SPEZIAL: Neues Frankfurt

Frankfurt, Heilig-Geist-Kirche (Bild: Urmelbeauftragter, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Die geistliche Seite des Neuen Frankfurt

von Karin Berkemann (19/2)

Mit der Religion hielt es das Neue Frankfurt pragmatisch: Man nutzte den Bestand, mietete und vermietete, verschob die liturgischen Orte bis scharf an die Grenzen des Erlaubten, riss ein und baute um, errichtete Provisorisches und Repräsentatives – und behielt bei all dem die wachsenden Grundstückspreise fest im Blick. Denn schon im 19. Jahrhundert zeigte sich die religiöse Landschaft am Main außergewöhnlich bunt. Die lutherischen Frankfurter waren ihren reformierten, römisch-katholischen und jüdischen Mitbürgern seit der Säkularisation grundsätzlich gleichgestellt. Doch erst mit der aufziehenden Moderne wurde dieser Anspruch langsam auch im Stadtbild ablesbar.

Zwischen Hauskreis und Neubau

Mitte des 19. Jahrhunderts war der Bedarf an liturgischen Räumen im evangelisch geprägten Frankfurt explodiert. Zwar hatte die Stadt 1830/56 Eigentum und Baulast für die Dotationskirchen übernommen, doch mit der Liberalisierung und Industrialisierung wuchsen die bestehenden Gemeinschaften ebenso wie viele der neuen Gruppierungen. Die beiden großen christlichen Konfessionen verdichteten ihren Bestand um historistische Gemeindekirchen, Schwestern-, Mutter- und Krankenhäuser inkl. Kapelle. Auf römisch-katholischer Seite halfen dabei die Orden und das frisch gegründete Bistum Limburg, auf protestantischer Seite engagierten sich privat-bibelgläubige oder landeskirchliche Bauvereine.

Im Rahmen ihre Möglichkeiten bauten auch die zahlenmäßig kleineren, aber oft nicht minder aktiven Gemeinschaften. Die Bandbreite reichte von einigen wenigen repräsentativeren Kirchen bis hin zu zahlreichen Provisorien und wechselnden Hauskreisen. Die jüdische Gemeinde, für Frankfurt ein wirtschaftlich wie kulturell prägender Faktor, konnte sich mit gleich drei Synagogen-Neubauten deutlich sichtbar in verschiedene Färbungen von liberal bis orthodox ausdifferenzieren. Damit verfügte die Stadt um 1900 über ein außerordentlich dichtes Netz teils sichtbarer, teils verborgener religiös genutzter Räume.

Die Kirche öffnet die Siedlung

Als Ernst May 1925 seine Stelle als Stadtbaurat antrat, hatten sich die beiden großen christlichen Konfessionen gerade eine neue Struktur gegeben – als „Evangelische Landeskirche Frankfurt am Main“ und „Gesamtverband der katholischen Pfarrgemeinden im ehem. Stadtbereich der vormals Freien Reichsstadt Frankfurt am Main“. Damit standen zugleich zentrale kirchliche Ansprechpartner für die kommunale Bauverwaltung bereit. Da die Protestanten zumeist als größte Konfession eines Stadtteils auch die bestehende Kirche nutzten, fielen nur wenige veritable Neubauprojekte an. Diese wurden dann umso genauer auf ihre Umgebung bezogen – wie die Friedenskirche (1928) im Hellerhof.

Offensiver positionierte sich der Katholizismus, der nun rund ein Drittel der Bürgerschaft ausmachte. Unter großer öffentlicher Beachtung tagte 1921 der Deutsche Katholikentag in Frankfurt. Im gesamten Stadtgebiet wurden zwischen 1927 und 1937 zwölf römisch-katholische Not- und Gemeindekirchen fertiggestellt. Gerade in den Siedlungen des Neuen Frankfurt nutzte die aufstrebende Konfession die Chance zu modernen Großformen. Für die Kommune waren die Kirchen beider Konfessionen willkommene soziale, karitative und identitätsstiftende Mittelpunkte, allen voran die Heilig-Kreuz-Kirche (1929) am Bornheimer Hang. Dabei nahm die Stadt über Bauplatzvergabe und Genehmigungsverfahren gestalterischen Einfluss – ähnlich wie bei der Neuen Jüdischen Trauerhalle (1929).

Stühlerücken

Die weltanschauliche Konkurrenz war groß im Frankfurt der 1920er und 1930er Jahre. Dem begegneten viele christliche Konfessionen mit einem breiten außerliturgischen Angebot – von sozial bis vergnüglich. In der Tradition früherer Gruppenbauten wie der Matthäuskirche (1905) stilisierten evangelische Projekte die beiden Nutzungsebenen (oben Gottesdienst, unten Gemeindearbeit) gerne zum zeichenhaften Miteinander von Liturgie und Diakonie. Im Riederwald (1928) und in Niederrad (1930) entstanden so gestalterisch, theologisch und funktional moderne Gemeindehäuser. Katholische Ensembles hingegen kaschierten eine evtl. Zweigeschossigkeit lieber zugunsten einer sakralen Gesamtwirkung.

