„Dieses Chaos von Treppen“

Mit der U-Bahn zu Friedhelm Grundmann

 

Friedhelm Grundmann mit Karin Berkemann im Gespräch über U-Bahn-Bau (Bild: D. Bartetzko)
Friedhelm Grundmann blickt zurück auf zahlreiche U-Bahn-Projekte (Bild: D. Bartetzko)

Die Deutsche Bahn meinte es gut mit mir: Schon im Hamburger Hauptbahnhof gab es – unterwegs zum Gespräch mit dem Architekten Friedhelm Grundmann – Treppen, Rolltreppen und Fahrstühle satt. Auch die U-Bahn-Fahrt, vorbei an farbig wechselnd gestalteten Stationen, war im Preis inbegriffen. Und sogar der Umstieg an der Haltestelle „Wandsbek Markt“ gab Anlass zum Genießen: die dynamisch aufschwingenden Dächer des nachkriegsmodernen Bus- und U-Bahnhofs, überfangen von einer neuen leichten Glaskonstruktion. Mit Kuppel.

 

„Das hat mich dann doch gereizt“

Hamburg, U-Bahn-Station "Lübecker Straße", unteridische Rolltreppe (Bild: K. Berkemann)
Auch bei der Hamburger U-Bahn-Station „Lübecker Straße“ spielten die Architekten Horst Sandtmann und Friedhelm Grundmann mit Farben und Materialien (Bild: K. Berkemann)

„Die U-Bahn vom Hauptbahnhof nach Wandsbek war mein erster großer Auftrag,“ berichtet Grundmann in seinem Hamburger Büro. Den Fisch hatte Horst Sandtmann an Land gezogen – die beiden Architekten kannten sich aus dem Büro Werner Kallmorgen. Eigentlich hatte Grundmann ja vom Theaterbau geträumt: „Aber auch bei der U-Bahn mischen sich die unterschiedlichsten Funktionen. Daraus eine Gestalt zu entwickeln, das hat mich dann doch gereizt.“

Abgesehen von einigen technischen Vorgaben, hatte das Architektenduo völlig freie Hand. „Wir mussten alle Ausstattungsdetails erst selbst entwickeln, von der Beleuchtung bis zum Verkehrsschild.“ Spielräume, die sie auch bei Farbe und Material auskosteten: „Ist es Ihnen aufgefallen? Gelbe Wände zu blauen Treppen“, freut sich Grundmann noch heute.

 

„Wir spannen darüber einen Regenschirm auf“

Modell des Kuppelbaus für die Hamburger U-Bahn-Haltestelle "Lübecker Straße"
Modell des Kuppelbaus der U-Bahn-Station „Lübecker Straße“ (1961) (Bild: U-Bahn-Bau in Hamburg, Hamburg 1961, S. 26, Archiv F. Grundmann)

Besonders knifflig war die Station „Lübecker Straße“. Die neue Strecke führte in offener Bauweise vom Hauptbahnhof unter der Lübecker Straße bis nach Wandsbek. „Über uns fuhren die Bahnen im Schritttempo“, berichtet Grundmann, „darunter wurde gebaut.“ Und für den Umstieg zwischen beiden Linien musste eine oberirdische Halle her.

„Dieses Chaos der Treppen zwischen den verschiedenen Ebenen – ich wusste anfangs nicht, wie ich das lösen sollte. Doch dann kam die Idee: Wie spannen darüber einen Regenschirm auf.“ Für die gewagte Betonkuppel brauchte es einen ebenso mutigen Statiker. Eines Tages stand Stefan Polónyi vor Grundmann. „Das kann ich machen“, versprach er, und berechnete eine Schalendicke von 3 cm: eine Sensation für die Architekten, eine Zitterpartie für die Prüfstatiker. „Polónyi hat sich dann auf 8 cm hochhandeln lassen“. Es wurde die erste Betonschale, die – auf fünf Punkten ruhend – 21 m ohne Zugbänder überfing.

 

„Es könnte auch ein Fisch sein“

Hamburg-Barmbek_Zugang_Wiesendamm_Bild_Archiv_Hamburger_Untergrundbahn
Der geschwungene U-Bahn-Zugang (1959, abgerissen 2009) am Barmbeker Wiesendamm (Bild: Archiv Hamburger Untergrundbahn)

Eine der ersten Arbeiten Grundmanns für die U-Bahn war der Zugang zum Bahnhof Barmbek. „Ich war vorher bei der Weltausstellung in Brüssel mit ihren luftigen futuristischen Bauten, daher die Idee des frei schwingenden Segels.“ Also keine maritimen Vorbilder? Grundmann lacht: „Schon bei meinen Kirchen hieß es immer: ‚Das ist das Zelt, das Schifflein Christi‘. Ich habe dann nur geantwortet: ‚Es könnte auch ein Fisch sein. Vielleicht eine Flunder?'“

In Breslau wuchs Friedhelm Grundmann – Sohn des Kunsthistorikers und Denkmalpflegers Günther Grundmann – ganz selbstverständlich mit der Moderne auf. „Mein Schulweg führte durch eine Siedlung, die 1929 für die Werkbundausstellung entstand. Das ist, als wenn man heute durch die Stuttgarter Weißenhofsiedlung gehen würde.“ So war es folgerichtig, dass Grundmann nicht nur Architekt werden wollte, sondern ein moderner Architekt. „Moderne war für mich kein Protest-, sondern eine Grundhaltung.“

