München-Schwabing, Wohn-und Geschäftshaus "Fuchsbau" (Bild: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Michael Forstner)

Typisch Schwabing! Der Fuchsbau

von Wiepke van Aaken/Burkhard Körner 

Um 1970 erfindet sich München neu: Mit der Zusage für die Olympischen Sommerspiele 1972 entstehen die wundervollen Sportanlagen, endlich die U-Bahn und zahlreiche Großbauten. München entwickelt sich zur „Weltstadt mit Herz“. Auch die Münchner Freiheit und das nördliche Schwabing verändern sich grundlegend. Der Platz wird unterirdisch als U-Bahnhof ausgebaut und von hier aus die U3 zum Olympiagelände geführt. Oberirdisch erschließt das „Forum“ den Zugang zum U-Bahnhof mit Treppen, Rampen und Wasserspielen in Kaskaden. In Sichtbeziehung über die Erlöserkirche hinweg wird der auffallende Wohn- und Geschäftsbau in Sichtbeton errichtet, den die Münchner bald liebevoll Fuchsbau taufen. Gemeinsam mit dem nahen Einkaufs- und Freizeitzentrum Schwabylon (1973, abgerissen 1979), dem Restaurant Tantris (1971) und dem Wohnbau Orpheus und Eurydike (1973) lebt das alte Lebensgefühl Schwabings wieder auf: „etwas komisch, ziemlich exzentrisch und selbstbewusst“ (Wassily Kandinsky).

9 Geschosse, 239 Wohnungen

Zwischen Germania-, Fuchs- und Ungererstraße, nördlich der Erlöserkirche (1901, Theodor Fischer) stehen zunächst noch sechs Gebäude aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. In der kurzen Fuchsstraße, die dem Bau wohl auch zu seinem Namen verhilft, wohnt nach dem Zweiten Weltkrieg auch Erich Kästner. 1971 wird die Fläche nördlich der Kirche von Wilhelm Steinel für den Bauträger DEBA Deutsche Wohnbau GmbH & Co. überplant. Er entwirft einen dreiarmigen, pyramidal gestaffelten Terrassenbau in Schottenbauweise mit Vorhangfassade. Dabei wird das trapezförmige Grundstück optimal ausgenutzt. Die nahe Kirche beschränkt die Höhe auf neun Geschosse, so dass insgesamt 239 Wohnungen untergebracht werden können. Um die Schwabinger Flanier- und Einkaufsmeile nach Norden weiterzuführen, legt Steinel das Erdgeschoss als Ladenzone mit 20 kleineren und mittelgroßen Einheiten an. Bis 1973 sind die baulichen Anlagen im Wesentlichen fertiggestellt.

Ausgestattet wird der Fuchsbau mit allem, was es für ein modernes Leben in den 1970er Jahren braucht: Im Südflügel spielt das Kino „Die Lupe 2“, im Ostflügel ab 1975 ein Theater. Auf den gemeinschaftlichen Bereichen werden zwei figürliche Bronzeskulpturen und eine amorphe Steinplastik des ungarisch-französischen Bildhauers Lászlo Szabó (1917-84) aufgestellt. Auf zwei geplante Gaststätten, eine Bier- und eine Weinstube, muss man wegen fehlender Stellplätze zwar verzichten, aber im Keller werden für private Feiern Partyräume untergebracht. Und die gemeinschaftliche, mit Schwimmbecken ausgestattete Dachterrasse auf zwei Ebenen wird schnell, so hört man, zu einem Ort rauschender Feste.

