Frankfurt, Heilig-Geist-Kirche (Bild: Urmelbeauftragter, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

von Karin Berkemann (19/2)

Mit der Religion hielt es das Neue Frankfurt pragmatisch: Man nutzte den Bestand, mietete und vermietete, verschob die liturgischen Orte bis scharf an die Grenzen des Erlaubten, riss ein und baute um, errichtete Provisorisches und Repräsentatives – und behielt bei all dem die wachsenden Grundstückspreise fest im Blick. Denn schon im 19. Jahrhundert zeigte sich die religiöse Landschaft am Main außergewöhnlich bunt. Die lutherischen Frankfurter waren ihren reformierten, römisch-katholischen und jüdischen Mitbürgern seit der Säkularisation grundsätzlich gleichgestellt. Doch erst mit der aufziehenden Moderne wurde dieser Anspruch langsam auch im Stadtbild ablesbar.

Zwischen Hauskreis und Neubau

Mitte des 19. Jahrhunderts war der Bedarf an liturgischen Räumen im evangelisch geprägten Frankfurt explodiert. Zwar hatte die Stadt 1830/56 Eigentum und Baulast für die Dotationskirchen übernommen, doch mit der Liberalisierung und Industrialisierung wuchsen die bestehenden Gemeinschaften ebenso wie viele der neuen Gruppierungen. Die beiden großen christlichen Konfessionen verdichteten ihren Bestand um historistische Gemeindekirchen, Schwestern-, Mutter- und Krankenhäuser inkl. Kapelle. Auf römisch-katholischer Seite halfen dabei die Orden und das frisch gegründete Bistum Limburg, auf protestantischer Seite engagierten sich privat-bibelgläubige oder landeskirchliche Bauvereine.

Im Rahmen ihre Möglichkeiten bauten auch die zahlenmäßig kleineren, aber oft nicht minder aktiven Gemeinschaften. Die Bandbreite reichte von einigen wenigen repräsentativeren Kirchen bis hin zu zahlreichen Provisorien und wechselnden Hauskreisen. Die jüdische Gemeinde, für Frankfurt ein wirtschaftlich wie kulturell prägender Faktor, konnte sich mit gleich drei Synagogen-Neubauten deutlich sichtbar in verschiedene Färbungen von liberal bis orthodox ausdifferenzieren. Damit verfügte die Stadt um 1900 über ein außerordentlich dichtes Netz teils sichtbarer, teils verborgener religiös genutzter Räume.

Die Kirche öffnet die Siedlung

Als Ernst May 1925 seine Stelle als Stadtbaurat antrat, hatten sich die beiden großen christlichen Konfessionen gerade eine neue Struktur gegeben – als „Evangelische Landeskirche Frankfurt am Main“ und „Gesamtverband der katholischen Pfarrgemeinden im ehem. Stadtbereich der vormals Freien Reichsstadt Frankfurt am Main“. Damit standen zugleich zentrale kirchliche Ansprechpartner für die kommunale Bauverwaltung bereit. Da die Protestanten zumeist als größte Konfession eines Stadtteils auch die bestehende Kirche nutzten, fielen nur wenige veritable Neubauprojekte an. Diese wurden dann umso genauer auf ihre Umgebung bezogen – wie die Friedenskirche (1928) im Hellerhof.

Offensiver positionierte sich der Katholizismus, der nun rund ein Drittel der Bürgerschaft ausmachte. Unter großer öffentlicher Beachtung tagte 1921 der Deutsche Katholikentag in Frankfurt. Im gesamten Stadtgebiet wurden zwischen 1927 und 1937 zwölf römisch-katholische Not- und Gemeindekirchen fertiggestellt. Gerade in den Siedlungen des Neuen Frankfurt nutzte die aufstrebende Konfession die Chance zu modernen Großformen. Für die Kommune waren die Kirchen beider Konfessionen willkommene soziale, karitative und identitätsstiftende Mittelpunkte, allen voran die Heilig-Kreuz-Kirche (1929) am Bornheimer Hang. Dabei nahm die Stadt über Bauplatzvergabe und Genehmigungsverfahren gestalterischen Einfluss – ähnlich wie bei der Neuen Jüdischen Trauerhalle (1929).

