Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

von Karin Berkemann (19/2)

Mit der Religion hielt es das Neue Frankfurt pragmatisch: Man nutzte den Bestand, mietete und vermietete, verschob die liturgischen Orte bis scharf an die Grenzen des Erlaubten, riss ein und baute um, errichtete Provisorisches und Repräsentatives – und behielt bei all dem die wachsenden Grundstückspreise fest im Blick. Denn schon im 19. Jahrhundert zeigte sich die religiöse Landschaft am Main außergewöhnlich bunt. Die lutherischen Frankfurter waren ihren reformierten, römisch-katholischen und jüdischen Mitbürgern seit der Säkularisation grundsätzlich gleichgestellt. Doch erst mit der aufziehenden Moderne wurde dieser Anspruch langsam auch im Stadtbild ablesbar.

Zwischen Hauskreis und Neubau

Mitte des 19. Jahrhunderts war der Bedarf an liturgischen Räumen im evangelisch geprägten Frankfurt explodiert. Zwar hatte die Stadt 1830/56 Eigentum und Baulast für die Dotationskirchen übernommen, doch mit der Liberalisierung und Industrialisierung wuchsen die bestehenden Gemeinschaften ebenso wie viele der neuen Gruppierungen. Die beiden großen christlichen Konfessionen verdichteten ihren Bestand um historistische Gemeindekirchen, Schwestern-, Mutter- und Krankenhäuser inkl. Kapelle. Auf römisch-katholischer Seite halfen dabei die Orden und das frisch gegründete Bistum Limburg, auf protestantischer Seite engagierten sich privat-bibelgläubige oder landeskirchliche Bauvereine.

Im Rahmen ihre Möglichkeiten bauten auch die zahlenmäßig kleineren, aber oft nicht minder aktiven Gemeinschaften. Die Bandbreite reichte von einigen wenigen repräsentativeren Kirchen bis hin zu zahlreichen Provisorien und wechselnden Hauskreisen. Die jüdische Gemeinde, für Frankfurt ein wirtschaftlich wie kulturell prägender Faktor, konnte sich mit gleich drei Synagogen-Neubauten deutlich sichtbar in verschiedene Färbungen von liberal bis orthodox ausdifferenzieren. Damit verfügte die Stadt um 1900 über ein außerordentlich dichtes Netz teils sichtbarer, teils verborgener religiös genutzter Räume.

Die Kirche öffnet die Siedlung

Als Ernst May 1925 seine Stelle als Stadtbaurat antrat, hatten sich die beiden großen christlichen Konfessionen gerade eine neue Struktur gegeben – als „Evangelische Landeskirche Frankfurt am Main“ und „Gesamtverband der katholischen Pfarrgemeinden im ehem. Stadtbereich der vormals Freien Reichsstadt Frankfurt am Main“. Damit standen zugleich zentrale kirchliche Ansprechpartner für die kommunale Bauverwaltung bereit. Da die Protestanten zumeist als größte Konfession eines Stadtteils auch die bestehende Kirche nutzten, fielen nur wenige veritable Neubauprojekte an. Diese wurden dann umso genauer auf ihre Umgebung bezogen – wie die Friedenskirche (1928) im Hellerhof.

Offensiver positionierte sich der Katholizismus, der nun rund ein Drittel der Bürgerschaft ausmachte. Unter großer öffentlicher Beachtung tagte 1921 der Deutsche Katholikentag in Frankfurt. Im gesamten Stadtgebiet wurden zwischen 1927 und 1937 zwölf römisch-katholische Not- und Gemeindekirchen fertiggestellt. Gerade in den Siedlungen des Neuen Frankfurt nutzte die aufstrebende Konfession die Chance zu modernen Großformen. Für die Kommune waren die Kirchen beider Konfessionen willkommene soziale, karitative und identitätsstiftende Mittelpunkte, allen voran die Heilig-Kreuz-Kirche (1929) am Bornheimer Hang. Dabei nahm die Stadt über Bauplatzvergabe und Genehmigungsverfahren gestalterischen Einfluss – ähnlich wie bei der Neuen Jüdischen Trauerhalle (1929).

