Frankfurt-Bornheim, Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor Heilig Kreuz (Bild: Andreas Beyer)

„Ungemein sympathisch“

von Ina Hartwig (19/2)

Die Heilig-Kreuz-Kirche am Bornheimer Hang ist die städtebaulich prominenteste Kirche des Neuen Frankfurt. Weithin sichtbar prägt sie die Silhouette der Wohnsiedlung, der Architekt Martin Weber sprach nicht umsonst von einer „Hangkrone“. Und auch auf der der Stadt zugewandten Seite zieht das Bauwerk als Endpunkt der Wittelsbacher Allee die Blicke auf sich. Der strengen Achsensymmetrie verweigert es sich jedoch: Die Straße macht kurz vor dem Portal lässig die Biege, um die breite Freitreppe der Kirche links liegen zu lassen. Diese städtebauliche Geste, die Mischung aus Repräsentanz und Understatement steht hier exemplarisch für das Neue Frankfurt und macht das Projekt ungemein sympathisch.

Reform, nicht Revolution

Ziel des Neuen Frankfurt war bekanntlich die tiefgreifende Umgestaltung und Modernisierung der Stadt. Erreichen wollte man es durch Reform, nicht durch Revolution. Hier waren keine Bilderstürmer am Werk wie etwa in der jungen Sowjetunion, wo Kommunehäuser eine radikale Alternative zur traditionellen Familie versprachen und Kirchenbauten kurzerhand zu Getreidesilos umfunktioniert wurden. Der Neue Mensch, vom dem Ernst May und seine Kollegen träumten, sollte nicht radikal rationalistisch (um)erzogen werden. Seine spirituellen Bedürfnisse hatten auch im Neuen Frankfurt ihren Platz und erhielten Räume, die ästhetisch und konzeptionell mit dem Moderneprojekt Schritt halten konnten.

Das zeigt sich auch in Bornheim. Trotz der exponierten Stellung ist Martin Webers Kirche kein abgehobenes Gebilde, sondern fügt sich nahtlos in die umgebene Bebauung ein. Seine weiß verputzte Fassade verbindet ihn mit den Wohnhäusern der Siedlung. Die ziffernlosen Uhren an den Stirnseiten des Kirchturms finden sich ebenso an der Großmarkthalle oder anderen prominenten Bauten des Neuen Frankfurt. Besonders aussagekräftig ist die unmittelbare Nachbarschaft: Wand an Wand mit der Kirche befand sich ursprünglich die Zentralwäscherei der Siedlung! In einer markanten Tordurchfahrt gelegen, beanspruchte auch sie die Aufmerksamkeit des Passanten als wichtiger Gemeinschaftsbau.

Das Fahrrad passt ideal

Dieser nüchtern-demokratische Ansatz galt nicht nur in der Architektur. Wenn es ein Verkehrsmittel gibt, das ideal zum Neuen Frankfurt passt, so ist es das Fahrrad. Natürlich war die Autobegeisterung in den 1920er Jahren groß und Frankfurt durch die Adlerwerke eine Autostadt. Doch wenn sich heute breite Geländewagen durch die Wohnstraßen der historischen Siedlungen drängen, wird schnell klar, dass das Automobil hier allenfalls als Ausnahme vorgesehen war. Und selbst die wenigen breiten Magistralen wie die Wittelsbacher Allee räumen Straßenbahnen und Fußgängern mehr Raum ein als dem Autoverkehr. Als Projekt, das auf die ganze Bevölkerung der Stadt abzielte, setzte das Neue Frankfurt bei aller Fortschrittsbegeisterung auf erschwingliche Fortbewegungsmittel. In den typisierten Gartenlauben am Bornheimer Hang soll es sogar eigene Fahrradgaragen gegeben haben.

DIE Stadt der Weimarer Republik

Es ist nicht nur dieser Punkt, in dem das Neue Frankfurt Anregungen für die Gestaltung der heutigen Stadtlandschaft liefern kann. Das Projekt kann auch exemplarisch für eine partizipative Großstadtkultur stehen, die nach dem Ersten Weltkrieg einen Gegenentwurf zur Gesellschaft aus Kaisers Zeiten bot. Um es zuzuspitzen: Frankfurt war DIE Stadt der Weimarer Republik. Nirgends sonst wurde ein so weitreichender öffentlicher Wohnungsbau konzipiert und umgesetzt, der sich nicht nur an sozial benachteiligte Menschen wandte, sondern im Grundsatz jeder Bürgerin und jedem Bürger der Stadt einen modernen Wohnungsentwurf anbot. Die vielschichtige kreative Szene, die sich in Bildender Kunst, Design, Theater, Musik, Grafik und auf vielen weiteren Kunstfeldern ausdrückte, dürfte es so allenfalls in Berlin gegeben haben. Und trotz aller Abweichung vom Konventionellen war das Neue Frankfurt stets ein demokratisches Konsensprojekt, getragen von einem Bündnis aus Sozialdemokratie und bürgerlich-liberalen Kräften.

Es dürfte kein Zufall sein, dass ein solches Projekt ausgerechnet in Frankfurt Erfolg haben konnte. Weltoffenheit und bürgerliche Partizipation haben eine lange Tradition in der Stadt. Mays Ansatz, Traditionen nicht zu verneinen, sondern neu zu interpretieren, erwies sich als goldrichtig. Polarisiert haben diese Interpretationen natürlich trotzdem, man denke nur an den abstrakten Adler von Hans Leistikow, der der Stadt für einige Jahre ein kühn-sachliches Wappen einbrachte und Teile der Bevölkerung Sturm laufen ließ. Die Tatsache, dass das Neue Frankfurt heute trotz der Diffamierungskampagnen der Nazis selbst als Tradition und bedeutendes Kulturerbe anerkannt wird, verdeutlicht, wie sehr es dem Charakter der Stadt entspricht. Die im Januar eröffnete Ausstellung „Moderne am Main“ im Museum Angewandte Kunst stößt bei den Besucherinnen und Besuchern auf immenses Interesse – und sicher wird dies auch für die Ausstellung „Neuer Mensch, neue Wohnung“ im Deutschen Architekturmuseum gelten.

Einen Ausflug wert

Die Bürgerinnen und Bürger haben offensichtlich großes Interesse an diesem Kapitel der Geschichte ihrer Stadt. Doch Frankfurt hat gerade erst begonnen, sein klassisch-modernes Erbe (neu) zu entdecken. Das Bauhausjubiläum bietet einen idealen Rahmen, um sich differenziert damit auseinanderzusetzen und den Vergleich zur legendären Kunstschule zu wagen. Dass sich Frankfurt dabei nicht verstecken muss, zeigt eine Fahrradtour durch die Niddaauen im Norden der Stadt, wo sich die Siedlungen Westhausen, Praunheim, Römerstadt und Höhenblick finden. Ein empfehlenswerter Ausflug – wenn auch vielleicht nicht auf dem historischen Arcona-Fahrrad, das in Sachen Bremskraft mit modernen Modellen nur schwer Schritt halten kann.

Titelmotiv: Frankfurt, Ina Hartwig auf einem Arcona-Fahrrad vor Heilig Kreuz (Bild: Andreas Beyer)