Paternoster (14/3)

LEITARTIKEL: Promis im Paternoster

von Jürgen Mayer (Heft 14/3)

Mario Adorf im WDR-Paternoster (Bild: WDR 2r)
Mario Adorf (links) im Gespräch mit Jürgen Mayer im Kölner WDR-Paternoster (Bild: WDR 2)

„Hier rein?“, fragte der feine Herr. Im Foyer gingen augenblicklich die Köpfe herum. Alle erkannten den Mann schon an der markanten Stimme. Er hatte weißes Haar und trug einen eleganten Schal. Kurz dreht er sich um, lächelte höflich zu den Umstehenden, stieg in die nächste Kabine des Paternosters und begann dort, auf die Interview-Fragen zu antworten.

Die Menschen im Foyer des WDR-Funkhauses schauten ihm nach, bis seine Kabine ganz im Stockwerk darüber verschwunden war. Während sich der Paternoster etwas knarrend aufwärts bewegte, erzählte Mario Adorf über seine Rolle im neuen Pinocchio-Film, über seine Heimat in der Eifel, über Leidenschaft für Fußball und warum er München so mag. Der Weltstar bekam große Augen wie ein kleiner Junge, als die Kabine über das mächtige Schwungrad oberhalb der 5. Etage glitt. Beim Anblick der dicken Kette wirkte er ebenso erstaunt wie besorgt.

 

Der besondere Interview-Ort

„Der WDR2-Paternoster“. So schlicht heißt die Interview-Reihe, die Sonntag für Sonntag in einem der populärsten deutschen Radioprogramme ausgestrahlt wird. Seit dem Frühjahr 2007. Die Redaktion hatte lange nach einer ganz besonderen Form des Interviews gesucht; einer Form, die nicht so streng daher kommt wie die üblicherweise knallhart geführten Gespräche in diesem Sender.

Sie suchten nach einer Mischung aus Small-Talk und Interview, bei der bestenfalls eine nicht ganz so bekannte Seite des prominenten Gastes zum Vorschein kommt. Bei der sich eine Facette heraus schält, die der Prominente nur selten zeigt. Irgendwer hatte damals die Idee, die Umgebung für das Prominenten-Interview radikal zu verändern. Zu überraschen mit einem ungewöhnlichen Ort. Und der fand sich nur wenige Meter von den Redaktionsräumen entfernt.

 

 

Seit 1952 dreht er seine Runden

Seit 1952 dreht der Paternoster im Funkhaus des WDR am Kölner Wallraffplatz seine Runden. Mit exakt 24 Zentimetern in der Sekunde bewegen sich die 16 hölzernen Kabinen rauf und runter. Alle zwei Wochen muss die komplette Technik gefettet werden. Denn die Mechanik erfolgt über Holzschienen. Je trockener sie werden, desto mehr quietscht und knarrt der Paternoster.

Die Rechnung ging tatsächlich auf. Die Interviews im Paternoster sind anders als Interviews in den üblichen, fast sterilen Radiostudios mit viel Glas und schallschluckenden Wänden. Im Paternoster schluckt nichts den Schall. Man hört von Stockwerk zu Stockwerk andere Geräusche, andere plappernde Menschen, andere Absätze auf den steinernen Fußböden des Funkhauses. Die Kette rattert ganz leise im Hintergrund, trotz des Fettes knackt das Holz. Dazu kommt die gemächliche Fahrt; beruhigend, fast entschleunigend.

Die Enge in der kleinen Kabine tut ihr Übriges. Die Interviewer und der Gast kommen sich zwangsläufig nah. Auch körperlich. Diese fehlende Distanz, diese distanzlose Atmosphäre führt in den meisten Fällen auch dazu, dass das Gespräch an Distanz verliert. Dass auch dort Schranken fallen.

 

„Der Runde muss ins Eckige!“ (Reiner Calmund)

Rund dreihundert prominente Gäste sind bislang für die WDR2-Reihe mit dem Paternoster gefahren. Die Liste beginnt bei Götz Alsmann und endet bei Wim Wenders. Musiker und Schauspieler, Regisseure und Sportler, Schriftsteller, Moderatoren und Comedians haben die Fahrt mitgemacht – und alle sagen noch nach Jahren, wenn sie wieder im Haus sind, dass sie sich gerne an den Paternoster erinnern.

„Ich habe mich schon an vielen Orten mit Redakteuren getroffen“, schrieb Peter Maffay eine Woche nach der Paternoster-Fahrt, „aber noch nie in einem Aufzug. Gerne wieder!“ Reiner Calmund kommentierte gewohnt selbstironisch seinen Einstieg in die hölzerne Kabine: „Der Runde muss ins Eckige!“.

Dass die schrillste Reaktion auf den Paternoster ausgerechnet von Nina Hagen kam, überrascht nicht wirklich. Die Sängerin betrachtete erst minutenlang die fahrenden Kabinen, erklärte sich dann mit der Fahrt einverstanden, um wenige Augenblicke später beim Betreten in einen Schreikrampf zu verfallen und durch das komplette Foyer des ehrwürdigen WDR-Funkhauses zu brüllen: „Die wollen mich zwingen, in das Ding zu steigen!“

 

 

Renan Demirkan und die Klaustrophobie

Manchmal gibt auch der Paternoster selbst den Stoff für die Fragen des Interviews an diesem ungewöhnlichen Ort ab. Als sich die Schauspielerin Renan Demirkan weigerte, den Paternoster zu betreten, wurde das Interview zu einem Gespräch über Ängste. Sie erzählte, dass sie Jahre zuvor auf der Theaterbühne in einer Kiste eingesperrt war, die sich nicht mehr öffnen ließ. Vor den Augen des Publikums musste die Kiste mit Gewalt aufgebrochen werden, die Schauspielerin war panisch vor Angst, sie würde ersticken. Noch niemals zuvor hatte sie so intensiv über ihre Klaustrophobie gesprochen wie hier – auf dem Flur vor dem Paternoster, der im Hintergrund seine Runden drehte.