Markante Silhouette

Die markante Silhouette springt an den Stirnseiten geschossweise zurück. Aus zwei Gebäudearmen sind erdgeschossig Elemente vorgezogen. Auf jeweils polygonalem Grundriss bieten sie Raum für gewerbliche Einheiten. Im Westem ist ihnen – einem Ufo gleich – ein eingeschossiger achteckiger Baukörper aufgesetzt, dessen außenliegende Konstruktion aus radial angeordneten Stahlbetonrahmen ins Auge sticht. Bei aller Wirtschaftlichkeit beweist das individuelle Fassadenbild hohen baukünstlerischen Anspruch: Den drei konkav gewölbten Längsseiten sind Balkone aus geknickten Fertigteilelementen vorgesetzt, die mit unterschiedlicher Tiefe und einer pergolaähnlichen Überdeckung der obersten Geschosse spielen. Die rahmende Vorhangfassade aus Betonfertigteilen zeigt ein abgestimmtes Fugenbild und stark ausgeprägtes Oberflächenrelief. Die Platten mit leicht unterschiedlichen Höhen und Breiten werden vertikal von glatt eingetieften, aber verschieden breiten, grob behauenen Stegen durchzogen. Auskragende Wasserspeier sowie karminrote Fenster- und Türenelemente setzen selbstbewusst gestalterische Akzente.

Viel Raum für Gemeinschaft

Im Schnittpunkt der drei Arme wird der Fuchsbau zentral mit Aufzug und Treppenhaus erschlossen. Von dort zweigen drei lange Flure mit beidseits angeordneten Wohnungen ab. Bei der Orientierung helfen Fuchs-Logos, die Manfred Mayerle gestaltet. Für die Wohnungen stehen 15 Grundriss-Varianten bereit: Zum Gebäudekern liegen bescheidene Kleinstwohnungen von 24 Quadratmetern. Zu den Stirnseiten mit den vorgelagerten Terrassen finden sich größere Wohnungen mit bis zu 125 Quadratmetern. Bis auf wenige Ausnahmen besitzen alle Wohnungen Freibereiche mit breiten Pflanztrögen. Die Schottenbauweise im Allbetonsystem ermöglicht große Fensterflächen und variable Grundrisse. Für die Terrassen-Wohnungen an den Stirnseiten etwa sind die Schotten um 90 Grad gedreht. 

Programmatisch verfügt der Fuchsbau nur über wenige Zufahrten, die Parkplätze sind ins Untergeschoss verlegt. Drei Vorplätze und das durchlässig gestaltete Erdgeschoss bilden öffentliche und gemeinschaftliche Bereiche aus. So wird der eigentlich unmaßstäbliche Großbau gekonnt in die bestehende Schwabinger Stadtstruktur eingebunden. 

Ein neues Lebensgefühl

Der Fuchsbau folgt den Utopien für Terrassenstädte, wie sie in den 1960er Jahren international aufkommen. In Deutschland werden kleinere Projekte – vom Wohnhügel in Marl (1965) bis zu den freistehenden Terrassenhäusern in München-Oberföhring (1969) – in den 1970er Jahren zu größeren Komplexen weiterentwickelt. Darunter finden sich so bekannte Großstrukturen wie das Olympische Dorf. Der Schwabinger Fuchsbau hingegen vertritt den seltenen Typus eines freistehenden Terrassenhauses, dessen Wohneinheiten sich einer geometrischen Großform unterordnen. Und wo beim sog. Pharaobau in München-Oberföhring 1974 die rationelle Fertigung den Ton angibt, gehen beim Fuchsbau künstlerischer und wirtschaftlicher Anspruch Hand in Hand. Diese verdichtete Wohnform entspricht dem Streben der Zeit nach Urbanität, Individualität und gesellschaftlicher Vielfalt. Mit seiner unverwechselbaren Silhouette und differenzierten Sichtbeton-Fassade ist der – frisch unter Denkmalschutz gestellte – Fuchsbau ein bemerkenswertes Beispiel des Brutalismus und unmittelbarer Ausdruck des sich neu formierenden Schwabinger Lebensgefühls. (8.4.19)

Quellen

Gespräch Wilhelm Steinel mit Peter Kifinger im Rahmen des Seminars Terrassenhäuser an der Architekturfakultät der TU München, 19. Juni 2018.   

Bauakt Ungererstraße 19, Landeshauptstadt München, Lokalbaukommission.

Die ausführliche gedruckte Version des Beitrags erscheint in Kürze in den Denkmalpflege Informationen 171.

Titelmotiv: München-Schwabing, Wohn-und Geschäftshaus „Fuchsbau“ (Bild: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Michael Forstner).