Titelmotiv: Berlin, Palast der Republik, um 1977 (Bild: Istvan Csuhai, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Friede den Palästen

Ein delikates Datum: Das Berliner Humboldt-Forum steht kurz vor der Einweihung, und genau heute vor 45 Jahren wurde am 23. April 1976 der Palast der Republik feierlich eröffnet. Nur 15 Jahre wird der „Palast für das Volk“ in seiner erdachten Funktion genutzt. Fünf Architekten planten unter der Leitung von Heinz Graffunder das Grundkonzept für das Bauwerk. Unter ihnen war der gebürtige Chemnitzer Wolf R. Eisentraut (*1943). Mit ihm sprach Danuta Schmidt über genutzte und vertane Chancen, Volltreffer, Fehler und einen verlorenen Palast.

Berlin, Wolf Eisentraut und Danuta Schmidt 2019

Wolf R. Eisentraut und Danuta Schmidt 2019 im Freizeitforum Berlin-Marzahn (Bild: privat)

Danuta Schmidt: Welche Bedeutung hatte der Palast der Republik für Sie als Architekt und als Mensch?

Wolf R. Eisentraut: Beim Palast kam ich mit 29 Jahren in den harten Projektierungsalltag und das gleich mit großer Verantwortung. Das gehört zu meiner aufregendsten Zeit. Wer hat als Architekt schon die Chance, einen Palast zu bauen, an einem so exponierten Ort? Und ich hatte nicht nur zu planen, sondern auch eine Abteilung aufzubauen, als jüngster Chef im Baukombinat. Nach meiner Mitarbeit am Gesamtentwurf war ich dann verantwortlich für die Eingangshalle, Foyer und Theater, für den gesamten Mittelteil.

D.S.: Allein der Name „Palast“! Ein Palast. Für die Republik. Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ein Glück! Wie erklären Sie sich das heute?

W.R.E: Da spielt der zeitliche Zufall eine Rolle. Ich hatte studiert und wollte im gemütlichen Sachsen bleiben. Einen Vertrag hatte ich bereits unterschrieben. Während des Studiums nahm ich an Architekturwettbewerben teil und ein erfolgreicher Beitrag für die Innenstadt Prenzlau ließ mich in den Fokus von Hermann Henselmann geraten. Er suchte junge Leute für seine neu eingerichtete Experimentalwerkstatt bei der Bauakademie und so bestellte er mich 1968, ich blieb drei Jahre in seinem Team und wurde sächsischer Berliner.

D.S.: Ein Auftragswerk mit sehr hoher Verantwortung: politisch, gestalterisch, technisch. Architektur ist jedoch auch oft Spiegel der jeweiligen Macht, heute mehr denn je. War Machtgebaren hier ein Thema?

W.R.E: Überhaupt nicht. Es war die große Chance, etwas Großes mitten in der Stadt zu platzieren und das Ensemble des neuen Stadtzentrums zu vollenden, die Leere des Platzes mit einem öffentlichen Gebäude zu füllen. Es war kein Regierungssitz wie heute suggeriert wird. Dennoch: 1973 begann das Bauvorhaben. Da spielte gewiss die damalige Anerkennungswelle der DDR eine Rolle und da wollte man aufwarten mit einem repräsentativen Gebäude für Kongresse und Veranstaltungen mitten im Zentrum.

Berlin, Palast der Republik im Bau, 19.9.1974 (Bild: Peter Heinz Junge, Bundesarchiv Bild 183-N0919-0011)

Der Berliner Palast der Republik im Bau, 19. September 1974 (Bild: Foto: Peter Heinz Junge, Bild: Bundesarchiv, Bild 189-N0919-0011, CC BY-SA 3.0)

D.S.: Der Palast hatte eine Grundfläche von 80 Metern Breite und 180 Metern Länge. Wie plant man so etwas?

W.R.E: Innere Funktion und die Erscheinung im Stadtraum bestimmten das Grundkonzept. Nach innen orientierte und der Konzentration dienende Säle, umschlossen und verbunden mit gläsernen Foyers, die den umgebenden Stadtraum erlebbar machen. Das konnte ja nicht nur der Volkskammersaal für die Politik sein, sondern musste mit Leben gefüllt werden für das Vergnügen des Volkes. Dies umzusetzen in einem Bauwerk, war die große Herausforderung und es war schnell das Raumprogramm klar: Es müssen Gaststätten und ein großes Foyer sein. Wenn 5.000 Leute kommen, muss es Pausenversorgung geben. Da muss eine Hallenbar, eine Galerie mit Ausblicken sein. Und es war von Anfang an der Gedanke, dass dort repräsentative Kunst zu sehen ist. Auch ein Veranstaltungsort für kleinere Veranstaltungen wurde geplant. Sogar ein Postamt, Weinstube, Kegelbahn, Jugendclub, Sprachkabinette und ein Souvenirshop. Und schließlich, und das war mein spezielles Lieblingsstück: ein Theater, das „Theater im Palast“ (tip).

D.S.: Auch städtebaulich war die gestalterische Hürde hoch in unmittelbarer Nachbarschaft zum Berliner Dom, der Museumsinsel und dem Staatsratsgebäude. Verfechter der historischen Mitte monieren das Monströse. Wie sehen Sie das?

W.R.E: Der Entwurf zielte auf eine moderne, zeitgemäße Gestaltung unter Respektierung der vorhandenen Bauten. Der erhabene Kuppelbau des Berliner Domes, die Säulenhalle des Schinkelschen Alten Museums, aber auch Marstall und Staatsratsgebäude bestimmten den Raum, in den sich der Palast mit bewusst begrenzter Höhe parallel zur Spree als ein neuer Teil des Ensembles eingefügt hatte. Monströs ist eher das stadtraumbeherrschende Schloss-Imitat mit seiner Schlosskuppel, die ursprünglich zur Machtdemonstration des Deutschen Kaiserreichs diente. Nun nimmt eine Kopie dem Berliner Dom die Dominanz.

