LEITARTIKEL: Promis im Paternoster

von Jürgen Mayer (Heft 14/3)

Mario Adorf im WDR-Paternoster (Bild: WDR 2r)
Mario Adorf (links) im Gespräch mit Jürgen Mayer im Kölner WDR-Paternoster (Bild: WDR 2)

„Hier rein?“, fragte der feine Herr. Im Foyer gingen augenblicklich die Köpfe herum. Alle erkannten den Mann schon an der markanten Stimme. Er hatte weißes Haar und trug einen eleganten Schal. Kurz dreht er sich um, lächelte höflich zu den Umstehenden, stieg in die nächste Kabine des Paternosters und begann dort, auf die Interview-Fragen zu antworten.

Die Menschen im Foyer des WDR-Funkhauses schauten ihm nach, bis seine Kabine ganz im Stockwerk darüber verschwunden war. Während sich der Paternoster etwas knarrend aufwärts bewegte, erzählte Mario Adorf über seine Rolle im neuen Pinocchio-Film, über seine Heimat in der Eifel, über Leidenschaft für Fußball und warum er München so mag. Der Weltstar bekam große Augen wie ein kleiner Junge, als die Kabine über das mächtige Schwungrad oberhalb der 5. Etage glitt. Beim Anblick der dicken Kette wirkte er ebenso erstaunt wie besorgt.

 

Der besondere Interview-Ort

„Der WDR2-Paternoster“. So schlicht heißt die Interview-Reihe, die Sonntag für Sonntag in einem der populärsten deutschen Radioprogramme ausgestrahlt wird. Seit dem Frühjahr 2007. Die Redaktion hatte lange nach einer ganz besonderen Form des Interviews gesucht; einer Form, die nicht so streng daher kommt wie die üblicherweise knallhart geführten Gespräche in diesem Sender.

Sie suchten nach einer Mischung aus Small-Talk und Interview, bei der bestenfalls eine nicht ganz so bekannte Seite des prominenten Gastes zum Vorschein kommt. Bei der sich eine Facette heraus schält, die der Prominente nur selten zeigt. Irgendwer hatte damals die Idee, die Umgebung für das Prominenten-Interview radikal zu verändern. Zu überraschen mit einem ungewöhnlichen Ort. Und der fand sich nur wenige Meter von den Redaktionsräumen entfernt.

 

 

Seit 1952 dreht er seine Runden

Seit 1952 dreht der Paternoster im Funkhaus des WDR am Kölner Wallraffplatz seine Runden. Mit exakt 24 Zentimetern in der Sekunde bewegen sich die 16 hölzernen Kabinen rauf und runter. Alle zwei Wochen muss die komplette Technik gefettet werden. Denn die Mechanik erfolgt über Holzschienen. Je trockener sie werden, desto mehr quietscht und knarrt der Paternoster.

Die Rechnung ging tatsächlich auf. Die Interviews im Paternoster sind anders als Interviews in den üblichen, fast sterilen Radiostudios mit viel Glas und schallschluckenden Wänden. Im Paternoster schluckt nichts den Schall. Man hört von Stockwerk zu Stockwerk andere Geräusche, andere plappernde Menschen, andere Absätze auf den steinernen Fußböden des Funkhauses. Die Kette rattert ganz leise im Hintergrund, trotz des Fettes knackt das Holz. Dazu kommt die gemächliche Fahrt; beruhigend, fast entschleunigend.

Die Enge in der kleinen Kabine tut ihr Übriges. Die Interviewer und der Gast kommen sich zwangsläufig nah. Auch körperlich. Diese fehlende Distanz, diese distanzlose Atmosphäre führt in den meisten Fällen auch dazu, dass das Gespräch an Distanz verliert. Dass auch dort Schranken fallen.

 

„Der Runde muss ins Eckige!“ (Reiner Calmund)

Rund dreihundert prominente Gäste sind bislang für die WDR2-Reihe mit dem Paternoster gefahren. Die Liste beginnt bei Götz Alsmann und endet bei Wim Wenders. Musiker und Schauspieler, Regisseure und Sportler, Schriftsteller, Moderatoren und Comedians haben die Fahrt mitgemacht – und alle sagen noch nach Jahren, wenn sie wieder im Haus sind, dass sie sich gerne an den Paternoster erinnern.