Die Gäste, die zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem Paternoster fahren, kommen oft völlig aus dem Tritt, wenn die Kabine über dem großen Schwungrad unterm Dach die Richtung wechselt und die martialische Kette kurz zum Vorschein kommt. Dass sie dann aus dem Rhythmus kommen, ist gut. Sie verlassen dann auch oft ihre üblichen Antwortpfade, weichen von ihren üblichen Floskeln ab, verlieren den Faden ihrer vorgefertigten PR-Texte. Oft kommt fast auch so etwas wie eine zarte Bande zwischen Interviewer und Gast zustande. So, als meistere man gerade gemeinsam ein gefährliches Abenteuer. Das sind meist die besten Augenblicke in den Paternoster-Interviews.

 

Der Vater von Dirk Bach

Manche Gäste kennen den Paternoster im WDR-Funkhaus aber auch schon sehr lange. Dann weckt er Erinnerungen. Dirk Bach etwa, der eine kölsche Frohnatur mit stets überquellender guter Laune war, wurde während der Fahrt immer nachdenklicher, fast sentimental. Und dann fehlten ihm die Worte und er spürte einen Kloß im Hals.

Er musste an seinen längst verstorbenen Vater denken. Der war früher Nachrichtenredakteur im WDR und immer, wenn der kleine Dirk Bach seinen Vater auf der Arbeit besucht hat, durfte er mit ihm eine Runde im Paternoster drehen. Als der große Dirk Bach dann wieder in diesem Paternoster stand, da hatte ihn die plötzliche Erinnerung an seinen Vater regelrecht überwältigt.

 

Und schon Heinrich Böll …

Christine Urspruch (Bild: WDR 2)
Christine Urspruch im Interview (Bild: WDR 2)

Nach sieben Jahren ist der Paternoster am Kölner Wallraffplatz inzwischen zu einem Symbol für eine neue Art des Radio-Talks geworden. Geschichtsträchtig ist er ohnehin schon seit vielen Jahrzehnten. Heinrich Böll hat ihm 1955 in der Kurzgeschichte „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ ein literarisches Denkmal gesetzt. In der Geschichte geht es um den Kulturredakteur einer großen Rundfunkanstalt in Köln:

„Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existenziellen Turnübung: Er sprang in den Paternosteraufzug, stieg aber nicht im zweiten Stockwerk, wo sein Büro lag, aus, sondern ließ sich höher tragen, am dritten, am vierten, am fünften Stockwerk vorbei, und jedes Mal befiel ihn Angst, wenn die Plattform der Aufzugskabine sich über den Flur des fünften Stockwerks hinweg erhob.“ Womöglich machte Murke in diesem Moment das gleiche besorgte und erstaunte Gesicht wie sechzig Jahre später Mario Adorf.

Visionen im Schacht: Lift und Literatur

von Harald Kimpel (Heft 14/3)

Zunächst ist es nur ein mulmiges Gefühl: In den Eingangsszenen zu Rolf Dobellis Manager-Roman „Und was machen Sie beruflich?“ (2004) dient ein „ungewöhnliches Schütteln“ des Aufzugs – „Wie wenn man mit einer Gondel in die Bergstation einfährt“ – als Ankündigung kommender sozialer Erschütterungen. „Als er aus dem Aufzug getreten war, auf der achtzehnten Etage, hat er es in seinen Beinen nochmals gespürt – das Rütteln.“ Diese fundamentale Irritation, ausgelöst durch die bedrohliche Oszillation eines Gefährts, das doch auf den glatten Schienen einer gut geölten Mechanik dahingleiten sollte, kann zunächst noch mit Selbstbeschwichtigungsargumenten im Zaum gehalten werden: „Wenn es im Aufzug rüttelt, muß das nichts bedeuten. Das kann am Aufzug liegen.“ (S. 5)

 

Der Lift – ein Literaturthema

Doch ist die Verunsicherung durch den schwankenden Boden eines bodenlosen Transportmittels ein Standardtopos, wenn dem Lift in der Literatur eine Rolle zugeschrieben wird. Seit ihrer Erfindung ist nämlich die senkrechte Personenverfrachtung immer auch als mythische Heterotypie begriffen worden: als ein hermetischer Parallelort, an dem, wenn sich die Türen geschlossen haben, alles möglich ist und die außerhalb gültigen Maßstäbe versagen. Die Belletristik des 20. Jahrhunderts – von Franz Kafka, Thomas Mann, Werner Bergengruen und Hans Erich Nossack über Heinrich Böll und Martin Walser bis Haruki Murakami, Stephen King und Dean Koontz – spiegelt in gesellschaftskritischem Realismus wie in Horror und Science Fiction das Repertoire jener Ängste und Mutmaßungen, die sich mit der allseitigen Bedrängnis der geschlossenen Käfighaltung verbinden.


Nimm die Treppe“, beschwört der Trailer zum – sagen wir einmal unfreiwillig charmanten – Horror-Streifen „The Lift“, in dem ein Aufzug ein grausiges Eigenleben führt

Beschrieben wird eine Sphäre der Klaustrophobie und des Katastrophischen, die zwischen Steckenbleiben und Absturz, Sarg und Rakete ein komplexes Schreckensszenario bereithält: ein hysterisches Milieu, in dem den Transportierten, im aussichtslosen Kerker am Draht hängend, im Bewusstsein des Abgrunds unter dünnem Blech dem Funktionieren der elektrifizierten Technik ausgeliefert (deren potentielles Versagen durch den gut sichtbaren Notfallknopf ins Auge springt), nichts anderes übrig bleibt, als tatenlos den Lämpchenwechsel zu verfolgen.

In einer Fülle von Episoden in Romanen und Erzählungen gerät die Fahrt in der vertikalen Eisenbahn zu einer vielgestaltigen Metapher existentieller Verunklärung. Der verschriftlichte Lift verwandelt sich in einen mobilen Ort seltsamer Vorfälle und Erfahrungen, der seine blinden Passagiere aus der Realität entschweben lässt und in erstaunliche Dimensionen, Traumgefilde und Schreckensvisionen jenseits der Vernunft hievt: ein Einfallstor für den Einbruch des Unerhörten in den Alltag. Autoren unterschiedlichen Prominentheitsgrads verfassen Reiseführer und Erlebnisberichte zu den Kurzstrecken zwischen den Stockwerken und entwerfen ein Vehikel, das als Fähre zwischen den Welten seine programmierten Bahnen technischer Determiniertheit verlässt, um mit der Entwirklichung des Vertrauten phantastische Möglichkeiten zu erschließen.