In den beiden großen Konfessionen entstanden multifunktionale, häufig hölzerne „Notkirchen“, wie 1930 für die evangelische Dreifaltigkeitsgemeinde in Bockenheim. Bei der Maria-Hilf-Notkirche (1933) im Gallus arbeitete Martin Weber, damals der beherrschende Architekt des katholischen Frankfurts, mit Schiebewänden. Im Riederwald rückte er für die Heilig-Geist-Kirche (1931) den Altar gemeinschaftsstiftend in die Mitte und den Tabernakel an die Seite. Über Maria Laach stand Weber in Beziehung zu liturgischen Reformbestrebungen, zu Dominikus Böhm oder Rudolf Schwarz. Deren innovativer Wettbewerbsentwurf für die Frauenfriedenskirche (1927) wurde allerdings nicht umgesetzt. Diese konfessionell unterschiedlich profilierten Bautraditionen trafen sich in Niederursel in der evangelischen Gustav-Adolf-Kirche (1928): ein zweigeschossiger, hervorgehobener Kirchenbau mit gemeinschaftsorientierter Sitzordnung, betonten liturgischen Orten und Taufkapelle.

Virtuelle Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rostrot) Kirchenbauten des Historismus und der Moderne in NRW (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

Die „Stunde Null“?

Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ fanden sich im christlichen Lager auch in Frankfurt alle Formen von freudiger Bejahung bis zum glühenden Widerstand. Konfessionsübergreifend wurden bis in die Kriegsjahre im Stadtgebiet weitere Kirchen errichtet und renoviert, neue Projekte ins Auge gefasst, nach den ersten Bombenangriffen von 1943 Provisorien zwischen den Ruinen gepflegt. Das bauliche Netzwerk der jüdischen Gemeinde wurde beschnitten, attackiert und zuletzt in Teilen zerstört. Die nach 1945 ausgerufene „Stunde Null“ knüpfte in vielen Punkten an die Zwischenkriegszeit an. Heute werden wiederum Kirchen in die 1920er Jahre rückgebaut – häufig auf Kosten der Zeitschicht der 1950er Jahre. Wer das friedliche Miteinander sucht, dem sei ein Abstecher nach Praunheim empfohlen. Hier wurde eine Weber’sche Notkirchen nach dem Krieg kundig ergänzt und nochmals maßstäblich zum Gemeindezentrum erweitert – inkl. Kegelbahn im Untergeschoss. Denn dass sich die religiösen und die vergnüglichen Seiten des Lebens nicht ausschließen müssen, das wissen und schätzen die Frankfurter spätestens seit Mays Zeiten.

Literatur und Quellen

Schnell, Hugo, Der Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Dokumentation, Darstellung, Deutung, München/Zürich 1973.

Greef, Klaus (Hg.), Das katholische Frankfurt – einst und jetzt, Frankfurt am Main 1989.

Proescholdt, Joachim/Telschow, Jürgen, Frankfurts evangelische Kirchen im Wandel der Zeit, Frankfurt am Main 2011.

Berkemann, Karin, Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945-76) (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 (zugl. Diss., Neuendettelsau, 2012).

Opatz, Wilhelm E. (Hg.), Einst gelobt und fast vergessen. Moderne Kirchen in Frankfurt am Main. 1948-1973, Sulgen 2012.

Titelmotiv: Frankfurt-Riederwald, Heilig-Geist-Kirche (Bild: Urmelbeauftragter, GFDL oder CC BY SA 3.0).

Frankfurt-Bornheim, Ina Hartwig mit einem Arcona-Fahrrad vor Heilig Kreuz (Bild: Andreas Beyer)

„Ungemein sympathisch“

von Ina Hartwig (19/2)

Die Heilig-Kreuz-Kirche am Bornheimer Hang ist die städtebaulich prominenteste Kirche des Neuen Frankfurt. Weithin sichtbar prägt sie die Silhouette der Wohnsiedlung, der Architekt Martin Weber sprach nicht umsonst von einer „Hangkrone“. Und auch auf der der Stadt zugewandten Seite zieht das Bauwerk als Endpunkt der Wittelsbacher Allee die Blicke auf sich. Der strengen Achsensymmetrie verweigert es sich jedoch: Die Straße macht kurz vor dem Portal lässig die Biege, um die breite Freitreppe der Kirche links liegen zu lassen. Diese städtebauliche Geste, die Mischung aus Repräsentanz und Understatement steht hier exemplarisch für das Neue Frankfurt und macht das Projekt ungemein sympathisch.