„Ich habe mich schon an vielen Orten mit Redakteuren getroffen“, schrieb Peter Maffay eine Woche nach der Paternoster-Fahrt, „aber noch nie in einem Aufzug. Gerne wieder!“ Reiner Calmund kommentierte gewohnt selbstironisch seinen Einstieg in die hölzerne Kabine: „Der Runde muss ins Eckige!“.

Dass die schrillste Reaktion auf den Paternoster ausgerechnet von Nina Hagen kam, überrascht nicht wirklich. Die Sängerin betrachtete erst minutenlang die fahrenden Kabinen, erklärte sich dann mit der Fahrt einverstanden, um wenige Augenblicke später beim Betreten in einen Schreikrampf zu verfallen und durch das komplette Foyer des ehrwürdigen WDR-Funkhauses zu brüllen: „Die wollen mich zwingen, in das Ding zu steigen!“

 

 

Renan Demirkan und die Klaustrophobie

Manchmal gibt auch der Paternoster selbst den Stoff für die Fragen des Interviews an diesem ungewöhnlichen Ort ab. Als sich die Schauspielerin Renan Demirkan weigerte, den Paternoster zu betreten, wurde das Interview zu einem Gespräch über Ängste. Sie erzählte, dass sie Jahre zuvor auf der Theaterbühne in einer Kiste eingesperrt war, die sich nicht mehr öffnen ließ. Vor den Augen des Publikums musste die Kiste mit Gewalt aufgebrochen werden, die Schauspielerin war panisch vor Angst, sie würde ersticken. Noch niemals zuvor hatte sie so intensiv über ihre Klaustrophobie gesprochen wie hier – auf dem Flur vor dem Paternoster, der im Hintergrund seine Runden drehte.

Die Gäste, die zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem Paternoster fahren, kommen oft völlig aus dem Tritt, wenn die Kabine über dem großen Schwungrad unterm Dach die Richtung wechselt und die martialische Kette kurz zum Vorschein kommt. Dass sie dann aus dem Rhythmus kommen, ist gut. Sie verlassen dann auch oft ihre üblichen Antwortpfade, weichen von ihren üblichen Floskeln ab, verlieren den Faden ihrer vorgefertigten PR-Texte. Oft kommt fast auch so etwas wie eine zarte Bande zwischen Interviewer und Gast zustande. So, als meistere man gerade gemeinsam ein gefährliches Abenteuer. Das sind meist die besten Augenblicke in den Paternoster-Interviews.

 

Der Vater von Dirk Bach

Manche Gäste kennen den Paternoster im WDR-Funkhaus aber auch schon sehr lange. Dann weckt er Erinnerungen. Dirk Bach etwa, der eine kölsche Frohnatur mit stets überquellender guter Laune war, wurde während der Fahrt immer nachdenklicher, fast sentimental. Und dann fehlten ihm die Worte und er spürte einen Kloß im Hals.

Er musste an seinen längst verstorbenen Vater denken. Der war früher Nachrichtenredakteur im WDR und immer, wenn der kleine Dirk Bach seinen Vater auf der Arbeit besucht hat, durfte er mit ihm eine Runde im Paternoster drehen. Als der große Dirk Bach dann wieder in diesem Paternoster stand, da hatte ihn die plötzliche Erinnerung an seinen Vater regelrecht überwältigt.

