FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

von Arne Herbote (21/4)

1971, gleich im ersten Jahr seines Bestehens, gewann das Büro Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner (PJS) drei Architekturwettbewerbe für neue Schulhäuser – für das Oberstufenzentrum Wedding in Berlin, die Integrierte Gesamtschule (IGS) West in Braunschweig sowie das Schulzentrum im niedersächsischen Königslutter. In der Folge entwarf und realisierte das Büro weitere Schulbauten hoher konzeptioneller und gestalterischer Qualität. Von den Standorten Braunschweig, Berlin und Hamburg aus beteiligte sich das Team von zeitweise bis zu 200 Architekt:innen an einer Vielzahl von nationalen und internationalen Wettbewerben, von denen rund 70 Schulen zum Gegenstand hatten. Rechnet man die von Hans-Joachim Pysall alleine ab 1964 und zwischen 1965 und 1970 mit seinem damaligen Büropartner Eike Rollenhagen entwickelten Entwürfe, die teils vom Büro PJS fertiggestellt wurden, mit, so kommt das Büro auf 23 realisierte Schulbauten in den 1960er bis 1980er Jahren.

Barcelona, Deutsche Schule, (Entwurf Pysall und Rollenhagen, Realisierung Architekten PJS, 1969–1976 (Bild: SAIB G124)

Barcelona, Deutsche Schule (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Pysall und Rollenhagen

Die erfolgreiche Etablierung des Büros PJS im Schulbau hat eine Vorgeschichte: Hans-Joachim Pysall war bereits einige Jahre zuvor mit dieser Bauaufgabe und den sich wandelnden Anforderungen und Konzepten der Bildungspolitik und Pädagogik befasst. Seinen ersten Schulbauwettbewerb für eine Mittelpunktschule nahe Braunschweig gewann er 1964, und damit in dem Jahr, als der Pädagoge Georg Picht Deutschland eine „Bildungskatastrophe“ attestierte und umfassende Reformen forderte. Die damaligen gesellschaftlichen, ökonomischen, demografischen und technologischen Entwicklungen ließen in der Bundesrepublik eine weitreichende Überarbeitung des Schulwesens notwendig werden. Ein Teil der Lösungsstrategien der Bundesländer und Kommunen war die Produktion von zahlreichen mannigfaltig konzipierten und teils experimentellen Neubauten.

Hans-Joachim Pysall und Eike Rollenhagen, die ab 1965 in Braunschweig und Berlin ein Architekturbüro betrieben, wussten diese Konstellation für ihre berufliche Entwicklung zu nutzen. Sie erlangten durch die ersten Preise für das Französische Gymnasium in Berlin (1966, Realisierung durch PJS bis 1974), das Schulzentrum in Wolfsburg-Westhagen (1966, Fertigstellung 1969) und die Deutsche Schule in Barcelona (1969, Realisierung durch PJS bis 1976) bundesweit Reputation als innovative Planer und Gestalter von Schulen. Zahlreiche zeitgenössische Publikationen in Fachzeitschriften dokumentieren dies.

Sowohl in Berlin-Tiergarten als auch in Barcelona entstanden vielgestaltige Kompositionen, die verschiedene Nutzungsbereiche wie Fachtrakte, Aula oder Sporthalle ablesbar machen. Sorgfältig detaillierte Sichtbetonelemente und geschlossene rote Ziegelflächen prägen das Erscheinungsbild beider Schulen. Hinzu treten innen- und außenräumlich leuchtende Farben an Elementen wie Türen und Jalousien sowie an Wänden und Decken.

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB G124)

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB , Nachlass PSP)

PJS: Braunschweiger Schüler

1971 tat sich Hans-Joachim Pysall, der 1955 sein Architekturstudium an der Technischen Hochschule (TH) Braunschweig abgeschlossen hatte, mit den beiden jüngeren Kommilitonen Uwe Jensen und Peter Stahrenberg (beide Diplom 1966) zusammen. Durch ihr Studium an der TH Braunschweig waren die drei Braunschweiger Schüler sehr gut im Entwerfen geschult und für das Wettbewerbswesen gerüstet. Wie viele Absolvent:innen der Braunschweiger Schule der Nachkriegsjahrzehnte – exemplarisch sei hier auf die Büros von Gerkan, Marg und Partner in Hamburg sowie Storch und Ehlers in Hannover verwiesen – etablierten PJS sich innerhalb dieses spezifischen Systems der Architekturproduktion. Sie spezialisierten sich zunächst im Schul- und bald darauf im Verwaltungsbau.