 

Der Fahrstuhl – eine Umkleidekabine

Zu den eher harmlosen Begebenheiten gehört es, wenn der Aufzug als Ort der vorübergehenden charakterlichen Verwandlung, des Identitätswechsels, des Zerfalls und der Neuerfindung der Persönlichkeit fungiert. In Heinrich Bölls Erzählung „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ (1955) beispielsweise zelebriert der WDR-bedienstete Titelheld diese tiefgreifende Verunsicherung als ein regelmäßig eingenommenes „Angstfrühstück“.

„Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existentiellen Turnübung: er sprang in den Paternosteraufzug, stieg aber nicht im zweiten Stockwerk, wo sein Büro lag, aus, sondern ließ sich höher tragen, (…), und jedes Mal befiel ihn Angst, wenn die Plattform der Aufzugskabine sich knirschend in den Leerraum schob, wo geölte Ketten, mit Fett beschmierte Stangen, ächzendes Eisenwerk die Kabine aus der Aufwärts- in die Abwärtsrichtung schoben, und Murke starrte voller Angst auf diese einzige unverputzte Stelle des Funkhauses, atmete auf, wenn die Kabine sich zurechtgerückt, die Schleuse passiert und sich wieder eingereiht hatte und langsam nach unten sank (…);


Dr. Murkes Paternoster gibt es wirklich: Seit 1952/53 tut er im WDR-Funkhaus am Kölner Wallrafplatz, so weit wir wissen, klaglos einen Dienst (Nutzung nur für Mitarbeiter)

Murke wußte, daß seine Angst unbegründet war: selbstverständlich würde nie etwas passieren, und wenn etwas passierte, würde er im schlimmsten Falle gerade oben sein, wenn der Aufzug zum Stillstand kam, und würde eine Stunde, höchstens zwei dort oben eingesperrt sein. Er hatte immer ein Buch in der Tasche, immer Zigaretten mit; doch seit das Funkhaus stand, seit drei Jahren, hatte der Aufzug noch nicht einmal versagt. Es kamen Tage, an denen er nachgesehen wurde, Tage, an denen Murke auf diese viereinhalb Sekunden Angst verzichten mußte, und er war an diesen Tagen gereizt und unzufrieden, wie Leute, die kein Frühstück gehabt haben.“ (S. 87/88)

Mental aufgefrischt kommt auch einer der Protagonisten Graham Greenes aus der Gefahrenzone in die Wirklichkeit zurück: „Zu Fuß wäre es schneller gegangen, aber in den paar Sekunden, die der altmodische Eisenkasten brauchte, um ruckend zur nächsten Etage abzusinken, fühlte er sich wie ein Industriemagnat, der eben seine Direktionskanzlei im Gebäude der ‚Imperial Chemicals‘ verließ. Er trat aus dem Fahrstuhl und war mit einem Schlag wieder der erfolgreiche Journalist, der häusliche Familienvater, der eine treuergebene Gattin und sechs Kinder zu ernähren hatte, der Steuerzahler, das Rückgrat der Nation.“ (S. 29)

 

Der Fahrstuhl – ein Gleichnis

Mit schwindender Bodenhaftung gewinnt der Topos der Reise, der Bewegung durch Raum und Zeit in der Black Box des Lebens, deren Woher und Wohin sich dem Begreifen entzieht, an Bedeutung. Die prosaische Erfindung zur Erleichterung des täglichen Lebens wird zur Metapher für das Leben selbst: das ständige Auf und Ab als Gleichnis für das Hängen zwischen oben und unten, zwischen den Möglichkeiten des Sturzes in den Abgrund und dem Aufstieg zu einem unbekannten Empor auf einer nach oben offenen Werteskala. „‘Fahren wir hinunter?‘, fragte Adrian etwas erstaunt einen Herren. ‚Allerdings. Wollten Sie hinauf?‘ ‚Ach, seufzte Adrian und zuckte Achseln, ’schwer zu sagen. Wer würde es schon wagen, die Frage, ob er emporstrebe, zu verneinen?'“ (Eliade, S. 275)

Speziell der Paternoster-Umlauf dient als Gleichnis für das Konzept der unendlichen Wiederkehr des Gleichen, für die Unausweichlichkeit eines schicksalhaft vorprogrammierten Lebenslaufs: für das große Rad des Lebens, dessen Rotation das Aussteigen schwer, wenn nicht unmöglich macht. „Und so kreist man über den Dachboden, an dem großen Rad vorbei, das von Schmierfett trieft. (…) Und dann geht es von Neuem aufwärts, die alte Tour.“ (Nossack)


Der Lift als Ort und Bild für fatale Liebe, finstere Verbrechen – und irgendwie auch alles andere: Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“

 

Der Aufzug – eine Katastrophe

In letzter Konsequent droht den Gelifteten der freie Fall. Der Absturz schwebt als latentes Gefahrenmoment und dauerhafter Nervenkitzel mit: „Sie betraten die Liftkabine, die Türen schlossen sich, Eric kämpfte gegen seine Panik an. Was, wenn das Seil riss? So etwas war schon passiert, es würde wieder passieren, irgendwann und irgendwo, also warum nicht hier?“ (Kehlmann, S. 20) Diese Omnipräsenz der Katastrophe macht den finalen Abgang zu einem variantenreich durchgespielten Lieblingsmotiv der Lift-Autoren.

Doch kennt das Konzept des phantastischen Aufzugs noch komplexere Schrecken als den schlichten Riss der Aufhängung: unter anderem eine Kabine, die vorhanden und zugleich nicht vorhanden ist: „In der achtzehnten Etage drückte Javelin den Perlmutterknopf eines Fahrstuhles“, heißt es 1955 in einer Horrorstory Frank Grubers. „Die Tür öffnete sich und das vertraute, sommersprossige Gesicht des Fahrstuhlführers grinste ihn an. ‚Abwärts, Sir?‘ Javelin trat in den Aufzug. Die Tür schloß sich … und Javelin stürzte achtzehn Etagen tief zu Tode.“ (S. 68)

So muss, wer sich den imaginären Reisen im literarisierten Lift anvertraut, damit rechnen, dass auch ein Fahrstuhl sich verfahren kann …

 