 

Und schon Heinrich Böll …

Christine Urspruch (Bild: WDR 2)
Christine Urspruch im Interview (Bild: WDR 2)

Nach sieben Jahren ist der Paternoster am Kölner Wallraffplatz inzwischen zu einem Symbol für eine neue Art des Radio-Talks geworden. Geschichtsträchtig ist er ohnehin schon seit vielen Jahrzehnten. Heinrich Böll hat ihm 1955 in der Kurzgeschichte „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ ein literarisches Denkmal gesetzt. In der Geschichte geht es um den Kulturredakteur einer großen Rundfunkanstalt in Köln:

„Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existenziellen Turnübung: Er sprang in den Paternosteraufzug, stieg aber nicht im zweiten Stockwerk, wo sein Büro lag, aus, sondern ließ sich höher tragen, am dritten, am vierten, am fünften Stockwerk vorbei, und jedes Mal befiel ihn Angst, wenn die Plattform der Aufzugskabine sich über den Flur des fünften Stockwerks hinweg erhob.“ Womöglich machte Murke in diesem Moment das gleiche besorgte und erstaunte Gesicht wie sechzig Jahre später Mario Adorf.

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Herbst 14: Rauf und runter

LEITARTIKEL: Promis im Paternoster

LEITARTIKEL: Promis im Paternoster

Jürgen Mayer erzählt von einem besonderen Interview-Ort: dem Paternoster im Kölner WDR-Gebäude, wo er jeden Sonntag prominente Gäste zum Gespräch bittet.

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Visionen im Schacht: Lift und Literatur

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Visionen im Schacht: Lift und Literatur

von Harald Kimpel (Heft 14/3)

Zunächst ist es nur ein mulmiges Gefühl: In den Eingangsszenen zu Rolf Dobellis Manager-Roman „Und was machen Sie beruflich?“ (2004) dient ein „ungewöhnliches Schütteln“ des Aufzugs – „Wie wenn man mit einer Gondel in die Bergstation einfährt“ – als Ankündigung kommender sozialer Erschütterungen. „Als er aus dem Aufzug getreten war, auf der achtzehnten Etage, hat er es in seinen Beinen nochmals gespürt – das Rütteln.“ Diese fundamentale Irritation, ausgelöst durch die bedrohliche Oszillation eines Gefährts, das doch auf den glatten Schienen einer gut geölten Mechanik dahingleiten sollte, kann zunächst noch mit Selbstbeschwichtigungsargumenten im Zaum gehalten werden: „Wenn es im Aufzug rüttelt, muß das nichts bedeuten. Das kann am Aufzug liegen.“ (S. 5)

 

Der Lift – ein Literaturthema

Doch ist die Verunsicherung durch den schwankenden Boden eines bodenlosen Transportmittels ein Standardtopos, wenn dem Lift in der Literatur eine Rolle zugeschrieben wird. Seit ihrer Erfindung ist nämlich die senkrechte Personenverfrachtung immer auch als mythische Heterotypie begriffen worden: als ein hermetischer Parallelort, an dem, wenn sich die Türen geschlossen haben, alles möglich ist und die außerhalb gültigen Maßstäbe versagen. Die Belletristik des 20. Jahrhunderts – von Franz Kafka, Thomas Mann, Werner Bergengruen und Hans Erich Nossack über Heinrich Böll und Martin Walser bis Haruki Murakami, Stephen King und Dean Koontz – spiegelt in gesellschaftskritischem Realismus wie in Horror und Science Fiction das Repertoire jener Ängste und Mutmaßungen, die sich mit der allseitigen Bedrängnis der geschlossenen Käfighaltung verbinden.


Nimm die Treppe“, beschwört der Trailer zum – sagen wir einmal unfreiwillig charmanten – Horror-Streifen „The Lift“, in dem ein Aufzug ein grausiges Eigenleben führt

Beschrieben wird eine Sphäre der Klaustrophobie und des Katastrophischen, die zwischen Steckenbleiben und Absturz, Sarg und Rakete ein komplexes Schreckensszenario bereithält: ein hysterisches Milieu, in dem den Transportierten, im aussichtslosen Kerker am Draht hängend, im Bewusstsein des Abgrunds unter dünnem Blech dem Funktionieren der elektrifizierten Technik ausgeliefert (deren potentielles Versagen durch den gut sichtbaren Notfallknopf ins Auge springt), nichts anderes übrig bleibt, als tatenlos den Lämpchenwechsel zu verfolgen.