Die zahlreichen Architekturwettbewerbe boten Pysall, Jensen und Stahrenberg in dieser exzeptionellen Phase an Ausbau, Erneuerung und Experimentierfreude im bundesrepublikanischen Bildungssektor ein reichhaltiges Betätigungsfeld. Auf die auftraggeberseitigen Wünsche nach „Wandelbarkeit“, „Durchlässigkeit“ und „Diversifikation“ fanden sie in Wettbewerbsbeiträgen mit passenden architektonischen Konzepten überzeugende Antworten für Standorte in Berlin, Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Aus zahlreichen ersten Preisen resultierten Aufträge für Schulen unterschiedlicher Größe, Lage und Organisation.

Braunschweig, IGS West, Grundriss Erdgeschoss (Architekten PJS, Wettbewerb 1971) (Bild: SAIB G124)

Braunschweig, IGS West, Grundriss Erdgeschoss (Architekten PJS, Wettbewerb: 1971) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

OSZ, IGS

Mit dem Oberstufenzentrum (OSZ) in Berlin-Wedding (1971–1976), der Integrierten Gesamtschule (IGS) West in Braunschweig (1971–1975) und der IGS Wilhelmshaven (1974–1980) konnte das Büro PJS drei (groß)städtische Schulkomplexe neuen Typs realisieren. Unter anderem war eine räumliche und funktionale Verflechtung von Schule und Bevölkerung gefordert, die zum Beispiel öffentliche Nutzungen der Bauten außerhalb der Unterrichtszeiten für Vereine und Initiativen ermöglichte. Integrative und flexible Großräume sollten hierfür entworfen werden. PJS ersannen großzügige erdgeschossige Erschließungszonen und nannten sie „Schulstraßen“, die sie als multifunktionale, vielgestaltige Innereien im Herzen der Gebäude als Treffpunkte und Begegnungsräume konfigurierten. Funktionsbereiche wie Forum, Mensa und Bücherei lagerten sie daran an. Sie schufen hier und im Bereich der Unterrichtsräume flexible, gegenüber Änderungen offene Strukturen, die Nutzungsüberlagerungen in den einzelnen Raumzonen ermöglichen sollten.

Um eine „optimale Wandelbarkeit auf wirtschaftlicher Grundlage“ zu erzielen, benannten die Architekten für die IGS in Braunschweig folgende Prinzipien: „Trennung von Tragwerks- und Ausbauraster, so daß die Unabhängigkeit von Rohbau und Ausbau gewährleistet ist; die Entwicklung/Anwendung eines tragenden Skelettsystems mit demontablen nichttragenden Einbauten; die Elementierung (bei Beschränkung auf wenige Elemente und Materialien) und damit die Vorfertigung großer Serien.“ Das seit einigen Jahren denkmalgeschützte Berliner OSZ und die mittlerweile einem Neubau gewichene Braunschweiger IGS wiesen eine ähnliche, farbenfrohe Gestaltung auf: Leichtmetall-Sandwich-Elemente der Fassaden und Installationskomponenten zeigen sich in kräftigen Rot-, Orange- oder Grüntönen, teils kontrastierend zu Betonbauteilen. Im Inneren entfaltet sich in diesen Lernorten eine entsprechende mehrfarbige, von der Pop-Art beeinflusste Gestaltung von Wandflächen und Möbeln.

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB G124)

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Schulzentren

Anfang der 1970er Jahre bearbeitete das Büro PJS eine Reihe von Schulzentren für norddeutsche Klein- und Mittelstädte beziehungsweise für kleinere zentrale Orte im ländlichen Raum. Im Sinne größerer Chancengerechtigkeit und zur Mobilisierung von Leistungsreserven sollten solche Schulzentren einen Beitrag leisten, das Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land abzubauen. Getragen vom politischen Willen nach Verbesserung und Zentralisierung des Bildungswesens und ermöglicht durch Kofinanzierung der Bundesländer, lobten seinerzeit zahlreiche Kommunen Wettbewerbe mit relativ ähnlichen Anforderungen hinsichtlich Größe und Raumprogramm aus. In der Regel sollten in einem solchen Schulzentrum die Schüler:innen eines größeren Einzugsgebiets – oft die im Zuge der damaligen Gebietsreformen neu zugeschnittene Kommune – gemeinsam in einem Gebäudekomplex unterrichtet werden. Zusammengefasst wurden dafür die Jahrgänge fünf bis zehn, teils gemeinschaftlich unterrichtet, teils in die Schulformen Orientierungsstufe, Haupt- und Realschule unterteilt, und Fachräume, Mensa und weitere Einrichtungen gemeinschaftlich nutzend.

