Ein Dom der Ost-West-Moderne

Greifswald, Dom, Januar 1990 (Bild: Felix O., CC BY SA 2.0)
Alt neben neu neben „wird schon“: Blick auf den Greifswalder Dom im Januar 1990 (Bild: Felix O., CC BY SA 2.0)

Es wäre so einfach, diesen Beitrag mit einem jener Bilder zu eröffnen, die Erich Honecker bei der Greifswalder Domweihe vom 11. Juni 1989 zeigen. Der DDR-Staatsratsvorsitzende in einer Kirchenbank (in einer Kirchenbank!) mit Honoratioren wie dem Greifswalder Bischof Horst Gienke, Präses der Synode der Evangelischen Kirche der Union in der DDR, dem BRD-Ministerpräsidenten Björn Engholm, gewähltes Oberhaupt von Schleswig-Holstein, und dem BRD-Alt-Bundespräsidenten Karl Carstens. Hinter ihnen die Fernsehkameras Ost wie West. Fünf Monate vor dem Mauerfall.

Doch sieht man einmal davon ab, dass just diese im Bundesarchiv verwahrten Lichtbilder nicht so gemeinfrei verfügbar sind wie andere von denselben Fotografen vom selben Tag – es würde nur wieder passieren, was dem Dom schon 1989 widerfuhr: Das Baukunstwerk verschwindet hinter dem politischen Ereignis. Denn was auf den offiziellen Bildern jenes Junitages nur am Rande vorkam, waren die gestalterischen Neuerungen der wiedereinzuweihenden Greifswalder Bischofskirche – das Raumkonzept der beiden Hamburger Baukünstler, des Architekten Friedhelm Grundmann und des Bildhauers Hans Kock. Und was nur die privaten Fotos jener Monate zeigen, waren die rund um den Dom verfallenden Häuser einer Altstadt, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden hatte, nicht aber die folgenden Jahrzehnte.

 

Warum alles anders wurde (oder werden sollte)

In den 1980er Jahren war der mittelalterliche, in der Romantik prägend umgestaltete Dom St. Nikolai unübersehbar ein Stachel im Fleisch des angepeilten sozialistischen Stadtbilds. Der Kirchturm, der im Barock seine pittoresk geschwungene Haube erhalten hatte, spielte die Hauptrolle beim Postkartenblick vom Marktplatz ebenso wie bei vielen Bildern des in Greifswald geborenen Malers Caspar David Friedrich. All dies hätte es schwer gemacht, die Traditionskirche zugunsten der um sie herum emporwachsenden modernen Wohnblocks zu planieren. Zudem gehörte es durchaus zum Konzept der „Reko-Gebiete“, dass zwischen den maßstäblichen variantenreichen Plattenneubauten auch exemplarische historische Häuser als schmucke Solitäre saniert und eingebunden wurden.

Egal wie, etwas musste mit dem reparaturbedürftigen Dom geschehen, der zugleich Bischofskirche der damals noch selbständigen Landeskirche Greifswald war. Eine Kirchenprovinz, die gerade einen – manche sagen unvermeidbaren, manche sagen unverantwortbaren – Annäherungskurs mit dem SED-Staat auslotete. Für die Sanierung des Doms taten sich, wie immer bei größeren kirchlichen Bauprojekten in der DDR dieser Jahre, Staat und Kirche, Ost und West zusammen. Damit brachte die nordelbische Landeskirche nicht nur West-Geld ein, sondern auch klare Vorstellungen für die Umgestaltung. Der Auftrag ging an den Architekten Friedhelm Grundmann (1925-2015), der zwischen Hamburg und Kiel nicht nur für seine Kirchenneubauten bekannt war, sondern auch große gotische Dome wie in Lübeck für eine beweglichere Nutzung in die Moderne überführt hatte.