In einer Fülle von Episoden in Romanen und Erzählungen gerät die Fahrt in der vertikalen Eisenbahn zu einer vielgestaltigen Metapher existentieller Verunklärung. Der verschriftlichte Lift verwandelt sich in einen mobilen Ort seltsamer Vorfälle und Erfahrungen, der seine blinden Passagiere aus der Realität entschweben lässt und in erstaunliche Dimensionen, Traumgefilde und Schreckensvisionen jenseits der Vernunft hievt: ein Einfallstor für den Einbruch des Unerhörten in den Alltag. Autoren unterschiedlichen Prominentheitsgrads verfassen Reiseführer und Erlebnisberichte zu den Kurzstrecken zwischen den Stockwerken und entwerfen ein Vehikel, das als Fähre zwischen den Welten seine programmierten Bahnen technischer Determiniertheit verlässt, um mit der Entwirklichung des Vertrauten phantastische Möglichkeiten zu erschließen.

 

Der Fahrstuhl – eine Umkleidekabine

Zu den eher harmlosen Begebenheiten gehört es, wenn der Aufzug als Ort der vorübergehenden charakterlichen Verwandlung, des Identitätswechsels, des Zerfalls und der Neuerfindung der Persönlichkeit fungiert. In Heinrich Bölls Erzählung „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ (1955) beispielsweise zelebriert der WDR-bedienstete Titelheld diese tiefgreifende Verunsicherung als ein regelmäßig eingenommenes „Angstfrühstück“.

„Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existentiellen Turnübung: er sprang in den Paternosteraufzug, stieg aber nicht im zweiten Stockwerk, wo sein Büro lag, aus, sondern ließ sich höher tragen, (…), und jedes Mal befiel ihn Angst, wenn die Plattform der Aufzugskabine sich knirschend in den Leerraum schob, wo geölte Ketten, mit Fett beschmierte Stangen, ächzendes Eisenwerk die Kabine aus der Aufwärts- in die Abwärtsrichtung schoben, und Murke starrte voller Angst auf diese einzige unverputzte Stelle des Funkhauses, atmete auf, wenn die Kabine sich zurechtgerückt, die Schleuse passiert und sich wieder eingereiht hatte und langsam nach unten sank (…);


Dr. Murkes Paternoster gibt es wirklich: Seit 1952/53 tut er im WDR-Funkhaus am Kölner Wallrafplatz, so weit wir wissen, klaglos einen Dienst (Nutzung nur für Mitarbeiter)

Murke wußte, daß seine Angst unbegründet war: selbstverständlich würde nie etwas passieren, und wenn etwas passierte, würde er im schlimmsten Falle gerade oben sein, wenn der Aufzug zum Stillstand kam, und würde eine Stunde, höchstens zwei dort oben eingesperrt sein. Er hatte immer ein Buch in der Tasche, immer Zigaretten mit; doch seit das Funkhaus stand, seit drei Jahren, hatte der Aufzug noch nicht einmal versagt. Es kamen Tage, an denen er nachgesehen wurde, Tage, an denen Murke auf diese viereinhalb Sekunden Angst verzichten mußte, und er war an diesen Tagen gereizt und unzufrieden, wie Leute, die kein Frühstück gehabt haben.“ (S. 87/88)

Mental aufgefrischt kommt auch einer der Protagonisten Graham Greenes aus der Gefahrenzone in die Wirklichkeit zurück: „Zu Fuß wäre es schneller gegangen, aber in den paar Sekunden, die der altmodische Eisenkasten brauchte, um ruckend zur nächsten Etage abzusinken, fühlte er sich wie ein Industriemagnat, der eben seine Direktionskanzlei im Gebäude der ‚Imperial Chemicals‘ verließ. Er trat aus dem Fahrstuhl und war mit einem Schlag wieder der erfolgreiche Journalist, der häusliche Familienvater, der eine treuergebene Gattin und sechs Kinder zu ernähren hatte, der Steuerzahler, das Rückgrat der Nation.“ (S. 29)

 