1971 entwarf das Büro PJS im Rahmen von Wettbewerben solche Schulzentren für sechs niedersächsische und schleswig-holsteinische Orte. Soweit erhalten, zeigen die Wettbewerbszeichnungen sowohl individuelle Lösungen für die jeweilige Aufgabe und den Ort als auch einige strukturelle und konzeptionelle Gemeinsamkeiten, die im Zusammenhang mit den aus demselben Jahr stammenden Entwürfen für die beiden oben genannten größeren Schulkomplexe in Braunschweig und Berlin-Wedding stehen. Hinsichtlich der Konfiguration von Schulstraße, Gemeinschaftseinrichtungen und (Fach-)Klassentrakten sowie auch in puncto Baukonstruktion und Wandelbarkeit ist hier die Entwicklung von Standards, von exemplarischen Lösungen zu erkennen. In Königslutter (LK Helmstedt) erzielte man 1971 den ersten Platz und konnte dieses Schulzentrum in leicht überarbeiteter Fassung bis 1977 realisieren. 1972 nahm PJS an zwölf Wettbewerben für Schulzentren in Niedersachsen und Schleswig-Holstein teil, entwickelte dabei das gefundene Konzept fort und erzielte in Henstedt-Ulzburg (LK Segeberg), Hude (LK Oldenburg), Uelzen und Wyk auf Föhr (LK Nordfriesland) je den ersten Preis. 1973 folgten erste Preise und Aufträge für Schulzentren in Westerland (LK Nordfriesland), Wenden (LK Braunschweig) und Bremen. Die so kurze wie intensive und produktive Phase des Entwerfens solcher Schulzentren endete damit. Bis Anfang der 1980er Jahre erfolgte die Fertigstellung aller genannten Bauten.

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding, Gemeinschaftsraum und Schulstraße (Architekten PJS, 1971–1977) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Infosysteme und Wandgestaltung

An der Ausstattung der Innenräume zahlreicher Schulen des Büros PJS wirkten verschiedene Künstler:innen und Grafiker:innen mit. So gestaltete der Maler Herbert Schneider die Eingangshalle in der Deutschen Schule in Barcelona. Und unter Mitwirkung des Grafikers Siegfried Kischko entstanden die gesellschaftlichen Aufbruch signalisierenden, optimistischen Raumgestaltungen der Schulstraßen, Erschließungszonen und Gemeinschaftsbereiche in der IGS in Braunschweig, im Gemeinschaftszentrum Obervieland in Bremen und augenscheinlich auch in einigen weiteren Schulhäusern. Raumhohe Ziffern und Buchstaben in kräftigen Farben dienen hier der Information und Wegeleitung und verbinden sich mit farbigen Flächen und Symbolen sowie der Farbgebung von Bauteilen wie Fenstern, Geländern und Einbaumöbeln zu einer gestalterischen Einheit.

Wie bei vielen Oeuvres der 1960er und 1970er Jahre sind auch von den Schulbauten des Büros PJS einige (wie die IGS in Braunschweig) bereits abgebrochen. Zum Teil erfolgte (wie in Uelzen und Bremen Ellener Feld) nie die Gesamtfertigstellung der aus mehreren Nutzungseinheiten zusammengesetzten Anlagen. Andernorts führten An- und Umbauten zu gravierenden Veränderungen. Manche dieser vom Büro Pysall, Stahrenberg und Partner gestalteten Lernorte der 1960er und 1970er Jahre aber sind – wie in Berlin-Wedding und im niedersächsischen Königslutter – bis heute in einem vergleichsweise guten und originalen Zustand erhalten. Es ist zu wünschen, dass sie uns als wichtige Zeugnisse jener Phase des bundesrepublikanischen Bildungsbaus erhalten bleiben.