Stühlerücken

Die weltanschauliche Konkurrenz war groß im Frankfurt der 1920er und 1930er Jahre. Dem begegneten viele christliche Konfessionen mit einem breiten außerliturgischen Angebot – von sozial bis vergnüglich. In der Tradition früherer Gruppenbauten wie der Matthäuskirche (1905) stilisierten evangelische Projekte die beiden Nutzungsebenen (oben Gottesdienst, unten Gemeindearbeit) gerne zum zeichenhaften Miteinander von Liturgie und Diakonie. Im Riederwald (1928) und in Niederrad (1930) entstanden so gestalterisch, theologisch und funktional moderne Gemeindehäuser. Katholische Ensembles hingegen kaschierten eine evtl. Zweigeschossigkeit lieber zugunsten einer sakralen Gesamtwirkung.

In den beiden großen Konfessionen entstanden multifunktionale, häufig hölzerne „Notkirchen“, wie 1930 für die evangelische Dreifaltigkeitsgemeinde in Bockenheim. Bei der Maria-Hilf-Notkirche (1933) im Gallus arbeitete Martin Weber, damals der beherrschende Architekt des katholischen Frankfurts, mit Schiebewänden. Im Riederwald rückte er für die Heilig-Geist-Kirche (1931) den Altar gemeinschaftsstiftend in die Mitte und den Tabernakel an die Seite. Über Maria Laach stand Weber in Beziehung zu liturgischen Reformbestrebungen, zu Dominikus Böhm oder Rudolf Schwarz. Deren innovativer Wettbewerbsentwurf für die Frauenfriedenskirche (1927) wurde allerdings nicht umgesetzt. Diese konfessionell unterschiedlich profilierten Bautraditionen trafen sich in Niederursel in der evangelischen Gustav-Adolf-Kirche (1928): ein zweigeschossiger, hervorgehobener Kirchenbau mit gemeinschaftsorientierter Sitzordnung, betonten liturgischen Orten und Taufkapelle.

Virtuelle Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rostrot) Kirchenbauten des Historismus und der Moderne in NRW (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

Die „Stunde Null“?

Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ fanden sich im christlichen Lager auch in Frankfurt alle Formen von freudiger Bejahung bis zum glühenden Widerstand. Konfessionsübergreifend wurden bis in die Kriegsjahre im Stadtgebiet weitere Kirchen errichtet und renoviert, neue Projekte ins Auge gefasst, nach den ersten Bombenangriffen von 1943 Provisorien zwischen den Ruinen gepflegt. Das bauliche Netzwerk der jüdischen Gemeinde wurde beschnitten, attackiert und zuletzt in Teilen zerstört. Die nach 1945 ausgerufene „Stunde Null“ knüpfte in vielen Punkten an die Zwischenkriegszeit an. Heute werden wiederum Kirchen in die 1920er Jahre rückgebaut – häufig auf Kosten der Zeitschicht der 1950er Jahre. Wer das friedliche Miteinander sucht, dem sei ein Abstecher nach Praunheim empfohlen. Hier wurde eine Weber’sche Notkirchen nach dem Krieg kundig ergänzt und nochmals maßstäblich zum Gemeindezentrum erweitert – inkl. Kegelbahn im Untergeschoss. Denn dass sich die religiösen und die vergnüglichen Seiten des Lebens nicht ausschließen müssen, das wissen und schätzen die Frankfurter spätestens seit Mays Zeiten.

Literatur und Quellen

Schnell, Hugo, Der Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Dokumentation, Darstellung, Deutung, München/Zürich 1973.

Greef, Klaus (Hg.), Das katholische Frankfurt – einst und jetzt, Frankfurt am Main 1989.

Proescholdt, Joachim/Telschow, Jürgen, Frankfurts evangelische Kirchen im Wandel der Zeit, Frankfurt am Main 2011.

Berkemann, Karin, Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945-76) (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 (zugl. Diss., Neuendettelsau, 2012).

