinen Wohnungen für alleinstehende, jüngere Personen bestimmt. Die Auswahl dieser Zielgruppe scheint in Verbindung mit der anvisierten „Belebung“ des Zentrums nicht zufällig.

Harald Schulze, Boulevardpassanten, 1988 Acryl auf  Aluminiumplatten an der Wand eines Hauses der Großen Scharrnstraße. Die mysteriös zusammengesetzte Gruppe ist stets mit dem Rückblick auf die offizielle „Agitprop“ als Gegenstück zur abgedroschenen Symbolik des Arbeiter- und Bauernstaates (s. Abb. 6) zu verstehen. Die hier dargestellte Welt ist alles andere als heil und bieder. In dem expressionistisch anmutenden Gemälde wird eine kritische Stimmung deutlich, die im Vorjahr der Wende präsent war. Es ist verwunderlich, dass ein derart sozialkritisches Bild in bester Zentrumslage geduldet wurde (Bild: wikimedia, CC, Sicherlich, 2006)
Harald Schulze, Boulevardpassanten, 1988, Acryl auf Aluminiumplatten an Hauswand: Die mysteriös zusammengesetzte Gruppe ist mit Rückblick auf die offizielle „Agitprop“ als Gegenstück zur abgedroschenen Symbolik des Arbeiter- und Bauernstaats zu verstehen. Die hier dargestellte Welt ist alles andere als heil und bieder. Das expressionistisch anmutende Gemälde zeigt die kritische Stimmung im Vorjahr der Wende präsent war. Es ist verwunderlich, dass ein derart sozialkritisches Bild in bester Zentrumslage geduldet wurde (Bild: wikimedia, CC, Sicherlich, 2006)

Im Gegensatz zu den flachen, schlichten und verputzten Plattenbau-Fassaden der Wiederaufbauzeit bekamen die neuen Fassaden keinen Putz, dafür aber eine sehr plastische Fassadendurchbildung. Dabei sind nicht nur die Loggien, sondern auch die durchgehenden Arkadengänge auf beiden Straßenseiten gemeint. Sie sollten gewissermaßen einladen in die neuen Handels- und Dienstleistungseinrichtungen. Hierzu zählten, außer der billigen „Bierbar Gockel“ oder einem Eiskiosk, eher neuartige bzw. hochwertige Angebote wie eine Pizzeria, eine Weinprobierstube, ein Schmuckladen, die (Leder-)“Boutique Reni“ und das – sehr wichtige, repräsentative – Café „Frankfurter Kranz“.

Der als Fußgängerzone kreierte Straßenabschnitt erhielt auch eine besondere Ausstattung in Form von differenziert gepflasterten Gehflächen, Rankgerüsten, Pflanzkörben oder Leuchtkandelabern. Doch das ist noch nicht alles. Seit 1985 führte der sogenannte „Baustab für Bildkunst“ Untersuchungen zur Umsetzung von Dekorationsarbeiten durch. Der leitende Stadtarchitekt, Dr. Vogler, setzte sich engagiert für die Auswahl von qualitätsvollen Bildern und Reliefs ein, die insgesamt von 18 teilweise renommierten Künstlern beigesteuert wurden. Interessanterweise ist die Auswahl der Kunstwerke erstaunlich vielfältig und bisweilen sozialkritisch ausgefallen.

 

Der politische Kontext

Die Nachverdichtung der Großen Scharrnstraße kann jedoch im breiteren Kontext der Stadtplanung in der DDR nicht als besonders innovativ gelten, denn derartige Fußgängerzonen wurden – trotz der Zuspitzung der Ökonomisierung des Bauwesens – seit den späten 1960er Jahren immer wieder realisiert (Weimar, Schillerstrasse oder Berlin, Nikolaiviertel, usw.). Erstaunlich ist allerdings, wie plötzlich diese Idee auftrat, nahezu sofort und ziemlich anspruchsvoll umgesetzt sowie als „Modellvorhaben“ angepriesen wurde.

Sonderbriefmarke zu den 22. Arbeiterfestspielen im Bezirk Frankfurt/Oder
Sonderbriefmarke zu den 22. Arbeiterfestspielen im Bezirk Frankfurt/Oder

Die einzige nachvollziehbare Erklärung dafür, wie die Kräfte zur Verschönerung der Innenstadt mobilisiert wurden, liegt in deren Verbindung mit einem anderen hochrangigen kulturpolitischen Ereignis: mit den 22. Arbeiterfestspielen. Sie fanden vom 24. bis zum 26. Juni 1988 im Bezirk Frankfurt/Oder und damit zum letzten Mal überhaupt statt. Es handelte es sich dabei um eine der größten Massenveranstaltungen der DDR. Den auswärtigen Gästen sollte das Zentrum der Bezirksstadt als belebt, attraktiv und voller junger Leute präsentiert werden.

 

Gute Zeiten, schlechte Zeiten?