 

„Den alten Eingangspavillon durchgekämpft“

Hamburg, U-Bahn-Station Klosterstern (Bild: Wolfgang Meinhart)
Rekonstruierter Treppenabgang zur Station „Klosterstern“ (Bild: W. Meinhart)

Statt Neubauten kamen für Grundmann nach 1975 Erweiterungs-, Vergrößerungs- oder Umbauprojekte. „Bis dahin ging die Hamburger Hochbahn mit viele ihrer Bahnhöfe der 1910er und 1920er Jahre bei der Modernisierung ziemlich rabiat um.“ Mit dem Europäischen Denkmalschutzjahr setzte sich die U-Bahn unter neuer Leitung dann auf einmal mit der Denkmalpflege zusammen.

Das Büro um Friedhelm Grundmann sanierte nun Stationen des frühen 20. Jahrhunderts wie die Mundsburg – „ein wirklich ungewöhnliches Gebäude“ – oder den Klosterstern. „Das wurde richtig rekonstruktiv mit hohem Aufwand gemacht. Wenn wir alte Pläne und Fotos auftreiben konnten, gab es kein Halten mehr. Am Klosterstern z. B. haben wir den alten Eingangspavillon durchgekämpft, mit der alten Beschriftung. Die U-Bahn hatte ja eigentlich schon überall die Normschrift.“

 

„Die Zeit der oberirdischen Bahnhöfe ist vorbei“

Hamburg, Wandsbek Markt (Bild: K. Berkemann)
Am Bus- und U-Bahnhof „Wandsbek Markt“ überfing das Büro Grundmann die Nachkriegsdächer durch eine luftige Glaskonstruktion (Bild: K. Berkemann)

Der Kreis schloss sich, als Grundmann sich – inzwischen in Bürogemeinschaft mit Mathias Hein – neu mit einer U-Bahn- und Busstation der späten 1950er Jahre auseinandersetzte. Bis 1960 hatte der Architekt Heinz Graaf am Wandsbeker Markt eine gezackte luftige Dachlandschaft geschaffen, und unter der Erde gab es Farbe satt.

Behutsam ergänzte das Büro Grundmann-Hein bis 2005 die Nachkriegsgestaltung. Über der Rolltreppe gestaltet die Malerin Gisela Grundmann, Frau von Friedhelm Grundmann, eine Deckenabhängung in Wolkenform. Und die Überdachungen wurden nur durch eine luftige Glaskonstruktion mit Kuppel – wieder berechnet von Polónyi, der 1961 schon bei der Lübecker Straße mitgearbeitet hatte – überfangen. Doch, so Grundmann, auch in Wandsbek markiert diese Architektur eher den Bus- als den U-Bahnhof. Denn: „Die Zeit der oberirdischen Bahnhöfe ist vorbei. In den letzten Jahren blieben von vielen Stationsbauten nur noch der Fahrkartenautomat und die Treppen runter zum Bahnsteig.“

 

„Damit die Wege leichter gegangen werden“

Hamburg, U-Bahn-Station am Hauptbahnhof (Bild: Archiv F. Grundmann)
Abgang zur U-Bahn am Hauptbahnhof (Bild: Archiv F. Grundmann, 1960)

Grundmann sieht keinen grundlegenden Unterschied zwischen U-Bahn und Kirche. „Jede Architektur muss anregend sein. Alle Menschen brauchen gute Farben und Proportionen, seien es nun 1.000 U-Bahn-Fahrer oder 100 Kirchen-Besucher.“ Ein Bahnhof müsse sich selbst erklären, ohne viele Schilder. Einzelne Wege würden nur markiert, „damit sie leichter gegangen werden.“ Um seine eigenen U-Bahnhöfe und -Zugangsbauten sorgt sich Grundmann nicht. „Es wird ihnen gehen wie damals den alten Hochbahnhöfen: Was noch da und gut ist, bleibt.“

 Das Gespräch führte Karin Berkemann (Heft 14/3).

 

Zur Person Friedhelm Grundmann

Friedhelm Grundmann in seinem Hamburger Büro (Bild: D. Bartetzko)
F. Grundmann in seinem Hamburger Büro (Bild: D. Bartetzko)

Friedhelm Grundmann, geboren 1925 im schlesischen Bad Warmbrunn als Sohn des Kunsthistorikers und Denkmalpflegers Günther Grundmann, zog mit seiner Familie 1932 nach Breslau. Nach seinem, durch den Krieg unterbrochenen, Studium in Breslau und München war Grundmann bis 1956 im Hamburger Büro von Werner Kallmorgen tätig. Anschließend arbeitete er selbständig in verschiedenen Partnerschaften: mit Horst Sandtmann, Friedhelm Zeuner, Otto E. Rehder und zuletzt Mathias Hein. Bekannt wurde Grundmann durch seine modernen Kirchenbauten, verwirklichte aber ebenso zahlreiche U-Bahn-Projekte. Er lehrte in Hamburg, war Mitglied u. a. im Hamburger Denkmalrat und im Arbeitsausschuss des Evangelischen Kirchbautags.

 

Rundgang

Fahren Sie – mit Bildern aus dem Archiv Friedhelm Grundmann – eine Runde U-Bahn durch das Hamburg der letzten 60 Jahre.