Rundgang Außenbauten

Berlin, Französisches Gymnasium (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1966–1974) (Bild: SAIB G124)

Berlin, Französisches Gymnasium (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1966–1974) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Barcelona, Deutsche Schule (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976 (Bild: SAIB G124)

Barcelona, Deutsche Schule (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB G124)

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB G124)

Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB G124)

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Königslutter, Schulzentrum (Architekten PJS, 1971–1977) (Bild: SAIB G124)

Königslutter, Schulzentrum (Architekten PJS, 1971–1977) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB G124)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Sylt, Westerland, Schulzentrum (Architekten PJS, 1973-1982) (Bild: SAIB, Nachlass PSG)

Sylt, Westerland, Schulzentrum (Architekten PJS, 19731982) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Rundgang Innenräume

Barcelona, Deutsche Schule, Klassentrakt (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976 (Bild: SAIB G124)

Barcelona, Deutsche Schule, Klassentrakt (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1969–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Braunschweig, IGS West, Obere Schulstraße (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB G124)

Braunschweig, IGS West, Obere Schulstraße (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Berlin, Französisches Gymnasium (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung Architekten PJS, 1966–1974) (Bild: SAIB G124)

Berlin, Französisches Gymnasium (Entwurf: Pysall und Rollenhagen, Realisierung: Architekten PJS, 1966–1974) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding, Schulstraße (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB G124)

Berlin, Oberstufenzentrum Wedding, Schulstraße (Architekten PJS, 1971–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Königslutter, Schulzentrum, Lehrraum (Architekten PJS, 1971–1977) (Bild: SAIB G124)

Königslutter, Schulzentrum, Lehrraum (Architekten PJS, 1971–1977) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Bargteheide, Gymnasium, Forum, (Architekten PJS, 1971–1979) (Bild: SAIB G124)

Bargteheide, Gymnasium, Forum, (Architekten PJS, 1971–1979) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld, Pausenhalle (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB G124)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld, Pausenhalle (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld, Wandgestaltung (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB G124)

Bremen, Schulzentrum Ellener Feld, Wandgestaltung (Architekten PJS, 1973–1976) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Bremen, Gemeinschaftszentrum Obervieland, Schulforum (Architekten PJS, 1973–1978) (Bild: SAIB G124)

Bremen, Gemeinschaftszentrum Obervieland, Schulforum (Architekten PJS, 1973–1978) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

Literatur

PJS: Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner. Bauten und Projekte 1970–1982, Braunschweig 1982.

Kleilein, Doris, Wohnen im Versuchsobjekt, in: Bauwelt 2015, 17–18, S. 8–9.

Froberg, Nicole, Wolfsburg, Schulzentrum Westhagen (heute: Heinrich-Nordhof-Gesamtschule), in: Knufinke, Ulrich/Funke, Norbert H. (Hg.), Achtung modern! Architektur zwischen 1960 und 1980, Petershagen 2017, S. 126–131 (im Anschluss ab S. 132 ein Interview mit Hans-Joachim Pysall).

Kloss, Christian, Diesterweg-Gymnasium: Abriss angekündigt, in: moderneREGIONAL, 4. September 2018.

Herbote, Arne, Bauen für Niedersachsens Bildungsexpansion. Schulen des Architekturbüros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner, in: Denkmalpflege. Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 2021, 2, S. 26–31.

Titelmotiv: Braunschweig, IGS West (Architekten PJS, 1971–1975) (Bild: SAIB, Nachlass PSP)

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Inhalt

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

Oliver Sukrow über die Moderne im Schulbau.

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

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Alexandra Vinzenz über das architektonische Konzept jenseits des Klischees.

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

Dina Dorothea Falbe über den DDR-Schulbau von Ludwig Deiters bis Helmut Trauzettel.

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

Arne Herbote über die Bildungsbauten des Büros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner.

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

Maximilian Kraemer über einen bemerkenswerten Schulbau des Architekten Roland Ostertag.

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

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Die bunte Welt der Lehrmittel im Spiegel der Werbebilder der Nachkriegszeit.

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

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Der Architekturfotograf hat mit Schüler:innen einen modernen Bau erkundet.