Der Fahrstuhl – ein Gleichnis

Mit schwindender Bodenhaftung gewinnt der Topos der Reise, der Bewegung durch Raum und Zeit in der Black Box des Lebens, deren Woher und Wohin sich dem Begreifen entzieht, an Bedeutung. Die prosaische Erfindung zur Erleichterung des täglichen Lebens wird zur Metapher für das Leben selbst: das ständige Auf und Ab als Gleichnis für das Hängen zwischen oben und unten, zwischen den Möglichkeiten des Sturzes in den Abgrund und dem Aufstieg zu einem unbekannten Empor auf einer nach oben offenen Werteskala. „‘Fahren wir hinunter?‘, fragte Adrian etwas erstaunt einen Herren. ‚Allerdings. Wollten Sie hinauf?‘ ‚Ach, seufzte Adrian und zuckte Achseln, ’schwer zu sagen. Wer würde es schon wagen, die Frage, ob er emporstrebe, zu verneinen?'“ (Eliade, S. 275)

Speziell der Paternoster-Umlauf dient als Gleichnis für das Konzept der unendlichen Wiederkehr des Gleichen, für die Unausweichlichkeit eines schicksalhaft vorprogrammierten Lebenslaufs: für das große Rad des Lebens, dessen Rotation das Aussteigen schwer, wenn nicht unmöglich macht. „Und so kreist man über den Dachboden, an dem großen Rad vorbei, das von Schmierfett trieft. (…) Und dann geht es von Neuem aufwärts, die alte Tour.“ (Nossack)


Der Lift als Ort und Bild für fatale Liebe, finstere Verbrechen – und irgendwie auch alles andere: Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“

 

Der Aufzug – eine Katastrophe

In letzter Konsequent droht den Gelifteten der freie Fall. Der Absturz schwebt als latentes Gefahrenmoment und dauerhafter Nervenkitzel mit: „Sie betraten die Liftkabine, die Türen schlossen sich, Eric kämpfte gegen seine Panik an. Was, wenn das Seil riss? So etwas war schon passiert, es würde wieder passieren, irgendwann und irgendwo, also warum nicht hier?“ (Kehlmann, S. 20) Diese Omnipräsenz der Katastrophe macht den finalen Abgang zu einem variantenreich durchgespielten Lieblingsmotiv der Lift-Autoren.

Doch kennt das Konzept des phantastischen Aufzugs noch komplexere Schrecken als den schlichten Riss der Aufhängung: unter anderem eine Kabine, die vorhanden und zugleich nicht vorhanden ist: „In der achtzehnten Etage drückte Javelin den Perlmutterknopf eines Fahrstuhles“, heißt es 1955 in einer Horrorstory Frank Grubers. „Die Tür öffnete sich und das vertraute, sommersprossige Gesicht des Fahrstuhlführers grinste ihn an. ‚Abwärts, Sir?‘ Javelin trat in den Aufzug. Die Tür schloß sich … und Javelin stürzte achtzehn Etagen tief zu Tode.“ (S. 68)

So muss, wer sich den imaginären Reisen im literarisierten Lift anvertraut, damit rechnen, dass auch ein Fahrstuhl sich verfahren kann …

 

Zitierte Literatur

Kehlmann, Daniel, F., Reinbek 2013

Dobelli, Rolf, Und was machen Sie beruflich? Zürich 2004

Eliade, Mircea, Im Hof bei Dionis, in: ders., Magische Geschichten, Frankfurt/Main/Leipzig 1997, S. 257-315

Nossack, Hans Erich, Paternoster, in: ders., Um es kurz zu machen. Miniaturen, Frankfurt/Main 1997, S. 98-99

Böll, Heinrich, Doktor Murkes gesammeltes Schweigen, in: ders., Nicht nur zur Weihnachtszeit. Erzählungen II, München 1966, S. 87-112

Gruber, Frank, Die dreizehnte Etage, in: Luther’s Grusel-Magazin. Bd. 3, Baden-Baden o. J., S. 51-69 [The Thirteenth Floor, 1955]

Greene, Graham, Das Schlachtfeld des Lebens Hamburg/Wien o. J. [It’s a Battlefield, 1934]

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Herbst 14: Rauf und runter

LEITARTIKEL: Promis im Paternoster

LEITARTIKEL: Promis im Paternoster

Jürgen Mayer erzählt von einem besonderen Interview-Ort: dem Paternoster im Kölner WDR-Gebäude, wo er jeden Sonntag prominente Gäste zum Gespräch bittet.