Zitierte Literatur

Kehlmann, Daniel, F., Reinbek 2013

Dobelli, Rolf, Und was machen Sie beruflich? Zürich 2004

Eliade, Mircea, Im Hof bei Dionis, in: ders., Magische Geschichten, Frankfurt/Main/Leipzig 1997, S. 257-315

Nossack, Hans Erich, Paternoster, in: ders., Um es kurz zu machen. Miniaturen, Frankfurt/Main 1997, S. 98-99

Böll, Heinrich, Doktor Murkes gesammeltes Schweigen, in: ders., Nicht nur zur Weihnachtszeit. Erzählungen II, München 1966, S. 87-112

Gruber, Frank, Die dreizehnte Etage, in: Luther’s Grusel-Magazin. Bd. 3, Baden-Baden o. J., S. 51-69 [The Thirteenth Floor, 1955]

Greene, Graham, Das Schlachtfeld des Lebens Hamburg/Wien o. J. [It’s a Battlefield, 1934]

„Dieses Chaos von Treppen“

Mit der U-Bahn zu Friedhelm Grundmann

 

Friedhelm Grundmann mit Karin Berkemann im Gespräch über U-Bahn-Bau (Bild: D. Bartetzko)
Friedhelm Grundmann blickt zurück auf zahlreiche U-Bahn-Projekte (Bild: D. Bartetzko)

Die Deutsche Bahn meinte es gut mit mir: Schon im Hamburger Hauptbahnhof gab es – unterwegs zum Gespräch mit dem Architekten Friedhelm Grundmann – Treppen, Rolltreppen und Fahrstühle satt. Auch die U-Bahn-Fahrt, vorbei an farbig wechselnd gestalteten Stationen, war im Preis inbegriffen. Und sogar der Umstieg an der Haltestelle „Wandsbek Markt“ gab Anlass zum Genießen: die dynamisch aufschwingenden Dächer des nachkriegsmodernen Bus- und U-Bahnhofs, überfangen von einer neuen leichten Glaskonstruktion. Mit Kuppel.

 

„Das hat mich dann doch gereizt“

Hamburg, U-Bahn-Station "Lübecker Straße", unteridische Rolltreppe (Bild: K. Berkemann)
Auch bei der Hamburger U-Bahn-Station „Lübecker Straße“ spielten die Architekten Horst Sandtmann und Friedhelm Grundmann mit Farben und Materialien (Bild: K. Berkemann)

„Die U-Bahn vom Hauptbahnhof nach Wandsbek war mein erster großer Auftrag,“ berichtet Grundmann in seinem Hamburger Büro. Den Fisch hatte Horst Sandtmann an Land gezogen – die beiden Architekten kannten sich aus dem Büro Werner Kallmorgen. Eigentlich hatte Grundmann ja vom Theaterbau geträumt: „Aber auch bei der U-Bahn mischen sich die unterschiedlichsten Funktionen. Daraus eine Gestalt zu entwickeln, das hat mich dann doch gereizt.“

Abgesehen von einigen technischen Vorgaben, hatte das Architektenduo völlig freie Hand. „Wir mussten alle Ausstattungsdetails erst selbst entwickeln, von der Beleuchtung bis zum Verkehrsschild.“ Spielräume, die sie auch bei Farbe und Material auskosteten: „Ist es Ihnen aufgefallen? Gelbe Wände zu blauen Treppen“, freut sich Grundmann noch heute.

 

„Wir spannen darüber einen Regenschirm auf“

Modell des Kuppelbaus für die Hamburger U-Bahn-Haltestelle "Lübecker Straße"
Modell des Kuppelbaus der U-Bahn-Station „Lübecker Straße“ (1961) (Bild: U-Bahn-Bau in Hamburg, Hamburg 1961, S. 26, Archiv F. Grundmann)

Besonders knifflig war die Station „Lübecker Straße“. Die neue Strecke führte in offener Bauweise vom Hauptbahnhof unter der Lübecker Straße bis nach Wandsbek. „Über uns fuhren die Bahnen im Schritttempo“, berichtet Grundmann, „darunter wurde gebaut.“ Und für den Umstieg zwischen beiden Linien musste eine oberirdische Halle her.

„Dieses Chaos der Treppen zwischen den verschiedenen Ebenen – ich wusste anfangs nicht, wie ich das lösen sollte. Doch dann kam die Idee: Wie spannen darüber einen Regenschirm auf.“ Für die gewagte Betonkuppel brauchte es einen ebenso mutigen Statiker. Eines Tages stand Stefan Polónyi vor Grundmann. „Das kann ich machen“, versprach er, und berechnete eine Schalendicke von 3 cm: eine Sensation für die Architekten, eine Zitterpartie für die Prüfstatiker. „Polónyi hat sich dann auf 8 cm hochhandeln lassen“. Es wurde die erste Betonschale, die – auf fünf Punkten ruhend – 21 m ohne Zugbänder überfing.

 

„Es könnte auch ein Fisch sein“

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Der geschwungene U-Bahn-Zugang (1959, abgerissen 2009) am Barmbeker Wiesendamm (Bild: Archiv Hamburger Untergrundbahn)

Eine der ersten Arbeiten Grundmanns für die U-Bahn war der Zugang zum Bahnhof Barmbek. „Ich war vorher bei der Weltausstellung in Brüssel mit ihren luftigen futuristischen Bauten, daher die Idee des frei schwingenden Segels.“ Also keine maritimen Vorbilder? Grundmann lacht: „Schon bei meinen Kirchen hieß es immer: ‚Das ist das Zelt, das Schifflein Christi‘. Ich habe dann nur geantwortet: ‚Es könnte auch ein Fisch sein. Vielleicht eine Flunder?'“

In Breslau wuchs Friedhelm Grundmann – Sohn des Kunsthistorikers und Denkmalpflegers Günther Grundmann – ganz selbstverständlich mit der Moderne auf. „Mein Schulweg führte durch eine Siedlung, die 1929 für die Werkbundausstellung entstand. Das ist, als wenn man heute durch die Stuttgarter Weißenhofsiedlung gehen würde.“ So war es folgerichtig, dass Grundmann nicht nur Architekt werden wollte, sondern ein moderner Architekt. „Moderne war für mich kein Protest-, sondern eine Grundhaltung.“

 

„Den alten Eingangspavillon durchgekämpft“

Hamburg, U-Bahn-Station Klosterstern (Bild: Wolfgang Meinhart)
Rekonstruierter Treppenabgang zur Station „Klosterstern“ (Bild: W. Meinhart)

Statt Neubauten kamen für Grundmann nach 1975 Erweiterungs-, Vergrößerungs- oder Umbauprojekte. „Bis dahin ging die Hamburger Hochbahn mit viele ihrer Bahnhöfe der 1910er und 1920er Jahre bei der Modernisierung ziemlich rabiat um.“ Mit dem Europäischen Denkmalschutzjahr setzte sich die U-Bahn unter neuer Leitung dann auf einmal mit der Denkmalpflege zusammen.

