Erfurt, Alstadt (Bildquelle. Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 9, 4, 1962, S. 355)

Formen der Veränderung

von Ben Kaden

Wer sich durch Ostdeutschland bewegt, entdeckt sie nach wie vor reichlich: Spuren der Bau- und Planungskultur des DDR-Städtebaus – und wie sie nach und nach gründlich überformt werden. Abriss, Umbau, Verfall sind die Formen der Veränderung, die auf das einwirken, was 1990 stadträumlich umgesetzt war. Der Denkmalschutz tritt mittlerweile zwar öfter auf, naturgemäß aber nur in Ausnahmefällen.

 

Wer schreibt, der bleibt

Den Dokumentationen dieser Planungen erging es zumindest etwas besser, auch wenn nicht alle Archive und Bibliotheken verlustfrei durch die 1990er und 2000er Jahre gelangten. Sie bleiben als Zeitzeugnisse und Material, dessen Aufarbeitung umso dringlicher erscheint. Denn ihre Bezüge, also die gebauten Zeugnisse der DDR, gehen zunehmend verloren oder werden überdeckt. Die Frage ist heute weniger, ob man sich damit befassen soll, sondern wie.

Es dauerte erstaunlich lange, bis sich Architektur- und Kulturgeschichte systematisch darauf einließen. Die Zahl der Publikationen wächst erfreulicherweise: Da sind zum einen die oft leicht nostalgisch eingefärbten Veröffentlichungen, die häufig unter dem arg engen Label Ostmoderne auffällige Leuchtturmprojekte der Schalenbauweise, den Alexanderplatzes und die Karl-Marx-Allee zur Schau stellen. Und da sind zum anderen die Fachbücher, die darüber hinaus einen analytischen und kontextualisierenden Ansatz verfolgen. Für die letztere Kategorie ist vor allem die in Weimarer Reihe „Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR“ zu nennen. In dieser erschien nun der sechste Band „Utopie und Realität“, der sich stadträumlich mit Erfurt, Oberhof, Suhl und Weimar (ergänzt um Gotha) in beeindruckender Detailliertheit auseinandersetzt.

 

Vier (+1)

Damit liegen nun für die benannten vier (+1) Städte materialreiche Fallstudien vor, die durchaus vorbildhaft sind. Denn trotz aller Dichte bleiben sie übersichtlich, gut lesbar, mit hohem Recherche- und Anregungspotential. So eröffnen sie einen einladenden Zugang zu diesen Fragen: Wie sollte eine sozialistische Stadt sein? Was wurde aus diesem Anspruch? Und was folgt daraus für die Gegenwart? Die vier behandelten Fälle sind auch deshalb besonders interessant, weil es sich gerade nicht um die schon recht gut beforschten sozialistischen Planstädte handelt, sondern um ein Bauen im bzw. mit Bezug auf den Bestand. Während Stalinstadt fast buchstäblich mit der Axt im Kiefernwald begonnen werden konnte, brachten alle vier untersuchten Städte bereits gesellschaftliche, traditionsgeprägte und ideelle Bezüge mit. Dazu kamen Kriegsspuren und wechselnde Vorstellungen des jeweils anzustrebenden sozialistischen Stadtideals.

Weimar beispielsweise galt als Kulturzentrum der DDR. Diese bedeutende Aufladung wirkte auf Überlegungen zur Stadtgestaltung zurück. Diese strebte von zunächst sehr radikalen Umgestaltungswünschen mehr und mehr in Richtung Bewahrung und Inszenierung des Gegebenen. Simon Scheithauer bestimmt das 1000-jährige Stadtjubiläum 1975 als eine Art Wendepunkt, der spätestens in den frühen 1980er Jahren zu einer „historiografischen Zäsur“ führte. Die im September 1975 ausgegebene Jubiläums-Briefmarke zeigt übrigens eine Stadtansicht Weimars: einen Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert.

 

„Selbstbehauptungsdenken“

Wo Weimar Kulturzentrum ist, ist Erfurt der Verwaltung und dem Selbstverständnis nach, wie Mark Escherisch eröffnet, eine Bürgerstadt mit ausgeprägtem „Selbstbehauptungsdenken“. Zugleich stand Erfurt etwas isoliert, bis es 1948 – wenn auch kurz – erstmalig Landeshauptstadt Thüringens sein durfte. 1952 war man dann „nur“ noch Bezirksstadt. Trotz einer Reihe von Luftangriffen blieb vergleichsweise viel historische Bausubstanz erhalten, was die Rekonstruktionsdebatten prägte. „Das neue Erfurt ist eine alte Stadt“, stellte der städtebauliche Wettbewerb 1966/67 in den Raum. Diese Prämisse überlebte die ganze DDR, auch wenn sie häufig konträr zu den Planungs- und Gestaltungswünschen der sozialistischen Moderne lag. Man wollte Geschichte und damit auch den Stadtkern erhalten, diesen zugleich mit sozialistischen Formen und Inhalten zusammenführen: Neu- und Altbauten sollten verschmelzen.