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Grundmann: "Dieses Chaos von Treppen"

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Das Interview zu Hamburgs U-Bahn, die der Architekt Friedhelm Grundmann seit den 1950er Jahren entscheidend mit prägte: Eine Rundfahrt lohnt sich!

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Beförderung im Büro: LVA Stuttgart

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Skulpturale Treppen aus Beton

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Alexandra Apfelbaum sieht moderne Treppen als Skulptur, die im Inneren und Äußeren, durch Licht und Schatten, Form und Oberfläche inszeniert wird.

Grundmann: „Dieses Chaos von Treppen“

Mit der U-Bahn zu Friedhelm Grundmann

 

Friedhelm Grundmann mit Karin Berkemann im Gespräch über U-Bahn-Bau (Bild: D. Bartetzko)
Friedhelm Grundmann blickt zurück auf zahlreiche U-Bahn-Projekte (Bild: D. Bartetzko)

Die Deutsche Bahn meinte es gut mit mir: Schon im Hamburger Hauptbahnhof gab es – unterwegs zum Gespräch mit dem Architekten Friedhelm Grundmann – Treppen, Rolltreppen und Fahrstühle satt. Auch die U-Bahn-Fahrt, vorbei an farbig wechselnd gestalteten Stationen, war im Preis inbegriffen. Und sogar der Umstieg an der Haltestelle „Wandsbek Markt“ gab Anlass zum Genießen: die dynamisch aufschwingenden Dächer des nachkriegsmodernen Bus- und U-Bahnhofs, überfangen von einer neuen leichten Glaskonstruktion. Mit Kuppel.

 

„Das hat mich dann doch gereizt“

Hamburg, U-Bahn-Station "Lübecker Straße", unteridische Rolltreppe (Bild: K. Berkemann)
Auch bei der Hamburger U-Bahn-Station „Lübecker Straße“ spielten die Architekten Horst Sandtmann und Friedhelm Grundmann mit Farben und Materialien (Bild: K. Berkemann)

„Die U-Bahn vom Hauptbahnhof nach Wandsbek war mein erster großer Auftrag,“ berichtet Grundmann in seinem Hamburger Büro. Den Fisch hatte Horst Sandtmann an Land gezogen – die beiden Architekten kannten sich aus dem Büro Werner Kallmorgen. Eigentlich hatte Grundmann ja vom Theaterbau geträumt: „Aber auch bei der U-Bahn mischen sich die unterschiedlichsten Funktionen. Daraus eine Gestalt zu entwickeln, das hat mich dann doch gereizt.“

Abgesehen von einigen technischen Vorgaben, hatte das Architektenduo völlig freie Hand. „Wir mussten alle Ausstattungsdetails erst selbst entwickeln, von der Beleuchtung bis zum Verkehrsschild.“ Spielräume, die sie auch bei Farbe und Material auskosteten: „Ist es Ihnen aufgefallen? Gelbe Wände zu blauen Treppen“, freut sich Grundmann noch heute.

 

„Wir spannen darüber einen Regenschirm auf“

Modell des Kuppelbaus für die Hamburger U-Bahn-Haltestelle "Lübecker Straße"
Modell des Kuppelbaus der U-Bahn-Station „Lübecker Straße“ (1961) (Bild: U-Bahn-Bau in Hamburg, Hamburg 1961, S. 26, Archiv F. Grundmann)

Besonders knifflig war die Station „Lübecker Straße“. Die neue Strecke führte in offener Bauweise vom Hauptbahnhof unter der Lübecker Straße bis nach Wandsbek. „Über uns fuhren die Bahnen im Schritttempo“, berichtet Grundmann, „darunter wurde gebaut.“ Und für den Umstieg zwischen beiden Linien musste eine oberirdische Halle her.