Reform, nicht Revolution

Ziel des Neuen Frankfurt war bekanntlich die tiefgreifende Umgestaltung und Modernisierung der Stadt. Erreichen wollte man es durch Reform, nicht durch Revolution. Hier waren keine Bilderstürmer am Werk wie etwa in der jungen Sowjetunion, wo Kommunehäuser eine radikale Alternative zur traditionellen Familie versprachen und Kirchenbauten kurzerhand zu Getreidesilos umfunktioniert wurden. Der Neue Mensch, vom dem Ernst May und seine Kollegen träumten, sollte nicht radikal rationalistisch (um)erzogen werden. Seine spirituellen Bedürfnisse hatten auch im Neuen Frankfurt ihren Platz und erhielten Räume, die ästhetisch und konzeptionell mit dem Moderneprojekt Schritt halten konnten.

Das zeigt sich auch in Bornheim. Trotz der exponierten Stellung ist Martin Webers Kirche kein abgehobenes Gebilde, sondern fügt sich nahtlos in die umgebene Bebauung ein. Seine weiß verputzte Fassade verbindet ihn mit den Wohnhäusern der Siedlung. Die ziffernlosen Uhren an den Stirnseiten des Kirchturms finden sich ebenso an der Großmarkthalle oder anderen prominenten Bauten des Neuen Frankfurt. Besonders aussagekräftig ist die unmittelbare Nachbarschaft: Wand an Wand mit der Kirche befand sich ursprünglich die Zentralwäscherei der Siedlung! In einer markanten Tordurchfahrt gelegen, beanspruchte auch sie die Aufmerksamkeit des Passanten als wichtiger Gemeinschaftsbau.

Das Fahrrad passt ideal

Dieser nüchtern-demokratische Ansatz galt nicht nur in der Architektur. Wenn es ein Verkehrsmittel gibt, das ideal zum Neuen Frankfurt passt, so ist es das Fahrrad. Natürlich war die Autobegeisterung in den 1920er Jahren groß und Frankfurt durch die Adlerwerke eine Autostadt. Doch wenn sich heute breite Geländewagen durch die Wohnstraßen der historischen Siedlungen drängen, wird schnell klar, dass das Automobil hier allenfalls als Ausnahme vorgesehen war. Und selbst die wenigen breiten Magistralen wie die Wittelsbacher Allee räumen Straßenbahnen und Fußgängern mehr Raum ein als dem Autoverkehr. Als Projekt, das auf die ganze Bevölkerung der Stadt abzielte, setzte das Neue Frankfurt bei aller Fortschrittsbegeisterung auf erschwingliche Fortbewegungsmittel. In den typisierten Gartenlauben am Bornheimer Hang soll es sogar eigene Fahrradgaragen gegeben haben.

DIE Stadt der Weimarer Republik

Es ist nicht nur dieser Punkt, in dem das Neue Frankfurt Anregungen für die Gestaltung der heutigen Stadtlandschaft liefern kann. Das Projekt kann auch exemplarisch für eine partizipative Großstadtkultur stehen, die nach dem Ersten Weltkrieg einen Gegenentwurf zur Gesellschaft aus Kaisers Zeiten bot. Um es zuzuspitzen: Frankfurt war DIE Stadt der Weimarer Republik. Nirgends sonst wurde ein so weitreichender öffentlicher Wohnungsbau konzipiert und umgesetzt, der sich nicht nur an sozial benachteiligte Menschen wandte, sondern im Grundsatz jeder Bürgerin und jedem Bürger der Stadt einen modernen Wohnungsentwurf anbot. Die vielschichtige kreative Szene, die sich in Bildender Kunst, Design, Theater, Musik, Grafik und auf vielen weiteren Kunstfeldern ausdrückte, dürfte es so allenfalls in Berlin gegeben haben. Und trotz aller Abweichung vom Konventionellen war das Neue Frankfurt stets ein demokratisches Konsensprojekt, getragen von einem Bündnis aus Sozialdemokratie und bürgerlich-liberalen Kräften.

Es dürfte kein Zufall sein, dass ein solches Projekt ausgerechnet in Frankfurt Erfolg haben konnte. Weltoffenheit und bürgerliche Partizipation haben eine lange Tradition in der Stadt. Mays Ansatz, Traditionen nicht zu verneinen, sondern neu zu interpretieren, erwies sich als goldrichtig. Polarisiert haben diese Interpretationen natürlich trotzdem, man denke nur an den abstrakten Adler von Hans Leistikow, der der Stadt für einige Jahre ein kühn-sachliches Wappen einbrachte und Teile der Bevölkerung Sturm laufen ließ. Die Tatsache, dass das Neue Frankfurt heute trotz der Diffamierungskampagnen der Nazis selbst als Tradition und bedeutendes Kulturerbe anerkannt wird, verdeutlicht, wie sehr es dem Charakter der Stadt entspricht. Die im Januar eröffnete Ausstellung „Moderne am Main“ im Museum Angewandte Kunst stößt bei den Besucherinnen und Besuchern auf immenses Interesse – und sicher wird dies auch für die Ausstellung „Neuer Mensch, neue Wohnung“ im Deutschen Architekturmuseum gelten.

