München, Wohnanlage "Orpheus und Eurydike" (Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Michael Forstner)

Die Liebe in Zeiten des Brutalismus

von Wiepke van Aaken

In der griechischen Sage waren die Liebenden Orpheus und Eurydike dazu verdammt, auf ewig voneinander getrennt zu bleiben. Ihren klingenden Namen trägt in München eine zweigeteilte Wohnanlage, die jüngst zum Denkmal erhoben wurde. Der Sichtbetonbau im Stil des Brutalismus erhebt sich im nordöstlichen Schwabing unweit des Englischen Gartens in attraktiver Lage gegenüber dem Ungererbad. Auf dem großen Eckgrundstück zwischen Soxhletstraße und Ungererstraße fanden sich zuvor Garagen, Baracken und eine Tankstelle. 1970 erstellte die Architektengemeinschaft Jürgen Freiherr von Gagern, Peter Ludwig und Udo von der Mühlen Pläne für eine Anlage mit insgesamt 148 Eigentumswohnungen, die 1973 bezugsfertig waren.

Der mächtige Orpheus

Vor den olympischen Sommerspielen 1972 erlebte München einen baulichen Entwicklungsschub, der den quälenden Wohnungsnotstand einer sich seit 1945 mehr als verdoppelten Bürgerschaft allmählich milderte. In Opposition zu städtischen Strategien für großmaßstäbliche Siedlungen organisierte sich 1968 eine Gruppe aus Architekten, Planern und Bürgern zum Münchner Forum. Mitinitiator war Jürgen Freiherr von Gagern, der sich für ein individuelles Wohnen einsetzte. Gemeinsam mit seinen Partnern untergliederte er daher das Projekt „Orpheus und Eurydike“ in zwei Gebäude: das mächtige, 13-stöckige Hochhaus Orpheus zur Ungererstraße und das breitgelagerte, neungeschossige Haus Eurydike zur ruhigeren Soxhletstraße. Dem Orpheus wurde eine ebenfalls von der Architektengemeinschaft entworfene Shell-Tankstelle mit drei Zapfsäulen vorgelagert, deren schweres Dach über drei schlanken Stützen zu schweben scheint. Der Verkaufsraum und die Serviceräume der Tankstelle inklusive Autowaschanlage sind bis heute – neben anderer gewerblicher Nutzung – im Erdgeschoss des Hochhauses untergebracht.

Bei Orpheus handelt sich um einen Sichtbetonbau auf einem vieleckigen, annähernd trapezförmigen Grundriss mit 112 Eigentumswohnungen. Seine Fassaden werden zu drei Seiten durch breite, versetzt angeordnete Balkone aus Betonfertigteilen bestimmt. Ihre flügelähnlichen, abknickenden Flächen, die sich nach außen neigenden Brüstungen mit Blumenwannen und schrägen Trennwänden zum Nachbarn verleihen Orpheus eine dynamische Wirkung. Das Innere wird entlang eines abknickenden, sich verzweigenden Mittelgangs abwechslungsreich erschlossen. Pro Geschoss finden sich neun unterschiedlich geschnittene Wohnungen mit ein, zwei oder drei Zimmern und Balkon auf einer Grundfläche von 40 bis 99 Quadratmetern. Das Terrassengeschoss teilen sich drei Wohnungen von bis zu 297 Quadratmetern Grundfläche. Die mehrheitlich kleinen bis mittelgroßen Wohnungen wurden im Erbbaurecht verkauft. Als Käufer waren Durchschnittsverdiener vorgesehen.

Die ’schöne‘ Eurydike

Ganz anders die Wohnungen der großzügigeren und gestalterisch aufwendigeren, der ’schönen‘ Eurydike: Diese waren für eine wohlhabendere Käuferschicht bestimmt, die mindestens 354.000 Deutsche Mark für eine der 36 Eigentumswohnungen zahlen sollte. Die Eurydike setzt sich aus zwei im flachen Winkel zueinander stehenden Flügeln zusammen. Dazwischen ist ein freistehender Erschließungsturm mit einem umlaufenden, verglasten Treppenaufgang und ebenfalls verglasten Verbindungsbrücken angeordnet. Die Sichtbeton-Fassaden beider Gebäudeflügel zeigen zur Straße wie zum rückwärtigen Garten eine einheitliche Gestaltung aus vorspringenden oder eingezogenen Elementen. Auch hier wirken die Balkone bestimmend, die durch die vorgezogenen Wohnungstrennwände eher als Loggien ausgebildet sind. Die Gliederung der Fassaden ergibt sich aus den Grundrissen der Wohnungen, die als ineinander verschränkte, durchgesteckte Maisonettes über jeweils 1,5 Etagen angelegt sind. Doppelgeschossige Räume mit breitem Balkon in der unteren Wohnebene und seitlichem, schräg gestelltem Balkon in der oberen Ebene der einen Maisonette-Wohnung wechseln sich mit den breiten Balkonen vor den Schlafzimmern der nächsten Wohnung ab. Durch eine Vollverglasung mit Aluminium-Fenstern und -Schiebelementen erscheint die Eurydike offen und einladend.

