Universität St. Gallen, Treppe im Hauptgebäude der Universität, nach der Sanierung (architekten: rlc ag, 2011) (Bild: Hanspeter Schiess)

Skulpturale Treppen aus Beton

von Alexandra Apfelbaum (Heft 14/3)

Marl, Rathaus, Treppe am Sitzungstrakt (Van den Broek & Bakema, 1964-65) (Bild: Moritz Kappen)
Marl, Rathaus, Aufgang zum Sitzungssaal (1964-65, Van den Broek & Bakema) (Bild: Moritz Kappen)

„Der Beton gibt die getreuesten Abgüsse. Vielleicht noch getreuer als Bronze, und ist daher besonders geeignet, die Absicht des Bildhauers wiederzugeben.“ Le Corbusier hat mit diesen Worten nicht nur der Ästhetik und Wahrhaftigkeit des Betons gehuldigt, sondern ihn zum Material der bildenden Kunst schlechthin erhoben. Dieser besondere Baustoff sollte schließlich wie kein anderer die moderne Architektur prägen. Beton faszinierte durch seine konstruktiven und formalen Möglichkeiten ebenso wie durch seine breitgefächerten Ausdrucksmittel. Kein anderes Material vermochte es, Schwere und Grazie, Wucht und Eleganz so in sich zu vereinen.

 

Plastische Architektur

Aachen, Einhard-Gymnasium, Eingangshalle (1973, Architekt: Bruno Lambart) (Bild: A:AI Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW, Nachlass Bruno Lambart)
Aachen, Einhard-Gymnasium (1973, B. Lambart) (Bild: A:AI Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW, Nachlass B. Lambart)

Besonders in der späten deutschen Nachkriegsmoderne wurden zahlreiche Bauten völlig aus Beton durchgebildet. Ihre Architektur war außen wie innen durch Sichtbeton gekennzeichnet. Das Material entwickelte dabei – auf eine internationale brutalistische Weise – eine lastende Körperlichkeit und starke Plastizität.

Dabei bildeten sich fast schon zwangsläufig viele Detaillösungen heraus, die eine bildnerische Entwurfsarbeit einforderten und tatsächlich auch erhielten. Vor allem bei Details wie Dächern, Brüstungen und Treppenkörpern offenbarte der Baustoff Beton seine gesamte Ausdruckskraft. Das Kunstvolle lag nicht nur im Material begründet, sondern in der Form selbst: Treppen wurden zu Skulpturen.

 

Der inszenierte Weg

Als ursprüngliche Bauaufgabe war und ist die Treppe einem steten konstruktiven wie gestalterischen Wandel unterworfen. Im Verlauf ihrer Geschichte rückte die Form gegenüber der reinen Funktion oftmals in den Vordergrund. Barocke Treppenhäuser etwa wurden zur Repräsentation prachtvoll und monumental gestaltet.

Auch in den 1950er Jahren und darüber hinaus erfuhr der Treppenraum neue Aufmerksamkeit. Die Architekten stellten elegante geschwungene Treppen in aufwendig gestaltete Zentralräume. Mit farbigen Glasfenstern, Mosaiken, Terrazzoböden und filigranen Messinggeländern blieben die Treppen selbst jedoch eher körperlos. Sie stellten vielmehr einen inszenierten Weg dar, um den Blick des Betrachters zu lenken.

 

Die Treppe in der Fassade

Friedhof Brion in San Vito d’Altivole (Carlo Scarpa, 1969-78) (Bild: Chris Schroeer-Heiermann)
Friedhof Brion in San Vito d’Altivole (1969-78, C. Scarpa) (Bild: C. Schroeer-Heiermann)

In der späten Nachkriegsmoderne der 1960er und 1970er Jahre verschob sich schließlich das Interesse vom Treppenraum auf den Treppenkörper. Es entstand eine Vielzahl von Massivtreppen aus Sichtbeton, die sich zu einem zentralen Gestaltungselement vieler Innenräume und Fassaden. Der Architekt Carlo Scarpa beispielsweise verwendete das Treppenmotiv schon beinahe inflationär als stilisiertes plastisches Schmuckelement.

So zeigen sich z. B. am Friedhof Brion in San Vito d’Altivole (1970-73) innen wie außen zahlreiche Treppen – mit und ohne Funktion. Auch außenliegende Treppenkörper- und -türme dieser Zeit wurden stark plastisch durchgebildet. Eine Geste, die über den rein funktionalen oder technischen Einsatz des Baumaterials Beton hinausgeht und die Treppe als skulpturales Fassaden- und Bauelement inszeniert.