Das Büro um Friedhelm Grundmann sanierte nun Stationen des frühen 20. Jahrhunderts wie die Mundsburg – „ein wirklich ungewöhnliches Gebäude“ – oder den Klosterstern. „Das wurde richtig rekonstruktiv mit hohem Aufwand gemacht. Wenn wir alte Pläne und Fotos auftreiben konnten, gab es kein Halten mehr. Am Klosterstern z. B. haben wir den alten Eingangspavillon durchgekämpft, mit der alten Beschriftung. Die U-Bahn hatte ja eigentlich schon überall die Normschrift.“

 

„Die Zeit der oberirdischen Bahnhöfe ist vorbei“

Hamburg, Wandsbek Markt (Bild: K. Berkemann)
Am Bus- und U-Bahnhof „Wandsbek Markt“ überfing das Büro Grundmann die Nachkriegsdächer durch eine luftige Glaskonstruktion (Bild: K. Berkemann)

Der Kreis schloss sich, als Grundmann sich – inzwischen in Bürogemeinschaft mit Mathias Hein – neu mit einer U-Bahn- und Busstation der späten 1950er Jahre auseinandersetzte. Bis 1960 hatte der Architekt Heinz Graaf am Wandsbeker Markt eine gezackte luftige Dachlandschaft geschaffen, und unter der Erde gab es Farbe satt.

Behutsam ergänzte das Büro Grundmann-Hein bis 2005 die Nachkriegsgestaltung. Über der Rolltreppe gestaltet die Malerin Gisela Grundmann, Frau von Friedhelm Grundmann, eine Deckenabhängung in Wolkenform. Und die Überdachungen wurden nur durch eine luftige Glaskonstruktion mit Kuppel – wieder berechnet von Polónyi, der 1961 schon bei der Lübecker Straße mitgearbeitet hatte – überfangen. Doch, so Grundmann, auch in Wandsbek markiert diese Architektur eher den Bus- als den U-Bahnhof. Denn: „Die Zeit der oberirdischen Bahnhöfe ist vorbei. In den letzten Jahren blieben von vielen Stationsbauten nur noch der Fahrkartenautomat und die Treppen runter zum Bahnsteig.“

 

„Damit die Wege leichter gegangen werden“

Hamburg, U-Bahn-Station am Hauptbahnhof (Bild: Archiv F. Grundmann)
Abgang zur U-Bahn am Hauptbahnhof (Bild: Archiv F. Grundmann, 1960)

Grundmann sieht keinen grundlegenden Unterschied zwischen U-Bahn und Kirche. „Jede Architektur muss anregend sein. Alle Menschen brauchen gute Farben und Proportionen, seien es nun 1.000 U-Bahn-Fahrer oder 100 Kirchen-Besucher.“ Ein Bahnhof müsse sich selbst erklären, ohne viele Schilder. Einzelne Wege würden nur markiert, „damit sie leichter gegangen werden.“ Um seine eigenen U-Bahnhöfe und -Zugangsbauten sorgt sich Grundmann nicht. „Es wird ihnen gehen wie damals den alten Hochbahnhöfen: Was noch da und gut ist, bleibt.“

 Das Gespräch führte Karin Berkemann (Heft 14/3).

 

Zur Person Friedhelm Grundmann

Friedhelm Grundmann in seinem Hamburger Büro (Bild: D. Bartetzko)
F. Grundmann in seinem Hamburger Büro (Bild: D. Bartetzko)

Friedhelm Grundmann, geboren 1925 im schlesischen Bad Warmbrunn als Sohn des Kunsthistorikers und Denkmalpflegers Günther Grundmann, zog mit seiner Familie 1932 nach Breslau. Nach seinem, durch den Krieg unterbrochenen, Studium in Breslau und München war Grundmann bis 1956 im Hamburger Büro von Werner Kallmorgen tätig. Anschließend arbeitete er selbständig in verschiedenen Partnerschaften: mit Horst Sandtmann, Friedhelm Zeuner, Otto E. Rehder und zuletzt Mathias Hein. Bekannt wurde Grundmann durch seine modernen Kirchenbauten, verwirklichte aber ebenso zahlreiche U-Bahn-Projekte. Er lehrte in Hamburg, war Mitglied u. a. im Hamburger Denkmalrat und im Arbeitsausschuss des Evangelischen Kirchbautags.

 

Rundgang

Fahren Sie – mit Bildern aus dem Archiv Friedhelm Grundmann – eine Runde U-Bahn durch das Hamburg der letzten 60 Jahre.


Zu meiner Geschichte – DDR-Aufzüge

von Jan Langer (Heft 14/3)

Jan Langer 1988 vor einem Aufzug in der Klinik Waren (Copyright: Jan Langer)
1988 am Aufzug des FDGB-Erholungsheims Klink (Copyright: J. Langer)

Mehrfach stand ich 1988 im FDGB-Erholungsheim Klink in der achten Etage vor den Aufzügen und lauschte den Maschinen darüber. Sogar die Treppe zum Maschinenraum bin ich einmal hochgestiegen. Vielleicht hätte ich mich damals trauen und fragen sollen. Später fand ich sogar noch den Serviceaufzug. Er war etwas versteckt, doch nach Studium des Etagenplans ließ er sich leicht finden. Aber der Reihe nach …

Schon von Kindesbeinen an haben mich Aufzüge interessiert, doch erst im Alter besinnt man sich dieser Leidenschaft wieder. Mittlerweile versuche ich, ältere noch vorhandene Aufzugsanlagen auf Foto und Film festzuhalten (nach Möglichkeit Türen, Bedientableaus, Kabine, Maschinenraum, Steuerung, Mitfahrt) und virtuell zur Verfügung zu stellen. Doch vorher möchte ich noch etwas zu meiner Geschichte erzählen.