Im Innern sind die Wohnungen beidseits eines Mittelflures entweder als Ost- oder Westtyp organisiert. Der Osttyp wird auf der Wohnebene betreten und über eine Wendeltreppe das durchgehende obere Geschoss mit Küche, Galerie und zwei Schlafräumen erreicht. Der Westtyp hingegen hat seinen Eingang auf der oberen und die Schlafräume auf der unteren Ebene. Die obersten sechs Wohnungen verteilen sich jeweils über 2,5 Etagen, besitzen eine ausgedehnte Dachterrasse und sind mit 300 Quadratmetern Grundfläche die großzügigsten Einheiten der Anlage. Die Grundrissgestaltung der Wohnungen sollte jeweils durch den neuen Eigentümer individuell angepasst werden. Daher verzichtete man weitgehend auf tragende Innenwände. Stattdessen wurden die Trennwände durch einen 11,5-Grad-Knick ausreichend ausgesteift.

Das verbindende Grün

Der farbenfrohe Erschließungsturm mit den Aufzügen, den Klingelschildern, der Briefkastenanlage und der gestreiften Auslegware in den Fluren und Noppenböden wurde – im Hinblick auf die Vorgaben der Tankstelle – von Eva-Maria von Gagern-Hübsch in Gelb, Orange, Grau und Pastellgrün entworfen. Für Orpheus und Eurydike lobte schon die Verkaufsbroschüre „das Zusammenspiel von Phantasie und den technischen Möglichkeiten des Stahlbetons“. Die eingesetzte Halbfertigbauweise wurde von der Architektengemeinschaft zuvor für die Wohnanlage „Max und Moritz“ im Münchner Süden erprobt. Fertigteilplatten aus 20 Zentimeter starkem Stahlbeton wurden über einer Dämmschicht Ortbeton in Spezialschalung vorgesetzt. Bei den nichtgedämmten Bauteilen wie dem Treppenhaus oder den Balkonen bleiben die sehr glatten Platten-Oberflächen sichtbar. Die übrigen, vorspringenden Flächen in Ortbeton zeigen ein ungewöhnlich deutliches Schalungsprofil und ein sehr einheitliches Relief, das durch die Wiederverwendung der Schalungsbretter entstand.

Orpheus und Eurydike werden durch eine gemeinschaftliche Außenanlage verbunden – gestaltet vom aufstrebenden Landschaftsarchitekt Gottfried Hansjakob (*1937), der zuvor den Wettbewerb für den Bonner Rheinauenpark gewonnen hatte. Die Münchener Gartenanlage zeigt gerundet geführte Wege mit Randeinfassungen, runde Rosenrabatten in der Mitte der Rasenfläche und dichtere Bepflanzung an den Rändern. Sitzplätze und eine kleine Spielplatzfläche befinden sich an der nordöstlichen Ecke des Grundstücks. Garten- und Wohnanlage blieb erstaunlich gut und unverändert erhalten. Das gemeinsame Werk der Architektengemeinschaft ist mit drei Projekten überschaubar, aber markant. In ähnlicher Haltung wie bei „Orpheus und Eurydike“ entstanden von 1967 bis 1969 die strengeren Wohntürme „Max und Moritz“ in Solln und von 1973 bis 1977 die städtebaulich bedeutsame Amalienpassage in der Maxvorstadt. Die ausdrucksstarke Wohnanlage Orpheus und Eurydike jedoch verbindet die künstlerisch individuelle Antwort auf die funktionalen und sozialen Anforderungen in besonderer Weise mit einer aufs Serielle zielenden Gestaltung. (März 2019)

Alle Abbildungen: München, Wohnanlage „Orpheus und Eurydike“ (Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Michael Forstner).

Literatur und Quellen

Aaken, Wiepke van, Expressives Bauen in Beton. „Orpheus und Eurydike“ in München-Schwabing, in: Denkmalpflege Informationen 2019, 170, S. 37-40.

Eigentums-Wohnanlage ‚Eurydike‘ in München, in: Glasforum 1975, 3, S. 31-33.

Fankhänel, Teresa: Wohnhäuser Orpheus und Eurydike, München, Deutschland, in: Elser, Oliver/Kurz, Philip/Cachola Schmal, Peter (Hg.), SOS Brutalismus, Ausstellungskatalog, Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main, Zürich 2017, S. 476-477.

Städtebau München. Blindes Treiben, in: Der Spiegel 1968, 31, S. 80-81.

Gespräch mit Jürgen Freiherr von Gagern, 26. Juni 2018, sowie Borschüren und Planmaterial der Bauzeit.