Regensburg, Neupfarrhof (Bild: historische Postkarte)

Keine Hortenkacheln in Regensburg

von Fabian Schmerbeck

Das historische Regensburg hat eine ebenso bemerkenwserte wie bedrohte nachkriegsmoderne Seite: Da ist beispielsweise der von Werner Wirsing entworfene Wohnturm am Hauptbahnhof, der inzwischen endgültig zum Abriss freigegeben wurde. Oder das Kaufhaus Horten inmitten der Altstadt, in dem sich heute eine Filiale der Galeria Kaufhof befindet. Doch auch dieser Bau steht aktuell auf der Abschussliste. Denn künftig wird es in Deutschland nur noch einen großen Warenhauskonzern geben. Dieser befindet sich mit der Signa Holding GmbH in den Händen eines Immobilienkonzerns, der den Wert der meist ideal liegenden Grundstücke ihrer Warenhausbauten auszunutzen weiß.

Ein Quader wird verworfen

Die Firma Horten begann in Regensburg 1960 mit den Planungen für das neue Kaufhaus am Neupfarrplatz. Zu diesem Zeitpunkt betrieb der Düsseldorfer Konzern hier schon ein Merkur-Warenhaus auf einem Teil des Grundstücks des späteren Horten-Gebäudes. Die Merkur-Kette war 1938 mit der nationalsozialistischen Enteignung der jüdischen Familie Schocken entstanden. Deren Liegenschaften gingen, nach Rückübertragung an Salman Schocken, 1954 an den Kaufhausgiganten Helmut Horten. In Regensburg sollte der neue, parzellen- und blockübergreifende Komplex 1973 das alte Gassen- und Platzgefüge okkupieren – als erster Horten-Neubau, der auf die großflächige Verwendung der sogenannten Horten-Kacheln verzichtete. Lediglich die der Drei-Helm-Gasse zugewandte Fassade zeigt die stilisierten H-Elemente. Am Neupfarrplatz hingegen, der im Osten vollständig durch das Horten-Gebäude eingenommen wird, gibt es abseits des Firmenlogos keinen architektonischen Hinweis auf die Marke Horten.

Im Verlauf der 13-jährigen Planungsphase wollten zunächst die für Horten-Kacheln wie Horten-Bauten verantwortlichen Architekten – das Düsseldorfer Büro „Rhode Kellermann Wawrowsky“ – auch in Regensburg den üblichen fensterlosen Quader landen. Natürlich überzogen mit den selbst entworfenen Fassadensteinchen. Egal aus welcher der Gassen man dem Neubau entgegengeschritten wäre – überall sollte erkennbar sein: „Ein Horten tut sich auf!“ Doch in Regensburg hat die Verwendung der signifikante Firmenkachel ihren Schlusspunkt gefunden, denn der Entwurf des Architektenbüros wurde schlicht nicht akzeptiert. Und das war womöglich das Moment, das den heutigen Kauhof-Bau zu einem wertvollen Gebäude machte.

Die rettende Feigenblattfassade

Nun wurde Josef Wiedemann hinzugezogen, damals Professor für Entwerfen, Denkmalpflege und Sakralbau an der TU München. Er hatte sich bereits mit dem Kloster Karmel Heilig Blut nahe der KZ-Gedenkstätte Dachau und mit dem zeitgenössischen Wiederaufbau kriegszerstörter Münchener Gebäude einen Namen gemacht. Die bisherigen Planungen für das Regensburger Horten-Gebäude gestaltete Wiedemann maßgeblich um. Vor allem für das äußere Erscheinungsbild konnte er Einiges erreichen und schuf damit einen neuartigen Typus. Der Baukörper wurde aufgelöst: Verschiedene Kuben stoßen aneinander und bilden eine gegliederte Ansicht mit zahlreichen Versprüngen – gleichsam ein schemenhaftes Zitat der Regensburger Altstadtsilhouette.

Wiedemann konnte den Komplex so in das Stadtgefüge einpassen, ohne dass Horten die Verkaufsfläche hätte reduzieren müssen. Sogar ein Zitat der Regensburger Patriziertürme fand seinen Platz. Der offensichtlichste und daher auch bekannteste Kunstgriff war der Erhalt der sog. Alten Wache: Das unter Denkmalschutz stehende Fragment wurde dem Neubau feigenblattartig aufgeklebt, samt Säulenportikus. Obwohl sich der Wiedemann-Bau damit aktiv in die Altstadt einpasst, verleugnet er keineswegs seine Entstehungszeit. Er vollzieht keinen stilistischen Rückschritt, wie man ihn etwa von Projekten der Postmoderne kennt. Beim Horten-Neubau entsprechen die Kanten des scheinbar in mehrere Bereiche zerfallenden Komplexes vielmehr der Härte des verwendeten grauen italienischen Nagelfluh.

Ein schützenswerter Gegenbau

Frei nach dem Hamburger Kunsthistoriker Martin Warnke setzte Horten an den Neupfarrplatz einen Gegenbau – gegen die damalige Altstadt. Desolate Häuser und schlechte hygienische Verhältnisse dominierten dieses kleinteilige Gefüge. Der Spiegel schrieb noch 1974 von „pittoreske[n] Slums, durchweg bewohnt von mittellosen Randgruppen der Industriegesellschaft“. Doch Horten ging trotzdem in die Altstadt und platzierte hier einen Hotspot der Nahversorgung, der so auch zur Revitalisierung beitrug. Zu einer Zeit, als sich das Donau-Einkaufszentrum als eine der ersten deutschen Shoppingmalls bereits auf der Grünen Wiese etabliert hatte, zeitweise sogar mit Hertie und Kaufhof.

Ja, für das Gebäude wurde ein größtenteils erhaltener mittelalterlicher Häuserblock abgerissen. Weltkulturerbestatus, Landesdenkmalschutzgesetz und ein verändertes Bewusstsein der Menschen gegenüber „ihrer“ Altstadt würden eine derartige Schleifung heute vermutlich verhindern. Schon damals gab es eine Debatte – und die ließ ein Warenhausbau neuer Prägung entstehen. Auch durch diese Einzigartigkeit sollte der heutige Kaufhof zur Altstadt gehören wie Dom und Altes Rathaus – und sollte ebenso auf der Denkmalliste stehen. Der „Horten“ ist nicht so zuckrig hübsch wie Disneyland, aber Schönheit ist nunmal kein Denkmalkriterium. Wenn nichts geschieht, entsteht an seiner Stelle bald ein weiterer Investorenklotz. (27.3.19)

Titelmotiv: Regensburg, Neupfarrplatz mit Kaufhof-Gebäude (Bild: historische Postkarte, nach 1973)