Eine besondere Bedeutung weist Gottfried Böhm der Treppe in der Fassade seines betonsichtigen Bensberger Rathauses (1962-72) zu. Nur bis zum fünften Geschoss ist der plastisch gestaltete Treppenturm tatsächlich zum Auf- und Abstieg nutzbar. Alles darüberliegende ist somit reine „Skulptur“. Der Zahnschnitt der Treppe und die ausgeprägte Turmspitze verstärken – im schalungsrauen reliefartigen Sichtbeton – das Spiel von Licht und Schatten, Tiefe und Flächigkeit.

 

Die Monumentalplastik im Innenraum

Ruhr-Universität Bochum, Eingangshalle der Bibliothek, (Bruno Lambert, 1972-74) (Bild: Universitätsarchiv Bochum, Dep. Staatl. Bauamt Bochum 02, 74.0640, Foto: Heinz Lohoff)
Bochum, Universitätsbibliothek (1972-74, B. Lambart) (Bild: Universitätsarchiv Bochum, Dep. Staatl. Bauamt Bochum 02, 74.0640, Foto: H. Lohoff)

In den monolithischen Betonarchitekturen der späten Nachkriegsmoderne entstanden große, zentrale, nutzungsoffene Hallen. In diesen lichtdurchfluteten Großräumen erhoben sich die Haupttreppen nun wie Monumentalplastiken. Die Treppe der Universitätsbibliothek Bochum (1972-74) von Bruno Lambart, die zu den Büchermagazinen führt, bildet das struktur- und sinngebende Element ihres Gebäudes.

Doch die zentral platzierte Massivtreppe ist weit mehr als ein reines Erschließungselement. Sie ermöglicht es dem Bibliotheksnutzer, das Gebäude in seiner Gliederung zu erfassen und sich in ihm durch vielfältige Ausblicke besser zu orientieren. Freitragend ausgeführt und mit einer betonten Untersicht versehen, konnte Lambart ihren plastischen Ausdruck besonders herausheben.Die rohe Materialität des Sichtbetons und eine leichte Überdimensionierung trugen gemeinsam zu einer klaren Formensprache bei, die mit ihrer Licht-Schattenwirkung noch heute einen visuellen Mehrwert für den Raum darstellt.

Solche plastisch ausgebildeten Treppenanlagen – wie beispielsweise in der Universität St. Gallen (1959-1963, mit Otto und Zwimpfer) des Schweizer Architekten und Bildhauers Walter M. Förderer oder auch in der Berufsschule in Ostendorf (1965-1969) von Bruno Lambart – werden noch stärker als Treppentürme durch ihre umgebende Architektur als Skulpturen inszeniert. Ihre Belichtung erfolgt nicht ausschließlich über Oberlichter, sondern z. B. in Ostendorf zusätzlich über eine zweiseitige Vollverglasung oder über weitere, in die Betonschalung eingebundene Lichtquellen.

 

„Es kommt drauf an, was man draus macht“

Universität St. Gallen, Treppe im Hauptgebäude im 1. Obergeschoss, nach der Sanierung (architekten: rlc ag, 2011) (Bild: Hanspeter Schiess)
Universität St. Gallen, Treppe im Hauptgebäude nach  der Sanierung (2011, architekten: rlc ag) (Bild: H. Schiess)

Welche Qualitäten die „Treppen-Skulpturen“ der späten Nachkriegszeit auch heute noch aufweisen, zeigen sensibel durchgeführte Sanierungen: von der Pädagogischen Akademie in Graz-Eggenberg (Günther Domenig und Eilfried Huth) bis zur hier bereits beschriebenen Universität St. Gallen. In beiden Fällen wird eine eindrucksvolle Eingangshalle von einer freitagenden, skulpturalen Betontreppe geprägt. Sie stellen eine baukünstlerische Lösung dar, die auch nach der Sanierung das architektonische Gesamtgefüge belebt. So lässt sich heute erleben, was ein Slogan der Zementindustrie in den 1970er Jahren verhieß: „Beton – es kommt drauf an, was man draus macht.“

 

Rungang

Gehen Sie mit Alexandra Apfelbaum Treppensteigen – skulptural natürlich.

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