Einen Ausflug wert

Die Bürgerinnen und Bürger haben offensichtlich großes Interesse an diesem Kapitel der Geschichte ihrer Stadt. Doch Frankfurt hat gerade erst begonnen, sein klassisch-modernes Erbe (neu) zu entdecken. Das Bauhausjubiläum bietet einen idealen Rahmen, um sich differenziert damit auseinanderzusetzen und den Vergleich zur legendären Kunstschule zu wagen. Dass sich Frankfurt dabei nicht verstecken muss, zeigt eine Fahrradtour durch die Niddaauen im Norden der Stadt, wo sich die Siedlungen Westhausen, Praunheim, Römerstadt und Höhenblick finden. Ein empfehlenswerter Ausflug – wenn auch vielleicht nicht auf dem historischen Arcona-Fahrrad, das in Sachen Bremskraft mit modernen Modellen nur schwer Schritt halten kann.

Titelmotiv: Frankfurt, Ina Hartwig auf einem Arcona-Fahrrad vor Heilig Kreuz (Bild: Andreas Beyer)

Frankfurt, Neue Jüdische Trauerhalle (Bild: Andreas Beyer)

„Das ist komplizierter“

ein Gespräch mit Wolfgang Voigt (19/2)

Wer die Baukunst liebt, der schiebt – zumindest, wenn es der betagte Opel nicht mehr ganz alleine bis an seinen Bestimmungsort schafft. Doch der Architekturhistoriker Wolfgang Voigt packt kurzerhand mit an und eine kleine Notreparatur später steht das klassische Automobil in Frankfurt vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle. Genau hier soll Voigt gemeinsam mit einem „Opel Super 6“ abgelichtet werden. Denn beide, Auto wie Bauwerk, stammen aus den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen und verraten viel über die Zeit, als sich Frankfurt in großen Schritten in Richtung Moderne aufmachte.

Geplant war alles ganz anders

Voigt zückt das Smartphone und zeigt Bilder zur Vorgeschichte der Trauerhalle: 1921 hatte die jüdische Gemeinde die Planung für einen neuen Friedhof an der Homburger Landstraße aufgenommen, da es auf dem Begräbnisplatz in der Rat-Beil-Straße langsam eng wurde. Nach einem Wettbewerb galt Franz Roeckle, der Architekt der Westend-Synagoge, als Favorit. 1925 entschied man sich stattdessen für eine Planung von Fritz Nathan, an der weiter gefeilt wurde: Heraus kam ein Zentralbau mit Portalhalle, Wandelgängen und parabolischen Bögen.

„Darin kann man den Orient wiederfinden, muss man aber nicht“, erklärt Voigt. Für ihn liegen die Vorbilder nicht im Synagogenbau, sondern allgemein bei Friedhofsbauten wie sie Hans Grässel vor 1914 in München angelegt hatte – nach dem Muster „Zentralbau mit Kuppel, irgendwas zwischen Ravenna und Byzanz“. Und die orientalisch anmutenden Bögen hatten, so Voigt, ebenso wie die den Hof umschließenden Wandelgänge ein direktes Vorbild in Clemens Holzmeisters Krematorium im „Roten Wien“ von 1922.

Mit dem Klinker kam der rechte Winkel

Die Tiefbauarbeiten hatten an der Homburger Landstraße bereits begonnen, als der frischgebackene Stadtbaurat Ernst May dazwischen kam: Frankfurt brauche dieses Grundstück drängend für Wohnungen. Nach langen Verhandlungen verlagerte die Gemeinde ihr Vorhaben an die Eckenheimer Landstraße, direkt neben den Hauptfriedhof. Die geplante Grunddisposition der Trauerhalle nahm Nathan mit. Doch an die Stelle von Putzwänden traten 1928/29 Backsteinmauern – auf speziellen Wunsch der Stadt, so wie bei der brandneuen Großmarkthalle von Martin Elsässer.

Mit dem neuen Baustoff änderte sich auch die Bauform der Jüdischen Trauerhalle: vom Bogen zum rechten Winkel. Die parabolischen Bögen mit Klinkern zu mauern, wäre eine komplizierte Sache geworden. An diesem Bau habe letzten Endes der eckige Backstein, so Voigt, den Schritt zur radikal kubischen Form nahegelegt. Das sei nicht einfach der Schritt eines Baumeisters hin zu einem anderen Stil. Die Vorstellung, ein Architekt beschließt, „von nun an sachliche Moderne“, sei eine vom Ordnungsdenken der Kunstgeschichte begünstigte Schablone. „Architekturgeschichte ist eben komplizierter, als sich das die Bauhausjubiläumsplaner so vorstellen.“

Welcher Stil ist es denn jetzt?

