Mission impossible?

von Olaf Gisbertz

Zur Verleihung des Frankfurter Adorno-Preises schrieb Jürgen Habermas 1980 ein Essay über „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“. Als damaliger Preisträger war der Philosoph ein Chrono- und Seismograf seiner Zeit, die er in all ihren Facetten als brüchig und widersprüchlich beschrieb. Diese Epoche großer politischer und gesellschaftlicher Spannungen steht seit Jahren im Fokus der Denkmalpflege. Nach einer Reihe von Veröffentlichungen hat nun eine Forschergruppe aus Weimar und Dortmund (um die Herausgeber Wolfgang Sonne, Frank Eckhardt, Ingrid Scheurmann und Hans-Rudolf Meier) ein neues Werk zu eben jener Spätmoderne vorgelegt.

 

Über eine „ungeliebte Epoche“

In der Publikation „Welche Denkmale welcher Moderne?“ werden bisherige Ansätze zusammengefasst und der Blick über die deutschsprachigen Grenzen hinaus geschärft, fehle es doch allenthalben an wissenschaftlichen Kriterien für diese baulichen Zeugnisse. So entstand ein Buch, das wohl in keinem Denkmalpfleger-Regal fehlen wird. Es wird zum Nachdenken über diese jungen Baubestände anregen und die Aneignung dieser vielfach noch „ungeliebten Epoche“ befördern. Dennoch, um es gleich vorweg zu sagen, es wird wohl nicht vor weiteren Verlusten schützen. Nicht weil es nicht sinnige Beiträge enthielte, sondern weil es einen wesentlichen Punkt außer Acht lässt: die Möglichkeiten der Bauwerkserhaltung für junge Baubestände in einer Welt neuer Herausforderungen hinsichtlich Brandschutz, Komfort und Energieeffizienz, seien sie denkmalgeschützt, denkmalwürdig oder aus Gründen gegenwärtiger Nachhaltigkeitskonzepte erhaltenswert.

Dem Buch, das insgesamt 17 Aufsätze zur Spätmoderne der 1960er und 70er Jahre vereint, ging ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstütztes Forschungsprojekt mit einer Fördersumme von rund 750.000 Euro voraus. Es wurde begleitet von einem professionellen Internetauftritt, Ausstellungen und einem breit angelegten Symposium mit internationaler Beteiligung an der TU Dortmund. So konnte Großes erwartet werden, um der Frage „Welche Denkmale welcher Moderne?“ endlich Herr zu werden.

 

Von den Anfängen der Debatte

Nach einer kursorischen Einführung in die jüngste Architekturgeschichte dieser Moderne durch Wolfgang Sonne stehen am Beginn des Bands – gemäß des interdisziplinären Forschungsansatzes – die Ergebnisse der soziologischen Betrachtung: Anhand einer oft vernachlässigten Denkmalgattung, dem Einfamilienhaus, wird das „ABC einer gebauten Sozialontologie“ entfaltet: eine Lehre der An- und Abneigung für Phänomene der Spätmoderne der 1960er und 70er Jahre. Unter 25 alphabetisch sortierten Schlagworten – wie Automobil, Familie, Dichte und Zwischenstadt – finden sich Punkte, wie man sie aus anderen Studien schon kannte. Das Bild der Spätmoderne flackert erneut so „unwirtlich“ auf, wie es einst der Doyen der deutschen Architektursoziologie Alexander Mitscherlich in seiner gleichnamigen Publikation zur „Anstiftung von Unfrieden“ vorgezeichnet hatte. Erneut konstatiert sich hier gleich zu Beginn des Buchs die Unmöglichkeit zu einer vorurteilsfreien und werteneutralen Bewertung des Baubestands jener Jahre.

Die Autoren verweisen ausdrücklich auf das Dilemma einer sich zyklisch wiederholenden Denkmalerfassung und -bewertung, die sich – entgegen einer breiten Ablehnung der Spätmoderne seit dem europäischen Denkmalschutzjahr 1975 – eigentlich ebenso schnell vollziehen müsste wie der gesellschaftliche Wertewandel und die Innovationsschübe des industrialisierten Bauens. Denn angesichts der Fülle von Architekturen, die vielfach mit unzureichend erprobten Baumaterialien auf Nutzen und Verbrauch hin angelegt waren, sprach man schon vor 20 Jahren vom „Denkmal als Altlast“ (Uta Hassler, 1996).

 

Zu kompliziert für einfache Lösungen

Ein Rezept gegen dieses „Auswahl- und Bewertungsdilemma“ sucht man indes vergeblich, denn, so die Herausgeber: „Die pluralistische Welt ist kompliziert und verschließt sich einfachen Lösungen.“ (S. 264) Nichtsdestotrotz bleibt das Buch lesenswert, fragt es doch ausführlich nach dem Denkmalkriterium des „Besonderen im Allgemeinen“ oder einer Unterschutzstellung trotz der „Gleichwertigkeit aller Objekte“. Diese „Qual der (Aus-)Wahl“ (Bianka Trötschel-Daniels) der „Moderne im Bewertungsprozess“ (Torben Kiepke) bleibt eine Mammutaufgabe: ob „Von Top Monumenten bis Tentativlisten“ (Katja Hasche) oder vom Blick in die Niederlande nach Polen und England. Dabei reflektiert man stets die „Großstrukturen der Nachkriegsmoderne“ (Sonja Hnilica) bis hin zu modernen Denkmälern in Gesellschaftsprozessen gegenwärtiger Migration (Carsten Müller). Redundanzen werden auch in der weiterführenden Debatte nicht ausbleiben, ist doch eine allgemeine Strategie noch in weiter Ferne. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Kurzfristig werden es  wohl nur GIS-gestützte Verfahren und eine angewandte Forschung erlauben, dem Massenphänomen des „Seriellen Bauens“ der 1960er und 70er Jahre Hilfe und Schutz zu gewähren. Es braucht weitere Aushandlungsprozesse der Denkmalpflege, von denen vor allem auch zukünftige Denkmaleigentümer und -nutzer profitieren können. (22.6.17)

 

Zum vorgestellten Buch

Eckardt, Frank/Meier, Hans-Rudolf/Scheurmann, Ingrid/Sonne, Wolfgang (Hg.), Welche Denkmale welcher Moderne? – Zum Umgang mit Bauten der 1960er und 70er Jahre, Jovis Verlag, Berlin 2017, Hardcover, 19,5 x 24 cm, 324 Seiten, ca. 165 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Deutsch, ISBN 978-3-86859-443-0.

Titelmotiv: Welche Denkmale welcher Moderne? (Bild: Buchcover, Jovis Verlag)