„Dieses Chaos der Treppen zwischen den verschiedenen Ebenen – ich wusste anfangs nicht, wie ich das lösen sollte. Doch dann kam die Idee: Wie spannen darüber einen Regenschirm auf.“ Für die gewagte Betonkuppel brauchte es einen ebenso mutigen Statiker. Eines Tages stand Stefan Polónyi vor Grundmann. „Das kann ich machen“, versprach er, und berechnete eine Schalendicke von 3 cm: eine Sensation für die Architekten, eine Zitterpartie für die Prüfstatiker. „Polónyi hat sich dann auf 8 cm hochhandeln lassen“. Es wurde die erste Betonschale, die – auf fünf Punkten ruhend – 21 m ohne Zugbänder überfing.

 

„Es könnte auch ein Fisch sein“

Hamburg-Barmbek_Zugang_Wiesendamm_Bild_Archiv_Hamburger_Untergrundbahn
Der geschwungene U-Bahn-Zugang (1959, abgerissen 2009) am Barmbeker Wiesendamm (Bild: Archiv Hamburger Untergrundbahn)

Eine der ersten Arbeiten Grundmanns für die U-Bahn war der Zugang zum Bahnhof Barmbek. „Ich war vorher bei der Weltausstellung in Brüssel mit ihren luftigen futuristischen Bauten, daher die Idee des frei schwingenden Segels.“ Also keine maritimen Vorbilder? Grundmann lacht: „Schon bei meinen Kirchen hieß es immer: ‚Das ist das Zelt, das Schifflein Christi‘. Ich habe dann nur geantwortet: ‚Es könnte auch ein Fisch sein. Vielleicht eine Flunder?'“

In Breslau wuchs Friedhelm Grundmann – Sohn des Kunsthistorikers und Denkmalpflegers Günther Grundmann – ganz selbstverständlich mit der Moderne auf. „Mein Schulweg führte durch eine Siedlung, die 1929 für die Werkbundausstellung entstand. Das ist, als wenn man heute durch die Stuttgarter Weißenhofsiedlung gehen würde.“ So war es folgerichtig, dass Grundmann nicht nur Architekt werden wollte, sondern ein moderner Architekt. „Moderne war für mich kein Protest-, sondern eine Grundhaltung.“

 

„Den alten Eingangspavillon durchgekämpft“

Hamburg, U-Bahn-Station Klosterstern (Bild: Wolfgang Meinhart)
Rekonstruierter Treppenabgang zur Station „Klosterstern“ (Bild: W. Meinhart)

Statt Neubauten kamen für Grundmann nach 1975 Erweiterungs-, Vergrößerungs- oder Umbauprojekte. „Bis dahin ging die Hamburger Hochbahn mit viele ihrer Bahnhöfe der 1910er und 1920er Jahre bei der Modernisierung ziemlich rabiat um.“ Mit dem Europäischen Denkmalschutzjahr setzte sich die U-Bahn unter neuer Leitung dann auf einmal mit der Denkmalpflege zusammen.

Das Büro um Friedhelm Grundmann sanierte nun Stationen des frühen 20. Jahrhunderts wie die Mundsburg – „ein wirklich ungewöhnliches Gebäude“ – oder den Klosterstern. „Das wurde richtig rekonstruktiv mit hohem Aufwand gemacht. Wenn wir alte Pläne und Fotos auftreiben konnten, gab es kein Halten mehr. Am Klosterstern z. B. haben wir den alten Eingangspavillon durchgekämpft, mit der alten Beschriftung. Die U-Bahn hatte ja eigentlich schon überall die Normschrift.“

 

„Die Zeit der oberirdischen Bahnhöfe ist vorbei“

Hamburg, Wandsbek Markt (Bild: K. Berkemann)
Am Bus- und U-Bahnhof „Wandsbek Markt“ überfing das Büro Grundmann die Nachkriegsdächer durch eine luftige Glaskonstruktion (Bild: K. Berkemann)

Der Kreis schloss sich, als Grundmann sich – inzwischen in Bürogemeinschaft mit Mathias Hein – neu mit einer U-Bahn- und Busstation der späten 1950er Jahre auseinandersetzte. Bis 1960 hatte der Architekt Heinz Graaf am Wandsbeker Markt eine gezackte luftige Dachlandschaft geschaffen, und unter der Erde gab es Farbe satt.