Als die Sonne günstig steht, greift der Fotograf zur Kamera. Doch er zögert. Ist der Opel frontal vor der Trauerhalle nicht ein wenig zu viel des Guten, ein wenig zu monumental? Voigt kennt diesen Eindruck, die Fachliteratur nennt das den „heroischen Stil“. In Zeiten der Wirtschaftskrise habe man, so das Narrativ, klare feste Formen kreiert, die später von den Nationalsozialisten geliebt und genutzt wurden. Doch solche Erklärungsmuster greifen für Voigt zu kurz. In Frankfurt beispielsweise ähnelt der zweifellos moderne und zugleich neoklassische Bau von Fritz Nathan wieder dem ersten Jüdischen Friedhof von 1828 an der Rat-Beil-Straße. Was Nathans Architektur zu einer jüdischen mache, sei nicht der persönliche jüdische Hintergrund des Architekten, sondern der Kontext des Bauwerks: die Nutzung durch die jüdische Gemeinde.

Mit Blick auf das Neue Frankfurt wird Voigt energisch: „Den einen großen Nenner gibt es nicht.“ Natürlich sind da die May-Siedlungen mit ihrem weißen stromlinienförmigen Modernismus. Doch die Trauerhalle gehört für Voigt ebenso zum Neuen Frankfurt wie die Großmarkthalle. „Das ist kein Modernismus, aber Moderne.“ Deshalb sind beide Bauten selbstverständlich Teil der aktuellen Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums „Neuer Mensch, neue Wohnung. Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925-1933“.

Eine Erinnerung

Nach dem Gespräch lässt es sich Majer Szanckower, Chef der jüdischen Friedhofsverwaltung, nicht nehmen, Voigt noch persönlich durch die Anlage zu führen. Zu den Grabsteinen, die ihm Nathans Tochter zeigte, als sie vor einigen Jahren auf Besuch in Frankfurt war. Der Entwurf stammt von Fritz Nathan selbst. Sogar die Gartenpflege folge Nathans Vorbild: Die Hecken sind akkurat kubisch geschnitten. Und wieder zurück vor der Trauerhalle hat Szanckower noch eine Bitte. Ob er ein Erinnerungsfoto haben könne, vor der Trauerhalle mit dem Opel? Dieses Auto, diese klassisch schönen Formen, schwärmt er. Voigt nickt, und meint die Architektur gleich mit. Denn am Ende ist es dann doch egal, ob Neuklassizismus oder Neues Frankfurt. Das hier ist einfach ein gutes Stück Frankfurt, damals wie heute.

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Dr.-Ing. habil. Wolfgang Voigt, * 1950, Studium der Architektur in Hannover, verschiedene wissenschaftliche und redaktionelle Tätigkeiten und Lehraufträge, von 1997 bis 2015 stellvertretender Direktor des DAM, seit 2016 tätig als freier Architekturhistoriker, stellvertretender Sprecher der Föderation deutscher Architektursammlungen und stellvertretender Vorsitzender der ernst-may-gesellschaft.

Literatur und Quellen

Schenk, Andreas, Fritz Nathan – Architekt. Sein Leben und Werk in Deutschland und im amerikanischen Exil, Basel 2015.

Raith, Frank-Bertolt, Der heroische Stil. Studien zur Architektur am Ende der Weimarer Republik, Berlin 1997.

Die Ausstellung „Neuer Mensch, neue Wohnung. Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925-1933“ startet am 23. März 2019 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt und ist dort bis zum 18. August 2019 zu sehen. Begleitend erscheint ein Katalog bei DOM publishers.

Titelmotiv: Frankfurt, Wolfgang Voigt mit einem „Opel Super 6“ vor der Neuen Jüdischen Trauerhalle (Bild: Andreas Beyer).

Frankfurt-Niederrad, Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus (Bild: Andreas Beyer)

„Eine vornehme Ruhe“

von Philipp Sturm (19/2)

Die Siedlung Bruchfeldstraße – besser bekannt als „Zickzackhausen“ – wurde 1926/27 auf freigebliebenen Flächen des Stadtteils Niederrad errichtet und war so eine der ersten Wohnanlagen des Neuen Frankfurt. Parallel zum Siedlungsbau ging der Neubau von Kirchen einher. 1924 hatte sich die Evangelische Landeskirche Frankfurt am Main gegründet, deren Mitglied auch die Niederräder Gemeinde war. Aufgrund der Inflation fehlten dieser zunächst die finanziellen Mittel für eine eigene Kirche. Erst 1927 konnte der Antrag für den Neubau bei der Stadtsynode gestellt sowie ein Grundstück südlich der Siedlung Bruchfeldstraße an der Gerauer Straße gekauft werden. Die direkte Umgebung bestand damals noch weitgehend aus Ackerland, aber eine städtische Planung für weitere Wohnbebauung lag bereits vor. So sah man Bedarf für eine neue Kirche, die von den Mitgliedern der evangelischen Gemeinde fußläufig zu erreichen war.