 

1976 – zur OP ging es mit dem Aufzug abwärts

Meinen ersten Kontakt mit einem Aufzug hatte ich als kleiner Junge im Alter von zweieinhalb Jahren. Ich lag im Krankenhaus wegen Leistenbruch. Zur OP ging es mit dem Aufzug abwärts. Damals dachte ich, der fährt ja viele Etagen.

 

1979/80 – gefahren sind wir leider nie

Meinen ersten Aufzug habe ich im Oktober 2010 aufgenommen. Zu meinem Erstaunen und auch zu meiner Begeisterung waren sie noch im Original vorhanden. Natürlich hatte ich an dem Tag nur mein (damals) neues Handy dabei.
Meinen ersten Aufzug nahm ich im Oktober 2010 auf. Zu meinem Erstaunen war er noch im Original vorhanden. Natürlich hatte ich nur mein (damals) neues Handy dabei. (Bild: J. Langer)

In Chemnitz war ich 1979 und 1980 zur OP, um die schielende Stellung meines rechten Auges zu korrigieren. Früh morgens, noch vor dem Frühstück mussten wir Kinder raus aus der Station, weil sie gewischt wurde. Also nahm sich jeder einen Stuhl und wir setzten uns alle vor den Aufzug und schauten, wer so kommt. Später waren wir regelmäßig zur Kontrolle meiner Augen in Chemnitz unterwegs. Bevor es nach Hause ging, waren wir oft im Centrum-Kaufhaus an der Zentralhaltestelle. Bewundert habe ich hier immer die kleinen Personenaufzüge (vier Stück) mit Holztüren. Gefahren sind wir leider nie.

 

1980/90 – irgendwann fing ich an, Aufzüge zu bauen

Neben meiner Schule gab es einen altersgerechten Wohnblock. Und was machten wir, wenn eine Stunde ausfiel? Richtig, Aufzugfahren. Als wir auf Klassenfahrt mit Zwischenstopp in Dresden waren, sind wir in allen drei Interhotels auf der Prager Straße Aufzug gefahren. Zu meinen Spielsachen gehörten die Stabilbaukästen aus der C0x-Serie. Irgendwann fing ich an, auch Aufzüge zu bauen. Anfangs war es eine Seilwinde mit vielen Umlenkrollen, später dann mit Gegengewicht. Ich konnte mich damit tagelang beschäftigen.

 

1986/87 – er konnte sogar Autos transportieren

Meinen zweiten Aufzug habe ich 2012 aufgenommen. Im Vorfeld war ich mit meiner kleinen Tochter vor Ort, um zu schauen, ob auch hier noch die originale Aufzüge vorhanden sind. Sie waren es. (Bild: J. Langer)
Meinen zweiten Aufzug fotografierte ich im August 2012. Vorher schaute ich mit meiner kleinen Tochter, ob noch die originalen Aufzüge vorhanden sind. Sie waren es. (Bild: J. Langer)

1986 war ich das erste Mal im Ferienlager. Bei einem Besuch der Festung Königstein haben wir den Aufzug benutzt. Er konnte sogar Autos transportieren. Nach einem schnellen Rundgang habe ich mir den Aufzug noch einmal ausgiebig angesehen. 1987 war ich in Berlin mit meinem besten Freund Ronny im Ferienlager. Wir sind im Kaufhaus viel Aufzug gefahren und haben uns dadurch um eine Stunde am Treffpunkt verspätet.

 

1988 – ich vertrieb mir die Zeit als Aufzugsführer

1988 waren wir im FDGB-Erholungsheim Klink. Irgendwann fing ich an, das Gebäude zu erkunden und fand auch die Aufzüge. Vier Personenaufzüge in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe fuhr nur die ungeraden, die andere Gruppe nur die geraden Etagen an. Alle fuhren in die erste (Service) und in die achte Etage (Dachcafé). Ich vertrieb mir die Zeit als Aufzugsführer. Jeden, der einstieg, fragte ich, wo er/sie hin möchte und bediente den Aufzug. Später lernte man auch andere Kinder kennen und fuhr gemeinsam Aufzug.

 

1990/91 – Selbstfahren ging leider nicht

Meinen dritten Aufzug habe ich im Oktober 2012 aufgenommen. Diese Gebäude war mir schon jahrelang auf der Fahrt zur Arbeit aufgefallen. An einem Nachmittag versuchte ich mein Glück, den Eigentümer ausfindig zu machen. (Bild: J. Langer)
Meinen dritten Aufzug habe ich im Oktober 2012 aufgenommen. Das Gebäude war mir schon jahrelang auf dem Weg zur und von der Arbeit aufgefallen. An einem Nachmittag versuchte ich mein Glück, den Eigentümer ausfindig zu machen. (Bild: J. Langer)

Die Theorie in der Lehre fand in Chemnitz statt. In der Berufsschule war auch ein Aufzug eingebaut. Eines Tages konnte ich sogar selbst fahren. Oft bin ich mit der Straßenbahn zum Kaufhaus an der Zentralhaltestelle gefahren. Jetzt konnte ich mit den Personenaufzügen mitfahren. Selbstfahren ging nicht, da eine Bedienperson immer anwesend war. Auch konnte ich mir die großen Fracht-(Güter-)Aufzüge jetzt in Ruhe anschauen. Selbstfahren oder mitfahren ging leider nicht. Vielleicht hätte ich mich trauen und fragen sollen.

 

2000 – abends hatte ich viel Zeit

Mein letztes Treffen mit meinen geliebten Aufzügen war im Spätsommer 2000. Bevor ich meine neue Arbeit beginnen konnte, wurde ich zu einer schriftlichen und praktischen Prüfung nach Dresden eingeladen. Sie sollte einen ganzen Tag dauern. Ich reiste einen Tag vorher mit Übernachtung an. Abends hatte ich viel Zeit, das Gebäude zu erkunden und fand einige Aufzüge. Sowohl für Personen- als auch für Fracht-(Güter-)Beförderung.

Das soll es erst einmal zu meiner Geschichte gewesen sein.

 

Rundgang

Beginnen werde ich hier mit Bildern von noch vorhandenen DDR-Aufzügen, inklusive jeweils kurzer statistischer Angaben. Weitere Informationen, Fotografien und Filme stelle ich auf meiner Homepage zur Verfügung.