Wo die Aufteilung Thüringens in drei Bezirke für Erfurt zum Bedeutungsverlust führe, gewann Suhl: Es wurde ebenfalls Bezirksstadt und stach damit Meiningen (zu bürgerlich) und Sonneberg (zu grenznah) aus. Suhl galt als Arbeiterstadt, ab 1978 sogar als eine mit  Philharmonie. Die Stadtplanung musste sich für die neue Bezirksstadt also auch auf Verwaltung und Repräsentation konzentrieren. Hinzu kamen die Tallage und eine wenig beschädigte, dafür sehr dicht bebaute und besiedelte Innenstadt, wie Jens Nehring gründlich herausarbeitet. Das neue Stadtzentrum Suhls ist in der DDR-Baugeschichte einmalig. Im Gegensatz zu anderen neuen Zentren (Chemnitz, Dresden) entstand es nicht aus einer nachkriegsbedingten Notwendigkeit, sondern aus einer politischen Entscheidung heraus. Das Ergebnis: „eine Kleinstadt mit großstädtischem Charakter“. Heute erscheint die „Suhler Moderne“ fast wie eine Hypothek, zudem deformiert durch Abrisse bzw. Umbauten und von den heutigen Stadtplaner wenig wertgeschätzt.

 

Für Gäste aus aller Welt

Daniela Spiegel führt schließlich nach Oberhof. Das war bis 1985 nicht einmal eine Stadt, dafür jedoch schon seit dem frühen 20. Jahrhundert ein Wintersportzentrum mit saisonal schwankender Bevölkerungsdichte. Später sollte Oberhof zum „St. Moritz der DDR“ entwickelt werden, zum international erlebbaren Repräsentationsort der DDR. Das Interhotel „Panorama“ verkörperte diesen Wunsch wohl am sichtbarsten. Die Großgaststätte „Oberer Hof“, gedacht als Erlebniszentrum für die Gäste aus aller Welt, war in der Praxis dann doch vorwiegend ein Treffpunkt für Besucher aus allen Bezirken. Die Materialien Holz, Schiefer und hier und da Naturstein sollte zumindest als Referenz eine folkloristische und naturräumlich-traditionelle Stimmung erzeugen. Weitere prägende Bauten waren die FDGB-Ferienheime „Rennsteig“ (abgerissen 2002) und „Fritz Weineck“ (abgerissen 2003), die beide im Buch noch einmal auferstehen dürfen. Von einem im Stil der DDR-Postmoderne geplanten FDGB-Heim namens „Beerberg“ gibt es nur zwei Entwurfsabbildungen: Zum Ende der DDR existierte lediglich ein Fundament und danach kein weiterer Bedarf an zusätzlichen Ferienplätzen in Rennsteig-Nähe.

 

In der Abstellkammer

Während Weimar und Erfurt heute recht gut zu fahren scheinen, sind Suhl und Oberhof fast typische Fälle herausgeforderter ostdeutscher Kleinstädte, die sich neu finden müssen. Nachvollziehbar betont Daniela Spiegel, dass DDR-Planungen auch für das gegenwärtige Oberhof relevante Anregungen enthalten hätten – sofern man sie nicht bis 2016 in einer Abstellkammer des Bauamts vergessen hätte. Umso wichtiger sind Bücher wie das vorliegende, die weit über ein kurioses Interesse an einem abgeschlossenen historischen Feld hinausreichen. Sie ermöglichen ein wichtiges Tiefenverständnis dieser Stadträume, denen man heute leider zu selten eine zeitgemäße. souveräne und durchdachte Planung ansieht. (25.6.18)

Scheithauer, Simon /Escherich, Mark/Nehring, Jens/Spiegel, Daniela/Meier, Hans-Rudolf (Hg.), Utopie und Realität. Planungen zur sozialistischen Umgestaltung der Thüringer Städte Weimar, Erfurt, Suhl und Oberhof (Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR 6), Bauhaus Universitätsverlag Weimar, Weimar 2018, 244 Seiten, 20,3 x 1,5 x 24,9 cm, ISBN 978-3957732446.

Erfurt, Altstadt (Bildquelle. Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 9, 4, 1962, S. 355)