Die politische Wende kam nur ein Jahr nach der gefeierten Fertigstellung der Straße und ließ die Neubauten im Handumdrehen „alt“ aussehen. Bis auf zwei oder drei Adressen (für das Stammpublikum) wurden die meisten Läden schrittweise geschlossen. Frankfurts Bevölkerungszahl, insbesondere direkt nach der Wende, ist von fast 90.000 auf unter 60.000 gesunken. Doch die leeren Erdgeschosse sind nicht nur im Kontext der Stadtschrumpfung zu deuten. Große Teile des Zentrums wurden inzwischen sehr ansehnlich runderneuert. Dabei haben sich allerdings die Schwerpunkte der Handelsansiedlung, die drei innenstädtischen Einkaufszentren, vom Standort des Grenzübergangs – und damit auch von unserem Straßenabschnitt – entscheidend entfernt.

Eine „demonstrative Aneignung“: eine Kundgebung studentischer Initiativen auf der Großen Scharrnstraße (Bild: Heinz Köhler, November 2010)
„Demonstrative Aneignung“: Kundgebung studentischer Initiativen auf der Großen Scharrnstraße (Bild: Heinz Köhler, November 2010)

1999 fiel der Sanierungsbeschluss für das Gebiet „Ehemalige Altstadt“: Fördermittel für die Gestaltung des öffentlichen Raums wurden bereitgestellt. Durch fehlende Eigenmittel der zuständigen Wohnungsbaugesellschaft wurden hier jedoch zunächst keine Schritte unternommen. Seitdem gab es immer wieder – leider erfolglose – Initiativen, den Straßenraum zu beleben. 2010 wurde im Rahmen eines Seminars ein ergreifender Dokumentarfilm von den Studierenden der Europa-Universität über „unsere“ Straße gedreht. Er lief seit diesem Zeitpunkt – auch als open-air-Kino vor Ort – mehrmals und lenkte das Interesse der studentischen Arbeitskreise auf den Straßenraum mit leerstehenden Gewerbeflächen. Da einige von den insgesamt 43 an der Europa-Universität registrierten studentischen Arbeitsgruppen unter Raummangel litten, lag es durchaus nahe, die Büroräume im Norden der Scharrnstraße in Anspruch zu nehmen.

Seit 2011 konnten hier im Rahmen der sogenannten „Studierendenmaile“, mit Unterstützung der Universität, des Studentenwerks und der zuständigen Wohnungsbaugesellschaft noch weitere studentische Büros und Redaktionen studentischer Medien sowie eine Fahrradwerkstatt eröffnet werden. In den letzten Jahren brachte sich das Kunstprojekt „Slubfurt“ in die Belebung der Straße ein. All diese Unternehmungen werden erfreulicherweise durch die aktuelle Stadtverwaltung unterstützt. So trägt die totgesagte sozialistische Stadtreparatur dazu bei, dass das jahrelange „Nebeneinander“ der Stadt und der Universität überwunden werden kann. Ob es diesmal tatsächlich gelingt, die Straße dauerhaft zu beleben, bleibt jedoch abzuwarten.

 

Ein Fazit

Ein erneuter Wiederbelebungsversuch im Norden der Großen Scharrnstraße (Bild: Milena Manns 2011)
Ein erneuter Wiederbelebungsversuch im Norden der Großen Scharrnstraße (Bild: Milena Manns 2011)

Die Plattenbauten an der Großen Scharrnstraße können dezidiert nicht als herausragende Architektur bezeichnet werden. Daher kann hier kaum suggeriert werden, dieselben aus gestalterischen Gründen auf die Denkmalliste einzutragen. Dennoch ergeben die zeittypischen Fassaden, gemeinsam mit der künstlerischen Ausstattung des Straßenraums, ein äußerst spannendes bauliches Zeugnis der Endphase des langen DDR-Systems. Sie belegen zunächst den Wandel der städtebaulichen Leitbilder, der nicht nur in der west-, sondern auch in der ostdeutschen Spätmoderne stattfand. Das parallel mit den propagandistischen Arbeiterfestspielen geplante „Pilotprojekt“ ließ erstaunlicherweise Freiräume für subversive individualistische Kunstwerke zu. Gerade durch diesen Widerspruch ist der Straßenraum heute auch für die politische Bildung interessant. Daher wäre es wünschenswert, dass der künftige Umgang mit dem Straßenraum zumindest wohl überlegt ist.

 

Rundgang

Begleiten Sie Paul Zalewski beim Wiederentdecken der Großen Scharrnstraße.

Heft als pdf

Frühjahr 15: Fußläufig

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

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Sylvia Necker folgt Spuren der Karl-Marx-Stadt, die in ihrem Zentrum einen eigenen Boulevard erhielt.

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

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Paul Zalewski eignet sich mit Studenten die Große Scharrnstraße in Frankfurt/Oder neu an.

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