Der Best-of-90s-Beitrag

Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

von Maximilian Kraemer (21/4)

Anfang der 1960er Jahre hatte das Wirtschaftswunder ganz Deutschland erfasst. Auch abseits der Metropolen wuchsen die Gemeinden und in einst verträumten Dörfern entstanden auf der sprichwörtlichen grünen Wiese neue Wohnhäuser. Nach Bad Friedrichshall zog es zum Beispiel Ingenieur:innen, die im benachbarten Neckarsulm Neuwagen entwarfen und Arbeiter:innen, die in Heilbronn Tütensuppen für die schnelle Küche der Nachkriegszeit verpackten. Bad Friedrichshall war erst in den 1930er Jahren durch einen Zusammenschluss mehrerer Orte gebildet worden und durfte sich seit 1951 Stadt nennen. Doch dem neuen Stadtkonstrukt fehlte eine zentrale Mitte mit urbanem Flair. Deshalb schrieb die Gemeinde 1960 einen Bauwettbewerb aus, der ein Stadtzentrum mit öffentlicher Aula, Feuerwehrmagazin, Realschule und Rathaus forderte. Das dafür vorgesehene Grundstück am Ufer des kleinen Flusses Kocher stellte die Architekt:innen vor eine ungewöhnliche Aufgabe: Wie ließ sich das idyllische Fleckchen Natur in ein repräsentatives Stadtzentrum verwandeln?

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Pausenhalle (Bild: saai, Marianne Goetz)

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Pausenhalle (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau, KIT, Werkarchiv Roland Ostertag, Foto: Marianne Götz)

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Ostertag erhält den Zuschlag

Manche Architekt:innen versuchten es mit Hochhäusern, die in diesem Umfeld zweifellos dominant hervorgetreten wären. Doch beschritt man in Bad Friedrichshall einen anderen Weg: 1961 beschloss der Gemeinderat dem gerade dreißig Jahre alt gewordenen Architekten Roland Ostertag (1931-2018) den Bauauftrag zu erteilen. Er hatte im Wettbewerb den zweiten Preis erhalten. In Architekt:innenkreisen war Ostertag kein Unbekannter, seitdem er auch in Kaiserslautern und in Mannheim damit beauftragt worden war, neue Rathäuser zu planen. Seine Entwürfe zierten die Titelblätter von Fachzeitschriften wie etwa der db (Deutsche Bauzeitung).

Ostertags Stadtzentrum zeichnete sich durch vergleichsweise niedrige Baukörper aus. Das Rathaus mit fünf Geschossen war zugunsten eines großen Marktplatzes weit von der erschließenden Straße zurückversetzt. Östlich schlossen sich die Aula und die Schule als kombinierte Baugruppe an. Zwischen den Gebäuden blieb dabei genug Platz für einen großen Freiluft-Pausenhof und eine Grünanlage mit Spazierwegen.

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Erweiterungsbau (Bild: Maximilian Kraemer)

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Erweiterungsbau (Bild: Maximilian Kraemer)

Eine Mittelschule in drei Abschnitten

Aus finanziellen Gründen wurde das Bauvorhaben in drei Abschnitte aufgeteilt. Da es in Bad Friedrichshall zwar eine Menge schulpflichtige Kinder, aber noch keine weiterführende Schule gab, stand die damals noch „Mittelschule“ genannte Realschule ganz oben auf der Agenda. Bereits 1962 wurde mit dem Bau begonnen und 1965 konnte die Einweihung des ersten Abschnitts gefeiert werden. Parallel zur Errichtung des Rathauses erhielt die Schule bis 1967 einen weiteren L-förmigen Trakt. Um 2000 wurde die Schule im Osten und Westen vom Architekturbüro Ostertag + Partner erweitert.

Der erste Bauabschnitt umfasste drei dreigeschossige, gestaffelte Trakte, die nach Südwesten von der öffentlichen Aula und nach Nordosten von einem eingeschossigen Flügel für die Schulverwaltung flankiert werden. Im Südosten schließt sich der im zweiten Abschnitt ergänzte Trakt an.

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Fahrradüberdachung (Bild: Maximilian Kraemer)

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Fahrradüberdachung (Bild: Maximilian Kraemer)

Sicht- und Waschbeton

Formal läuteten kubische Baukörper und Flachdächer nach den teils traditionellen, teils organisch-unregelmäßigen Schulen der 1950er Jahre eine neue Zeit ein. Tragende Teile waren aus Sichtbeton gegossen, nichttragende bestanden aus Waschbeton. Portale aus Sichtbeton markieren die Eingänge, die an der Ost- und Westseite des Gebäudes liegen. Mit unverkleideten Wänden und Decken entspricht die Realschule der charakteristisch rohen Ästhetik des Brutalismus. Nach Norden gibt sie sich verschlossen. Schlanke Fensterbänder und Verglasungen durchbrechen nur an wenigen Stellen die Fassade. Dahinter verbergen sich die Flure und Treppenhäuser, die das Ensemble von der Straße abschirmen.