Die Kunststofftreppe – im fg 2000

von Pamela Voigt (Heft 14/3)

GFK-Treppe ins Obergeschoss (Bild: FOMEKK Bauhaus-Universität Weimar, 2001)
Im fg 2000 führt eine Kunststofftreppe vom gemauerten Erd- ins Obergeschoss aus Fertigelementen (Bild: FOMEKK, Bauhaus-Universität Weimar, 2001)

Wer braucht da noch eine Treppe? Das utopische Kunststoff-Fertighaus „fg 2000“ wirkt eher wie ein Raumschiff, das auch die Teleportation beherrscht. Zwei dieser futuristischen Kunststoffgebilde – der Prototyp von 1968 und das letzte realisierte Wohnhaus von 1979 – stehen im hessischen Altenstadt und unter Schutz. Beide wurden vom gelernten Modell- und Formenbaumeister Wolfgang Feierbach (1937-2014) entwickelt, realisiert und genutzt. Der Prototyp diente zunächst als Demonstrationsobjekt, bis 1979 als Büro- und Wohnhaus der Familie Feierbach, schließlich als reines Bürohaus für die Firma „fg design“. Das 1979 errichtete fg 2000 war und ist Wohnhaus der Feierbachs. Beide werden durch eine luftige Kunststofftreppe erschlossen, denn das Wohnen der Zukunft fand im lichten farbigen Obergeschoss statt.

 

Kunststoff hat Tradition

Kunststoffe sind älter als gedacht. Bereits im 19. Jahrhundert arbeiteten Chemiker daran, stark nachgefragte Materialien wie Elfenbein oder Naturkautschuk industriell zu ersetzen. Schließlich entwickelte die amerikanische Flugzeugindustrie 1942 die leistungsstarken glasfaserverstärkten Kunststoffe (GFK). Und ab 1950 wurden GFK in den USA bereits für Radome, die Schutzhüllen für Radaranlagen, eingesetzt.

Chemiker, Verarbeiter, Ingenieure, Architekten und Künstler nutzten das neue Material für Sportartikel, im Boots-, Fahrzeug- und Flugzeugbau, aber auch als (selbst)tragenden Baustoff. Denn im GFK übertragen die Glasfasern und die Polyesterharze die auftretenden Kräfte und binden sie durch das umschließende Duroplast. Die chemische Zusammensetzung und die Herstellung machten GFK von Anfang an zu einem industriellen Baustoff.

 

Das ideale Zweithaus

House of the Future, 1957-67 im californischen Disneyland  (Bild: Archiv Institut für Bauen mit Kunststoffen)
Das House of the Future (1957-67) in Disneyland (Bild: Archiv Institut für Bauen mit Kunststoffen)

Glaubt man der Architekturhistorikerin Beatriz Colomina, so spielt das Wohnhaus im 20. Jahrhundert die Hauptrolle: Von Frank Lloyd Wright bis zu Frank Gehry – nahezu alle Architekten haben ihre besten Ideen an Wohnhäusern vervollkommnet. Für sie war das ideale Wohnhaus ein Fertighaus. Und das ideale Fertighaus war in den 1960er Jahren ein Kunststoffhaus. Darauf beruhte das international große Interesse an Kunststoff-Versuchsbauten wie dem 1957 errichteten House of the Future.

Das Kunststoffhaus war wie geschaffen für den damaligen Trend zum Zweithaus: Es blieb kleiner als ein Einfamilienhaus und seine Bewohner zeigten sich offen für neue Wohnformen. Einige GFK-Häuser – die von 8 bis zu 120 Quadratmeter Nutzfläche haben konnten – verfügten nur über einen Raum, andere über mehrere Zellen. Es gab höhlenähnliche Kunststoffhäuser für den Naturliebhaber, mobile Bauten, die schwimmen konnten, extravagante Typen, die keinen Käufer fanden, stylishe Raumschiffe und zutiefst pragmatische Entwürfe, denen man den futuristischen Baustoff nicht ansah.

 

Es geht aufwärts

Die GFK-Bauten stehen für den Optimismus der Nachkriegszeit: das neue Material, die dynamische Form und die leichte Konstruktion, viel Licht und noch mehr Farbe, ein flexibler Grundriss und eine futuristische Inneneinrichtung. Typennamen wie House of the Future, fg 2000 oder Futura unterstrichen diesen Anspruch schon in den 1950er bis 1970er Jahren. Und die mit GFK Bauenden waren sich dessen sehr wohl bewusst.

Durch ihre leistungsstarke chemische Industrie war die Bundesrepublik führend in der Kunststoffproduktion. Die Fach-, Wirtschafts-und Berufsverbände informierten über die Möglichkeiten der über hundert verschiedenen Kunststoffarten. Und – obwohl GFK 1970 nur 5 % der Gesamtproduktion im Bauwesen ausmachte – vor allem die tragenden Anwendungen erhielten durch Presse, Ausstellungen und Messen große Aufmerksamkeit.

 

An nur einem Tag

Aufbau des Prototypen Mai 1968, 7 bis 17 Uhr für den Rohbau aus 13 Dach- und 26 Wandelementen aus GFK (Bild: W. Feierbach)
Der Prototyp des fg 2000 wurde im Mai 1968 zwischen 7 und 17 Uhr zusammengesetzt (Bild: W. Feierbach)

Wolfgang Feierbach gründete 1962 zunächst eine Werkstatt in seiner Heimatstadt Sulzbach am Taunus und vergrößerte sich 1965 zu einer kunststoffverarbeitenden Firma im hessischen Altenstadt. Zu seinen ersten Produktionen gehörten Elemente des „seater 620“ für den Designer Dieter Rams. Als die Sesselherstellung plötzlich abbrach, investierte Feierbach in die eigene GFK-Möbelserie fg design (fg = fibre glass).

Auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse stellte Feierbach 1963 schließlich ein Modell seines Kunststoffhauses im vor: das fg 2000. Bis 1968 entwickelte er – mit praktischen Tragversuchen und einer überschlägigen statischen Berechnung von G. Dietrich – sein Bausystem, das über 10 Meter stützenfrei trägt. An nur einem Tag wurden im Mai 1968 die 13 Dach- und 26 Wandelemente auf einem Mauerwerkssockel mit Betondecke zusammengesetzt.