Stühlerücken

Die weltanschauliche Konkurrenz war groß im Frankfurt der 1920er und 1930er Jahre. Dem begegneten viele christliche Konfessionen mit einem breiten außerliturgischen Angebot – von sozial bis vergnüglich. In der Tradition früherer Gruppenbauten wie der Matthäuskirche (1905) stilisierten evangelische Projekte die beiden Nutzungsebenen (oben Gottesdienst, unten Gemeindearbeit) gerne zum zeichenhaften Miteinander von Liturgie und Diakonie. Im Riederwald (1928) und in Niederrad (1930) entstanden so gestalterisch, theologisch und funktional moderne Gemeindehäuser. Katholische Ensembles hingegen kaschierten eine evtl. Zweigeschossigkeit lieber zugunsten einer sakralen Gesamtwirkung.

In den beiden großen Konfessionen entstanden multifunktionale, häufig hölzerne „Notkirchen“, wie 1930 für die evangelische Dreifaltigkeitsgemeinde in Bockenheim. Bei der Maria-Hilf-Notkirche (1933) im Gallus arbeitete Martin Weber, damals der beherrschende Architekt des katholischen Frankfurts, mit Schiebewänden. Im Riederwald rückte er für die Heilig-Geist-Kirche (1931) den Altar gemeinschaftsstiftend in die Mitte und den Tabernakel an die Seite. Über Maria Laach stand Weber in Beziehung zu liturgischen Reformbestrebungen, zu Dominikus Böhm oder Rudolf Schwarz. Deren innovativer Wettbewerbsentwurf für die Frauenfriedenskirche (1927) wurde allerdings nicht umgesetzt. Diese konfessionell unterschiedlich profilierten Bautraditionen trafen sich in Niederursel in der evangelischen Gustav-Adolf-Kirche (1928): ein zweigeschossiger, hervorgehobener Kirchenbau mit gemeinschaftsorientierter Sitzordnung, betonten liturgischen Orten und Taufkapelle.

Virtuelle Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rostrot) Kirchenbauten des Historismus und der Moderne in NRW (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

Die „Stunde Null“?

Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ fanden sich im christlichen Lager auch in Frankfurt alle Formen von freudiger Bejahung bis zum glühenden Widerstand. Konfessionsübergreifend wurden bis in die Kriegsjahre im Stadtgebiet weitere Kirchen errichtet und renoviert, neue Projekte ins Auge gefasst, nach den ersten Bombenangriffen von 1943 Provisorien zwischen den Ruinen gepflegt. Das bauliche Netzwerk der jüdischen Gemeinde wurde beschnitten, attackiert und zuletzt in Teilen zerstört. Die nach 1945 ausgerufene „Stunde Null“ knüpfte in vielen Punkten an die Zwischenkriegszeit an. Heute werden wiederum Kirchen in die 1920er Jahre rückgebaut – häufig auf Kosten der Zeitschicht der 1950er Jahre. Wer das friedliche Miteinander sucht, dem sei ein Abstecher nach Praunheim empfohlen. Hier wurde eine Weber’sche Notkirchen nach dem Krieg kundig ergänzt und nochmals maßstäblich zum Gemeindezentrum erweitert – inkl. Kegelbahn im Untergeschoss. Denn dass sich die religiösen und die vergnüglichen Seiten des Lebens nicht ausschließen müssen, das wissen und schätzen die Frankfurter spätestens seit Mays Zeiten.

Literatur und Quellen

Schnell, Hugo, Der Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Dokumentation, Darstellung, Deutung, München/Zürich 1973.

Greef, Klaus (Hg.), Das katholische Frankfurt – einst und jetzt, Frankfurt am Main 1989.

Proescholdt, Joachim/Telschow, Jürgen, Frankfurts evangelische Kirchen im Wandel der Zeit, Frankfurt am Main 2011.

Berkemann, Karin, Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945-76) (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 (zugl. Diss., Neuendettelsau, 2012).

Opatz, Wilhelm E. (Hg.), Einst gelobt und fast vergessen. Moderne Kirchen in Frankfurt am Main. 1948-1973, Sulgen 2012.

Titelmotiv: Frankfurt-Riederwald, Heilig-Geist-Kirche (Bild: Urmelbeauftragter, GFDL oder CC BY SA 3.0).

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Frühjahr 19: Moderne Mobil

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Ein Blick auf die religiöse Landschaft der Mainmetropole.

"Ungemein sympathisch"

„Ungemein sympathisch“

Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor der Heilig-Kreuz-Kirche.

"Das ist komplizierter"

„Das ist komplizierter“

Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle.

"Eine vornehme Ruhe"

„Eine vornehme Ruhe“

Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus.

"Mitunter garstig"

„Mitunter garstig“

Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche.

"Da Du mich nicht liebst"

„Da Du mich nicht liebst“

Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frauenfriedenskirche.