Ganz anders sieht die Südseite des Gebäudes aus. Hier ermöglichen breite Fensterfronten in allzu langweiligen Unterrichtsstunden einen schönen Ausblick ins Grüne. Dank Pflanztrögen im Foyer und Holzpflasterung auf dem Boden holte Ostertag die Natur auch in das Innere der Schule. Verspielt wirken die plastischen Überdachungen am Ost-Eingang, die keinem anderen Zweck dienen, als Fahrräder vor Regen zu schützen. Die monolithischen Plastiken aus Beton sind mit ihrer V-förmigen Dachfläche, die man als Schmetterlingsdach bezeichnet, ein echter Hingucker. Selbst die lässigsten Teenager dürfte diese kühne Konstruktion nicht ganz kalt gelassen haben, während sie ihre Bonanza-Räder darunter parkten.

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Grundriss

Bad Friedrichshall, Mittelschule, Grundriss (Bildquelle: Budde, Ferdinand/Theil, Hans Wolfram, Schulen. Handbuch für die Planung und Durchführung von Schulbauten, München 1969)

Eine Ostertag-Schule

Für den Architekten Roland Ostertag war die Realschule in Bad Friedrichshall ein wichtiger Bau, der seine Reputation im Schulbau stärkte – dutzende weiterer Schulentwürfe folgten. Deshalb überrascht es nicht, dass man heute nur wenige Gehminuten entfernt bereits auf den nächsten Bildungsbau aus der Feder von Ostertag + Partner trifft: das Friedrich-von-Alberti-Gymnasium aus den 1990er Jahren.

Literatur

db Deutsche Bauzeitung, 1966, 9, S. 731.

Budde, Ferdinand/Theil, Hans Wolfram, Schulen. Handbuch für die Planung und Durchführung von Schulbauten, München 1969, S. 177.

Beton, Glas und Büffelleder. Verwalten in Denkmalen der 1960er und 1970er Jahre (Arbeitsheft 30), hg. vom Regierungspräsidium Stuttgart/Landesamt für Denkmalpflege, Darmstadt 2014.

Titelmotiv: Bad Friedrichshall, Mittelschule, Nordseite (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau, KIT, Werkarchiv Roland Ostertag, Foto: Marianne Götz)

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LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

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FACHBEITRAG: Waldorfschulen

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Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

ausgewählt von Maximilian Kraemer und Peter Liptau (21/4)

Eine alte Schule riecht auf eine ganz besondere Weise – nach Linoleumboden und Reinigungsmittel, nach Kreidestaub und abgestandenem Schwammwasser. Rund um die Bildungsinstitutionen hat sich schon früh eine eigene Welt der Lehrmittel entfaltet, die man über Anzeigen beworben und über Kataloge vertrieben hat. Da wurden nicht nur Hygiene, Wirtschaftlichkeit und Ästhetik angepriesen, da wurden Einrichtungsgegenstände gerne zur Verheißung von Freiheit und Moderne stilisiert. (kb)

Stilvolle Sitzgelegenheiten stehen in Schwarz-Weiß für die Vereinigten Schulmöbelfabriken aus Stuttgart

Dauerhaft belastbare Oberflächen verspricht die Werbung eines US-amerikanischen Anbieters

Velux-Dachflächenfenster sollen Licht in den tristen Schulalltag bringen

Lernen und Natur begegnen sich – in einer Veröffentlichung von Gerda Gollwitzer in der Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftspflege aus dem Jahr 1956

Mustergültig und preiswert, sagt die Anzeige der Vereinigten Schulmöbelfabriken aus Düsseldorf

Lehrmittelkataloge der DDR-Zeit der frühen 1970er Jahre erwecken die Naturwissensschaften zum Leben

Casala verheißt den “Abschied von der Schulkaserne”, natürlich nur, wenn man die richtigen Stühle kauft

In “Kindergärten, Kinderheimen und Schulen” soll man von diesem ebenso hygienischen wie wirtschaftlichen Bodenbelag profitieren

Und, last but not least, eine Anzeige für den Ort, an den Hausaufgaben wirklich gehören

alle Motive: historische Werbung/Buchcover, PD – viele Motive aus der Sammlung von Peter Raaf und Jürgen Schölch

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LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

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