Titelmotiv: Frankfurt-Niederursel, Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche (Foto: Andreas Beyer)

„Mitunter garstig“

von Daniel Bartetzko (19/2)

Wer in den 1930er Jahren vom Taunus aus zu Fuß Richtung Frankfurt unterwegs war, sollte nebst stabilem Schuhwerk auch wetterfeste Kleidung tragen – und am besten ein Köfferchen für empfindliche Dinge dabei haben. In Niederursel, dem 1910 eingemeindeten nordwestlichsten Stadtteil Frankfurts, kann das Wetter mitunter garstig werden: Die kühlen Winde des Mittelgebirges treffen hier unmittelbar auf den warmen Dunst der Rhein-Main-Ebene. Scheint in der City die Sonne, kann’s hier zünftig gewittern. Oder schneien. Oder stürmen – je nach Jahreszeit. Seit 1928 hält aber ein Ort allen Wettern stand: Wie eine Krone überragt die Gustav-Adolf-Kirche den historischen Dorfkern Niederursels – ein kantiger Betonbau, umgeben von einem kleinteiligen Fachwerk-Ensemble. Die Synthese von Alt und Neu ist so oft grandios gescheitert, doch ausgerechnet ein Bau des sonst so nüchtern-zurückhaltenden Neuen Frankfurt schafft an dieser Stelle den Spagat.

Betonfachwerk

Stadtbaudirektor Martin Elsaesser (in Gemeinschaft mit Gerhard Planck) entwarf das achteckige Gebäude, dessen Hanggrundstück von einer historischen Sockelmauer des Vorgängerbaus wie eine Terrasse herausgehoben wird. Durch die eng bebaute Dorfsituation ist die Gustav-Adolf-Kirche nie im Ganzen zu sehen. Und ist dennoch aus allen Blickwinkeln erkennbar: Der mit einem kupferbeschlagenen Zeltdach gedeckte Kirchraum aus Mauerwerk und Eisenbeton zeigt sich verputzt, vorwiegend ungegliedert und wird von Turm und Treppenhaus eingefasst.

Erst im oberen Bereich ist das Achteck des Zentralraums zweifelsfrei abzulesen. Hier bildet ein umlaufendes Fensterband – mit seinen Betonsprossen als Fachwerkzitat deutbar – über dem Altar fünf, ansonsten drei Zeilen aus. Auch das Treppenhaus und der rund 30 Meter hohe Turm weisen diese bandförmigen Öffnungen auf. Das abfallende Grundstück nutzend, führt ein Zugang von der Straße ebenerdig zur Sakristei sowie zu Konfirmanden- und Gemeindesaal, die sich unter dem Gottesdienstraum befinden. Zu diesem gelangt man über eine Treppe.

Demontiert und eingelagert

Den Krieg hat die Kirche nahezu unbeschadet überstanden – renoviert wurde sie in den 1950er Jahren, in den späten 1970ern und zuletzt bis 2017. Seine Anmutung hat dieser letzte von Martin Elsaesser entworfene Sakralbau nie eingebüßt, einige spätere Zutaten hat man zuletzt trotzdem wieder entfernt: Die Kelsterbacher Künstlerin Marianne Scherer-Neufahrth schuf in den 1950er Jahren abstrakt-farbige Bleigläser für das Fensterband und Arnold Rakete, Architekt der Bauabteilung, entwarf ein Altarkreuz. Beides wurde demontiert und eingelagert – schade eigentlich. Dafür hat die grüne, emaillierte Beschreibungstafel an der Sockelmauer überlebt. Mit ihnen wies die Stadt Frankfurt Ende der 1970er auf ihre Denkmäler hin, und allzu viele dieser Tafeln sind nach rund 40 Jahren nicht übrig geblieben.

Eine richtige Kathedrale?

Der Gustav-Adolf-Kirche kommt im Werk von Martin Elsaesser eine Sonderstellung zu: Sie ist nicht nur seine letzte Kirche, sondern auch die einzige Predigtstätte, die er als reinen Zentralraum verwirklichte. Okay, für eine richtige Kathedrale zeichnet der Architekt, zu Zeiten des Neuen Frankfurt vor allem für die repräsentativen Bauten zuständig, auch noch verantwortlich: Im selben Jahr wie die Gustav-Adolf-Kirche wurde die Frankfurter Großmarkthalle eingeweiht. Auch sie hält noch heute Wind und Wetter stand – und hat sogar den Eingangs-Prügel, den der EZB-Neubau durch sie treibt, verkraftet …

Titelmotiv: Frankfurt-Niederursel, Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche (Bild: Andreas Beyer)

Titelmotiv: Frankfurt-Niederursel, Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche (Foto: Andreas Beyer)