Ein Gemeindehaus für Zickzackhausen

Am 29. September 1929 wurde der Grundstein für das Paul-Gerhardt-Gemeindehaus gelegt. Als Architekten wählte man Gottlob Schaupp, einen freien Mitarbeiter aus dem Team von Ernst May. Schaupp, 1891 in Reutlingen geboren, schloss sein Studium an der Höheren Bauschule in Stuttgart ab und ließ sich 1925 als freier Architekt in Frankfurt nieder. Er entwarf Reihenhäuser für die Römerstadt und war an der Wohnhausgruppe Hügelstraße sowie an dem Pavillon im Huthpark beteiligt. In der Siedlung Riederwald errichtete er 1928 die evangelische Riederwaldkirche, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Sein Niederräder Gemeindehaus, das bereits am 2. November 1930 eingeweiht werden konnte, ist eine multifunktionale Kirche im Stil des Neuen Frankfurt. Das weiß verputzte Gebäude, errichtet als Skelettkonstruktion aus Stahlbeton, wird an der Ostseite zur Gerauer Straße geprägt durch einen von acht Pfeilern getragenen Portikus in klassizistischer Form. Über eine doppelläufige Freitreppe betritt man die Vorhalle. Hier führen zwei Türen, über denen ein großes Metallkreuz schwebt und der Schriftzug „Dein Reich komme“ angebracht ist, in den großen Gemeindesaal im ersten Obergeschoss. Die langen Nord- und Südfassaden sind durch imposante Fensterfronten charakterisiert, im Bereich des Erdgeschosses bestehen sie aus langen Fensterreihen und darüber befindet sich jeweils ein Raster aus sechs mal sechs quadratischen Öffnungen. An der südwestlichen Ecke wird die Kirche durch einen vorgesetzten Glockenturm überragt, dessen Schallöffnungen die gleichen Proportionen besitzen wie das Fensterraster des Hauptgebäudes.

Eine Kirche der kurzen Wege

Clou des Bauwerks ist der multifunktionale Gemeindesaal. In westlicher Richtung war dieser für Gottesdienste, in östlicher für sonstige Veranstaltungen eingerichtet. „Gerade durch die Einfachheit und Schlichtheit im Inneren wie im Äußeren“, so Gottlob Schaupp, „wird auch der fertige Bau eine vornehme Ruhe ausstrahlen. Beim Gottesdienst betritt der Besucher das Haus über eine hohe säulengeschmückte Vorhalle und hat beim Eintritt in den Saal den Altarraum und die Kanzel vor sich. Bei Gemeindefeiern und anderen Veranstaltungen betritt man das Haus unter der Freitreppe im Sockelgeschoss und kommt in den Saal mit Blick auf die Bühne.“ Die Altarwand war hellblau gestrichen, die der Bühne in Altrosa und die Seitenwände sowie die Brüstungen der seitlichen Emporen in Hellgrau. Durch diese Farbwahl zielte Schaupp darauf ab, „dass der Besucher gefühlsmäßig der Meinung sein wird, in zwei verschiedenen Räumen gewesen zu sein.“ Im Saal mit seinen Emporen sind bis zu 1.000 Personen unterzubringen.

Häufig wird auf die Ähnlichkeit zwischen dem evangelischen Gemeindehaus in Niederrad und der katholischen Heiligkreuzkirche (1928/29) am Bornheimer Hang von Martin Weber hingewiesen. Beide weiß verputzen Bauten des Neuen Frankfurt besitzen in ihrer schlanken hohen Form ein gotisches Element und sind durch Stützen in Form eines modernen Portikus sowie durch große Freitreppen geprägt.

Zurück in die 1920er Jahre

Nach dem Krieg nahm Schaupp 1947 an dem deutschlandweit bedeutenden Wettbewerb zum Wiederaufbau der Paulskirche teil und erhielt für seinen Entwurf den ersten Preis. Die Jury war jedoch mit allen eingereichten Beiträgen nur wenig zufrieden, sodass die Stadt Frankfurt für den Wiederaufbau eine eigene Planungsgemeinschaft zusammenstellte, die einen neuen Entwurf erarbeiten sollte. Mit dem Kölner Kirchenbauer Rudolf Schwarz, dem Frankfurter Architekten Johannes Krahn und dem Planungsdezernenten Eugen Blanck war Schaupp nun einer von vieren und spielte bei dem neuen und dann umgesetzten Entwurf nur noch eine nachrangige Rolle.

Die Bombenschäden aus dem Zweiten Weltkrieg wurden in den ersten Nachkriegsjahren beseitigt, sodass 1953 die Wiedereinweihung des Kirchenbaus gefeiert werden konnte. Wenig später errichtete man auf dem Gemeindegelände ein von Hans Bartolmes entworfenes neues Pfarrhaus und einen Kindergarten. Zwischen 2012 und 2014 wurde Schaupps Gemeindehaus vom Frankfurter Büro HGP Architekten saniert. Der Kirchsaal und die Gemeinderäume sind nun wieder frisch geweißt, Tür- und Fensterrahmen dagegen im ursprünglichen Grau gehalten. Dazwischen findet sich an den Treppengeländern und auf manchen Fußböden ein tiefes Rot, das ebenfalls der Farbgebung von 1929/30 entspricht. Auch erneuerten die Architekten bei der Sanierung die quadratischen Saalfenster und setzten – anstelle der farbigen Gestaltung der 1950er Jahre – wieder Klarglas ein.

