Frankfurt, Frauenfriedenskirche (Bild: Andreas Beyer)

„Da Du mich nicht liebst“

von Karin Berkemann (19/2)

Glaubt man den illustrierten Magazinen jener Jahre, dann liebte es die „Neue Frau“ rasant: Accessoires wie die sportive Kurzhaarfrisur und das windschnittige Motorrad standen um 1930 für urbane Bewegungsfreiheit. Eine Aufbruchsstimmung, die in Frankfurt selbst die Kirchen erfasst hatte. Bereits 1916 sammelte die katholische Frauenrechtlerin Hedwig Dransfeld für eine Kirche – als „Votivmal der Friedensgesinnung“, als Erinnerung an die gefallenen Väter, Ehemänner und Brüder. Einen Weltkrieg und eine Weltwirtschaftskrise später konnte der Traum 1929 mit der Frankfurter Frauenfriedenskirche verwirklicht werden. Deren Portalfigur, die Friedenskönigin des Bildhauers Emil Sutor, ziert auch eine Postkarte von rasanter Handschrift: Eine gewisse „I.“, nennen wir sie Ingeborg, beklagt sich hier am 28. August 1931 bei einem gewissen Guido (Nachname der Redaktion bekannt): „Da du mich nicht liebst, schicke ich Dir wenigstens eine andere Madonna.“

Objekt der Sehnsucht

Das Objekt von Ingeborgs Sehnsucht – ein „troier Pfroind“ (man hört „Die Drei von der Tankstelle“ leise mitsingen), eben jener Guido – lebt im Umfeld der damaligen Friedensbewegung: Er wohnt im Frankfurter Westend beim Deutschen Pazifistischen Studentenbund. Vielleicht ist man sich im Kampf um die gemeinsame freiheitliche Sache nähergekommen. Immerhin greift Ingeborg zu einem Postkartenmotiv der ersten (und einzigen) allein von Frauen finanzierten Kirche. Um das prominente Projekt wetteiferten damals viele renommierte Architekten. Der erste Preis ging an Dominikus Böhm und Rudolf Schwarz, der Auftrag an Hans Herkommer. Heraus kam ein Bau, dessen reiche Ausstattung eher auf das Art Déco verweist, dessen klare Formensprache aber mehr der Liturgischen Bewegung und dem Neuen Bauen verpflichtet ist. Nicht umsonst erinnert etwa das Bogenportal stark an einen anderen Vorzeigebau des Neuen Frankfurt, an Martin Webers Heiligkreuzkirche am Bornheimer Hang.

Kaum zehn ruhige Jahre

Heute erhebt sich die Frauenfriedenskirche weithin sichtbar an dem Platz, an dem sich die Hedwig-Dransfeld-Straße, die Franz-Rücker- und die grüne Zeppelinallee treffen. Dabei waren dem modernen Friedensmal nach seiner Weihe kaum zehn ruhige Jahre vergönnt. 1938 beschlagnahmten die Nationalsozialisten das Geld der verantwortlichen katholischen Vereinigung, später fielen Bomben auf das Kirchenschiff. Am Ende stand dann doch die Hoffnung: Die kriegszerstörte Frauenfriedenskirche wurde in den 1950er Jahren wieder aufgebaut und seit 2018 soll eine Sanierung den Zustand der Bauzeit wiederherstellen. Auch unsere Postkartenschreiberin schließt 1931 mit: „Warum schreibst du mir keinen Brief? 2-3 Küssjen“. Ob ihr Wunsch erhört wurde, wissen wir nicht – nur, dass der spätere Offenbacher Jurist Guido die Postkarte aufbewahrt haben muss. Aber, für den Fall einer unerfüllt gebliebenen Liebe, möchte man Ingeborg zurufen: Wer weint schon um einen Mann, der einen stolzen Liebesgruß mit dem Kürzel für „erledigt“ und dem Datumsstempel quittiert.

Links und Literatur

Dransfeld, Hedwig, Die Gesinnung des Friedens, in: Die Christliche Frau 1917, S. 241 ff.

Gozalbez Cantó, Patricia, Fotografische Inszenierungen von Weiblichkeit. Massenmediale und künstlerische Frauenbilder der 1920er und 1930er Jahre in Deutschland und Spanien, Bielefeld, 2012.

Juraschek-Eckstein, Markus, Frankfurt am Main, Frauenfrieden, auf: strasse-der-moderne.de.

Titelmotiv: Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frankfurter Frauenfriedenskirche (Bild: Andreas Beyer).