D.S.: Zwischen 2006 und 2008 kam die Demontage des Palastes der Republik. Es war vor allem die politisch motivierte Entkernung. Am Ende fand jeder das Bauwerk hässlich. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

W.R.E: Das war sehr betrüblich. Keineswegs fand jeder das Bauwerk hässlich, die Schlossbefürworter aber schon. Der Abriss war ja schon 1990 beschlossene Sache. Das wissen viele heute nicht. Die übliche Methode der Entsorgung baulicher Zeugnisse der ungeliebten Gesellschaft wurde auch hier angewendet: Erst Leerstand erzeugen, dann vergammeln lassen. Selbst bei der Galerie M in der Marzahner Promenade ist das so gemacht worden. Dieser Prozess geht über Jahrzehnte, bis auch der letzte Ossi sagt: Also schön ist es nun nicht mehr.

Berlin-Marzahn, Galerie M (Bild: Danuta Schmidt)

Berlin-Marzahn, einstiger Sitz der Galerie M (Bild: Danuta Schmidt)

D.S.: War der Abriss ein Fehler?

W.R.E: Es war eindeutig ein Fehler. Das Museum „Humboldt-Forum“ ersetzt nicht die an diesem Ort ehemals erfolgreiche Nutzungsvielfalt. Übrigens hatte ich im Jahre 2001 der „Schlossplatzkommission“ einen Entwurf vorgelegt, der den Palast erhalten hätte und mit einem davor errichteten Museums- und Ausstellungsbau sowie einem Turm für Schloss und Schlüter in ein völlig neues städtebauliches Ensemble eingebunden hätte. Damit wäre der damalige Demonstrationsplatz ausgefüllt worden und hätte einen neuen Stadtraum vis-a-vis des Lustgartens erzeugt. Als Inhalt hätte da auch das Humboldt-Forum großzügig und angemessen Raum finden können, ohne es in die nun teuer nachgebaute Hülle zwängen zu müssen. Aber das Ziel der Kommission unter der Leitung von Hannes Swoboda war ein anderes.

D.S.: Mit dem verbreiteten Wissen, dass Abriss und Entsorgung 119 Millionen Euro und der historisierende Neubau mehr als 682 Millionen gekostet haben, mit dem Blick zurück auf Erfahrungen aus 31 Jahren Deutscher Einheit, Einigkeit? sowie dem Blick nach vorn auf das globale Thema ressourcenschonendes Bauen: Welche Chance hätte der Palast im Jahr 2021?

W.R.E: Die genannten Kosten dürften nach meiner Erfahrung höher liegen. Erst Gesamtkosten ergeben das wahre Bild. Aber darauf kommt es hier offensichtlich nicht an. Gesamtbetrachtungen werden vermieden. Und dazu doppelte Umweltbelastung durch Abriss und Neubau. Ich setze mich schon immer für Nachhaltigkeit und die Nutzung vorhandener Substanz ein, so u.a. bei meinen Projekten in Sachsen. Da habe ich Sechs- zu Dreigeschossern umgebaut, anstelle abzureißen oder die vergegenständlichte Energie zu vernichten. Der Palast wäre, hätte man ihn nicht mit hohem Aufwand zerstört, ein weiteres attraktives Kongress-und Kulturzentrum in der Mitte der deutschen Hauptstadt gewesen. Und angesichts zunehmender Wertschätzung der Ostmoderne wäre heute die Abrissdiskussion möglicherweise etwas anders verlaufen. Oder ist das blauäugig…?

Prof. Dr. Wolf Rüdiger Eisentraut: Studium an der TU Dresden, dort in den achtziger und neunzigern Jahren Professur für Gesellschaftsbau; Entwurf und Bau des Palastes der Republik (1973 bis 1976), später Wohngebietszentren, Gaststätten und Kaufhäuser sowie gesamtverantwortlich für das Wohngebiet Marzahner Promenade mit Freizeitforum Marzahn (heute vielfältig genutzt), Galerie M (Abriss), Rathaus Marzahn (Denkmal), nach der Wende bundesweit tätig, insbesondere Umbau von Plattenbauten von Saßnitz bis Plauen sowie publizistische Tätigkeit.

Briefmarke, Palast der Republik, Quelle Wikiwand, CC0

Briefmarke, Berlin, Palast der Republik April 1976 (Quelle: Wikiwand, CC0)

Berlin, Jugendtanz im Palast der Republik 1976 (Bundesarchiv Bild 183-R0706-417)

Berlin, Jugendtanz im Palast der Republik 1976 (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-R0706-417, CC BY-SA 3.0)

Berlin, Palast der Republik 2005 (Bild: Andreas Praefcke, CC0)

Berlin, Palast der Republik 2005 (Bild: Andreas Praefcke, CC0)

Berlin, Abriss des Palastes der Republik 2007 (Bild: Sir James, CC0)

Berlin, Abriss des Palastes der Republik 2007 (Bild: Sir James, CC0)

Berlin, Humboldt Forum (Bild: Michael Wolf, Penig; CC BY-SA 4.0)

Berlin, Humboldt Forum 2020 (Bild: Michael Wolf Penig, CC BY-SA 4.0)

Titelmotiv: Berlin, Palast der Republik, um 1977 (Bild: Istvan Csuhai, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)