Titelmotiv: Frankfurt-Niederrad, Philipp Sturm mit historischem Spazierstock vor dem Paul-Gerhardt-Gemeindehaus (Bild: Andreas Beyer)

Titelmotiv: Frankfurt-Niederursel, Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche (Foto: Andreas Beyer)

„Mitunter garstig“

von Daniel Bartetzko (19/2)

Wer in den 1930er Jahren vom Taunus aus zu Fuß Richtung Frankfurt unterwegs war, sollte nebst stabilem Schuhwerk auch wetterfeste Kleidung tragen – und am besten ein Köfferchen für empfindliche Dinge dabei haben. In Niederursel, dem 1910 eingemeindeten nordwestlichsten Stadtteil Frankfurts, kann das Wetter mitunter garstig werden: Die kühlen Winde des Mittelgebirges treffen hier unmittelbar auf den warmen Dunst der Rhein-Main-Ebene. Scheint in der City die Sonne, kann’s hier zünftig gewittern. Oder schneien. Oder stürmen – je nach Jahreszeit. Seit 1928 hält aber ein Ort allen Wettern stand: Wie eine Krone überragt die Gustav-Adolf-Kirche den historischen Dorfkern Niederursels – ein kantiger Betonbau, umgeben von einem kleinteiligen Fachwerk-Ensemble. Die Synthese von Alt und Neu ist so oft grandios gescheitert, doch ausgerechnet ein Bau des sonst so nüchtern-zurückhaltenden Neuen Frankfurt schafft an dieser Stelle den Spagat.

Betonfachwerk

Stadtbaudirektor Martin Elsaesser (in Gemeinschaft mit Gerhard Planck) entwarf das achteckige Gebäude, dessen Hanggrundstück von einer historischen Sockelmauer des Vorgängerbaus wie eine Terrasse herausgehoben wird. Durch die eng bebaute Dorfsituation ist die Gustav-Adolf-Kirche nie im Ganzen zu sehen. Und ist dennoch aus allen Blickwinkeln erkennbar: Der mit einem kupferbeschlagenen Zeltdach gedeckte Kirchraum aus Mauerwerk und Eisenbeton zeigt sich verputzt, vorwiegend ungegliedert und wird von Turm und Treppenhaus eingefasst.

Erst im oberen Bereich ist das Achteck des Zentralraums zweifelsfrei abzulesen. Hier bildet ein umlaufendes Fensterband – mit seinen Betonsprossen als Fachwerkzitat deutbar – über dem Altar fünf, ansonsten drei Zeilen aus. Auch das Treppenhaus und der rund 30 Meter hohe Turm weisen diese bandförmigen Öffnungen auf. Das abfallende Grundstück nutzend, führt ein Zugang von der Straße ebenerdig zur Sakristei sowie zu Konfirmanden- und Gemeindesaal, die sich unter dem Gottesdienstraum befinden. Zu diesem gelangt man über eine Treppe.

Demontiert und eingelagert

Den Krieg hat die Kirche nahezu unbeschadet überstanden – renoviert wurde sie in den 1950er Jahren, in den späten 1970ern und zuletzt bis 2017. Seine Anmutung hat dieser letzte von Martin Elsaesser entworfene Sakralbau nie eingebüßt, einige spätere Zutaten hat man zuletzt trotzdem wieder entfernt: Die Kelsterbacher Künstlerin Marianne Scherer-Neufahrth schuf in den 1950er Jahren abstrakt-farbige Bleigläser für das Fensterband und Arnold Rakete, Architekt der Bauabteilung, entwarf ein Altarkreuz. Beides wurde demontiert und eingelagert – schade eigentlich. Dafür hat die grüne, emaillierte Beschreibungstafel an der Sockelmauer überlebt. Mit ihnen wies die Stadt Frankfurt Ende der 1970er auf ihre Denkmäler hin, und allzu viele dieser Tafeln sind nach rund 40 Jahren nicht übrig geblieben.

Eine richtige Kathedrale?