Opatz, Wilhelm E. (Hg.), Einst gelobt und fast vergessen. Moderne Kirchen in Frankfurt am Main. 1948-1973, Sulgen 2012.

Titelmotiv: Frankfurt-Riederwald, Heilig-Geist-Kirche (Bild: Urmelbeauftragter, GFDL oder CC BY SA 3.0).

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Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Ein Blick auf die religiöse Landschaft der Mainmetropole.

"Ungemein sympathisch"

„Ungemein sympathisch“

Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor der Heilig-Kreuz-Kirche.

"Das ist komplizierter"

„Das ist komplizierter“

Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle.

"Eine vornehme Ruhe"

„Eine vornehme Ruhe“

Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus.

"Mitunter garstig"

„Mitunter garstig“

Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche.

"Da Du mich nicht liebst"

„Da Du mich nicht liebst“

Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frauenfriedenskirche.

„Ungemein sympathisch“

von Ina Hartwig (19/2)

Die Heilig-Kreuz-Kirche am Bornheimer Hang ist die städtebaulich prominenteste Kirche des Neuen Frankfurt. Weithin sichtbar prägt sie die Silhouette der Wohnsiedlung, der Architekt Martin Weber sprach nicht umsonst von einer „Hangkrone“. Und auch auf der der Stadt zugewandten Seite zieht das Bauwerk als Endpunkt der Wittelsbacher Allee die Blicke auf sich. Der strengen Achsensymmetrie verweigert es sich jedoch: Die Straße macht kurz vor dem Portal lässig die Biege, um die breite Freitreppe der Kirche links liegen zu lassen. Diese städtebauliche Geste, die Mischung aus Repräsentanz und Understatement steht hier exemplarisch für das Neue Frankfurt und macht das Projekt ungemein sympathisch.

Reform, nicht Revolution

Ziel des Neuen Frankfurt war bekanntlich die tiefgreifende Umgestaltung und Modernisierung der Stadt. Erreichen wollte man es durch Reform, nicht durch Revolution. Hier waren keine Bilderstürmer am Werk wie etwa in der jungen Sowjetunion, wo Kommunehäuser eine radikale Alternative zur traditionellen Familie versprachen und Kirchenbauten kurzerhand zu Getreidesilos umfunktioniert wurden. Der Neue Mensch, vom dem Ernst May und seine Kollegen träumten, sollte nicht radikal rationalistisch (um)erzogen werden. Seine spirituellen Bedürfnisse hatten auch im Neuen Frankfurt ihren Platz und erhielten Räume, die ästhetisch und konzeptionell mit dem Moderneprojekt Schritt halten konnten.

Das zeigt sich auch in Bornheim. Trotz der exponierten Stellung ist Martin Webers Kirche kein abgehobenes Gebilde, sondern fügt sich nahtlos in die umgebene Bebauung ein. Seine weiß verputzte Fassade verbindet ihn mit den Wohnhäusern der Siedlung. Die ziffernlosen Uhren an den Stirnseiten des Kirchturms finden sich ebenso an der Großmarkthalle oder anderen prominenten Bauten des Neuen Frankfurt. Besonders aussagekräftig ist die unmittelbare Nachbarschaft: Wand an Wand mit der Kirche befand sich ursprünglich die Zentralwäscherei der Siedlung! In einer markanten Tordurchfahrt gelegen, beanspruchte auch sie die Aufmerksamkeit des Passanten als wichtiger Gemeinschaftsbau.

Das Fahrrad passt ideal

Dieser nüchtern-demokratische Ansatz galt nicht nur in der Architektur. Wenn es ein Verkehrsmittel gibt, das ideal zum Neuen Frankfurt passt, so ist es das Fahrrad. Natürlich war die Autobegeisterung in den 1920er Jahren groß und Frankfurt durch die Adlerwerke eine Autostadt. Doch wenn sich heute breite Geländewagen durch die Wohnstraßen der historischen Siedlungen drängen, wird schnell klar, dass das Automobil hier allenfalls als Ausnahme vorgesehen war. Und selbst die wenigen breiten Magistralen wie die Wittelsbacher Allee räumen Straßenbahnen und Fußgängern mehr Raum ein als dem Autoverkehr. Als Projekt, das auf die ganze Bevölkerung der Stadt abzielte, setzte das Neue Frankfurt bei aller Fortschrittsbegeisterung auf erschwingliche Fortbewegungsmittel. In den typisierten Gartenlauben am Bornheimer Hang soll es sogar eigene Fahrradgaragen gegeben haben.

