Frankfurt, Neue Jüdische Trauerhalle (Bild: Andreas Beyer)

„Das ist komplizierter“

ein Gespräch mit Wolfgang Voigt (19/2)

Wer die Baukunst liebt, der schiebt – zumindest, wenn es der betagte Opel nicht mehr ganz alleine bis an seinen Bestimmungsort schafft. Doch der Architekturhistoriker Wolfgang Voigt packt kurzerhand mit an und eine kleine Notreparatur später steht das klassische Automobil in Frankfurt vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle. Genau hier soll Voigt gemeinsam mit einem „Opel Super 6“ abgelichtet werden. Denn beide, Auto wie Bauwerk, stammen aus den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen und verraten viel über die Zeit, als sich Frankfurt in großen Schritten in Richtung Moderne aufmachte.

Geplant war alles ganz anders

Voigt zückt das Smartphone und zeigt Bilder zur Vorgeschichte der Trauerhalle: 1921 hatte die jüdische Gemeinde die Planung für einen neuen Friedhof an der Homburger Landstraße aufgenommen, da es auf dem Begräbnisplatz in der Rat-Beil-Straße langsam eng wurde. Nach einem Wettbewerb galt Franz Roeckle, der Architekt der Westend-Synagoge, als Favorit. 1925 entschied man sich stattdessen für eine Planung von Fritz Nathan, an der weiter gefeilt wurde: Heraus kam ein Zentralbau mit Portalhalle, Wandelgängen und parabolischen Bögen.

„Darin kann man den Orient wiederfinden, muss man aber nicht“, erklärt Voigt. Für ihn liegen die Vorbilder nicht im Synagogenbau, sondern allgemein bei Friedhofsbauten wie sie Hans Grässel vor 1914 in München angelegt hatte – nach dem Muster „Zentralbau mit Kuppel, irgendwas zwischen Ravenna und Byzanz“. Und die orientalisch anmutenden Bögen hatten, so Voigt, ebenso wie die den Hof umschließenden Wandelgänge ein direktes Vorbild in Clemens Holzmeisters Krematorium im „Roten Wien“ von 1922.

Mit dem Klinker kam der rechte Winkel

Die Tiefbauarbeiten hatten an der Homburger Landstraße bereits begonnen, als der frischgebackene Stadtbaurat Ernst May dazwischen kam: Frankfurt brauche dieses Grundstück drängend für Wohnungen. Nach langen Verhandlungen verlagerte die Gemeinde ihr Vorhaben an die Eckenheimer Landstraße, direkt neben den Hauptfriedhof. Die geplante Grunddisposition der Trauerhalle nahm Nathan mit. Doch an die Stelle von Putzwänden traten 1928/29 Backsteinmauern – auf speziellen Wunsch der Stadt, so wie bei der brandneuen Großmarkthalle von Martin Elsässer.

Mit dem neuen Baustoff änderte sich auch die Bauform der Jüdischen Trauerhalle: vom Bogen zum rechten Winkel. Die parabolischen Bögen mit Klinkern zu mauern, wäre eine komplizierte Sache geworden. An diesem Bau habe letzten Endes der eckige Backstein, so Voigt, den Schritt zur radikal kubischen Form nahegelegt. Das sei nicht einfach der Schritt eines Baumeisters hin zu einem anderen Stil. Die Vorstellung, ein Architekt beschließt, „von nun an sachliche Moderne“, sei eine vom Ordnungsdenken der Kunstgeschichte begünstigte Schablone. „Architekturgeschichte ist eben komplizierter, als sich das die Bauhausjubiläumsplaner so vorstellen.“

Welcher Stil ist es denn jetzt?