 

Warum der Dom eine neue Mitte bekam

Doch während Grundmann in Lübeck in einem teils kriegszerstörten Bau viele Freiheiten für Neues hatte, bildete der Greifswalder Dom ein überliefertes Gesamtkunstwerk aus dem 14., 15. und 19. Jahrhundert. Hier galt es gleich mehrere Anforderungen behutsam unter ein Kirchendach zu bringen: das verständliche Repräsentationsbedürfnis eines Bischofs, den liturgischen Freiheitsdrang der Gottesdienstbesucher, die schwelende Raumnot der Gemeindegruppen, den bewahrenden Geist der Denkmalpfleger, die geschichtsorientierte Schaulust der Touristen und die wachsenden Ansprüche einer starken publikumswirksamen Kirchenmusik. Daher brauchte es im historischen Rahmen einen hellen beweglichen Raum, offen für verschiedene Nutzungen in einer sich erneuernden Altstadt.

In die vorgegebene, von der Romantik verstärkte West-Ost-Achse zwischen Orgelempore und „Hochchor“ setzte Grundmann eine neue liturgische Mitte. Um den Altarblock von Kock gruppierte man die Gemeinde im Halbkreis unter der historistischen Kanzel. Mit Blick auf das von Kock gestaltete „Schöpfungsfenster“ im Norden, davor sein markantes Aluguss-Kreuz mit überlebensgroßem Korpus. Von Süden wurden die Besucher nun über die Seite geführt, das Westportal geschlossen und unter der Orgelempore feste Podeste für die Kirchenmusik verortet. Die Seitenschiffe mit Chorumgang und vor allem der Kapellenkranz sollten u. a. die Gemeindearbeit aufnehmen – ein Nutzungskonzept, das mit den aufziehenden gesellschaftlichen Umwälzungen nicht mehr vollendet wurde.

 

Und warum wir uns heute damit so schwer tun

Heute, eine Generation nach der berüchtigten Domweihe, scheidet das moderne Raumkonzept die Geister. Manche sehen mit den Musikerpodesten im Westen den Ostchor abgewertet oder gar die Kirche „entweiht“. Manche sehen den mittigen Altar als liturgisch unzumutbar an. Manche schätzen gerade dieses offene bewegliche Bild von Kirche. Und manche entdecken in den aus dem (neu-)gotischen Dom heraus entfalteten, postmodernen Zusätzen einen zeitgeschichtlichen Wert und eine nostalgische Schönheit. Mit der laufenden Außensanierung wird laut über eine Neuordnung des Inneren nachgedacht. Ein neuer Blick auf dieses bemerkenswerte Stück Ost-West-Moderne tut also Not. In dieser Woche widmet sich im Greifswalder Alfried Krupp Wissenschaftskolleg eine Tagung dem Werk des mitgestaltenden Bildhauers Hans Kock. Das könnte ein Anfang sein. (kb, 24.5.16)

 

Literatur (in Auswahl)

Evangelische Kirchengemeinde St. Nikolai, Greifswald

Greifswalder Altstadt. Experimenteller Stadtumbau, auf: Jeder Quadratmeter Du. Das Plattenportal (Abruf: 24. Mai 2016)

Baumann, Christiane, Greifswald. Dom und Stadt im Jahr 1989/90, hg. von der Gesellschaft für Regional- und Zeitgeschichte, Schwerin 2010

Grundmann, Friedhelm, Hans Kock. Werke im kirchlichen Raum, hg. von der Hans-Kock-Stiftung, Neumünster 2010

Lichtenau, Bernfried (Hg.), Architektur und Städtebau im südlichen Ostseeraum von 1970 bis zur Gegenwart. Entwicklungslinien, Brüche, Kontinuitäten. Publikation der Beiträge zur kunsthistorischen Tagung Greifswald 2004, Berlin 2007

Symposium und Ausstellung anläßlich der Wiedereinweihung des Doms St. Nikolai in Greifswald im Juni 1989. Zur Geschichte, zum Bau und zu den Restaurierungen des Domes. Gottlieb Giese, Maler und Architekt 1787-1838. Dokumentation und Rückblick, hg. von der Arbeitsgemeinschaft für Pommersche Kirchengeschichte e. V. (Beiträge zur pommerschen Landes-, Kirchen- und Kunstgeschichte 5), Schwerin 2005

Schwebel, Horst/Ludwig, Matthias (Hg.), Kirchen in der Stadt. Erfahrungen und Perspektiven (Schriften des Instituts für Kirchenbau- und kirchliche Kunst der Gegenwart A.1-2), 2 Bd.e, Marburg/Lahn 1994/96