 

1979 standen 35 Häuser

Axonometrie des Prototypen, ursprüngliche Einrichtung (Bild: Mustermappe Kunststoffhaus fg 2000)
Blick in die ursprüngliche Erschließung des Prototypen (1968) (Bild: Mustermappe Kunststoffhaus fg 2000)

Das fg 2000 wurde sogar im Fernsehen vorgestellt. 1968/69 kamen täglich rund 200 Besucher. 1969 vergab das Bundesministerium für Städtebau und Wohnungswesen einen Forschungsauftrag, um das fg 2000 noch flexibler zu nutzen. Es wurden positive und negative Eckelemente entwickelt, damit nun auch Objekte in L- und H-Form oder als Atriumhaus gebaut werden konnten. Damit beraubte man das fg 2000 zugleich seiner geschwungenen Seitenflächen, die dem Prototypen seine Eleganz verliehen hatten.

Mit wenigen Elementen konnte man nun Wohnhäuser, Bürobauten oder Ferienhäuser fertigen und vieles mehr. Bis 1979 wurden 35 Häuser hergestellt: Einige von ihnen stehen unter Denkmalschutz, andere sind fachgerecht eingelagert, wenige davon wurden wiederaufgebaut. Ende der 1970er Jahre ging mit den Presseberichten auch das Käuferinteresse zurück. Gleichzeitig ließen hohe Transportkosten die Preise steigen.

 

Einläufig ins Obergeschoss

Ausstattung des Wohnhauses: Treppenhaus (Bild: FOMEKK Bauhaus-Universität Weimar, 2002)
Im Wohnhaus (1979) herrschten – auch am Treppengeländer – die Brauntöne vor (Bild: FOMEKK Bauhaus-Universität Weimar, 2002)

Bei beiden fg 2000-Häusern kragt der leicht gewölbte, sanft gerundete GFK-Korpus im Obergeschoss vor. Der Prototyp setzte sich aus nur zwei Modulen zusammen: Wand- und Dachelement. Beim Wohnhaus kam noch die Positiv- bzw. Negativecke hinzu. Der Innenausbau erfolgte über textilbespannte gedämmte Holztafeln. Im stützenlosen Wohnraum konnten die nichttragenden Innenwände dann nach Belieben verortet werden.

Ins Obergeschoss führt eine einläufigen Treppe aus GFK-Elementen: Sie ist auf der einen Seite an der Untergeschoßwand und auf der anderen Seite durch verschieden lange angeformte GFK-Rohre an der Stahlbetondecke befestigt. Rutschsicher wurden die Laufflächen mit Auslegware beklebt. Die Treppe endet in der Raummitte. Beim Prototypen besteht das Geländer noch aus Acrylglas, um den fließenden Raumeindruck nicht zu stören.

 

Wohnen ohne Grenzen

Wohnzimmer des Prototypen mit dreidimensionalem Deckenteppich (Bild: W. Feierbach)
Das Wohnzimmer des Prototypen (1968) (Bild: W. Feierbach)

Den Prototypen (1968) beherrscht ein siebenfarbiger, dreidimensionaler, 135 Quadratmeter großer Deckenteppich aus Dralonfasern. Frei in den Wohnbereich des Obergeschosses eingebunden, steht der Küchenblock mit Bartheke. Ebenso wurde im Schlafbereich ein „Wohnbad“ eingestellt. Die raumhohen Schiebeschränke können im Raum verschoben werden. Selbstverständlich stammte die Ausstattung aus dem hauseigenen Möbelprogramm.

Für das Wohnhaus (1979) wurden die GFK-Elemente in einem hellen Ockerton eingefärbt und die großen Fensterscheiben getönt. Im Innenraum herrschen die Braun- und Ockertöne der Textilbespannungen und Kunststoffmöbel vor. Da Feierbach eng mit Möbeldesignern und Grafikern zusammenarbeitete, war die Gestaltung offen für die modische Formensprache seiner Zeit. Als Farbberater für fg design und fg 2000 wirkte Bernd Misske.

 

Aufstieg in die moderne Beletage

Das moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen (Bild: W. Feierbach)
„Das moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen“ (Bild: W. Feierbach)

Feierbach hatte eine echte Alternative zu herkömmlichen Fertigteilhäusern oder anderen Kunststoffprodukten entwickelt. Das fg 2000 verfügt über variable Grundrisse und Fassaden für eine anspruchsvolle Käuferschicht: „Die Zielgruppe wird in erster Linie die junge Generation sein, die heute in die Wirtschaft hineinwächst und in einigen Jahren dann den finanziellen Rückhalt hat, sich ein so hochwertiges Haus leisten zu können.“

Für diese aufstrebende Käuferschicht wurden die technischen Möglichkeiten des Materials Kunststoff futuristisch zur Schau gestellt. Mit GFK konnte die Treppe ins Obergeschoss, in die helle farbige Beletage des fg 2000, filigran gestaltet werden. Im Prototypen (1968) machte sich das Acrylglasgeländer sogar fast unsichtbar. Nichts sollte schwerfällig oder altbacken aussehen. Heute finden so unbekümmert utopische Formen wie die elegante fg 2000-Treppe wieder neue Liebhaber. Denn sie stehen für eine Zeit, als selbst das Treppensteigen noch ein zutiefst optimistischer Akt war.

 

Rundgang

Folgen Sie Pamela Voigt zu den Vorgängern und den Umsetzungen des fg 2000 …

 

Literatur

Feierbach, Wolfgang, fg 2000 – Planung, Konstruktion, Herstellung, in: plasticonstruction 5, 1973, S. 212-217

Ludwig, Matthias: … in die Jahre gekommen, ein Wohnhaus aus Kunststoff, in: deutsche bauzeitung 7, 1998, S. 76-80

Stark, Jochen/Wicht, Bernd, Geschichte der Baustoffe, Wiesbaden 1998

Genzel, Elke/Voigt, Pamela, Kunststoffbauten, Bd. 1, Die Pioniere, Weimar 2005

Voigt, Pamela, Die Pionierphase des Bauens mit glasfaserverstärkten Kunststoffen (GFK) 1942 bis 1980, Dissertation, Bauhaus-Universität Weimar, 2007