Als die Sonne günstig steht, greift der Fotograf zur Kamera. Doch er zögert. Ist der Opel frontal vor der Trauerhalle nicht ein wenig zu viel des Guten, ein wenig zu monumental? Voigt kennt diesen Eindruck, die Fachliteratur nennt das den „heroischen Stil“. In Zeiten der Wirtschaftskrise habe man, so das Narrativ, klare feste Formen kreiert, die später von den Nationalsozialisten geliebt und genutzt wurden. Doch solche Erklärungsmuster greifen für Voigt zu kurz. In Frankfurt beispielsweise ähnelt der zweifellos moderne und zugleich neoklassische Bau von Fritz Nathan wieder dem ersten Jüdischen Friedhof von 1828 an der Rat-Beil-Straße. Was Nathans Architektur zu einer jüdischen mache, sei nicht der persönliche jüdische Hintergrund des Architekten, sondern der Kontext des Bauwerks: die Nutzung durch die jüdische Gemeinde.

Mit Blick auf das Neue Frankfurt wird Voigt energisch: „Den einen großen Nenner gibt es nicht.“ Natürlich sind da die May-Siedlungen mit ihrem weißen stromlinienförmigen Modernismus. Doch die Trauerhalle gehört für Voigt ebenso zum Neuen Frankfurt wie die Großmarkthalle. „Das ist kein Modernismus, aber Moderne.“ Deshalb sind beide Bauten selbstverständlich Teil der aktuellen Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums „Neuer Mensch, neue Wohnung. Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925-1933“.

Eine Erinnerung

Nach dem Gespräch lässt es sich Majer Szanckower, Chef der jüdischen Friedhofsverwaltung, nicht nehmen, Voigt noch persönlich durch die Anlage zu führen. Zu den Grabsteinen, die ihm Nathans Tochter zeigte, als sie vor einigen Jahren auf Besuch in Frankfurt war. Der Entwurf stammt von Fritz Nathan selbst. Sogar die Gartenpflege folge Nathans Vorbild: Die Hecken sind akkurat kubisch geschnitten. Und wieder zurück vor der Trauerhalle hat Szanckower noch eine Bitte. Ob er ein Erinnerungsfoto haben könne, vor der Trauerhalle mit dem Opel? Dieses Auto, diese klassisch schönen Formen, schwärmt er. Voigt nickt, und meint die Architektur gleich mit. Denn am Ende ist es dann doch egal, ob Neuklassizismus oder Neues Frankfurt. Das hier ist einfach ein gutes Stück Frankfurt, damals wie heute.

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Dr.-Ing. habil. Wolfgang Voigt, * 1950, Studium der Architektur in Hannover, verschiedene wissenschaftliche und redaktionelle Tätigkeiten und Lehraufträge, von 1997 bis 2015 stellvertretender Direktor des DAM, seit 2016 tätig als freier Architekturhistoriker, stellvertretender Sprecher der Föderation deutscher Architektursammlungen und stellvertretender Vorsitzender der ernst-may-gesellschaft.

Literatur und Quellen

Schenk, Andreas, Fritz Nathan – Architekt. Sein Leben und Werk in Deutschland und im amerikanischen Exil, Basel 2015.

Raith, Frank-Bertolt, Der heroische Stil. Studien zur Architektur am Ende der Weimarer Republik, Berlin 1997.

Die Ausstellung „Neuer Mensch, neue Wohnung. Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925-1933“ startet am 23. März 2019 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt und ist dort bis zum 18. August 2019 zu sehen. Begleitend erscheint ein Katalog bei DOM publishers.

Titelmotiv: Frankfurt, Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle (Bild: Andreas Beyer).

ganzes Heft als pdf

Frühjahr 19: Moderne Mobil

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Ein Blick auf die religiöse Landschaft der Mainmetropole.

"Ungemein sympathisch"

„Ungemein sympathisch“

Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor der Heilig-Kreuz-Kirche.

"Das ist komplizierter"

„Das ist komplizierter“

Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle.

"Eine vornehme Ruhe"

„Eine vornehme Ruhe“

Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus.

"Mitunter garstig"

„Mitunter garstig“

Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche.

"Da Du mich nicht liebst"

„Da Du mich nicht liebst“

Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frauenfriedenskirche.