DIE Stadt der Weimarer Republik

Es ist nicht nur dieser Punkt, in dem das Neue Frankfurt Anregungen für die Gestaltung der heutigen Stadtlandschaft liefern kann. Das Projekt kann auch exemplarisch für eine partizipative Großstadtkultur stehen, die nach dem Ersten Weltkrieg einen Gegenentwurf zur Gesellschaft aus Kaisers Zeiten bot. Um es zuzuspitzen: Frankfurt war DIE Stadt der Weimarer Republik. Nirgends sonst wurde ein so weitreichender öffentlicher Wohnungsbau konzipiert und umgesetzt, der sich nicht nur an sozial benachteiligte Menschen wandte, sondern im Grundsatz jeder Bürgerin und jedem Bürger der Stadt einen modernen Wohnungsentwurf anbot. Die vielschichtige kreative Szene, die sich in Bildender Kunst, Design, Theater, Musik, Grafik und auf vielen weiteren Kunstfeldern ausdrückte, dürfte es so allenfalls in Berlin gegeben haben. Und trotz aller Abweichung vom Konventionellen war das Neue Frankfurt stets ein demokratisches Konsensprojekt, getragen von einem Bündnis aus Sozialdemokratie und bürgerlich-liberalen Kräften.

Es dürfte kein Zufall sein, dass ein solches Projekt ausgerechnet in Frankfurt Erfolg haben konnte. Weltoffenheit und bürgerliche Partizipation haben eine lange Tradition in der Stadt. Mays Ansatz, Traditionen nicht zu verneinen, sondern neu zu interpretieren, erwies sich als goldrichtig. Polarisiert haben diese Interpretationen natürlich trotzdem, man denke nur an den abstrakten Adler von Hans Leistikow, der der Stadt für einige Jahre ein kühn-sachliches Wappen einbrachte und Teile der Bevölkerung Sturm laufen ließ. Die Tatsache, dass das Neue Frankfurt heute trotz der Diffamierungskampagnen der Nazis selbst als Tradition und bedeutendes Kulturerbe anerkannt wird, verdeutlicht, wie sehr es dem Charakter der Stadt entspricht. Die im Januar eröffnete Ausstellung „Moderne am Main“ im Museum Angewandte Kunst stößt bei den Besucherinnen und Besuchern auf immenses Interesse – und sicher wird dies auch für die Ausstellung „Neuer Mensch, neue Wohnung“ im Deutschen Architekturmuseum gelten.

Einen Ausflug wert

Die Bürgerinnen und Bürger haben offensichtlich großes Interesse an diesem Kapitel der Geschichte ihrer Stadt. Doch Frankfurt hat gerade erst begonnen, sein klassisch-modernes Erbe (neu) zu entdecken. Das Bauhausjubiläum bietet einen idealen Rahmen, um sich differenziert damit auseinanderzusetzen und den Vergleich zur legendären Kunstschule zu wagen. Dass sich Frankfurt dabei nicht verstecken muss, zeigt eine Fahrradtour durch die Niddaauen im Norden der Stadt, wo sich die Siedlungen Westhausen, Praunheim, Römerstadt und Höhenblick finden. Ein empfehlenswerter Ausflug – wenn auch vielleicht nicht auf dem historischen Arcona-Fahrrad, das in Sachen Bremskraft mit modernen Modellen nur schwer Schritt halten kann.

Titelmotiv: Frankfurt, Ina Hartwig auf einem Arcona-Fahrrad vor Heilig Kreuz (Bild: Andreas Beyer)

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Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Ein Blick auf die religiöse Landschaft der Mainmetropole.