Behutsam ergänzte das Büro Grundmann-Hein bis 2005 die Nachkriegsgestaltung. Über der Rolltreppe gestaltet die Malerin Gisela Grundmann, Frau von Friedhelm Grundmann, eine Deckenabhängung in Wolkenform. Und die Überdachungen wurden nur durch eine luftige Glaskonstruktion mit Kuppel – wieder berechnet von Polónyi, der 1961 schon bei der Lübecker Straße mitgearbeitet hatte – überfangen. Doch, so Grundmann, auch in Wandsbek markiert diese Architektur eher den Bus- als den U-Bahnhof. Denn: „Die Zeit der oberirdischen Bahnhöfe ist vorbei. In den letzten Jahren blieben von vielen Stationsbauten nur noch der Fahrkartenautomat und die Treppen runter zum Bahnsteig.“

 

„Damit die Wege leichter gegangen werden“

Hamburg, U-Bahn-Station am Hauptbahnhof (Bild: Archiv F. Grundmann)
Abgang zur U-Bahn am Hauptbahnhof (Bild: Archiv F. Grundmann, 1960)

Grundmann sieht keinen grundlegenden Unterschied zwischen U-Bahn und Kirche. „Jede Architektur muss anregend sein. Alle Menschen brauchen gute Farben und Proportionen, seien es nun 1.000 U-Bahn-Fahrer oder 100 Kirchen-Besucher.“ Ein Bahnhof müsse sich selbst erklären, ohne viele Schilder. Einzelne Wege würden nur markiert, „damit sie leichter gegangen werden.“ Um seine eigenen U-Bahnhöfe und -Zugangsbauten sorgt sich Grundmann nicht. „Es wird ihnen gehen wie damals den alten Hochbahnhöfen: Was noch da und gut ist, bleibt.“

 Das Gespräch führte Karin Berkemann (Heft 14/3).

 

Zur Person Friedhelm Grundmann

Friedhelm Grundmann in seinem Hamburger Büro (Bild: D. Bartetzko)
F. Grundmann in seinem Hamburger Büro (Bild: D. Bartetzko)

Friedhelm Grundmann, geboren 1925 im schlesischen Bad Warmbrunn als Sohn des Kunsthistorikers und Denkmalpflegers Günther Grundmann, zog mit seiner Familie 1932 nach Breslau. Nach seinem, durch den Krieg unterbrochenen, Studium in Breslau und München war Grundmann bis 1956 im Hamburger Büro von Werner Kallmorgen tätig. Anschließend arbeitete er selbständig in verschiedenen Partnerschaften: mit Horst Sandtmann, Friedhelm Zeuner, Otto E. Rehder und zuletzt Mathias Hein. Bekannt wurde Grundmann durch seine modernen Kirchenbauten, verwirklichte aber ebenso zahlreiche U-Bahn-Projekte. Er lehrte in Hamburg, war Mitglied u. a. im Hamburger Denkmalrat und im Arbeitsausschuss des Evangelischen Kirchbautags.

 

Rundgang

Fahren Sie – mit Bildern aus dem Archiv Friedhelm Grundmann – eine Runde U-Bahn durch das Hamburg der letzten 60 Jahre.

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Herbst 14: Rauf und runter

LEITARTIKEL: Promis im Paternoster

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Das Interview zu Hamburgs U-Bahn, die der Architekt Friedhelm Grundmann seit den 1950er Jahren entscheidend mit prägte: Eine Rundfahrt lohnt sich!

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Skulpturale Treppen aus Beton

Skulpturale Treppen aus Beton

Alexandra Apfelbaum sieht moderne Treppen als Skulptur, die im Inneren und Äußeren, durch Licht und Schatten, Form und Oberfläche inszeniert wird.