Der Gustav-Adolf-Kirche kommt im Werk von Martin Elsaesser eine Sonderstellung zu: Sie ist nicht nur seine letzte Kirche, sondern auch die einzige Predigtstätte, die er als reinen Zentralraum verwirklichte. Okay, für eine richtige Kathedrale zeichnet der Architekt, zu Zeiten des Neuen Frankfurt vor allem für die repräsentativen Bauten zuständig, auch noch verantwortlich: Im selben Jahr wie die Gustav-Adolf-Kirche wurde die Frankfurter Großmarkthalle eingeweiht. Auch sie hält noch heute Wind und Wetter stand – und hat sogar den Eingangs-Prügel, den der EZB-Neubau durch sie treibt, verkraftet …

Titelmotiv: Frankfurt-Niederursel, Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche (Bild: Andreas Beyer)

Titelmotiv: Frankfurt-Niederursel, Daniel Bartetzko mit historischem Mantel und Koffer vor der Gustav-Adolf-Kirche (Foto: Andreas Beyer)

Frankfurt, Frauenfriedenskirche (Bild: Andreas Beyer)

„Da Du mich nicht liebst“

von Karin Berkemann (19/2)

Glaubt man den illustrierten Magazinen jener Jahre, dann liebte es die „Neue Frau“ rasant: Accessoires wie die sportive Kurzhaarfrisur und das windschnittige Motorrad standen um 1930 für urbane Bewegungsfreiheit. Eine Aufbruchsstimmung, die in Frankfurt selbst die Kirchen erfasst hatte. Bereits 1916 sammelte die katholische Frauenrechtlerin Hedwig Dransfeld für eine Kirche – als „Votivmal der Friedensgesinnung“, als Erinnerung an die gefallenen Väter, Ehemänner und Brüder. Einen Weltkrieg und eine Weltwirtschaftskrise später konnte der Traum 1929 mit der Frankfurter Frauenfriedenskirche verwirklicht werden. Deren Portalfigur, die Friedenskönigin des Bildhauers Emil Sutor, ziert auch eine Postkarte von rasanter Handschrift: Eine gewisse „I.“, nennen wir sie Ingeborg, beklagt sich hier am 28. August 1931 bei einem gewissen Guido (Nachname der Redaktion bekannt): „Da du mich nicht liebst, schicke ich Dir wenigstens eine andere Madonna.“

Objekt der Sehnsucht

Das Objekt von Ingeborgs Sehnsucht – ein „troier Pfroind“ (man hört „Die Drei von der Tankstelle“ leise mitsingen), eben jener Guido – lebt im Umfeld der damaligen Friedensbewegung: Er wohnt im Frankfurter Westend beim Deutschen Pazifistischen Studentenbund. Vielleicht ist man sich im Kampf um die gemeinsame freiheitliche Sache nähergekommen. Immerhin greift Ingeborg zu einem Postkartenmotiv der ersten (und einzigen) allein von Frauen finanzierten Kirche. Um das prominente Projekt wetteiferten damals viele renommierte Architekten. Der erste Preis ging an Dominikus Böhm und Rudolf Schwarz, der Auftrag an Hans Herkommer. Heraus kam ein Bau, dessen reiche Ausstattung eher auf das Art Déco verweist, dessen klare Formensprache aber mehr der Liturgischen Bewegung und dem Neuen Bauen verpflichtet ist. Nicht umsonst erinnert etwa das Bogenportal stark an einen anderen Vorzeigebau des Neuen Frankfurt, an Martin Webers Heiligkreuzkirche am Bornheimer Hang.

Kaum zehn ruhige Jahre

Heute erhebt sich die Frauenfriedenskirche weithin sichtbar an dem Platz, an dem sich die Hedwig-Dransfeld-Straße, die Franz-Rücker- und die grüne Zeppelinallee treffen. Dabei waren dem modernen Friedensmal nach seiner Weihe kaum zehn ruhige Jahre vergönnt. 1938 beschlagnahmten die Nationalsozialisten das Geld der verantwortlichen katholischen Vereinigung, später fielen Bomben auf das Kirchenschiff. Am Ende stand dann doch die Hoffnung: Die kriegszerstörte Frauenfriedenskirche wurde in den 1950er Jahren wieder aufgebaut und seit 2018 soll eine Sanierung den Zustand der Bauzeit wiederherstellen. Auch unsere Postkartenschreiberin schließt 1931 mit: „Warum schreibst du mir keinen Brief? 2-3 Küssjen“. Ob ihr Wunsch erhört wurde, wissen wir nicht – nur, dass der spätere Offenbacher Jurist Guido die Postkarte aufbewahrt haben muss. Aber, für den Fall einer unerfüllt gebliebenen Liebe, möchte man Ingeborg zurufen: Wer weint schon um einen Mann, der einen stolzen Liebesgruß mit dem Kürzel für „erledigt“ und dem Datumsstempel quittiert.

Links und Literatur

Dransfeld, Hedwig, Die Gesinnung des Friedens, in: Die Christliche Frau 1917, S. 241 ff.

Gozalbez Cantó, Patricia, Fotografische Inszenierungen von Weiblichkeit. Massenmediale und künstlerische Frauenbilder der 1920er und 1930er Jahre in Deutschland und Spanien, Bielefeld, 2012.

Juraschek-Eckstein, Markus, Frankfurt am Main, Frauenfrieden, auf: strasse-der-moderne.de.

Titelmotiv: Karin Berkemann mit einer „DKW RT 125“ vor der Frankfurter Frauenfriedenskirche (Bild: Andreas Beyer).