"Ungemein sympathisch"

„Ungemein sympathisch“

Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor der Heilig-Kreuz-Kirche.

"Das ist komplizierter"

„Das ist komplizierter“

Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle.

"Eine vornehme Ruhe"

„Eine vornehme Ruhe“

Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus.

"Mitunter garstig"

„Mitunter garstig“

Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche.

"Da Du mich nicht liebst"

„Da Du mich nicht liebst“

Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frauenfriedenskirche.

„Das ist komplizierter“

ein Gespräch mit Wolfgang Voigt (19/2)

Wer die Baukunst liebt, der schiebt – zumindest, wenn es der betagte Opel nicht mehr ganz alleine bis an seinen Bestimmungsort schafft. Doch der Architekturhistoriker Wolfgang Voigt packt kurzerhand mit an und eine kleine Notreparatur später steht das klassische Automobil in Frankfurt vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle. Genau hier soll Voigt gemeinsam mit einem „Opel Super 6“ abgelichtet werden. Denn beide, Auto wie Bauwerk, stammen aus den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen und verraten viel über die Zeit, als sich Frankfurt in großen Schritten in Richtung Moderne aufmachte.

Geplant war alles ganz anders

Voigt zückt das Smartphone und zeigt Bilder zur Vorgeschichte der Trauerhalle: 1921 hatte die jüdische Gemeinde die Planung für einen neuen Friedhof an der Homburger Landstraße aufgenommen, da es auf dem Begräbnisplatz in der Rat-Beil-Straße langsam eng wurde. Nach einem Wettbewerb galt Franz Roeckle, der Architekt der Westend-Synagoge, als Favorit. 1925 entschied man sich stattdessen für eine Planung von Fritz Nathan, an der weiter gefeilt wurde: Heraus kam ein Zentralbau mit Portalhalle, Wandelgängen und parabolischen Bögen.

„Darin kann man den Orient wiederfinden, muss man aber nicht“, erklärt Voigt. Für ihn liegen die Vorbilder nicht im Synagogenbau, sondern allgemein bei Friedhofsbauten wie sie Hans Grässel vor 1914 in München angelegt hatte – nach dem Muster „Zentralbau mit Kuppel, irgendwas zwischen Ravenna und Byzanz“. Und die orientalisch anmutenden Bögen hatten, so Voigt, ebenso wie die den Hof umschließenden Wandelgänge ein direktes Vorbild in Clemens Holzmeisters Krematorium im „Roten Wien“ von 1922.

Mit dem Klinker kam der rechte Winkel

Die Tiefbauarbeiten hatten an der Homburger Landstraße bereits begonnen, als der frischgebackene Stadtbaurat Ernst May dazwischen kam: Frankfurt brauche dieses Grundstück drängend für Wohnungen. Nach langen Verhandlungen verlagerte die Gemeinde ihr Vorhaben an die Eckenheimer Landstraße, direkt neben den Hauptfriedhof. Die geplante Grunddisposition der Trauerhalle nahm Nathan mit. Doch an die Stelle von Putzwänden traten 1928/29 Backsteinmauern – auf speziellen Wunsch der Stadt, so wie bei der brandneuen Großmarkthalle von Martin Elsässer.

Mit dem neuen Baustoff änderte sich auch die Bauform der Jüdischen Trauerhalle: vom Bogen zum rechten Winkel. Die parabolischen Bögen mit Klinkern zu mauern, wäre eine komplizierte Sache geworden. An diesem Bau habe letzten Endes der eckige Backstein, so Voigt, den Schritt zur radikal kubischen Form nahegelegt. Das sei nicht einfach der Schritt eines Baumeisters hin zu einem anderen Stil. Die Vorstellung, ein Architekt beschließt, „von nun an sachliche Moderne“, sei eine vom Ordnungsdenken der Kunstgeschichte begünstigte Schablone. „Architekturgeschichte ist eben komplizierter, als sich das die Bauhausjubiläumsplaner so vorstellen.“

Welcher Stil ist es denn jetzt?

Als die Sonne günstig steht, greift der Fotograf zur Kamera. Doch er zögert. Ist der Opel frontal vor der Trauerhalle nicht ein wenig zu viel des Guten, ein wenig zu monumental? Voigt kennt diesen Eindruck, die Fachliteratur nennt das den „heroischen Stil“. In Zeiten der Wirtschaftskrise habe man, so das Narrativ, klare feste Formen kreiert, die später von den Nationalsozialisten geliebt und genutzt wurden. Doch solche Erklärungsmuster greifen für Voigt zu kurz. In Frankfurt beispielsweise ähnelt der zweifellos moderne und zugleich neoklassische Bau von Fritz Nathan wieder dem ersten Jüdischen Friedhof von 1828 an der Rat-Beil-Straße. Was Nathans Architektur zu einer jüdischen mache, sei nicht der persönliche jüdische Hintergrund des Architekten, sondern der Kontext des Bauwerks: die Nutzung durch die jüdische Gemeinde.

Mit Blick auf das Neue Frankfurt wird Voigt energisch: „Den einen großen Nenner gibt es nicht.“ Natürlich sind da die May-Siedlungen mit ihrem weißen stromlinienförmigen Modernismus. Doch die Trauerhalle gehört für Voigt ebenso zum Neuen Frankfurt wie die Großmarkthalle. „Das ist kein Modernismus, aber Moderne.“ Deshalb sind beide Bauten selbstverständlich Teil der aktuellen Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums „Neuer Mensch, neue Wohnung. Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925-1933“.

Eine Erinnerung

Nach dem Gespräch lässt es sich Majer Szanckower, Chef der jüdischen Friedhofsverwaltung, nicht nehmen, Voigt noch persönlich durch die Anlage zu führen. Zu den Grabsteinen, die ihm Nathans Tochter zeigte, als sie vor einigen Jahren auf Besuch in Frankfurt war. Der Entwurf stammt von Fritz Nathan selbst. Sogar die Gartenpflege folge Nathans Vorbild: Die Hecken sind akkurat kubisch geschnitten. Und wieder zurück vor der Trauerhalle hat Szanckower noch eine Bitte. Ob er ein Erinnerungsfoto haben könne, vor der Trauerhalle mit dem Opel? Dieses Auto, diese klassisch schönen Formen, schwärmt er. Voigt nickt, und meint die Architektur gleich mit. Denn am Ende ist es dann doch egal, ob Neuklassizismus oder Neues Frankfurt. Das hier ist einfach ein gutes Stück Frankfurt, damals wie heute.

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Dr.-Ing. habil. Wolfgang Voigt, * 1950, Studium der Architektur in Hannover, verschiedene wissenschaftliche und redaktionelle Tätigkeiten und Lehraufträge, von 1997 bis 2015 stellvertretender Direktor des DAM, seit 2016 tätig als freier Architekturhistoriker, stellvertretender Sprecher der Föderation deutscher Architektursammlungen und stellvertretender Vorsitzender der ernst-may-gesellschaft.

Literatur und Quellen

Schenk, Andreas, Fritz Nathan – Architekt. Sein Leben und Werk in Deutschland und im amerikanischen Exil, Basel 2015.

Raith, Frank-Bertolt, Der heroische Stil. Studien zur Architektur am Ende der Weimarer Republik, Berlin 1997.

Die Ausstellung „Neuer Mensch, neue Wohnung. Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925-1933“ startet am 23. März 2019 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt und ist dort bis zum 18. August 2019 zu sehen. Begleitend erscheint ein Katalog bei DOM publishers.

Titelmotiv: Frankfurt, Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle (Bild: Andreas Beyer).

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Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

Ein Blick auf die religiöse Landschaft der Mainmetropole.

"Ungemein sympathisch"

„Ungemein sympathisch“

Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor der Heilig-Kreuz-Kirche.

"Das ist komplizierter"

„Das ist komplizierter“

Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle.

"Eine vornehme Ruhe"

„Eine vornehme Ruhe“

Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus.

"Mitunter garstig"

„Mitunter garstig“

Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche.

"Da Du mich nicht liebst"

„Da Du mich nicht liebst“

Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frauenfriedenskirche.